Interview

Millennials: «Junge Leute sind nun mal egozentrisch»

Douglas Coupland (55) prägte mit seinem Buch «Generation X» die Diskussion rund um die Nach-Babyboomer. 25 Jahre später sprachen wir mit dem kanadischen Autor über die neue Generation Y.

annabelle: Douglas Coupland, Ihr Roman «Generation X» wurde vor einem Vierteljahrhundert veröffentlicht. Wie hat sich Ihr Leben seither verändert?
DOUGLAS COUPLAND: Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich in zwanzig Jahren eine Frage in ein Suchfeld eintippen und dann Tausende von Antworten darauf erhalten würde, ich hätte es nicht geglaubt. Alle diese technischen Möglichkeiten – grossartig! Ich kann mich heute kaum mehr an mein Vor-Internet-Gehirn erinnern.

Bedauern Sie das?
Nicht unbedingt. Das Internet verändert uns alle, verändert unser Gehirn, unser Denken. Weil wir alle dieselbe Technologie verwenden, mögen wir dasselbe und reden über dasselbe.

Das ist doch furchteinflössend, oder?
Nein, atemberaubend. Denn das Tempo der technologischen Entwicklung verändert nicht nur unser Denken, sondern auch unser Empfinden für die Zeit. Heute scheint es doch, als habe sich die Gegenwart mit der Zukunft vermengt. Für mich war die Zukunft einst etwas Entferntes, heute befinde ich mich mittendrin. Und von diesem Empfinden gibt es kein Zurück mehr, kein Innehalten. Im Gegenteil: Alles wird noch schneller. Es ist, als würden wir konstant auf dem Gaspedal stehen.

Bis das Benzin ausgeht.
Dies wird nicht geschehen, weil die Technologie eben keine Ferien macht. Sie beherrscht längst unser Leben; da ist es egal, ob Sie Ihr Smartphone mal für ein Wochenende ausschalten. Sie können ihr nicht entrinnen.

Diese ständige Beschleunigung des Lebens beeinflusst auch die Generation Y, die Millennials, die als narzisstisch und orientierungslos verschrien sind. Was sagen Sie dazu?
Ach, neunzig Prozent von dem, was man den Millennials vorwirft, definierte auch die Generation X. Vorurteile gegenüber jüngeren Generationen scheinen sich alle zwei Jahrzehnte zu wiederholen. Es ist lustig zu sehen, dass nun mal eine andere Generation etwas abbekommt.

Den Millennials wird vor allem gern vorgeworfen, sie seien zu egozentrisch.
Kann sein. Doch junge Leute sind nun mal egozentrisch, das gehört dazu. Man muss egoistisch sein in diesem Alter. Ich meine, es ist das 17-jährige Ich, das ein paar der wichtigsten Entscheidungen seines Lebens trifft: Wo geht man in die Schule, was isst man, wie bewegt man sich, was lernt man? Eigentlich ist es total verrückt, dass man so jung so viel Verantwortung für das eigene Leben übernehmen muss. Es ist deshalb weniger Egoismus, sondern vielmehr eine Auseinandersetzung mit sich selbst.

Trotzdem: Inwiefern unterscheiden sich Millennials von vorhergehenden Generationen?
Sie sind politisch bewusster und sehr schlau. Das gibt mir viel Hoffnung. Ihr Jungen wisst, was eure Rechte sind, wie ihr euch dafür einsetzen und etwas verändern könnt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie dumm wir früher waren.

Dumm?
Wir waren unbeholfen. Unter den Babyboomern und der Generation X gab es sehr wohl Leute, die progressiv dachten, aber sie waren gefangen in einer Welt ohne Smartphones und Internet. Wir waren technisch unwissend, konnten uns nicht global vernetzen. Für mich markiert die Occupy-Wall-Street-Bewegung das Erwachen der Millennials. Sie verstanden: Wir haben diese digitalen Mittel – die können wir nutzen. Wie alt sind Sie?

26.
Wunderbar. Ich würde Ihnen am liebsten einen Chip in den Kopf einpflanzen, Sie das Leben lang verfolgen und sehen, was aus Ihnen wird.

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Interview: Kerstin Hasse; Foto: Jean Goldsmith/Getty Images

Kerstin Hasse

Die Junior Editor im Reporterteam findet Menschen und ihre Geschichten spannend. Egal ob die Geschichte traurig oder schön, klein oder gross ist – sie erzählt sie gern.

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