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Luca Guadagnino designt für Zara:

Luca Guadagnino designt für Zara: "Du brichst mir das Herz"

Ausgerechnet der "Call Me by Your Name"-Regisseur Luca Guadagnino, der aus Mode, Räumen und Sehnsucht grosse Kunst macht, entwirft nun für Zara Home. Sarah Lau liebt seine Ästhetik – und fragt sich, was davon übrig bleibt, wenn sie Fast Fashion verkaufen soll.

Lieber Luca Guadagnino,

auf ein Wort: Ich bin schwer genervt von Dir. Was daran liegt, dass ich eigentlich (ein Ausdruck, den ich zu vermeiden suche, der in seiner Wankelmütigkeit an dieser Stelle aber hervorragend passt) schwer verliebt in Dich bin, Du meisterhafter Filmemacher und visionärer Ästhet. Seit Jahren schon.

Und nun das: Du verkaufst Dich an Zara und designst Interior und Homewear für ein Unternehmen, das die Welt schlechter macht. Gibst dein Talent und deinen Namen her, um den Giganten, der für unfaire Arbeitsbedingungen, Kleiderberge und Klimaverschmutzung steht, mit deinem Renommee und deiner Ästhetik aufzuwerten.

Dein Ernst?

Fast jeden deiner Filme habe ich mehrmals geschaut, immer gab es auf verschiedensten Ebenen Neues zu entdecken. «I Am Love» mit Tilda Swinton als Verführerin des besten Freundes ihres Sohnes? Bäm! Eine emotionale Achterbahnfahrt, die dir den internationalen Durchbruch bescherte und mir den Grund lieferte, weshalb ich bis heute in regelmässigen Abständen die ehemalige Industriellenvilla Necchi Campiglio in Mailand besuche und schmerzlich-zärtlich über das Treppengeländer streiche.

Ich habe mir sogar ein Poster des Hauses aus den 1930er Jahren gekauft, in dem Du Swinton in massgeschneiderter Garderobe von Raf Simons zu Jil Sander-Zeiten inszeniertest. Und in dem das «T Magazine» – Zufall oder nicht – danach anfing, alljährlich auf der Salone del Mobile seine Gartenparty auszurichten.

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"Dass Dein Auge für Mode, für Settings, Farben und Stimmungen aussergewöhnlich ist, zeigst Du in jedem Deiner Filme"

Dass dein Auge für Mode, für Settings, Farben und Stimmungen aussergewöhnlich ist, zeigst Du in jedem deiner Filme verlässlich wieder und wieder, gepaart mit einer emotionalen Tiefe, die Autorenkino ausmacht. Nehmen wir «A Bigger Splash», dessen Ästhetik von dem gleichnamigen Gemälde des britischen Künstlers David Hockney geprägt ist.

Auf den ersten Blick ein erotisch aufgeladener Sommerthriller auf Pantelleria und auch hier wieder jedes Tenue Tilda Swintons eine Augenweide (Raf Simons zu Dior-Zeiten), jede Einstellung künstlerisch wertvoll. Stark kritisiert wurde der Film für die politische Ebene, die Du im Film streifst, unpassend hiess es damals: Denn zwischen Sizilien und Tunesien gelegen, landen immer wieder afrikanische Bootsflüchtlinge auf der Vulkaninsel und genau denen wolltest Du in deinem Film eine Stimme geben.

Als Sohn eines Italieners und einer algerischen Mutter, der die ersten sieben Lebensjahre in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba aufwuchs, war dir das wichtig.

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"Nach 'Call Me by Your Name' feierte ich diesen leicht abgetragenen Eighties-Chic der lässigen Intellektuellen"

Und dann natürlich «Call Me by Your Name», der im Mainstreamkino zeigte, dass Begehren universell ist und eine queere Liebesgeschichte als genau das erzählte, was sie ist: eine Liebesgeschichte.

Dadurch, dass Du den Film 1983 in Norditalien ansiedeltest, ohne Aids zu thematisieren, erschufst Du fast schon eine queere Utopie. Dazu kommt eine der berührendsten Vater-Sohn-Szenen des jüngeren Kinos: Mit aussergewöhnlicher emotionaler Offenheit reagiert ein Vater auf den Liebeskummer seines Sohnes Elio (Timothée Chalamet), nachdem dessen Austauschstudent Oliver abgereist ist – gespielt von Armie Hammer, den man damals noch super finden durfte, weil die verstörenden Kannibalismus-Nachrichten und Missbrauchsvorwürfe erst später kamen.

Eine queere Utopie, die auf ein gleichberechtigtes Miteinander hoffen liess.

Und natürlich wollte ich auch nach diesem Film genau so leben, wohnen, essen und sein: im leicht abgetragenen Eighties-Chic der lässigen Intellektuellen. Du bist und bleibst für mich die Verkörperung dessen, was die Italiener Sprezzatura nennen – die Kunst, sehr viel Aufwand so aussehen zu lassen, als wäre alles einfach zufällig wahnsinnig gut geraten. Noch dazu steh ich auf deinen Humor («Challengers») ebenso wie auf deinen weirden Faible für Horror («Bones and All»).

