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«Der Täter soll an mich nicht als sein wehrloses Opfer denken. Sondern als eine handelnde Frau»: Susanne Preusker - /gesundheit/psychologie/begegnung-mit-gefangnispsychologin-susanne-preusker-21590
Susanne Preuskers Bodyguard: Kampfhündin Emmi
Begegnung mit Gefängnispsychologin Susanne Preusker
Die Gefängnispsychologin Susanne Preusker wurde im April 2009 von einem Häftling als Geisel genommen und während sieben Stunden vergewaltigt. Wie findet man nach einem solchen Trauma ins Leben zurück? Eine Geschichte über Liebe, Hass und Löwenmut.
Am Tag danach, als alle Spuren gesichert und alle Verletzungen dokumentiert sind, kann Susanne Preusker endlich mit ihrem Verlobten Wolfram telefonieren, der ihr Schicksal 500 Kilometer entfernt in den Nachrichten verfolgt hat. Er sah im Fernsehen das Gefängnis, die Hundertschaften von Polizisten, die Helikopter, den Krankenwagen, nicht aber seine Partnerin, die er zehn Tage später heiraten wollte – es war schon alles vorbereitet für das Fest.
«Er hat dir doch nichts getan, oder?», fragt Wolfram. «Doch», sagt sie, mit einer ihr selbst ganz fremden Stimme. «Doch. Aber nur ein bisschen.»
Zu unerträglich erscheint ihr die Wahrheit, als dass sie den Menschen, die sie liebt, zugemutet werden kann. Sie möchte ja am liebsten selbst alles vergessen. Nach einigen Tagen begreift sie, dass sie sich erinnern muss, bevor sie vergessen darf. Dass es von ihrer Aussage abhängt, ob der Täter gerecht bestraft wird. Sie schreibt auf, was passiert ist, so präzise und detailliert wie möglich. Ihr Mann erfährt aus diesem Gedächtnisprotokoll «Dinge, die ein Mann niemals über seine Frau erfahren sollte», wie es Susanne Preusker ausdrückt. In der Nacht leert er eine ganze Flasche Whiskey, um das Grauen wenigstens ansatzweise zu ertragen. «Ganz schlimm war das», sagt sie, und ihre Stimme ist jetzt kaum noch hörbar, «ganz, ganz schlimm.»
Die heute 52-Jährige ist eine tatkräftige Frau. «Ich war immer eine Macherin», sagt sie. Sie ist blond und auf eine mädchenhafte Weise hübsch. Und wenn sie nicht gerade über das schlimmste Unglück ihres Lebens sprechen muss, blitzt ein Humor auf, der sich nicht um politische Korrektheit schert. Falls es einen Typ Frau gibt, der prädestiniert dafür ist, Opfer zu werden, so gehört Susanne Preusker bestimmt nicht dazu. Man spürt, dass sie den verbalen Schlagabtausch liebt, dass sie gern mitten drin ist statt stille Beobachterin am Rand, ein Alpha-Tier – zumindest bevor das alles passierte. Früher hat sie einige Jahre als Taxifahrerin gearbeitet. Nicht mal während der Nachtschichten habe sie sich jemals bedroht gefühlt, sagt sie.
Die Abteilung in der bayrischen Justizvollzugsanstalt Straubing, in der die Tat geschah – «der Vorfall», wie es Susanne Preusker manchmal noch immer verharmlosend nennt –, hatte die Gefängnispsychologin selbst aufgebaut. «Ich habe das Konzept entwickelt, das Personal ausgesucht, die Wandfarbe gewählt, ja sogar entschieden, wo die Steckdosen hinkommen.» Der Täter K., ein mehrfacher Vergewaltiger und Mörder, war, bevor er ihre Karriere so gnadenlos ruinierte, bei ihr in Therapie. Viereinhalb Jahre lang hatte sie mit ihm über seine Taten gesprochen und darüber, was er den Opfern und ihren Angehörigen angetan hat. «Der konnte das alles auswendig runterbeten.»
Er greift sie mit einem Messer an
Die Reue war offensichtlich nur gespielt. Am 7. April 2009, um 17.15 Uhr, greift K. Susanne Preusker in ihrem Büro mit einem Messer an und zwingt sie zur Herausgabe des Schlüssels. Während sie aus drei Schnittwunden blutet, verschliesst er die Tür von innen und verrammelt sie mit Möbelstücken. Er fesselt Preuskers Hände mit Klebband und knebelt sie mit ihrem Schal. Susanne Preusker weiss, dass sein letztes Opfer an der Knebelung erstickt ist. Sie hat panische Angst davor, sich gleich übergeben zu müssen oder – noch schlimmer – ohnmächtig zu werden. K. zeigt ihr eine mitgebrachte Flasche Sekundenkleber mit langer, sehr dünner Kanüle und droht, ihr damit direkt in die Vene zu spritzen. Dann sagt er: «Ich will von der Sache hier was haben» und vergewaltigt sie während sieben Stunden in jeder erdenklichen Position.
