Der Teufel trägt Amazon: Muss man die Met-Gala jetzt boykottieren?
Plötzlich sitzen sie in Mailand und Paris in der Front Row: Zuckerberg, Musk & Co. Und jetzt sponsert Jeff Bezos auch noch die Met-Gala. Einige rufen zum Boykott auf – aber was bedeutet das eigentlich? Ein Kommentar.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Dukas
Stil kann man nicht kaufen, oder? So jedenfalls lautete stets eine eiserne Regel der Modewelt. Reiche und einflussreiche Menschen konnten sich ein Bein ausreissen: An ein Ticket für die Fashion Weeks kamen sie trotzdem nicht. Geschweige denn an eins für die Met-Gala. Dafür musste man schon sehr schön, sehr berühmt oder sehr geschätzt sein von den Kreativen.
Das ist lange passé. In einer Zeit, in der fast alle Modemarken Luxuskonglomeraten angehören, die Quartal für Quartal fiebrig ihre Zahlen präsentieren, Designer:innen in einem Tempo feuern wie Donald Trump seine Kabinettsmitglieder während der ersten Amtszeit – und in der ein winziger Kreis von rund 2 Prozent der Kundschaft für etwa 40 Prozent der Umsätze verantwortlich ist – gilt nur noch eines: In Schönheit sterben will hier niemand. Und chic ist, wer Geld hat. Gut, chic vielleicht nicht – aber zumindest relevant.
"Haben Sie gerade das A-Wort gesagt?"
Man kann sich die Meetings vorstellen, in denen die Marketingabteilung Anna Wintour zögerlich die Idee eines Hauptsponsors namens Amazon präsentiert hat («Haben Sie gerade das A-Wort gesagt?!»).
So viele Sonnenbrillen kann die Gute gar nicht tragen, um ihr entsetztes Augenrollen zu verbergen. Wobei: Laut einem umstrittenen Artikel der kürzlich in der «New York Times» erschien, soll Wintour höchstpersönlich bei Lauren Sánchez Bezos, der Loud-Luxury-Gemahlin des drittreichsten Mannes der Welt, angerufen haben. «Anna who?», soll diese gefragt haben.
Und noch vor nicht allzu langer Zeit hätte die gefürchtete «Vogue»-Chefin spätestens in diesem Moment alle Gespräche abgebrochen und niemals wieder aufgenommen. Stattdessen soll sie gesagt haben, dass Sánchez-Bezos ein «fantastisches Asset» für die Met-Gala wäre. Nun ja, wenigstens bemühte sie den Finanzsprech, was zumindest konsequent ist. Sánchez-Bezos fühlte sich «absolut geehrt», dass jemand an ihr Geld wollte. Und schon trägt der Teufel Amazon.
"Fashion ist nicht mehr der kulturelle Gatekeeper – sie ist nur noch Teil des Systems"
Wintour muss schliesslich Geld für das Kostüminstitut des Metropolitan Museum in New York sammeln, und das kann sie – im letzten Jahr trieb die Gala ganze 31 Millionen Dollar ein, in diesem Jahr werden im Museum die neuen Condé M. Nast Galleries eröffnet, die dem Costume Institute erstmals einen prominenten Platz geben.
Wir sprechen hier nicht von Kleingeld: Ein Tisch kostet rund 350'000 Dollar, und Hauptsponsoren bewegen sich in einer ganz anderen Liga – im mehrstelligen Millionenbereich. Wo früher ausschliesslich Modemarken die Gala finanzierten, stehen heute Namen wie Meta/Instagram, OpenAI, Snapchat, Amazon oder Shopmy auf den Platzkarten. Fashion ist nicht mehr der kulturelle Gatekeeper – sie ist nur noch Teil des Systems. Sie ist nicht mehr tonangebend, sie reagiert nur noch.
"Wie sind aus den uncoolsten Typen der 2000er Fashion-People geworden?"
Aber wie haben die uncoolsten Typen der Welt es nach Paris und Mailand geschafft? Wie kann es sein, dass die Mutter aller Modegatekeeper:innen Anna Wintour mit den Bezos durch die Couture Week zieht, Hoodie-Enthusiast Zuckerberg bei Prada in der Front Row sitzt und Ketamin-Elon die Stufen der Met-Gala erklimmt? Wie sind aus den uncoolsten Typen der 2000er, die es früher nicht mal auf die Gästeliste der WG-Party nebenan geschafft haben, plötzlich die einflussreichsten Besucher der Fashion Week geworden? Und warum redet die Fashion Crowd auch noch mit ihnen?
