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As design goes by – Peter Grünbaums Loft

Stil

As design goes by – Peter Grünbaums Loft

  • Text: Nicole AlthausFotos: Reto Guntli

Jede Menge Raum für tolle Designstücke: Hoch hinaus im ausgebauten Dachstock-Loft in Zürich.

In und um Peter Grünbaums Loft ist alles in Bewegung: Auf der einen Seite fliesst die Limmat vorbei, auf der andern pulsiert das Stadtleben von Zürich-West. Selbst die Möbel und Vasen im ausgebauten Dachstock kommen und gehen.

Durchgangsheim ist die perfekte Bezeichnung für Peter Grünbaums Loft im über 100-jährigen Geschäftshaus neben dem Tramdepot beim Zürcher Escher-Wyss-Platz. Jenseits seines politischen Gebrauchs nämlich bedeutet Durchgangsheim: zu Hause in der Veränderung. Und nichts weniger als das ist der Sammler und Glas- und Designkenner. Denn nirgendwo sonst ist der permanente Umbruch, der diese Stadt prägt, so stark zu spüren wie hier. Und kaum irgendwo anders leben Gegensätze in so guter Nachbarschaft. Während sich hinter dem Haus der Blick zum Hönggerberg auf ein fast schon ländliches Ufer-Idyll weitet und die Limmat die urbane Hektik friedlich stadtauswärts trägt, lässt die moderne Kulisse zur  Hardturmstrasse hinaus optisch und akustisch nichts zu wünschen übrig. Hier staut sich der Verkehr Richtung Autobahn, wächst das neue Zürich permanent in die Höhe.

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das Nebeneinander von sonst Getrenntem setzt sich im Haus fort, in dem heute gewohnt und gearbeitet wird: Im Parterre sorgt das «Sphère», ein Bücherladen, der gleichzeitig auch Café ist, für ein permanentes Kommen und Gehen. Ein Kindermöbelgeschäft, eine Softwareentwicklungsfirma, die Wochenzeitung WOZ und eine Kommunikationsagentur teilen sich mit Bewohnern die oberen Stockwerke. Vor zehn Jahren, kurz bevor die Industriebrache im Kreis 5 zuerst von Partygängern und dann von Investoren entdeckt wurde, hat Peter Grünbaum mit ein paar gleich Gesinnten das Haus gekauft und für sich den Dachstock umgebaut. «Ich kann Dachstöcke nicht ausstehen», sagt der Mann lachend und dreht sich mit gespreizten Armen einmal um seine Achse, «Balken, die Schräge – das ist nichts für mich. Widersprüche aber fordern mich heraus.»

Zusammen mit dem preisgekrönten Architektenduo Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler packte er die Herausforderung und raubte dem Raum das «Dachstockfeeling»: Sämtliche Balken sind konsequent eckig verkleidet und weiss gestrichen, die Dachschräge wurde durch eine über die ganze Länge gezogene Gaube – einen Dachaufbau mit Fenstern – durchbrochen, die langen schmalen Öffnungen, die einst mit industriellen Glasbausteinen vermauert waren, wurden verglast. Entstanden ist ein luftiger Raum mit beinahe sakraler Wirkung, der sich durch Schiebetüren dreiteilen lässt. In einem «Seitenschiff» ist eine puristische Küche in Senfgelb untergebracht, das andere dient als Büro und Gästeraum und beherbergt Schlafzimmer und Bad. Das «Mittelschiff», der Hauptraum also, ist Wohnraum und zugleich Zentrum des Lofts. Jeder Raum lebt vom Licht des Nachbarraums und gibt sein eigenes Licht gleichzeitig ab.

Dass Peter Grünbaum zwar den Widerspruch liebt, aber auch ein Purist ist, ein «sturer» gar, beweisen die Details: Für den Ausbau sind lediglich Industriematerialien verwendet worden. Die Fensterrahmen sind aus unbehandeltem Aluminium, der Boden aus Beton, statt mit Kacheln sind die Badezimmer mit einem Gummigranulat verkleidet, das man von Turnhallenböden kennt. Und selbst bei den Steckdosen kennt Grünbaum keinen Kompromiss: Sie sind allesamt im Rohzustand belassen worden, weil dem Bauherrn die weissen, abgerundeten Plastikabdeckungen ein Dorn im Auge sind.

Wer nun erwartet, dass einer, der so detailversessen den Innenausbau überwacht, auch die Einrichtung einem starren Konzept unterwirft, täuscht sich gewaltig. Es sei denn, man bezeichnet das Sprichwort «Die einzige Konstante bleibt stets die Veränderung» als starres Konzept. «Jedes meiner Lieblingsstücke », sagt der Sammler, «hat einen Zyklus. Eine Zeit lang glaube ich, mich niemals von ihm trennen zu können. Doch wenn ich lange genug mit ihm gelebt habe, darf es auch wieder gehen.» Und so kommt es, dass die meisten Möbel, Vasen, Lampen und auch einige Kunstwerke in Peter Grünbaums Loft irgendwann in seinem Laden 1000 Objekte im Niederdorf gekauft werden können. Auch ein Tausch ist möglich.

Die Corbusier-Lithografie etwa, die an der Wand hinter dem schlichten Minotti-Sofa hängt, hat das Interesse eines befreundeten Künstlers geweckt. Grünbaum ist bereit, es gegen eines seiner Werke zu tauschen. «Der Preis», sagt der Sammler, «ist für mich beim Tauschen relativ. Besitz als solcher interessiert mich nicht in erster Linie. Mich interessiert das Suchen und das Finden. Ich tausche gern ein Werk, das mir gefällt und das ich lange betrachten durfte, gegen eines, das mir ebenfalls gefällt und das ich neu entdecken kann.»

