Über das Auflösen kreativer Grenzen: Ein Gespräch mit dem Künstlerinnenduo AD HOC
Mit ihrem gemeinsamen Projekt AD HOC loten die portugiesische Designerin Constança Entrudo und die französische Textilkünstlerin Marie Hazard die Grenzen zwischen Mode und Kunst aus. An der ModaLisboa sprachen sie mit annabelle über kreative Zusammenarbeit, die Modeszene in Portugal und Experimentierfreude.
- Von: Alina Pohl
Eine Symbiose aus Mode und bildender Kunst: Für ihre gemeinsame Arbeit lassen Constança Entrudo und Marie Hazard die gewohnten Rollen als Designerin und Künstlerin hinter sich.
Statt sich an feste Vorstellungen zu halten, experimentieren sie mit Materialien, Techniken und Formen. Bei ihrer jüngsten Präsentation während der ModaLisboa wurden klassische Hemden dekonstruiert, Nähte nach aussen gekehrt und alte Fahrradschläuche zu Bomberjacken, Röcken und Schuhen verarbeitet. Die entstandenen Arbeiten bewegen sich zwischen tragbarer Mode und Kunstobjekt.
annabelle: Sie beide kennen sich schon seit Ihrem Studium im Central Saint Martins in London und sind miteinander befreundet. Wie kommt es, dass Sie jetzt auch zusammenarbeiten?
Constança Entrudo: Wenn man in der Kunst- und Modewelt arbeitet, gehört ein gewisses Gemeinschaftsgefühl zur eigenen kreativen Praxis. Über die Jahre baut man sich ein Netzwerk auf und irgendwann arbeitet man zusammen, ohne es überhaupt offiziell als Zusammenarbeit zu bezeichnen. Bei AD HOC war das anders: Nicht wir haben uns füreinander entschieden, sondern eine gemeinsame Sammlerin, Kundin und Freundin hat uns die Zusammenarbeit vorgeschlagen und uns zu einer Residency eingeladen.
Marie Hazard: Abby Caulkins, die ebenfalls Teil von AD HOC ist, kam vor ungefähr eineinhalb Jahren in mein Atelier und schlug mir vor, mit Constança zusammenzuarbeiten. Ich sagte: «Ja, natürlich kenne ich sie! Wir haben zusammen studiert und kennen uns seit über zehn Jahren.» Also reisten Constança und ich vor einem Jahr nach New York und begannen in einem Atelier mit Materialien und einem Webstuhl zu arbeiten. Daraus entstanden Kunstwerke und erste Entwürfe für Kleidungsstücke. Schliesslich beschlossen wir, gemeinsam eine Ausstellung zu machen.
Wie kamen Sie auf den Namen?
Marie Hazard: In den Siebzigerjahren schlossen sich in New York zahlreiche Künstlerinnen zum Ad hoc Committee of Women Artists zusammen, nachdem sie von der Whitney Biennale ausgeschlossen worden waren. AD HOC bedeutet für uns aber auch, dass Constança innerhalb dieses Projekts nicht mehr einfach die Designerin und ich nicht mehr einfach die Künstlerin. Constança hat zwar ihr eigenes Label hat und ich meine eigene künstlerische Praxis, aber gemeinsam erschaffen wir etwas anderes.
Constança Entrudo: AD HOC existiert parallel zu unseren eigenen Arbeiten, wird diese aber natürlich auch beeinflussen. Vielleicht werden wir dadurch irgendwann ganz andere Bereiche wie beispielsweise Performances erkunden. Wir haben beide schon damit experimentiert, aber noch keine vollständige Performance in einem Museum gemacht. Wir entwickeln uns also ständig weiter. An einem Tag können wir eine Modenschau machen, an einem anderen eine Ausstellung in einem Museum und dann wieder eine Performance.
"Die Modeszene in Lissabon ist experimenteller und zeitgenössischer geworden"
Constança Entrudo, Sie haben 2018 erstmals in Lissabon präsentiert. Wie haben Sie sich seither als Designerin weiterentwickelt?
Constança Entrudo: Mein Label ist in den vergangenen acht Jahren stark gewachsen, wofür ich sehr dankbar bin. Ich konnte ein Team aufbauen und mit meiner Arbeit auch international Aufmerksamkeit gewinnen. Gleichzeitig hat sich die Modeszene in Lissabon stark verändert. Sie ist experimenteller und zeitgenössischer geworden. Allein die Tatsache, dass es heute Raum für ein Projekt wie AD HOC gibt, zeigt, wie viel sich getan hat.
Gerade für ein kleines Modelabel ist es wichtig, wirtschaftlich zu wachsen. Wie schwierig ist es dabei, der eigenen kreativen Vision treu zu bleiben?
