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Tiffany is forever: Ein Interview mit Jon King über das US- Schmucklabel

Stil

Tiffany is forever: Ein Interview mit Jon King über das US- Schmucklabel

  • Interview: Silvia Binggeli

Kaum eine Marke steht mehr für Romantik als das US-Schmucklabel, das 1961 mit Audrey Hepburn über Nacht die Welt eroberte. Jon King, Executive Vice President von Tiffany & Co., über Diamanten, Demokratie und ewige Werte.

ANNABELLE: Jon King, wie reagieren Frauen, wenn sie hören, dass Sie für Tiffany arbeiten?
JON KING: Sie fangen an zu seufzen. Sie sagen: Ah, dieser Ring oder jene Halskette ist so wichtig für mich. Es gibt bei Tiffany Hunderte Ringe und Hunderte Halsketten. Aber es gibt immer ein bestimmtes Stück, das für jemanden einen Traum verkörpert.

Wovon träumen die Frauen denn?
Natürlich vom Heiraten mit einem Tiffany-Ring, aber auch von einem Kind oder einem Traumjob, oder sie wollen mit dem Rauchen aufhören. Sie sagen: Wenn dieser Moment da ist, werde ich mir dieses Stück leisten.

Dieses teure Stück?
Nein. Das Objekt der Begierde kann alles sein, von einem Silberring für ein paar 100 Dollar bis zu einem Ring mit einem gelben Diamanten für mehrere 10 000 Dollar.

Beide Ringe werden nach dem Kauf in dieselbe berühmte blaue Tiffany-Schachtel verpackt. Woher kommt dieser Sinn für Gleichberechtigung?
Ich glaube, Demokratie ist eine uramerikanische Vision. Amerikaner gehen ja auch davon aus, dass jeder oder jede alles erreichen kann, wenn er oder sie nur hart genug dafür arbeitet.

«You can get it if you really want»: Widerspricht dem nicht die soziale und wirtschaftliche Realität?
Nein, als Grundhaltung gilt es immer noch. Aus der Sicht von Amerikanern sind die Chancen und Möglichkeiten im Leben nicht an Geburtsrechte oder andere Privilegien gebunden. Anderswo sagen die Menschen: Wenn ich nur als Prinzessin geboren worden wäre, wenn ich nur viel Geld hätte, dann würde ich dies oder jenes tun. Und dann ergeben sie sich in ihr Schicksal.

Das klingt sehr vereinfacht.
Das ist es natürlich auch, aber es entspricht in den Grundzügen der Realität. Längst gibt es natürlich auch die neuen, aufstrebenden Märkte wie Asien und Südamerika, wo viele die offene amerikanische Haltung einnehmen. Auch die jungen Leute in Europa denken so.

Zum Erfolg von Tiffany trug auch eine ganz bestimmte Botschafterin bei …
Natürlich! Die Figur der Holly Golightly aus dem Filmklassiker «Frühstück bei Tiffany».

Die exzentrische 19-Jährige, die aus einfachen Verhältnissen stammt, aber auf erfinderische und eigenwillige Art durch die noble Upper East Side wirbelt. Wann immer sie bedrückt ist, geht sie zu Tiffany …
… dem einzigen Ort, an dem sie sich gut fühlt, wie es im Film heisst.

Gab es eigentlich eine Verbindung zwischen Truman Capote, dem Autor und Erfinder der Figur, und Tiffany, vielleicht sogar eine geschäftliche?
Nein, überhaupt nicht. Das Genie von Truman Capote – und unser Glück – bestand darin, dass er unser Haus als Katalysator für die Befindlichkeit jener Zeit erkannte. Er schrieb 1958 das Buch, aus dem dann der Film wurde. In Amerika wuchs eine Mittelschicht mit grossen Träumen heran. Capote illustrierte das mit dem Tiffany-Geschäft an der Fifth Avenue. Wir waren also sozusagen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Seinen Erfolg verdankt der Film natürlich auch der grossartigen Besetzung: Audrey Hepburn.