Dabei muss die Kunst nicht zum Sofa passen und das Sofa nicht zum Teppich. Passen muss gar nichts. «Man kann alles, auch alle Farben, miteinander kombinieren», behauptet Peter Grünbaum. «In der Natur meidet der Zitronenfalter ja auch nicht die Rose, weil er findet, dass Gelb und Rot sich beissen.» Der Loft ist der Beweis, dass seine Theorie des wilden Kombinierens funktioniert: Da gruppieren sich in der Küche die weissen Tulip Chairs von Eero Saarinen nicht um den runden Originaltisch, sondern um eine lange selbst produzierte Tafel in Beige. Im Gang liegt ein bunter irakischer Teppich ganz selbstverständlich neben dem «Zebra»-Sideboard Wogg 12, einem Designklassiker von Trix Haussmann. Im Büro und Gästezimmer existieren  Designerstücke aus verschiedenen Jahrzehnten friedlich nebeneinander her: Die Cassina-Couch steht neben dem Rainbow Chair von Patrick Norguet aus den Neunzigerjahren und der futuristischen Schubladenpyramide von Shiro Kuramata. Diese wiederum steht so selbstverständlich neben einem knallbunten Memphis-Schränkchen aus den tiefsten Achtzigern, als wären sie füreinander entworfen worden. Selbst im Schlafzimmer passt nichts und doch alles zusammen: Ein altes, abgegriffenes PTT-Briefsortierregal, in Studentenzeiten für lumpige sechs Franken erstanden, kontrastiert mit einem schlichten Sideboard aus den Fünfzigerjahren und drei grossen Fotoprints des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiss.

Peter Grünbaum kauft, was ihm gefällt. Das ist die einzige Regel, an die er sich hält. Sie gilt für die Kunst ebenso wie für Möbel oder Glasobjekte. Und weil sich Geschmack, auch der eines Kenners, weiterentwickelt, brennt Grünbaums Leidenschaft immer wieder für etwas Neues. Was bleibt, ist der eine oder andere Zeuge der Passion passée. Im Gang hängt noch ein Relikt der Zeit, in der sein Augenmerk den Sixties galt: eine seltene Panton-Lampe. Die verkauft Grünbaum nicht. Jedenfalls noch nicht. Die Lampe von Franz West neben der Küche hingegen, die das Herz jedes Kenners höher schlagen lässt, die würde er weggeben. Wenn jemand genug dafür bietet.

Ein Händchen fürs Einrichten hatte Peter Grünbaum schon immer. Und Wohnungen, um die ihn all seine Kollegen beneideten, auch. Selbst als Student, erzählt er, lebte er in einer grossen Jugendstilwohnung mitten in Bern für 500 Franken. Immer wieder bitten ihn Freunde um Tipps. Ihnen sagt er jeweils, dass Stil fast keine Grenzen kenne, aber viel Persönlichkeit brauche. Und dass Design und Kunst nicht museal zur Schau gestellt werden dürften, weil sie sonst wie ein Bluff wirkten und nicht mehr einfach selbstverständlich.

Seine Leidenschaft für Design und Vasen zum Beruf gemacht hat Peter Grünbaum erst vor kurzem. 25 Jahre lang hat der Sammler mit Marketing sein Geld verdient. Zunächst in leitender Position in internationalen Konzernen, später mit der eigenen Eventagentur. «25 Jahre Marketing ist sehr gut fürs Bankkonto, aber nicht so gut fürs Seelenleben. Vor fünf Jahren habe ich mich entschieden, meine Zeit mit etwas Sinnlicherem zu verbringen. Die typischen Alternativen wie Golf oder ein Weingut in Frankreich waren für mich keine Option, stattdessen habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht.»

Seither kauft und verkauft Peter Grünbaum vorab Möbel der Memphis-Designer Sottsass, Mendini, Cibic, Marc Newson und Ron Arad, aber auch Lampen und natürlich Glasobjekte. Auf dem Sideboard vor dem grossen Fenster im «Mittelschiff» stehen einige seiner Kostbarkeiten aus Glas und leuchten in allen Farben. Sie sind die einzigen Dekorationselemente in diesem Raum. Aber auch sie werden vermutlich ein Teil des Kommens und Gehens werden und so die Veränderung im Durchgangsheim am Leben erhalten.

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1.

Balken kaschiert, Schräge gebrochen – so hat Peter Grünbaum das Dachstockfeeling ausgetrickst. Links im Bild der Rainbow Chair von Patrick Norguet für Cappellini. Der fünfarmige Kerzenständer ist von Moooi

2.

Alles im grünen Bereich auf der Terrasse mit Blick auf die Limmat

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Eigentlicher Wohnraum und Zentrum des Lofts ist das «Mittelschiff» mit der Deckenleuchte von Verner Panton. Das Nilpferd wurde um 1960 von Renate Müller als therapeutisches Spielzeug entworfen

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Unübersehbar, dass Peter Grünbaums Ästhetenherz für schöne Glasgefässe schlägt. Eine seiner grossen Sammelleidenschaften gilt dem Murano-Glas

5.

Hingucker im Schlafzimmer: Fotoprint von Fischli/Weiss, hinterm Bett die Tischleuchte Oceanic von Michele de Lucchi für Memphis Design

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