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Der Porsche 911 ST: eine Auto-Biografie

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Der Porsche 911 ST: eine Auto-Biografie

  • Aufgezeichnet von Susanne RoederFotos: Privatarchiv

Wie ich zum Frauenhelden wurde: Das bewegte Leben eines ganz besonderen Porsche.

Ich bin ein Porsche 911 ST, ein direkter Nachfahre des Ur-911ers, anfangs 901 genannt. Typen von meinem Schlag gibt es nur noch wenige. Zwischen 1970 und 1972 entstanden keine zwei Dutzend Einheiten, die bei Rallyes und GT-Rennen eingesetzt wur-den. Keiner, nicht einmal das Porsche-Museum, dessen verlockenden Avancen ich bisher erfolgreich widerstanden habe, weiss genau, wie viele wir noch sind.

Mit meinen vierzig Jahren bin ich im besten Schwabenalter, wie man in meiner Heimat Baden-Württemberg sagen würde. Ob ich meiner Herkunft gerecht werde, wonach der Schwabe erst mit vierzig gscheit wird? Ich weiss es nicht. Denn eines steht fest: Der Racer in mir ist bis heute nicht verstummt. Und ich sage nicht ohne Stolz, dass ich auf der Piste auch im reifen Rennwagenalter ordentlich gut aussehe.

Warum das Porsche-Museum so an mir interessiert ist? Wie kein anderer 911 ST bin ich in der Welt herumgekommen, habe Berühmtheit erlangt und kann mir viele Erfolge auf meine Fronthaube schreiben. Unter die Haube allerdings kam ich erst Jahrzehnte später.

Kaum hatte ich im Dezember 1971 in Zuffenhausen das Licht der Welt erblickt, ging es nach Amerika – zum Journalisten und Rennfahrer Michael Keyser. Unter seiner Ägide gelang mir prompt eine Bilderbuchkarriere. Mit Michael habe ich alle damals wichtigen Rennen weltweit absolviert: Daytona, Sebring, Watkins Glen, die legendäre Targa Florio, das 1000-Kilometer-Rennen vom Nürburgring oder das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Damals kamen Rennfahrer Göttern gleich. Sie waren die wahren Helden. Mit meinen 250 Pferdestärken war ich nur der Steigbügelhalter zu ihrem Erfolg. Vor allem die Damen flogen auf diese Ritter im Rennoverall.

Als einziger 911er sah ich beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans die Zielflagge

1972 war für uns alle eine traumhafte Zeit. Als einziger 911er sah ich beim prestigeträchtigen 24-Stunden-Rennen von Le Mans die Zielflagge und belegte Platz 13. Die Rennen hielt Michael Keyser damals mithilfe mehrerer an mir fixierter Kameras fest. Auf diese Art entstanden einmalige Zeitdokumente. In ihm hatte ich nicht nur einen Meister im Handling gefunden. Michael brachte mich auch gross raus beim Film. Mit seinem Co-Piloten Jürgen Barth, in den Siebziger- und Achtzigerjahren einer der weltbesten Sportwagenfahrer, gab er mir die Hauptrolle im Film «The Speed Merchants», einem Dokumentarfilm über die Zeiten, «when racing was dangerous and sex was safe».

Doch schon bald nach diesem irrealen Leben auf den Pisten dieser Welt, umschwirrt von den Schönen und Reichen, den Stars und Sternchen, landete ich mehr oder minder auf dem Abstellgleis. Aber fürs Altenteil fühlte ich mich definitiv noch zu jung, Rost ansetzen wollte ich auf keinen Fall. Ein Porsche ist nur ein Porsche, wenn er immer in Schuss ist – allzeit fahrbereit. Ich war deshalb froh, trat eines Tages Neil Primrose in Hochformmein Leben, Drummer der schottischen Rockband Travis. Neil ist nur ein Jahr jünger als ich und steht total auf Porsche-Boliden. Trotzdem haben wir nicht viel unternommen. Nur an die Rennsport-Reunion in Day- tona 2004 erinnere ich mich noch.

Und dann trat Gaby in mein Leben; eine Lady durch und durch, andererseits eine leidenschaftliche Rennfahrerin und Porsche-Liebhaberin. Es war Liebe auf den ersten Blick, fast wie in einem Groschenroman – nur heftiger, rasanter, intensiver. Gefunden haben wir uns via Kontaktanzeige. Die Industriedesignerin hatte schon einen Liebhaber, ihren 911er, Jahrgang 1969. Aber sie war auf der Suche nach einem Gefährten mit «etwas mehr Dampf», wie sie mir gestand. Ihrem ästhetischen Purismus hatten es vor allem die frühen schlanken Rennsportwagen von Porsche angetan, die noch keinen Bürzel, also Heckspoiler hatten.

Das war vor über sechs Jahren. Mit freudigem Bollern und heissem Atem zog ich zu Gaby und bestritt mit ihr auch gleich mein erstes Rennen nach langer Durststrecke: Le Mans. Allerdings den anderen Klassiker: die Le-Mans-Classic. Man wird nicht jünger …

Gaby und ich, wir sind ein starkes Team. Eine Frau wie sie, der Himmel muss sie mir geschickt haben. Und danke, lieber Ferdinand «Ferry» Porsche, für die guten Gene; meine allseits umworbene Existenz verdanke ich allein seiner Vision vor über sechzig Jahren: «Am Anfang schaute ich mich um, konnte aber den Wagen, von dem ich träumte, nicht finden. Also beschloss ich, ihn mir selbst zu bauen.»

Jahrgang: 1971
Motor: 2.5 Liter 6-Zylinder Boxer
Fahrleistung: 250 PS, von 0 auf 100 km/h in unter 5 s
Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h
Masse: Länge 4.10 m, Breite 1.65 m, Höhe 1.32 m
Leergewicht: 900 kg
Preis: Nach Aussage des Porsche-Museums: unbezahlbar!
Infos: www.porsche.ch

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