Zu ihrer wichtigsten Botschafterin kamen Sie also zufällig. Danach hat Tiffany ja nie wieder mit einer Persönlichkeit geworben.
Wenn man den Standard einer Audrey Hepburn einmal gehabt hat, ist es sehr schwierig, eine Nachfolgerin zu finden. Sie war authentisch, ging mit der Zeit, aber behielt dennoch immer ihren Stil: klassisch, zeitlos, elegant – eine bessere Botschafterin gibt es nicht.

Trotzdem: Wen sähen Sie heute in dieser Rolle?
Das ist schwierig. Heute ändern Frauen ihren Stil alle sechs Monate mit jedem neuen Modetrend. Sie lassen sich von den unterschiedlichsten Stylistinnen beraten. Bei allem Respekt: Stil wird heute sehr beliebig definiert.

Wie meinen Sie das konkret?
Sie können heute noch Frauen jeden Alters nach Audrey Hepburn fragen. Sofort taucht ein klares Bild vor dem inneren Auge auf: ein ärmelloses Kleid von Givenchy, eine Brosche dazu, Ballerinas. Auch bei Jackie Kennedy funktioniert das. Aber ehrlich: Wer wird in zwanzig Jahren noch sagen können, wer die Stilikonen unserer Zeit waren?

Tiffany ist in diesem Jahr 175 geworden. Wie feiern Sie diesen besonderen Geburtstag?
Indem wir das feiern, was unser Gründer Charles Lewis Tiffany zur Grundlage unserer Tradition gemacht hat: Edelsteine. Der Gründungsstein, der legendäre gelbe Diamant in unserem Flagship Store an der Fifth Avenue in New York, zieht immer noch viele Besucher an.

Warum ist der Gründungsdiamant eigentlich so berühmt – man spricht von einem der weltweit wichtigsten gelben Diamanten?
Ganz grundsätzlich sind gelbe Diamanten sehr rar, auf zehn weisse kommt ein gelber. Der Tiffany-Diamant wurde 1847 gefunden, zehn Jahre nach der Gründung von Tiffany. Das Besondere an ihm: Der Stein war vor dem Schliff zweimal so gross wie heute. Charles Tiffany traf damals eine wichtige Entscheidung, nämlich, dass es nicht darum ging, den grössten Stein zu haben, sondern darum, den Stein von seiner schönsten Seite und in bester Qualität zu zeigen. Seit damals gilt bei Edelsteinen das Motto: Qualität vor Quantität.

Wie lösen Sie das Problem der wachsenden Edelsteinknappheit?
Wir kaufen weltweit Minen auf.

Eine eher forsche Vorgehensweise.
Oft ist das aber auch nicht nötig. Wir profitieren von unserer Position in der Branche. Immer wieder werden wir bei wichtigen Funden von den Minen als Erste kontaktiert. Kürzlich zum Beispiel meldete sich eine Mine in Australien, die einen Fund kleinerer gelber Diamanten gemacht hatte. Ein Glücksfall für uns, denn wir wollen den gelben Diamanten im Jubiläumsjahr besonders feiern. Nun konnten wir aus dem Bestand eine Kollektion von Stücken mit gelben Diamanten kreieren, die kleiner und mit Preisen ab 4000 Dollar wesentlich erschwinglicher sind als die normalerweise grossen Stücke.

Wie unterscheidet sich der Schliff eines weissen Diamanten von dem eines gelben?
Bei einem weissen Diamanten soll über grosse Flächen möglichst viel Licht in den Stein fliessen und zurück in das Auge des Betrachters. Ein gelber Diamant hat eine stärkere Sättigung von Kohlenstoffen, er darf also nicht genauso viel Licht reflektieren. Die Diamantenschleifer sind entsprechend erfinderischer beim Definieren der Formen. Gelbe Diamanten sind oft oval oder in einem Cushion-Schliff gehalten.

