Interview Ernst Peter Fischer

28 Fragen rund um die Nacht

Interview: Claudia Senn; Fotos: Gian Paul Lozza

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Die Bilder in dieser Geschichte stammen aus der Serie «Somnium» des Schweizer Fotografen Gian Paul Lozza, aufgenommen bei Vollmond. Hier zu sehen: Bernina Pass, Schweiz

Hiroshima, Japan

Kyoto, Japan

Nara, Japan

Frankreich

«Die Nacht ist die schönere Halbzeit», sagt der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer. Vorausgesetzt, man erkennt ihre verborgenen Möglichkeiten. 

annabelle: Ernst Peter Fischer, Sie sind ein Fan der Nacht. Woher kommt Ihre Passion für die Dunkelheit?
Ernst Peter Fischer: Als Physiker habe ich mein Leben lang geglaubt, das Licht der Aufklärung offenbare uns die Geheimnisse des Lebens. Doch seit ich über die Nacht nachdenke, habe ich gemerkt, dass uns das Starren auf das Licht bestenfalls die Hälfte zeigt.

Was meinen Sie damit?
Die Nacht bietet nicht bloss Erholung für den Körper, sondern sie ist eine Zeit voller Potenzial und verborgener Möglichkeiten. In der Stille der Nacht sind wir befreit von den Pflichten des Tages und können herausfinden, wer wir sind und was wir wirklich wollen. Die Nacht ist ein Refugium, in dem wir zu uns selbst kommen. So gesehen ist sie die schönere Halbzeit des Lebens. Doch leider können wir einander im Dunkeln so schlecht sehen, deshalb denken wir, die Nacht sei gefährlich. Diesen schlechten Ruf hat sie nicht verdient!

Gibt es für unsere Angst vor der Dunkelheit nicht gute Gründe?
Als Augenmenschen sind wir darauf gedrillt, uns optisch zu orientieren. Versagen die Augen ihren Dienst, fühlen wir uns sofort unbehaglich. Diesen Warnmechanismus hat uns die Evolution eingebaut. Doch die Nacht ist nicht nur die Zeit, in der man vor finsteren Gestalten Angst haben muss, sie birgt auch Freiheiten. Im Mittelalter etwa konnten die Menschen den Geliebten oft erst im Dunkeln in die Arme schliessen, heimlich, hinter der Friedhofsmauer. Die Nacht war der Schutz der Liebenden – und sie ist es bis heute.

Schätzen wir die Nacht nicht genug?
Wir sind uns nicht bewusst, wie sehr sie unsere Existenz durchdringt. Schon die Zeugung findet im Dunkeln statt, tief im Inneren des Körpers, und nach dem Tod kehren wir ins Dunkel zurück. Im Grunde genommen ist unser Leben nur ein kurzes Aufblitzen zwischen zwei Dunkelheiten.

Warum wird es überhaupt Nacht?
Die Nacht ist der Schatten der Erde. Ich liebe diesen Satz. Auch die Bildhauerin Vera Röhm fand ihn so wunderschön, dass sie ihn in 66 Sprachen in 66 schwarze Steinblöcke meisseln liess.

Wie würde unser Leben aussehen, wenn es keine Nacht gäbe?
Wenn wir auf einem Planeten lebten, der sich nicht drehte, dann wäre die eine Seite immer hell und die andere immer dunkel. Wo würde sich wohl das Leben entwickeln? Nicht zwingend auf der hellen. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass die ersten Organismen auf der Erde in der Tiefe der Ozeane entstanden sind. Die Dunkelheit bleibt also für Überraschungen gut.

Wie viele Sterne sehen wir nachts am Himmel?
Galilei hat mal mit dem Fernrohr gezählt und ist auf etwa 5000 gekommen. Aber in Wirklichkeit sind es natürlich viel mehr. Astronomen schätzen die Gesamtzahl im Kosmos auf etwa 10 hoch 22: In 100 Milliarden Galaxien gibt es jeweils 100 Milliarden Sterne – eine unvorstellbare Anzahl.

