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Warum sind eigentlich überall Essiggurken?

Warum sind eigentlich überall Essiggurken?

Als Print, in Memes und Drinks, beim Apéro: Derzeit grassiert eine wahre Pickle-Obsession. Aber warum? Ein Tauchgang ins Einmachglas.

An Weihnachten hängen sie als Schmuck im Baum, an Silvester schiessen sie aus der Tischbombe. An der Fasnacht schlüpft man kichernd ins grüne Kostüm, im Sommer hüpfen sie über Spielkarten. Saisonunabhängig, aber zu Zwecken der Selfcare entzündet man eine nach Essigsud duftende Kerze, sie baumeln an Ohrringen und in Boxershorts (Pardon, ein Scherz: sie sind aufgedruckt): Gurken.

Eingelegte. Geht es nach Hugo Reitzel im Kanton Waadt, dann isst man Cornichons nicht nur – man ist sie auch. In seinem Onlineshop serviert der Schweizer Gurkenhersteller neben solchen in Gläsern diverse Pickle-Artikel für jede Gelegenheit. Was einen zu der Annahme verleitet: Essiggurken sind neben Snack auch Lifestyle. Und: Die Welt ist besessen von Essiggurken.

Wer heute zum Apéro lädt, serviert Essiggürkchen. Sie glitzern gestapelt in silbernen Schälchen oder schwimmen an Partys frech im Martini-Glas. Ambitionierte Food-Influencer:innen bauen Champagnerbrunnen, bei denen der gute Tropfen übers grüne Gemüse plätschert, oder ja: sie konstruieren ganze Torten. Warum Kerzen ausblasen, wenn man Gurken anhauchen kann? Die Autorin dieses Textes selbst spiesste im Dezember Gürkchen auf eine Birne und bastelte so einen essigsauren Tannenbaum. Die Obsession hält an.

Die Tradition der Tüchtigen

Dabei ist sie natürlich keineswegs neu. Während die Autorin seit sie denken kann, ganz passiv, aber beglückt Essiggurken in mittelscharfen Senf dippt, ist aktives Einlegen eine der ältesten Methoden, um Lebensmittel zu konservieren. Gemüse wurde so für den Winter haltbar gemacht, wenn wenig oder gar kein frisches geerntet werden konnte. Wir lernen also: Gurken sind überlebenswichtig. Das merkt der Mensch jetzt wieder so richtig, wenn er krisengebeutelt durch den Alltag stolpert.

Ausserdem sind sie so bodenständig! Sie sind die günstige Alternative zur noblen Auster, sie schimmern ähnlich feucht in ihrem Saft und haben einen intensiven, unverwechselbaren Geschmack, zeugen aber wie Ei, Butter oder ein simples Stück Brot von dem Bewusstsein, dass es nicht viel braucht zum grossen Glück. Essiggurken sind bescheiden in einer Zeit, in der es doch oft nur um Inszenierung geht. Um den schönen Schein.

Die Essiggurke ist da ganz ehrlich. Es knackt so schön beim Reinbeissen - ein ASMR-Laut der ewigen Wonne. Und sind wir mal ehrlich: Trennt die Essiggurke im Cheeseburger nicht die Spreu vom Weizen? Wer findet, die labbrige Scheibe habe keine Daseinsberechtigung, hat vielleicht selbst keine. Die Essiggurke gehört den Guten.

Intellektuelles Superfood

In die elitäre Kunstwelt hat es die Essiggurke ja schliesslich auch längst geschafft: Der österreichische Künstler Erwin Wurm schuf eine gehörige Anzahl von Gurken in allen Grössen und Formen und versah sie gerne auch mal mit dem Titel «Selbstporträt als Gurke». Auch ein ernsthafter Künstler muss mal über sich selbst lachen, schliesslich sind schnöde Gurkerl wie wir Menschen auch: dick, dünn, mal glatt, mal rau. Sie erinnern uns daran, uns mal bitte nicht so ernst zu nehmen.