Constança Entrudo: In dieser Branche aufzubauen ein grosses Unternehmen kann fantastisch, aber auch sehr schwierig sein. Man sieht andere wachsen und denkt sich vielleicht, man könnte das einfach reproduzieren. Aber am Ende entwickelt man so nichts Eigenes mehr. Deshalb schätze ich die Arbeit im Atelier so sehr. Ich versuche, in der Nähe der Fabriken zu bleiben und gleichzeitig ein Team zu haben, das jeden Tag neue Projekte und Materialien entwickelt. Ich glaube, diese Art des Arbeitens sollten wir gerade in Portugal noch stärker fördern.
Welche Vorteile bietet Ihnen Portugal als Designerin?
Constança Entrudo: Der Lebensstil. Es gibt hier immer noch Räume und Möglichkeiten, um zu arbeiten, und eine Gemeinschaft von Menschen, die bereit ist, sich gegenseitig zu helfen. Aber es muss noch viel passieren. Wenn es etwas gibt, das in der portugiesischen Gesellschaft wachsen muss, dann ist es die Liebe zur Mode.
Wie stark sind portugiesische Textilhersteller:innen in den kreativen Prozess eingebunden?
Constança Entrudo: Als ich mit meiner ersten Kollektion die ersten Bestellungen erhielt, begann ich, Freundschaften mit meinen Lieferant:innen aufzubauen. Dadurch veränderte sich auch unsere Zusammenarbeit. Mit einigen arbeite ich seit zehn Jahren. Ich versuche, diese Beziehungen über die Jahre aufrechtzuerhalten.
Wie schwierig ist es, für experimentelle Materialien und Stoffe geeignete Lieferant:innen zu finden?
Constança Entrudo: Wenn man beispielsweise etwas bedrucken möchte, sagen viele: «Das kommt mir nicht auf meine Maschine!» Es ist nicht ganz einfach, aber wenn man einmal eine gute Beziehung hat, bleibt man dabei. Wenn einem jemand vertraut, kann man zusammenarbeiten. Deshalb ist es für mich auch so wichtig, hier vor Ort zu sein.
Wie kann man sich Ihre gemeinsame Arbeit im Studio vorstellen?
Marie Hazard: Wir sprechen sehr viel miteinander. Wir kennen uns schon lange und bei AD HOC geht es uns darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und Ideen auszutauschen. Aber es geht ebenso um Produktion: Wir experimentieren ständig, entwickeln Dinge weiter, gehen wieder einen Schritt zurück, stellen Dinge her und zeigen sie Lieferant:innen, um herauszufinden, ob sie sich umsetzen lassen.
Welche Facetten Ihres Berufs mögen Sie am wenigsten?
Constança Entrudo: Andere Menschen führen. Ich mache es, aber eigentlich wäre ich lieber immer selbst mitten im kreativen Prozess. Mein Team besteht aus drei Menschen. Das ist aufregend, aber auch ein grosser Prozess. Neben der kreativen Arbeit auch das Management zu übernehmen; sich hinsetzen, eine Lösung finden oder nochmals von vorne anzufangen, wenn etwas nicht funktioniert – das wird manchmal ziemlich viel.
Marie Hazard: Für mich sind es vor allem die administrativen Aufgaben, die manchmal mühsam sind. Ausserdem kommen Sammler:innen zu mir und möchten mit mir sprechen und einen Einblick in meine Arbeit bekommen. Ich finde diesen persönlichen Austausch sehr wichtig. Deshalb nehme ich mir viel Zeit, ihnen meine Arbeit zu erklären, sie durch mein Atelier zu führen und ihnen alles zu zeigen. Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, aber eben auch sehr zeitaufwendig.
Mit welchen Materialien, Techniken oder künstlerischen Ausdrucksformen möchten Sie als Nächstes experimentieren?
Marie Hazard: Performances. Ich glaube, dass es dies an der Schnittstelle zwischen Kunst und Mode bisher noch kaum gegeben hat. Wir möchten das Weben selbst zu einem interaktiven Erlebnis machen, was ich sehr spannend finde.
Constança Entrudo: Eigentlich alles, was zwischen Kunst und Mode entsteht. Weberei, Stoffe und Maschinen interessieren uns sehr, aber auch Malerei und Skulpturen, bei denen wir mit unterschiedlichen Materialien wie beispielsweise Aluminium experimentieren. Ausserdem beschäftigen wir uns gerade intensiv mit Plissiertechniken, was unglaublich spannend ist. In China haben wir beeindruckende Techniken und Produktionsmethoden kennengelernt. Das war sehr inspirierend und hat uns gezeigt, dass eigentlich alles möglich ist.