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So war Jonathan Andersons erste Dior Cruise Collection in Los Angeles

So war Jonathan Andersons erste Dior Cruise Collection in Los Angeles

Zwischen Schweizer Architektur, Chateau Marmont und Marlene-Dietrich-Referenzen zeigte Jonathan Anderson, wie seine Zukunft für Dior aussehen soll. Fünf Dinge, die man über die spektakuläre Cruise-Show in L.A. wissen muss.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat JW Anderson die kreative Leitung bei Dior übernommen. Und dank seiner Handschrift wirkt das Haus relevanter denn je. Mit klugen Kunstreferenzen und einer neuen Mischung aus Couture und Popkultur hat er Dior zurück ins Zentrum der Modewelt geführt. Fast erinnert die Stimmung gerade wieder an die grossen Jahrzehnte der Haute Couture, als vor allem zwei Häuser den Ton angaben: Dior und Chanel.

Auch heute scheint sich die Branche gerade wieder entlang dieser beiden Pole zu sortieren. Und wie schon in den Fünfzigern hat man fast das Gefühl, sich für ein Lager entscheiden zu müssen. Mit der Cruise-Show in Los Angeles machte Anderson nun endgültig klar, wie seine Version von Dior aussehen soll: glamourös, intelligent, aber trotzdem verspielt und vollkommen auf die Gegenwart zugeschnitten.

Die Location – ein bisschen Schweiz war auch dabei

Jonathan Anderson hätte seine erste Cruise-Show für Dior überall zeigen können, entschied sich aber für das neue LACMA-Museum in Los Angeles, genauer gesagt für die brandneuen David Geffen Galleries. Damit wurde sofort klar, dass es ihm um Mode in einem breiteren kulturellen Kontext geht.

Besonders spannend: Hinter dem spektakulären (rund 720 Millionen Dollar teuren!) Neubau steckt der Schweizer Stararchitekt Peter Zumthor, der für seine klare, monumentale Architektur bekannt ist. Zumthor, der etwa auch die Therme Vals gestaltet hat, arbeitet oft mit natürlichen Materialien, Licht und Atmosphäre — und genau diese ruhige Präsenz passte überraschend gut zu Andersons Dior-Welt.

Die Old-Hollywood-Referenzen hätten nämlich auch nach hinten losgehen können, schliesslich landet man mit Oldtimer-Autos, Hopper-Strassenlaternen und Palmen-Hintergrund schnell in der Kitschfalle. Zumthors Architektur bildete aber den perfekten Gegenpol. «Die Schweizer lieben Beton», sagte ein Showgast.

Gleichzeitig passt das LACMA perfekt zu Diors Versuch, sich kulturell stärker in Los Angeles zu verankern, nicht nur als Luxusbrand, sondern als Teil der Kunst-, Architektur- und Filmwelt der Stadt. Anderson selbst beschrieb Los Angeles vor der Show als «a city built on fantasy».

Andersons Hollywood-Codes

JW Anderson versteht Hollywood nicht nur als Traumfabrik, sondern als kulturellen Sehnsuchtsort voller Nostalgie, Melancholie und Filmgeschichte. Seine Kollektion spielte mit Film-noir-Referenzen, Marlene-Dietrich-Momenten und klassischen Dior-Codes, die plötzlich deutlich entspannter wirkten (denim always helps!).

Besonders gelungen waren die Kontraste zwischen Couture und Americana: etwa bei den leicht zerstörten Bar Jackets, den locker gestylten Jeans-Looks oder den Männerhemden mit Typografie-Elementen. Überhaupt gingen Männer- und Womenswear überraschend selbstverständlich ineinander über. Das American Dreaming erinnerte ein wenig an Raf Simons’ beste Zeiten, nur weniger dunkel.

Andersons Dior wirkt weniger geschniegelt und museal und gerade deshalb wieder extrem begehrenswert. Dazu kamen kalifornische Mohnblumenmotive, fliessende Silhouetten und natürlich die hinreissenden Roben (Butter! Babyblau! Rosa!), die aussahen, als würden sie zwischen Filmstudio und Sunset Boulevard existieren. Auffallend: Genau wie Chanel zeigte Dior auch wieder Drop-Waist-Silhouetten. Die Show wirkte gleichzeitig nostalgisch und vollkommen gegenwärtig — ein Balanceakt, der in der Mode wirklich äusserst selten gelingt.

Die Kunst-Kollabs

Wenn man schon in einem Museum zeigt, muss natürlich auch eine anständige Kollaboration mit einem Künstler her. Und wer könnte dafür passender sein als Ed Ruscha, der wie kaum ein anderer Künstler für die visuelle Identität von L.A. steht.

Anderson arbeitete mit ihm an grafischen Shirts und Referenzen, die an Tankstellen, Typografie und amerikanische Popkultur erinnerten. Die Mischung aus Kunst, Ironie und Spektakel erinnert stark an die Art, wie Fashion heute auf Social Media funktioniert. Anderson sagte über Ruscha: «Ed ist LA».