Dieselben Techbros, die die Branche ökonomisch unter Druck gesetzt haben, werden heute von ihr hofiert. Die Männer, die mit ihren Erfindungen mitverantwortlich sind für den Niedergang der Modemagazine, die billige Kopien der Couture als Next-Day-Delivery auf ihren Plattformen anbieten, die die Kreativbranche in eine kollektive Krise getrieben haben – jene Techbros sind jetzt … Fashion? Nun, die Valley-Boys sind derzeit nicht besonders beliebt, alle haben Angst vor KI, sie stehen sinnbildlich für die Zerstörung unseres Planeten – die Jungs brauchen dringend ein Image-Glow-up, und genau das soll die Fashionbranche ihnen nun bieten.
"Die Partnerschaft mit Bezos ist ein erneuter Tiefpunkt, der die Verzweiflung der Modebranche zum Ausdruck bringt"
Es tat weh zu sehen, dass ein genialer Kreativer wie JW Anderson bei Dior sich mit Bezos fotografieren liess (oder lassen musste, so genau weiss man das nicht). Das Foto war ein Eingeständnis der Modebranche, dass sie jegliche Integrität verloren hat. Dass selbst Anna Wintour für Geld all ihre viel beschworenen Standards über den Haufen wirft. Nicht umsonst hat der früher so prestigeträchtige Verlag Condé Nast in einem höchst umstrittenen Deal OpenAI Zugang zu seinem gesamten Textarchiv gewährt. Jetzt nimmt man eben noch mit, was geht.
Die Partnerschaft von Bezos und der Met-Gala ist ein erneuter Tiefpunkt, der die Verzweiflung der Modebranche zum Ausdruck bringt. Immerhin hat Wintour ein «sponsored by Amazon» verhindert, die Hauptsponsoren sind Jeff Bezos und Lauren Sánchez Bezos als Privatpersonen.
Wobei man sich fragen muss, wer hier eigentlich wen benutzt. Rettet Wintour mit dieser Partnerschaft gerade die Branche – oder treibt sie sie weiter in den Ruin? Es ist ja nicht per se schlecht, wenn das Geld der Tech-Elite in Mode und Kunst fliesst. Aber ist Geld am Ende wichtiger als Image? Und ist nicht das Image das grösste Ass im Ärmel der Modeindustrie?
"Als Star kannst du die Met-Gala nicht canceln, ohne dich selbst zu canceln"
Aktivist:innen jedenfalls rufen nun zum Boykott der Gala auf, überall in New York hängen Plakate der Gruppe «Everyone hates Elon». Aber was heisst eigentlich boykottieren? Wie kann man ein Event boykottieren, zu dem man sowieso nicht eingeladen war? Das könnten höchstens die Celebritys – von denen das (shocker!), soweit bekannt, bislang niemand gewagt hat. Als Star kannst du die Met-Gala nicht canceln, ohne dich selbst zu canceln.
Wir können also höchstens unseren Unmut auf sozialen Plattformen kundtun – nur gehören diese leider den Techbros. Merkt ihr selber, oder? Statt die Met-Gala zu boykottieren, wäre wohl das einzig wirklich Wirkungsvolle, all seine Profile zu löschen, wieder ohne KI E-Mails zu schreiben und nicht mehr bei Amazon zu bestellen. Das wissen wir alle und tun es trotzdem nicht. Insofern kann den Berühmtheiten und Modeleuten nur Heuchelei vorwerfen, wer selbst konsequent ist.
Und zu Familie Bezos: Wenn man alles kaufen kann, will man das haben, was nicht käuflich ist: in diesem Falle modische Relevanz. Die wird Lauren Sánchez Bezos nie besitzen, da kann sie sich noch so viele Vintage-Pelze um die Spraytan-gebräunten Schultern wickeln. Sagen wird ihr das von den Scheinheiligen in der Modebranche niemand. Zumindest nicht ins Gesicht. Früher wollte kein Label Lauren Sánchez einkleiden. Jetzt hat sich die Prinzessin eben selbst ihren Ball gekauft. Und alle tanzen. Solange sie noch können.