"Filmsets waren bei Dir nie bloss Kulisse, sondern immer Teil der Erzählung"

Filmsets waren bei dir nie bloss Kulisse, sondern immer Teil der Erzählung und so erschien es mir mehr als logisch, dass Du dein eigenes Interior-Studio gründetest und mit La Filanda 2018 am Comer See dein erstes aufsehenerregendes Projekt zeigtest: in einer ehemaligen Seidenfabrik erschufst Du für deinen betuchten Freund Federico Marchetti, dem damaligen Chef der Yoox Net-a-Porter Group, ein Zuhause, das Designfreund:innen sehnsüchtige Seufzer entlockte.

Und dabei blieb es nicht. Schon ein Jahr später wagte sich dein Studio erstmals an Retail und gestaltete Aesops ersten Store in Rom, einen gerade einmal 42 Quadratmeter grossen Raum an der Piazza San Lorenzo in Lucina, für den Du Travertin, Marmor und sogar Stroh zu einer beinahe klösterlichen Strenge zusammenfügtest – ich pilgerte hin und kann nur sagen: göttlich.

Gleichzeitig fingst Du an, weiter deine Fühler auszustrecken, drehtest Kampagnen für Modehäuser wie Fendi und Salvatore Ferragamo, später sogar den Dokumentarfilm «Salvatore: The Shoemaker of Dreams» über Ferragamo. Das alles wirkte bei dir nie wie ein Ausflug in eine fremde Disziplin, sondern eher wie die logische Erweiterung deines Universums.

"Und jetzt verkaufst Du Dich. Ich hätte es wissen müssen"

Und jetzt verkaufst Du Dich also. Ich hätte es wissen müssen, als Du dir 2021 den 43-minütigen Kurzfilm «O Night Divine», angesiedelt in der traumhaften Kulisse des Suvretta House in St. Moritz, finanzieren liessest. Zu sehen übrigens in voller Länge auf YouTube: Zara presents. Branded Entertainment im Guadagnino-Stil – mit Stars wie John C. Reilly, Hailey Gates und Alex Wolff.

Ich habe ja auch Verständnis für Dich als Künstler, der gesehen werden will, cineastische Möglichkeiten sucht (wobei Oscars, Löwen und BAFTA Award ja nicht nichts sind) – oder vielleicht auch nur einfach mal in den schönen Schweizer Bergen drehen wollte.

Jetzt aber muss ich zugeben, dass ich wohl nicht genau hinschauen wollte und nun ernsthaft über unsere Beziehung nachdenken muss. Auch weil Du zumindest bislang niemandem erklärt hast, wie Du deinen hochkulturellen, kunsthandwerklichen Designanspruch mit dem Fast-Fashion-Modell Zara unter einen Hut bekommen willst.

"Nun ist es an mir, Deiner Verführungskraft zu widerstehen"

«Fortune» ging 2022 unter Berufung auf Schätzungen davon aus, dass Zara jährlich rund 450 Millionen Artikel verkauft; das Unternehmen selbst veröffentlicht dazu keine Zahlen. Inditex’ Transportemissionen stiegen 2024 laut «Reuters» um 10 Prozent auf 2,61 Millionen Tonnen CO₂e. Eine Recherche der britischen NGO «Earthsight» brachte zudem Baumwolle, die über Zulieferer in Zara-Produkte gelangte, mit Lieferketten in Verbindung, gegen die Vorwürfe illegaler Abholzung, Landraubs und Menschenrechtsverletzungen im brasilianischen Cerrado erhoben wurden.

Keine Petitessen, Luca.

Nun ist es an mir, nicht nur den Zeigefinger zu erheben, sondern deiner Verführungskraft zu widerstehen. Denn erwartungsgemäss sind die skulpturalen Sofas und Sessel mit organischen Formen, die hochglanzlackierten Tische auf massiven Holzbeinen und Travertinspiegel wahnsinnig schön.

Und überraschend teuer. Dank dir und deinem Kreativpartner Stefano Baisi erschliesst sich Zara ein deutlich höheres Preissegment: mit aufwendig gefertigten Möbeln, kostbaren Materialien und Referenzen an italienische Designklassiker:innen von Gio Ponti über Lina Bo Bardi bis Ettore Sottsass. Zugegebenermassen ist es ein Geniestreich von Zara, sich mit Kreativen wie John Galliano, dir und Stefano Baisi so viel kulturelle Strahlkraft einzuverleiben.

Fairerweise sind diese hochpreisigen Möbel schon aufgrund ihrer Materialien, Konstruktion und Preisniveau kaum mit klassischer Fast Fashion gleichzusetzen – ob sie allerdings auch unter grundsätzlich anderen Produktionsbedingungen entstehen, legt Zara nicht offen. Und die Kollektion besteht eben nicht nur aus Prestigeobjekten: Zu den 65 Homeware-Stücken gehören auch Kerzen, Teller, Gläser und Besteck zu deutlich zugänglicheren Preisen. Hinzu kommen 75 Kleidungsstücke – Denimjacken, Lederblousons, Wollmäntel, Seidenhemden und weite Hosen –, die dieselbe Farb- und Formenwelt in den Kleiderschrank übertragen.

2018 sagtest Du in einem Interview mit dem «New Yorker»: «Everything is political, whether you are aware or unaware.» Nun denn, Luca: Call it by its name.

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