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Nackte Sonnenblumen: Dürfen jetzt nicht mal mehr Blumen fröhlich sein?

Nackte Sonnenblumen: Dürfen jetzt nicht mal mehr Blumen fröhlich sein?

Beim Blumentrend "Naked Sunflowers" werden Sonnenblumen die gelben Blütenblätter ausgerupft. Das soll skulptural aussehen. Aber was sagt es über uns aus, wenn selbst unsere Blumen nicht mehr fröhlich sein dürfen?

Es ist der grösste Blumentrend der letzten Monate und vielleicht ist es auch der traurigste, den es in der Geschichte der Blumentrends jemals gab.

Nachdem uns nun lange Zeit das Monogesteck begleitete, für das man einzig Moos oder andere grüne Pflanzen in grossen, organischen Formen zusammensteckte oder einen grossen Arm voll Callas in Weiss oder Dunkellila mit einem weissen Band zusammenknotete, und vielleicht noch grosse Blumenwolken aus verschiedenen Grüntönen über Tischen hingen, gibt es etwas Neues, Angesagtes im Floristikbereich. Es heisst «Plucked Sunflowers», «Naked Sunflowers» oder auch «Green Sunflowers».

Der Name verrät es natürlich schon: Bei diesem Blumentrend, den es auf Hochzeiten auf Mallorca, in Blumenläden in Grossstädten wie auch im heimeligen Umfeld zu sehen gibt, werden die gelben Blütenblätter der Sonnenblume entfernt. Rausgerissen, könnte man auch etwas brutaler sagen.

Alle. So lange, bis der dunkle Blütenkorb übrig bleibt, der nur von den kleinen grünen, spitz zulaufenden Hüllblättern umgeben wird. Das wird nicht gemacht wie früher, als man nebenbei «Er liebt mich, er liebt mich nicht» murmelte, sondern hier geht es vor allem darum, der Sonnenblume – einer der bekanntesten, beliebtesten und freundlichsten Blumen – etwas Skulpturales, gar Totes zu geben. Dadurch wirkt die Blume mehr wie eine unterversorgte Distel. Also das Gegenteil von dem, was sie ist.

Dürfen Sonnenblumen nicht mehr fröhlich sein?

Denn die Sonnenblume richtet sich als junge Pflanze immer zur Sonne aus. Steht sie auf dem Feld inmitten ihrer Schwestern, sieht es so aus, als würden sie kollektiv bräunen oder die Sonne anbeten. Die Blume steht für Freude, für positive Energie. Anders als die Rose steht sie nicht für die Liebe und allen Ärger, der damit auch zusammenhängen kann. Sie ist ganz und gar unschuldig, steht in der Blumensprache angeblich auch für Loyalität.

Aber was bedeutet das? Dürfen jetzt nicht mal mehr die Sonnenblumen fröhlich sein?

Nachdem es mal ein Trend war, für Fotos nackt (und auch angezogen) in Sonnenblumenfeldern zu posieren, hat sich der neue Sonnenblumen-Trend über TikTok und Instagram ausgebreitet. Emotionslos rupfen da die Menschen die gelben Blütenblätter weg. Andere, die sich selbst nicht mehr als Florist:innen, sondern vielmehr als Flower Designer bezeichnen, arrangieren die nackten Köpfe mit schwarzen oder dunkelroten Pflanzen.

15 Franken gezahlt, nach 150 aussehen lassen

Die gerupfte Sonnenblume hat es sogar schon in die Literatur geschafft. Im neuen Buch der deutschen Bestsellerautorin Caroline Wahl «1999 Meter über dem Meer» heisst es: «Ich bücke mich nach meinem Smartphone, setze mich auf den Teppichboden und checke ab, was es Neues bei Jule Lobo gibt, schaue zu, wie sie die gelben Blütenblätter von einem Strauss Sonnenblumen abzupft, weil der neue, nur aus den braunen Blütenköpfen bestehende Strauss aussieht wie aus einem Bericht im Architectural Digest über Designer-Interieurs in Kopenhagen. ‹15 Euro gezahlt, nach 150 Euro aussehen lassen!› Na ja, denke ich.»

Jule Lobo, das sollte man an dieser Stelle erklären, ist eine Influencerin und Podcasterin aus Berlin, die aus ihrem Leben als reiche Mutter von vier Kindern berichtet. Sie erklärt im Internet, wie man Gemüse auf dem Markt kauft und damit gesundes, leckeres und lustiges Essen für Ehemann und Kinder zubereitet, überschüssiges Körperfett abnimmt (Spritze) und jedem Kind aufwendig gestaltete Erinnerungsbücher bastelt. Solange bis man denkt, wenn man es anders macht, ist man keine gute Mutter.

Und diese reisst also auch die Blätter aus. Zumindest schreibt Wahl das so – es ist nun nicht mehr zu verifizieren, ohne alle Inhalte von Jule Lobo anzuschauen, was nicht verhältnismässig wäre.

Wahl schreibt weiter, und zwar über die mutmassliche Wahrnehmung des Pflanzentrends in Lobos Kommentarspalte: «manche finden das ganz schlimm, ‹Geht einfach gar net!›, ‹Mir blutet das Herz›. Andere verteidigen Lobo, ‹Was sind das für bescheuerte Kommentare. Leute, die Blumen sind bereits tot!› oder ‹Sonnenblumen sind mir auch bisschen zu happy! Ich mach das genauso!›.»

Und damit ist man mittendrin in der real existierenden Rezeption des Trends, bei der auch gefragt wird: Wie weit dürfen Florist:innen in die Natur eingreifen? Und ist das im Sinne der Ressourcenschonung in Ordnung? Dass die Blumen zuvor bereits von ihren Wurzeln getrennt wurden, scheint dabei weniger zu stören. Aber wehe, es geht ans Gelbe.

Die Dystopie in der Vase

Diese Fragen können an dieser Stelle jedenfalls nicht abschliessend beantwortet werden, aber es lassen sich Vermutungen darüber anstellen, warum dieser Trend gerade jetzt aufgekommen ist. Denn es ist ja irgendwie schön, dass heute auch das vermeintlich unperfekte Pflänzlein als erstrebenswerte Dekoration gilt. Und die Reduziertheit des Looks, das Minimale, verrät vielleicht auch etwas: den Wunsch nach Aufgeräumtheit. Das Unwohlsein, das bei zu viel Opulenz empfunden wird.

Doch eine Pflanze, die nach ihrer Transformation so aussieht, als habe sie eine Dürre überlebt oder einen Waldbrand hinter sich, wirkt doch eher so, als ob wir uns in dunklen Zeiten befinden und als müsste sich das auch in der uns umgebenden Ästhetik widerspiegeln. In der Deko, die unser Zuhause, also unsere Schutzräume, schmückt. Und so vielleicht auch unsere Zeit kommentiert.

An der nackten Sonnenblume erproben wir vielleicht den antizipierten Ernstfall. Das Schreckliche, das wir fürchten. Denn sie wirkt so traurig, als wollten wir uns an den Anblick der Dystopie gewöhnen, damit wir sie besser ertragen können.

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