Viele davon sind schon seit Ewigkeiten erloschen.
Ja, wer den Himmel beobachtet, sieht die Sterne nicht so, wie sie jetzt aussehen, sondern so, wie sie ausgesehen haben, als das Licht auf die Reise ging, das heute unser Auge erreicht. Wir sehen die Sonne, wie sie vor einigen Minuten ausgesehen hat, den Polarstern, wie er vor einigen Jahren ausgesehen hat, und den Andromeda-Nebel, wie er vor Millionen von Jahren ausgesehen hat.

Wir blicken also immer in die Vergangenheit?
So ist es. Sie können gar nicht in den Raum schauen, ohne auch in die Zeit zu blicken. Das gehört zusammen. Auf dieser Erkenntnis hat Albert Einstein seine Relativitätstheorie begründet. Selbst hier, wo Sie mir gegenübersitzen, sehe ich Sie nicht so, wie Sie jetzt sind, sondern so, wie Sie vor zehn hoch minus zwölf Sekunden waren. Wir schauen immer nur in die Vergangenheit, dabei würden wir so gern in die Zukunft blicken.

Wer übernimmt die Oberhand, wenn Sie den Nachthimmel beobachten: der Physiker oder der Romantiker in Ihnen?
Haben Sie schon mal in der Wüste unterm Sternenhimmel geschlafen? Ein unglaubliches Erlebnis. Wenn Sie auf der Erde liegen und die unendliche Weite der Sphären über sich betrachten, da können Sie nur staunen und ganz demütig und bescheiden werden. Das ging schon den griechischen Astronomen, Philosophen und Physikern so, die im 5. und 6. Jahrhundert vor Christus angefangen haben, über die Welt nachzudenken. Deshalb glaube ich, dass die ästhetische Erfahrung des Nachthimmels die eigentliche Quelle der moralischen Inspiration ist. Unterm Sternenhimmel erleben wir, dass es etwas Grösseres gibt als uns selbst.

Wenn es so ist, wie Sie sagen, was bedeutet es dann, dass es immer weniger dunkle Orte gibt, an denen man die Sterne überhaupt sehen kann?
Vielleicht werden die Menschen auch deshalb radikaler, rüpelhafter und skrupelloser. Das Erlebnis der Nacht trägt zu unserem moralischen Empfinden bei, da bin ich mir ganz sicher. Deshalb müssen wir die Dunkelheit retten, wenn es sein muss sogar mit Schutzzonen, in denen Lichtverbot herrscht.

Die Nasa hat mit Aufnahmen aus dem All dokumentiert, wie gleissend hell unsere Städte nachts leuchten. Wo kann man denn überhaupt noch wahre Dunkelheit erleben?
Die Internationale Gesellschaft zum Schutz des dunklen Nachthimmels hat den Himmel über einem 700 Quadratkilometer grossen Gebiet auf der Iveragh Peninsula im südwestlichen Irland zum schwärzesten und reinsten, also am wenigsten lichtverschmutzten Himmel Europas erklärt. Auch im ostdeutschen Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine dunkle Stelle. Die Tourismusbehörden werben dort schon damit, dass man den Sternenhimmel so toll sehen kann.

Hat der Vollmond eine Wirkung auf den Menschen?
Nur auf Verliebte, weil er ihnen nachts auf dem Hügel im Wald die romantische Stimmung liefert. Viele Menschen behaupten, sie schlafen dann schlechter. Aber das lässt sich wissenschaftlich nicht erhärten.

Weshalb träumen wir?
Das Gehirn räumt im Traum auf und sortiert die wichtigen und die unwichtigen Eindrücke des Tages. Eigentlich handelt es sich bloss um zahlreiche einzelne Erinnerungsbilder, doch das Gehirn versucht automatisch, diese Bilder in einen Zusammenhang zu bringen und daraus eine Geschichte zu konstruieren, die sich erzählen lässt. Das nennt man dann einen Traum.

Diese zufällig kombinierten Erinnerungsfetzen haben also keine tiefere Bedeutung?
Nein, eine grosse Planung steht da nicht dahinter. Traumdeutung halte ich deshalb für eine höchst nebulöse Angelegenheit.