Für einen leicht absurden Moment sorgte Hutdesigner Philip Treacy — mit Headpieces, auf denen Wörter wie «Star», «Buzz» oder «Dior» standen.

Der sogenannte «hat hat» ist nicht neu und wurde von Treacy bereits 2001 gezeigt und in der Mode schon vielmals neu erfunden. Ikonisch: Isabella Blow mit ihrem persönlichen Exemplar.

Trotzdem wirkten diese Hüte wie ein Bruch, der innerhalb der sonstigen Poesie der Kollektion nicht ganz funktionierte.

Celebrities und Cool Kids

Selbstverständlich ging es bei der Show auch darum, die amerikanische Kundschaft abzuholen — Hollywood bleibt dafür nach wie vor die effektivste Bühne. Branchenanalyst:innen gehen davon aus, dass die USA für Dior mittlerweile rund ein Drittel des Geschäfts ausmachen; für den Mutterkonzern LVMH ist Amerika nach Asien der zweitwichtigste Markt.

Entsprechend gross war die Celebrity-Dichte in der Front Row: Miley Cyrus, Sabrina Carpenter, Jisoo, Anya Taylor-Joy und sogar Al Pacino sassen neben Indie-Ikonen vergangener Dekaden wie Kim Gordon und Divas wie Lauren Hutton — und den Cool Girls von heute wie Mikey Madison oder Maude Apatow.

Genau diese Mischung aus Hollywood, Kunstwelt, Musik- und Indie-Kultur scheint Jonathan Anderson aktuell besonders zu interessieren. Da durfte auch Regisseur und Andersons bester Freund Luca Guadagnino nicht fehlen, mit dem der Filmnerd Anderson längst eine Art eigenes Fashion-Film-Universum («Challengers»!) aufgebaut hat. Es ist sicher auch Teil dieser Strategie, dass Dior einen sehr prominenten Auftritt in der Fortsetzung von «Der Teufel trägt Prada» hat.

Cruise-Shows dienen längst nicht mehr allein der Präsentation einer Kollektion, sondern sind kalkulierte Content-Maschinen, die Bilder, Videos und virale Momente produzieren. Dior spielte das konsequent aus — von den Celebrity-Arrivals bis zur Afterparty im Chateau Marmont, dem vielleicht ikonischsten Hotel in Hollywood. Das Hotel steht seit Jahrzehnten für Exzess, Diskretion und Glamour und passte damit perfekt zur Stimmung der Show.

Viele Gäste posteten nicht nur ihre Looks, sondern die gesamte L.A.-Fantasie rund um die Modeschau. Genau dadurch wirkte Dior weniger wie ein französisches Couture-Haus auf Reisen und mehr wie ein natürlicher Teil von Hollywood selbst. Fotos sind im Chateau Marmont normalerweise strengstens verboten — es sei denn, Dior lädt zur Party. Dann singen auch plötzlich die kontrolliertesten Influencer:innen Karaoke.

Die USA als Location

Es mag im aktuellen Klima überraschend wirken, dass aktuell so viele Luxusmarken ihre Cruise-Shows in den USA zeigen — und dahinter steckt auch weit mehr als ein günstiger Dollarkurs. Gucci zeigt in New York, Louis Vuitton ebenfalls, Hermès folgt bald in Los Angeles. Amerikanische Städte liefern genau jene Sichtbarkeit, die Luxusmarken heute suchen: Entertainment, Celebrities und Social Media.

Cruise-Shows sind deshalb längst globale Kultur- und Marketingevents geworden, bei denen Mode, Film, Musik und Popkultur miteinander verschmelzen. Nicht umsonst war Dior zuletzt auch rund um das Coachella-Festival extrem präsent.

Jonathan Anderson verfolgt dabei allerdings nicht nur kommerzielle Interessen. Ihn interessiert vor allem Hollywood als kultureller Mythos. Die Shownotes kamen im Look eines Drehbuchs daher, während im Hintergrund echte Set-Durchsagen liefen, als sässe man mitten in einer Filmproduktion.

Gleichzeitig ist die Verbindung zwischen Dior und Hollywood historisch eng: Monsieur Dior selbst war sogar einmal für einen Oscar für das beste Kostümdesign (in «Indiscretion of an American Wife», 1953) nominiert. Und Marlene Dietrich etwa war besessen von Dior und bestand Berichten zufolge sogar darauf, die Entwürfe des Hauses vor der Kamera zu tragen. Ihr legendärer Satz wurde Modegeschichte: «No Dior, no Dietrich!»

Es ging bei dieser Show nicht nur um Kleidung, sondern um die niemals sterbende Fantasie, jemand anderes zu werden. Und das ist ja wohl die perfekte Verschmelzung von Hollywood und Mode.

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