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Wie ist es eigentlich sich bei über 40 Grad in Mexikos Einöde zu verirren?

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Wie ist es eigentlich sich bei über 40 Grad in Mexikos Einöde zu verirren?

  • Aufgezeichnet von Regula LieninBild: Getty

Die Luft flimmerte. Wir hatten gerade den letzten Schluck Wasser aufgebraucht. Auf dem Handy war noch ein Akku-Balken sichtbar, als ich meine damalige Freundin Liliana im mexikanischen Monterrey, 1100 Kilometer entfernt, anrief. Erleichtert darüber, dass die Verbindung überhaupt zustande gekommen war, bat ich sie inmitten einer todbringenden Einöde, Hilfe zu organisieren.

Lonely Planet brachte uns vor vier Jahren auf die Idee, die präkolumbianische Ruine Guiengola zu besuchen. Mit dem Auto waren Martin und ich am Vormittag aus dem nächstgelegenen Ort aufgebrochen. Die Strasse war holprig und nicht ausgeschildert. Bei einem Militärposten fragten wir nach dem Weg. Querfeldein, hiess es. Ein entgegenkommender Motorradfahrer stellte sich als Guide heraus, der gerade von einer Tour zurückkam. Er hatte keine Lust, uns zu begleiten. Die Ruine sei einfach zu finden, sagte er. Die Strasse wurde immer schlechter und staubiger. Ausgerüstet mit zwei Flaschen Wasser und einem Handy gingen wir die letzten Meter zu Fuss auf die Anhöhe zum Parkplatz. Es war schon ziemlich heiss. Die kurzen Hosen hatten wir im Auto zurückgelassen.

In Unterhosen und T-Shirt folgten wir dem Trampelpfad in ein Wäldchen. Bald verlor sich der Weg in einen felsigen Abhang. Auf den Felsen sonnten sich armlange Leguane. Wir begaben uns weiter in die Tiefe, hinaus in eine riesige Ebene. Der Blick schweifte: karge Graslandschaft, weiter nichts. Die Begrenzung der Fläche durch die nächste Hügelkette verlor sich am Horizont. Nach einer gefühlten Stunde beschlossen wir umzukehren. Die Sonne heizte mächtig ein, als wir den Hang hinaufstiegen. Es war mit Sicherheit über 40 Grad, die Luft flimmerte. Wenigstens spendeten Kakteen und mit Dornen versehene Bäume etwas Schatten.

Bald war klar, dass wir am Fuss des Abhangs den richtigen Einstiegspunkt verpasst hatten. Die Situation wurde ungemütlich. Das Wasser war fast aufgebraucht. Martin und ich einigten uns darauf, weiter hangaufwärts zu steigen. Von dort aus würde der Parkplatz bestimmt sichtbar sein. Ein paar hundert Höhenmeter weiter oben war die Aussicht atemberaubend. Doch den Parkplatz sahen wir nicht. Waren wir gar nicht auf dem Hügel, den wir eigentlich erreichen wollten? An einem Fluss erkannten wir in weiter Ferne etwas Fabrikähnliches, immerhin ein Zeichen menschlicher Zivilisation. Wir waren erschöpft, unsere Kehlen trocken. Der Saft eines Kaktus, den ich aufgeschnitten hatte, war ungeniessbar. Mich überkam ein Anflug von Panik. Im Notfall, versuchten wir uns zu beruhigen, kann der Mensch mehrere Tage ohne Wasser ausharren.

Das Handy war unsere letzte Hoffnung. Liliana alarmierte die lokale Protección Civil. Wir drängten auf rasche Anweisungen. Schliesslich konnte das Handy jeden Moment den Geist aufgeben. Martin und ich stellten uns auf eine ungemütliche Nacht in der Wildnis ein. Unsere Retter schlossen dies kategorisch aus. Von den Giftschlangen in der Gegend erzählten sie uns erst später. Die Rettungsaktion malte ich mir spektakulär aus: Die Protección Civil würde Suchhunde einsetzen oder uns mit dem Helikopter orten und aus der Luft bergen. Nichts dergleichen. Zuerst sollten wir ihren Rufen folgen. Wir hörten sie nicht.

Dann mussten wir in der Dunkelheit einen Scheinwerfer anpeilen, den unsere Retter in den Himmel richteten. Das LED-Lämpchen meines Schlüsselanhängers erwies sich beim Abstieg durch den rutschigen Steilhang als Glücksfall. Hände und Füsse fanden kaum halt. Nur stachlige Bäume und Kakteen. Martin glitt unglücklich aus und landete in einem Kugelkaktus. Blutig gekratzt und mit Kakteennadeln gespickt fanden wir zum Parkplatz zurück.

Unser Abenteuer war noch nicht zu Ende: Die lokale Presse nahm uns sofort in Beschlag, und beim Militärcheckpoint wartete ein Fernsehteam auf uns. Die Rettungsaktion war spektakulär genug, um Thema in den Nachrichten einer nationalen Fernsehstation zu sein. Unsere Freunde in Monterrey trauten ihren Augen nicht, als sie uns im Fernsehen sahen. Nicht in Unterhosen, notabene.

Paul Schnabl (30), Baden

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