Wo werden die Tiffany-Diamanten geschliffen?
Wir arbeiten mit Schleifern auf der ganzen Welt, in Amsterdam, Südafrika, Israel. Ein ganzes Team ist ausschliesslich damit beschäftigt, für uns die Topleute in diesem Handwerk zu finden.

Sie haben bei Tiffany das jährliche «Blue Book» eingeführt: einen Katalog von wertvollen Schmuckstücken mit den schönsten Steinen. Was muss ein Stein mitbringen, um zu verzaubern?
Wir sagen unseren Einkäufern: Euer technisches Wissen ist wichtig. Aber ihr müsst euch auch in den Stein verlieben. Ein Stein muss fantastische Farben haben, er muss rar sein und von einem Ort kommen, der für diese Art Stein berühmt ist. Die schönsten Saphire kommen aus dem Nahen Osten, die schönsten Smaragde aus Kolumbien.

Wie entscheiden die Designer und Schleifer später, was aus dem Stein werden soll?
Sie studieren den Stein und fragen sich: Was will er sein? Ein Collier oder ein Ring? Manchmal gibt es Steine, die sehr schön sind in Tiefe und Intensität. Aber um sie lebendig zu machen, muss man sie mit Diamanten umrunden.

Wie hat sich der Beruf des Diamantenschleifers verändert?
Es gibt natürlich sehr viele neue Technologien und Hilfsmittel. Andererseits: Nachdem wir den Bestand der gelben Diamanten aus Australien übernommen hatten, baten wir unsere Designer, sich einen besonderen Schliff zu überlegen. Sie kamen mit einem Vorschlag zurück, der dem ursprünglichen Schliff des gelben Diamanten vor 175 Jahren sehr ähnlich ist. Das fand ich beachtlich.

Welche handwerklichen Techniken sind über die Jahre verloren gegangen?
Leider einige. Aber wir bemühen uns, so viele wie möglich zu erhalten. Wir arbeiten zum Beispiel mit Handwerkern in Neapel, die Muscheln immer noch nach alter Kameetechnik bearbeiten.

In den letzten Jahren haben Sie Mitbewerber aus anderen Luxusbereichen bekommen, etwa aus der Mode, die sich auch an die Haute Joaillerie heranwagen. Ein Kompliment oder ein Ärgernis?
Wir freuen uns. Wir sagen: Fantastisch, dass ihr zur Party kommt und es geniesst. Aber für uns ist es kein Trend. Wir werden unser Handwerk auch in Zukunft nicht aufgeben. Wir haben eine Geschichte, Archive, eine Tradition.

Wie hat sich die Kundschaft verändert?
Die meisten Schmuckstücke werden immer noch von Männern gekauft. Aber wir wissen, dass die Frauen heute bestimmen, welche es sein sollen.

Aber das war doch schon immer so!
Nein. Früher sagten Frauen: Ich möchte ein Schmuckstück. Überrasch mich bitte.

Und heute?
… kommen die Männer mit einer Seite aus einem Magazin oder einem Print-out und sagen: Meine Frau hat das am Morgen auf den Tisch gelegt – mit diesem bestimmten Blick, der klarstellt: Ohne das musst du gar nicht mehr nachhause kommen.


Tiffany & Co

Tiffany & Co. wird 1837 in New York als Geschäft für Geschenkartikel gegründet. Bald konzentriert sich Inhaber Charles Lewis Tiffany auf Diamanten und bekommt 1848 von der New Yorker Presse aufgrund der Qualität seiner Steine den Titel «König der Diamanten» verliehen. 1886 stellt er den Tiffany Setting Ring vor, den heute wohl berühmtesten Verlobungsring. Tiffany kauft nach eigenen Angaben Steine immer direkt von Minen und nur noch in Ländern, die das Abkommen des Kimberley-Prozesses gegen den Handel mit Blutdiamanten unterzeichnet haben.

Unser Interviewpartner Jon King ist seit dreissig Jahren im Unternehmen und heute als Executive Vice President für Design und Marketing aller Schmuck- und Edelsteinkollektionen von Tiffany & Co. verantwortlich.

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