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Elliot Erwitt: Porträtserie für Tod’s

Stil

Elliot Erwitt: Porträtserie für Tod’s

  • Text: Silvia BinggeliFotos: Elliot Erwitt

«Ein bisschen Witz verschönert das Leben!» Magnum-Fotograf Elliott Erwitt über seine Zusammenarbeit mit dem Modehaus.

«Ein bisschen Witz verschönert das Leben», sagt Elliott Erwitt. Der 81-jährige Magnum-Fotograf hat für das Modelabel Tod’s eine Porträtserie realisiert.

Selbst ins seriöse, teils fast klinisch geordnete private Umfeld der Protagonisten, die er für Tod’s fotografiert hat, versteht es Elliott Erwitt, Witz einzubringen: Den französischen Schauspieler und Olivenölproduzenten Jean-René de Fleurieu etwa fotografiert er auf der Treppe zu seinem Schloss beim Seilziehen mit seinem Esel. Die drei Kinder eines englischen Immobilienunternehmers lässt er an der Kopf­lehne eines Liegestuhls hinaufklettern wie kleine Bergsteiger – Bergsteiger in Tod’s-Gomminos versteht sich. Mit Kindern zu arbeiten, sei sehr anspruchsvoll, sagt Elliott Erwitt. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser fröhliche Mensch mit den verschmitzten Augen und den weissen Locken etwas anstrengend finden kann. «Wenn du drei Kinder vor der Kamera hast, musst du eigentlich mit sechs klarkommen.»

Der grosse Reportagen- und Porträtfotograf Elliott Erwitt fotografiert für das italienische Modelabel Tod’s. In einer Porträtserie würdigt er die beiden bekanntesten Produkte des Hauses, die beiläufig immer wieder auf den Bildern auftauchen: den Gommino-Loafer mit Sohle aus Gumminoppen und den D-Bag. Dazu besuchte er in vier Monaten rund zwei Dutzend Familien an der Ostküste der USA, in Italien, Frankreich und England. Es sind gut situierte Familien, teils mit adligem Stammbaum, die trotz oder gerade wegen ihrer Herkunft auf Understatement machen, eine schlichte, aber qualitativ hoch stehende Ästhetik zelebrieren, für die auch die Marke Tod’s steht. «Icons by an Icon» heisst die Serie. Aber Elliott Erwitt, die Fotografen-Ikone, kann mit der Bezeichnung, zumindest was seine Person betrifft, wenig anfangen. «Es klingt gut. Es klingt okay», sagt er und schiebt den Begriff von sich weg auf einen Allgemeinplatz. «Ich denke, ein Bild wird zur Ikone, wenn es oft benutzt wird. Ob es deshalb gut, besser oder anders ist, sei dahingestellt.» Seine Hand ruht während des Gesprächs stets auf seiner kleinen Kamera, die er an einem langen Band um die Schulter trägt. Manchmal, sagt Elliott Erwitt, mache er an einem Tag ganz viele Bilder, manchmal wenige. «Das hängt davon ab, ob ich etwas Spannendes sehe. Heute habe ich noch keins gemacht.»