Keines der Sonderkommandos, die das Gefängnis umstellen, wagt es, den Raum zu stürmen. Niemand weiss, welches Martyrium sie in ihrem Büro durchleidet. Irgendwann gibt der Täter von selbst auf, weil er fertig ist mit ihr, weil es nichts mehr gibt, das er mit ihr tun will. Sie überlebt, doch das, was sie «mein altes Leben» nennt, die Existenz als erfolgreiche Psychologin, als Leiterin einer sozialtherapeutischen Abteilung, als gefragte Gutachterin und Dozentin, ist vorbei. Susanne Preusker ist jetzt Opfer.
Das Interview mit ihr findet in ihrer Wohnung in Magdeburg statt. Es ist der einzige Ort, an dem sie sich sicher fühlt. Zwar kann sie inzwischen, zweieinhalb Jahre nach der Tat, wieder in den Supermarkt oder ein Café gehen, ohne von Panikattacken überwältigt zu werden. «Aber ich traue dem Frieden noch nicht.» Zu ihren Füssen liegt Emmi, eine junge Staffordshire-Hündin, die im Sommer 2010 als Welpe aus dem Tierheim zu ihr kam. Es ist kein Zufall, dass Emmi ein Kampfhund ist und kein knuddeliger Labrador. Emmi ist jetzt ihr Bodyguard.
Über die schlimmsten sieben Stunden ihres Lebens und alles, was danach kam, «im Niemandsland zwischen meinem alten Leben und dem neuen, in dem ich mich noch nicht zurechtgefunden hatte», hat Susanne Preusker ein Buch geschrieben *. Es ist ein erschütternder, schonungslos offener Bericht darüber, wie sich das Weiterleben nach einem schweren Trauma anfühlt. Und es ist ein – trotz allem – hoffnungsvolles Buch, denn es zeigt auf, aus welch dramatischen Krisen der Mensch herausfinden kann, vorausgesetzt, er verfügt wie Susanne Preusker über die nötige Portion Löwenmut.
Warum diese grenzenlose Offenheit?
Eigentlich hatte sie das Buch nur für sich selbst verfasst, «um es danach in eine Kiste zu packen und mich dadurch von allem, was passiert ist, distanzieren zu können». Doch dann fragte sie sich, ob ihr Kampf, ihre Suche nach Überlebensstrategien, nicht auch dazu nütze sein könnte, Menschen in ähnlicher Situation zu helfen. Jetzt hat sie alles veröffentlicht, sogar das nach der Tat verfasste Gedächtnisprotokoll, in dem sie die Vergewaltigungen mit sämtlichen Details schildert. Warum diese grenzenlose Offenheit? Sind manche Dinge im Privaten nicht besser aufgehoben? «Nein», widerspricht Susanne Preusker. «Ich habe meine Privatsphäre nicht mit der Veröffentlichung des Buchs verloren, sondern in dem Moment, wo der Täter mich zu seiner Beute machte.» Die Scham, das Nicht-drüber-reden-Wollen, dieses unglaubliche Alleinsein mit ganz furchtbaren Dingen – das sei das Schlimmste überhaupt. «Man sollte sich auf keinen Fall ins Private zurückziehen!»
Susanne Preusker hatte gehört, vergewaltigte Frauen würden stundenlang duschen, um den Schmutz abzuwaschen. Sie selbst duscht nach der Tat ganz normal, so wie immer. Und hat gleichzeitig das diffuse Gefühl, sie mache etwas falsch. Ihr Mann Wolfram und ihr damals 17-jähriger Sohn David aus erster Ehe holen sie ab. Sie wagt es kaum, ihnen in die Augen zu schauen. Wolfram umarmt sie. «Jetzt können wir nicht mehr heiraten», sagt Susanne Preusker. Er sieht sie an, mit festem Blick, ohne sich anmerken zu lassen, wie schockiert er über den Anblick seiner in ihren Grundfesten erschütterten Braut ist, und sagt: «Jetzt erst recht.»
Dieses «Jetzt erst recht» sei für sie ein Signal von bedingungsloser Liebe und Loyalität gewesen. «Egal wie mies du aussiehst, wie beschissen du dich fühlst – ich bleibe bei dir.» Dabei hätte sie selbst als Psychologin einer anderen Frau unbedingt abgeraten, in dieser Situation zu heiraten. «Um Gottes willen, nein, hätte ich gesagt. Und trotzdem war es für uns das Richtige.»
Wolfram. Nach einer zermürbenden Scheidung die neue, die grosse, die vielleicht ewige Liebe einer fast fünfzigjährigen Frau zu einem Mann, von dem sie erst glaubt, ihn nicht verdient zu haben. Glück, Lachen, Leidenschaft, atemberaubender Sex, Heiratsantrag und als Antwort darauf ein halb gelachtes, halb geweintes Jajajajajaja! Aber das war im alten Leben.
Im neuen Leben trifft sich eine auf den engsten Familienkreis geschrumpfte, zutiefst verstörte Hochzeitsgesellschaft in Magdeburg. Erst die Zeremonie auf dem Standesamt, dann ein Essen beim Spanier. Eine bleierne Schwere liegt über allem. Nichts passt, ausser den Maiglöckchen, die die Braut stoisch eingefordert hatte, obwohl sie zu dieser Jahreszeit kaum aufzutreiben sind. Susanne Preusker nimmt kaum wahr, was um sie herum geschieht. «Ich bin da einfach mitgedackelt.» An ihrem Mann hält sie sich fest wie ein Klammeräffchen.
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