Manche Leute behaupten, sie träumten nie.
Sie erinnern sich bloss nicht an die Nervenaktivität, die in ihrem Gehirn mit Sicherheit stattgefunden hat. Der Geist ist immer wach, immer rege. Unser Schlaf ist in mehrere 90-Minuten-Zyklen aus Leichtschlaf, Tiefschlaf und REM-Phase unterteilt, in der die bizarrsten Träume entstehen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die menschliche Aufmerksamkeitsspanne ebenfalls 90 Minuten lang ist. Fussballspiele dauern 90 Minuten, Theaterstücke, Kinofilme, akademische Vorträge. Nur Wagner-Opern sind vier Stunden lang, das macht einen ja völlig fertig.

Wie ist das Wort Nachtleben entstanden?
Es stammt aus der Barockzeit, als man anfing, die Schlösser künstlich zu beleuchten, um dort nächtliche Feste zu feiern. Das war auch der Beginn der Kneipenkultur, die Menschen mussten auf dem langen Weg zu den Schlössern ja irgendwo einkehren und Pause machen.

Hat sich unser Schlafverhalten mit der Erfindung des künstlichen Lichts verändert?
Absolut. Bevor es künstliches Licht gab, schliefen die Menschen in zwei Phasen. Nach getaner Arbeit ging man um sieben oder acht Uhr zu Bett und schlief für ein paar Stunden. Gegen Mitternacht wachten die Leute auf, assen etwas oder widmeten sich dem Beten oder dem Beischlaf, um sich dann um zwei Uhr noch einmal hinzulegen.

Würden wir zu diesem zweiphasigen Schlaf zurückkehren, wenn wir auf künstliches Licht verzichteten?
Ich glaube, ja. Menschen, die im Rahmen von Experimenten ohne künstliches Licht lebten, nahmen mit der Zeit immer diesen Schlafrhythmus an. Viele sagten, dass sie sich morgens ausgesprochen frisch und erholt fühlten. Mir gefällt die Idee, dass man die Nacht auch flexibel gestalten kann. Ich werde oft um drei Uhr nachts wach, weil ich schon älter bin. Dann gucke ich amerikanische Baseballspiele im Fernsehen oder gehe spazieren – ein fantastisches Naturerlebnis, man sieht ganz andere Tiere als tagsüber. Haben Sie keine Angst vor der Nacht. Versuchen Sie, sie für sich zu gewinnen.

Das Bett betrachten wir als Hort der Privatsphäre, den wir höchstens mit dem Partner oder den Kindern teilen. War das schon immer so?
Keineswegs. Bis zum 18. Jahrhundert schliefen alle Menschen eines Haushalts in einem Bett, auch die Dienstboten. Erst da begann sich in der Oberschicht der Wunsch nach nächtlicher Privatsphäre durchzusetzen. Im Gastgewerbe mussten sich selbst Gutsituierte noch bis ins 19. Jahrhundert das Bett mit anderen teilen. Daher stammt auch das Wort Bettgenosse. Der Bettgenosse war nicht der Geliebte, sondern der, den Ihnen der Wirt mit aufs Zimmer legte.

Warum können sich Teenager morgens kaum aus dem Bett quälen?
Das schlaffördernde Hormon Melatonin wird bei Jugendlichen erst viel später freigesetzt als bei Erwachsenen, deshalb sind sie abends nicht müde und kommen dafür morgens kaum aus dem Bett. Ich kann nur darüber spekulieren, warum die Evolution das so eingerichtet hat. Vielleicht war es in der Steinzeit praktisch, wenn die nervigen Pubertierenden vormittags noch schliefen und die Erwachsenen in Ruhe die Arbeit erledigen konnten.

Was geschieht, wenn man einen Menschen dauerhaft am Schlafen hindert?
Er dreht völlig durch, verliert irgendwann jedes Gedächtnis, jede Orientierung, wird bösartig und krank. Das Immunsystem bricht zusammen. Ein Gehirn, das die Eindrücke des Tages nicht beim Träumen aufräumen kann, gleicht immer mehr der Wohnung eines Totalmessis.

