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Wer jetzt noch Sneaker trägt, ist uncool. Oder?

Wer jetzt noch Sneaker trägt, ist uncool. Oder?

Wer sich mit Mode auskennt, trägt längst keine Sneaker mehr an den kompetenten Füssen. Sehr frei nach Karl Lagerfeld könnte man sagen: Wer Turnschuhe trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Meine Lieblingsturnschuhe haben Löcher. Übermotiviert frassen sich meine erigierten Zehen durchs Netz der neongrünen «Zoom Vomero» von Nike – so leidenschaftlich trug ich sie. Seither erwarb ich aus Verzweiflung zu grosse Reebok-Modelle und sehr kleine, latent zwickende New-Balance-Modelle. Abgesehen vom fehlenden Tragekomfort machten sie mich nie glücklich, nie fühlte ich mich in ihnen wirklich wohl. Oder gar cool.

Hätte ich mich in letzter Sekunde doch dem Salomon-Hiking-Hype hingeben sollen? Oder es mal mit Retro-Modellen wie dem «Mexico 66» von Onitsuka Tiger versuchen sollen? Generell raunt sich mein Umfeld seit geraumer Zeit ratlos ins Mode-Ohr: Welche Sneaker zur Hölle soll ich kaufen? Wenn man sich so schwertut, welche zu finden – sollte man sie dann überhaupt noch tragen? Sind Sneaker out? Oder schlicht kein sogenanntes «Fashion Piece» mehr?

Das Dilemma wirft weitere Fragen auf: Hat man endlich das perfekte Paar gefunden, stellt sich die nächste: Womit trägt man es? Orientiert man sich an den Redakteurinnen, die derzeit auf den Fashion Weeks von Show zu Show eilen, fällt auf, dass kaum noch ein Turnschuh an stilbewussten Füssen steckt.

Scrollt man durch Influencer-Feeds, sieht es ebenso mager aus. Auch bei der deutschen Lara Bussmann, die man oben im Bild sieht, musste ich lange suchen. Stattdessen: Stiefel, Ballerinas, Mokassins, Boat Shoes. Selbst zur Jogginghose trägt man heute elegante Lederschuhe.

Und tatsächlich: Laut dem Shoppingportal Lyst sind andere Schuhe begehrter. Der Lyst Index, ein vierteljährlicher Fashion-Trendreport der Plattform, der die reale Online-Nachfrage nach Mode misst und als relevantes, datenbasiertes Trendbarometer der Branche gilt, verzeichnete im letzten Quartal 2025 neben Uggs und Pumps von Saint Laurent keinen einzigen Sneaker unter den «Hottest Pieces».

Im sommerlichen dritten Quartal desselben Jahres rangierten Flipflops von Havaianas auf Platz eins, gefolgt von klassischen Loafern von Saint Laurent und The Row. Abgeschlagen auf den Plätzen sieben und acht dämmerten die «Moon Shoes» aus der Kollaboration von Nike und Jacquemus sowie ein weiteres Nike-Modell vor sich hin.

Fit wie ein Turnschuh?

Folgendes trug sich zu: Der Siegeszug der Sneaker im Streetstyle vor über zehn Jahren lebte vom Stilbruch. Journalist:innen und Einkäufer:innen wie Veronika Heilbrunner hatten damals keine Lust mehr, sich an langen Tagen in Paris, Mailand und New York die Füsse in unbequemen Schuhen mit himmelhohen Absätzen zu ruinieren, und trugen die schicksten High-Fashion-Entwürfe «ganz frech» zum Turnschuh.

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"Inzwischen trägt der hinterletzte Chef, der ansatzweise dynamisch wirken will, ein schnelles Modell von On zum Anzug"

Die Indie-Converse zum Tüllrock, die Nike «Air Force 1» zum Cocktaildress – fand man alles super. Das war erfrischend neu, der Mainstream zog nach, der Turnschuh raste einmal überall durch und machte seine Träger:innen stets eine Spur cooler.

Inzwischen trägt der hinterletzte Chef, der ansatzweise dynamisch wirken will, ein schnelles Modell von On zum Anzug. Ein Überraschungseffekt ist im Styling kaum mehr möglich. Ich wage zu behaupten: Wir haben wirklich alles schon gesehen. Schliesslich verkauft sogar Donald Trump güldene High-Top-Sneaker.

Vermutlich sind wir schlichtweg übersättigt – und verwirrt. Trendsneaker kommen und gehen ausserdem im Eiltempo, der heisseste Scheiss ist vielleicht in zwei Monaten wieder out. Das Adidas-Samba-Modell der Designerin Grace Wales Bonner oder der Retro-Hit New Balance x Miu Miu – der Sneaker-Hype beruht oft auf Blitz-Drops, Knappheit und Sammlerkultur.