Erstaunlich, dass Elliott Erwitt den Auftrag von Tod’s annahm. Denn er hält eigentlich nicht viel von Modefotografie. Er hat sich vor Jahren darin versucht, aber nicht zu Hause gefühlt, er tut es bis heute nicht. «Ich sehe in Modemagazinen 18-jährige Mädchen in Highheels und mit gekünsteltem Gesichtsausdruck. So präsentierte Mode würde ich nie kaufen. Aber ich bin wohl keine gute Referenz. Denn die Leserinnen scheinen es zu mögen.» Ihm sei die heutige Modefotografie zu perfekt, zu retuschiert. Aber das heisse nicht, dass die Bilder handwerklich schlecht seien, relativiert er. Die Technik, der Aufbau, die Komposition, all das stimme. «Mir gefallen sie einfach nicht.» Warum also diese Zusammenarbeit mit dem Modelabel, dessen Herbstkampagne 2010 er ebenfalls fotografiert? «Weil Tod’s das Gegenteil macht, die Marke zeigt ihre Produkte an echten Menschen, in deren echtem privatem Umfeld. Das gefällt mir.» Elliott Erwitt trägt selbst ein Paar Gomminos. «Ich muss Schuhe tragen. Und diese sind bequem.»
Elliott Erwitt war in den Fünfzigerjahren eins der ersten Mitglieder der renommierten Fotografenagentur Magnum, später deren Präsident. Er ist bekannt für seine realitätsnahen Schnappschüsse in Schwarzweiss. Dass sein Abbild der Wirklichkeit immer auch eine komische Komponente hat, kommt nicht von ungefähr: Er wollte früher einmal Clown werden und später Komödien schreiben. Daraus wurde zwar nichts, dafür machte er seine Liebe zum Absurden, zum Augenzwinkern und zur humorvollen Poesie des Alltags in seinen Bildern zum Markenzeichen. Ein Markenzeichen, das auch durch seine Subtilität unverwechselbar ist. Den Kuss zweier Liebender hält er im Rückspiegel eines Autos fest. Er fotografiert eine Taube, die auf einer Strassenlampe sitzt und scheinbar einem Flugzeug nachschaut. Der Kunsthistoriker John Szarkowski hat seine Fotos einmal als «Raum zwischen dem, was passiert» beschrieben. Elliott Erwitt sagt: «Ich bin gegen die Eindeutigkeit von Bildern. In Fotobüchern würde ich den erklärenden Text jeweils durch noch mehr Bilder ersetzen.»

Immer wieder fotografierte Elliott Erwitt in seinem sechzigjährigen Schaffen Tiere, Hunde gehören zu seinen Lieblingssujets. Auch ihnen gilt sein Humor. Auf einem seiner bekanntesten Bilder sieht man die langen Vorderbeine einer Dogge direkt neben den Beinen ihrer Besitzerin, ein vier Stockwerke kleinerer Pinscher mit Mütze blickt scheinbar amüsiert in die Kamera. Um von Mensch und Tier den richtigen Ausdruck zu bekommen, hat der Fotograf seine eigene, eigenwillige Methode: Er bläst unvermittelt in eine Trillerpfeife oder ein Horn. Sofort spitzen Tiere ihre Ohren, Menschen verlieren jede Pose. Stattdessen blicken sie erstaunt, erschrocken, amüsiert, interessiert, in jedem Fall sind sie einen Moment lang echt und spontan, genau so, wie der Fotograf will. «Echtheit ist für die Ewigkeit. Und ein bisschen Witz verschönert das Leben. Seriöse Menschen langweilen mich», sagt er knapp. Man hat den Eindruck, dass ihm, dem Verfechter der Spontaneität, ein längeres Gespräch über seine Arbeit schon zu seriös ist. («Wie sind Sie auf die Idee mit der Trillerpfeife gekommen?» «Keine Ahnung, es schien einfach eine gute Idee zu sein.» «Welche Sujets bevorzugen Sie?» «Keine besonderen, nur echt müssen sie sein.» «Welches Bild möchten Sie unbedingt noch machen?» «Sage ich, wenn ich es gemacht habe.»)

Auch in seiner Beschreibung, wie er zur Fotografie gekommen ist, bleibt er kurz: «Ich musste mir mein Leben verdienen.» Die etwas ausführlichere Version geht so: Der Sohn russischer Einwanderer verbringt seine Kindheit in Italien und Frankreich, bevor er mit der Familie in den Dreissigerjahren nach New York, später nach Los Angeles zieht. Als Teenager entwickelt er in einem Fotolabor signierte Fanfotos von Ingrid Bergman. Mit einer Rolleiflex beginnt er selbst «festzuhalten, was irgendwie mein Interesse weckt». Während des Militärdienstes in Deutschland und Frankreich fotografiert er für verschiedene Publikationen. Zurück in New York, hat er «das Glück», die Fotografen Edward Steichen, Robert Capa und Roy Stryker kennen zu lernen. Sie werden zu seinen wichtigsten Mentoren. Und sind von seiner Sicht begeistert. 1953, nur wenige Jahre nachdem er ernsthaft mit der Fotografie begonnen hat, wird Elliott Erwitt von Robert Capa eingeladen, Mitglied von Magnum zu werden. Eine beeindruckend schnelle Karriere. «Finden Sie? Es hat doch immerhin fünf Jahre gedauert.»

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