Seit wann gibt es die moderne Schlafforschung?
Bis zum Ersten Weltkrieg dachte man, dass der Schlaf die Menschen einfach überkommt und ihr Gehirn dabei so gut wie abgeschaltet sei. Doch ab etwa 1915 wurde Europa von einer rätselhaften Epidemie heimgesucht, der Encephalitis lethargica, vermutlich eine Virusinfektion. Die Betroffenen litten unter übelsten Schlafstörungen. Der Wiener Arzt Baron Constantin von Economo fand heraus, dass im Gehirn der Kranken ein Teil der Nervenzellen des Hypothalamus abgestorben war. Im Verlauf der weiteren Untersuchungen erkannten die Mediziner, dass Schlaf ein Zustand ist, den das Gehirn in komplexen, aufeinander abgestimmten Schritten einleitet. Doch erst die Erfindung der Elektroenzephalografie (EEG) 1924, mit der man die elektrische Aktivität des Gehirns messen kann, machte es möglich, die einzelnen Schlafphasen voneinander zu unterscheiden.

Ausgerechnet zur Happy Hour um 19 Uhr kann der Körper Alkohol am schnellsten abbauen. Zufall?
Da hat sich die Kultur des Menschen an seine Natur angepasst, sodass die Happy Hour ein Genuss ohne Reue sein kann.

Laut Statistik ist 23 Uhr die beliebteste Zeit für Sex. Ist es auch die beste?
Nein, die Morgenstunden, in denen der Testosteronspiegel höher ist, wären dazu viel besser geeignet. Paaren mit Kinderwunsch wird von Experten oft dazu geraten, es in den trägen, ruhig dahinfliessenden Stunden nach dem Mittagessen zu versuchen, weil dann die Samenqualität am höchsten ist. Aber dann sind ja leider alle im Büro. Zahnarzttermine sollte man übrigens auch auf den Nachmittag legen. Man ist dann deutlich weniger schmerzempfindlich als am Vormittag. Und am späten Nachmittag ist die richtige Zeit fürs Fitnessstudio, weil dann die Muskeln kräftiger und die Gelenke flexibler sind. Man kann zu dieser Zeit zwanzig Prozent mehr Muskeln aufbauen als sonst.

Stimmt es, dass Zugvögel auf ihrer Reise in den Süden auch im Fliegen schlafen?
Manche, ja. Albatrosse zum Beispiel bleiben manchmal tagelang in der Luft. Oft gleiten sie mehr, als sie fliegen, und machen dabei ein Nickerchen. Ihr Gehirn ist in der Lage, sogenannte Mikroschlafepisoden einzuleiten, wenn die Gelegenheit gerade günstig ist. Und sie kennen auch den Halbseitenschlaf, bei dem eine Hirnhemisphäre quasi abgeschaltet wird, während die andere wach bleibt. Delfine, Wale und Robben können das auch. Ich bin überzeugt, dass Menschen beim Dösen etwas Ähnliches tun.

Wir schalten Teile unseres Gehirns in einen Schlummermodus?
Vermutlich, ja. Aber das ist noch nicht genau untersucht. Das Gehirn braucht eben ab und zu mal Leere. Der Müssiggang ist deshalb nicht etwa aller Laster Anfang, wie von Puritanern behauptet, sondern vielmehr der Beginn des kreativen Handelns. Die Kreativität kommt aus der Dunkelheit, aus dem Nichtstun.

Warum wachen wir morgens wieder auf, sogar in einem verdunkelten Zimmer?
Das Aufwachen ist wie auch das Einschlafen ein komplexer Vorgang, bei dem das Gehirn das Erregungssystem mithilfe verschiedener Hormone wieder hochfährt, sodass die Kräfte zurückkommen, die Muskeln bereitstehen und der Tag beginnen kann. Ich habe jahrelang in Kalifornien gelebt, wo ich nach dem Aufwachen immer die Sonne über der Stadt aufgehen sah. Ein absolutes Glücksgefühl! In gewisser Weise steckte darin schon die Vorfreude auf die nächste Nacht.

Der Wissenschaftserklärer

Der Deutsche Ernst Peter Fischer (69) ist studierter Mathematiker, diplomierter Physiker, promovierter Biologe und habilitierter Wissenschaftshistoriker. Er lehrte an den Universitäten von Konstanz und Heidelberg und hat zahlreiche populärwissenschaftliche Sachbücher verfasst, darunter das 2015 im Siedler-Verlag erschienene «Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit». Fischer hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit seiner Frau in Heidelberg.

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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