Eine Maschinerie, die nachhaltig denkende Konsument:innen so schnell ermüden lässt wie eine rutschende Socke in wackligen Mules. Apropos: Sneaker bedürfen eines massiven Material- und Produktionsaufwands, sind oft nur schwer recycelbar. Sie sind also genau genommen weniger modische Universalwaffe als Umweltkatastrophe.

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"Leute, gebt euch Mühe! Es ist aktuell so einfach, sich modisch mal aus dem Fenster zu lehnen"

Zudem lauern heute durchaus charmantere Alternativen zum Laufschuh in den Regalen. Nach Jahren des verchillten Athleisure-Booms (Jaja, die Pandemie, Achtsamkeit und der ewige Rückzug ins traute Heim) verzehren wir uns nach modischen Kapriolen, nach Aufbrezeln und Auffallen. Auch die Schuhe dürfen da immer wilder werden. Ein Look mit Sneakern kommt heute beinahe optischer Leistungsverweigerung gleich.

Leute, gebt euch Mühe! Es ist aktuell schliesslich so einfach, sich modisch mal aus dem Fenster zu lehnen: Trendschuhe wie luftige Flip-Flops, butterweiche Ballerinas und Loafer, diverses Tabi-Everything (den gespaltenen Hufschuh von Maison Margiela gibt’s von Stiefel bis Flat), organisch geformte Vibram «FiveFingers» und andere Barfussschuhe rütteln am Thron der Sneaker, weil sie sowohl experimentell als auch bequem sind. Da ist ja wohl für jede neu verrückte Nudel was dabei.

Ein Leben ganz ohne Turnschuh?

Als Reaktion darauf schlug der Hybrid-Sneaker wie ein Komet ein. Ganz ohne Option auf Sneaker geht es schliesslich nicht, auch abseits von sportlicher Leibesertüchtigung. Wer bei Citytrips und langen Strecken, an anstrengenden Tagen oder als Mutter nicht leiden möchte oder schlichtweg ein Leben wie auf Wolken geniessen will, tut das natürlich trotzdem im Turnschuh.

Vielleicht einfach nicht ganz so konventionell: Genreübergreifende Silhouetten wie jene der umstrittenen Sneakerinas – ein Mix aus Sneaker und Ballerina – oder des Snoafers – ein Mix aus Sneaker und Loafer – erfüllen auf den ersten Blick den Wunsch nach der Leichtigkeit eines Turnschuhs ohne das hektische Chaos der Sneaker-Kultur. Der Hybrid-Trend bricht dabei Kategorien auf, weil starre Definitionen nicht mehr zu unserem Lifestyle passen.

Wer will schon «nur» das eine oder das andere sein? Die Fuss-Fabelwesen sind einerseits Bequemschuhe, spielen aber auch mit jenem Überraschungseffekt, den einst der Sneaker-zu-allem-Stilbruch zündete. Dass man ihnen nachsagt, sie seien «ugly», also hässlich, hat schon in den 2010ern bei Yeezy und Balenciaga wunderbar funktioniert.

Welchen Sneaker zeigte der brandneue Gucci-Kreativdirektor Demna in seiner ersten Kollektion für den Herbst 2026 just in Mailand? Einen Turnschuh, der aussieht wie ein Stiefel: ein Chelsea Boot aus Krokoleder, alternativ aus abgenutztem Stoff mit Gucci-Logo – die inneren Werte zählen, und die sind sportlich. Ob wir hier den ersten «Snoot» sehen?

Wir halten fest: Ganz ohne Sneaker kommt man kaum durchs Leben. Gleichzeitig wächst der Raum für Alternativen – und der Wille, sich durch Hybride mal etwas zu trauen. Wer dennoch einfach beim klassischen Turnschuh bleiben will: nun gut. Vernünftig. Getragen gerne zu Baggy Jeans oder Cargo Pants. Wer immer noch auf der Suche nach einem zeitgeistigeren Stilbruch durch den Kleiderschrank jagt, der versuche es mit Socken, einem Bleistiftrock und einem möglichst spiessigen, preppy Look. Alternativ mit Faltenrock, gerne auch mit Krawatte und Bluse.

Alles kann, nichts muss. Aber wenn man schon muss, dann vielleicht im 2016 gehypten Adidas Superstar. Der ist aktuell zurück, Kendall Jenner und Olivia Dean trugen ihn unlängst (siehe oben). Und wer sich fragt, in welcher Silhouette man durch den Frühling tanzen wird: bitte Pirouetten im Ballett-Sneaker drehen. Der ähnelt einem Spitzenschuh, ist bis zum Zeh geschnürt, mag dicke Wollsocken und Stulpen, ist jetzt bei den Brands eures Vertrauens (von Miu Miu über Ganni bis Zara) erhältlich – und geht vielleicht auch noch als Hybrid durch.

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