Die Westschweizer Künstlerin Romane de Watteville dagegen zeigt in ihren Werken den ernüchternden Moment nach dem Exzess. De Watteville malt riesige Dinnerszenen, auf denen der umgekippte Martini übers Tischtuch sickert, Crevettencocktails glänzen wie die Kirschen auf dem Eisbecher und als letzte Instanz Essiggurken über die Tafel rollen. Denn sie waren the Life of the Party! Nicht umsonst ist in Polen die Salzgurke zum Wodka gewissermassen die Zitrone zum Tequila.

Ausserdem machen Essiggurken angeblich furchtbar schön und gesund: Essiggurkenwasser wird viel diskutiert. Erst im Februar zum Beispiel, als der Tennisspieler Carlos Alcaraz bei den Australian Open es wohl gegen akute Muskelkrämpfe trank. «Pickle Juice» soll gegen Kater helfen und gut für die Verdauung sein.

Der New Yorker Beauty-Brand e.l.f. Beauty brachte gar einen pflegenden Lip Balm raus, der nach Essiggurken schmeckt. «Big Dill» hiess die Limited Edition. Ja, Gurken haben «BDE», «Big Dill Energy» – quasi das crispy Äquivalent zur «Big Dick Energy», ein umgangssprachlicher Ausdruck für ein stilles, natürliches Selbstbewusstsein, das man ausstrahlt, ganz ohne arrogant zu wirken. Komplett unabhängig vom Geschlecht oder der tatsächlichen anatomischen Gurke, äh Grösse.

Sie mögen klein sein, mit ihren Warzen auch nicht unbedingt schön. Aber sie enttäuschen nie, hauen einen mit charakterstarken Noten von den Socken. Sogar Sicherheit geben sie einem. Im winterlichen Niederbayern sorgt Gurkenwasser als umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichem Streusalz für Stabilität. Nur Green Flags also.

Sexiness im Glas

Essiggurken sind zudem erotisch. Der US-Brand «Good Girl Snacks» vertreibt deshalb «Hot Girl Pickles» – Cornichons, eingelegt in einen süss-feurigen Honig-Harissa-Sud. Der Unternehmens- und Produktname erinnert dabei deutlich an Social-Media-Trends wie «Hot Girl Summer» oder «Girl Dinner», die eine ausgesprochen weiblich konnotierte Energie anzapfen. Essiggurken sind mit ca. 10–25 kcal pro 100 g sehr kalorienarm. Sie bestehen zu etwa 95 % aus Wasser, enthalten kaum Fett und Kohlenhydrate. Eine mittlere Gewürzgurke hat oft nur rund 10 Kalorien. Zauberhaft, schreit der Zeitgeist. Der, der derzeit keine gedrungenen Gurkenkörper duldet.

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Und wir sind nicht allein: Die schönsten Frauen der Welt sind bekennende Gurken-Bewunderer:innen! Popstar Dua Lipa erhellte uns 2024 mit ihrem Lieblingsdrink bestehend aus Cola Zero, Jalapeño- und Gurkensaft. Die deutsche GNTM-Gewinnerin und Podcasterin Stefanie Giesinger zeigte sich kürzlich auf Instagram mit einem immensen Prachtexemplar. So eines, wie sie die Familie Freisinger seit 120 Jahren an ihrem Stand am Münchner Viktualienmarkt in Papier gewickelt verkauft. Von hier werden virale Gurkenvideos auf Instagram und Tiktok in die Welt geschickt. Gurken sichern Reichweite.

Bald soll übrigens ein Pickle-Emoji ins Sortiment der kleinen Smartphone-Smileys aufgenommen werden. Es gibt Grund zur Annahme, dass es die Aubergine als gängiges Sexting-Symbol für die männliche Anatomie ablösen könnte. Wir wiederholen: Essiggurken sind relevant. Sie sind sexy. Und nähren das Herz.

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