Interview mit Ulrich Seidl

Abschuss fürs Familienalbum

Text: Mathias Heybrock; Foto: Sepp Dreissinger / Ulrich Seidl Filmverleih 

e
f

«Sie sehen ihr eigenes Tun, und das halten sie für richtig»: In seinem neuen Film «Safari» porträtiert Ulrich Seidl Jagdtouristen in Afrika.

In unserer schnell erregbaren Zeit ist Ulrich Seidl der Mann der Stunde: Der Regisseur macht schonungslose Filme – ohne zu verurteilen.

Ulrich Seidl, ganz in Schwarz gekleidet, betritt den leicht sterilen Besprechungsraum im Zürcher Hotel Widder. Der 64-jährige Österreicher ist klein gewachsen, sein Händedruck sanft, seine Stimme leise. Dieser scheu wirkende Mann ist einer der aussergewöhnlichsten Regisseure im deutschsprachigen Raum.

Wir leben in einer Zeit der Empörung. Die Linke empört sich über die Rechte, Veganer über Fleischesser. Was einem nicht gefällt, wird abgelehnt, und zwar total. Die Sprache wird immer gemeiner, die gesellschaftlichen Gräben werden immer tiefer.

Seidl, verheiratet, Vater zweier Kinder, empört sich nie. Er begleitet platinblonde Frauen mit grossem Busen und kleinem Verstand, die sich für ihren Traumberuf bereitwillig demütigen lassen («Models»). Er trifft Hundehalter, deren Tierliebe eine verstörende sexuelle Komponente hat («Tierische Liebe»). Er blickt in die Keller von Durchschnittsbürgern – und sieht Männerrunden, die inmitten von Nazi-Nippes ein Prosit auf die Gemütlichkeit anstimmen («Im Keller»).

Seidl schaut sich das jeweils an, genau, schonungslos und durchaus mit Sinn für die bizarre Komik, die im Gezeigten liegt. Aber eben nie unbarmherzig und voller Verachtung.

Jetzt hat sich der Regisseur der Grosswildjagd gewidmet: In «Safari» porträtiert er Jagdurlauber in Namibia, wo sie in ausgewiesenen Reservaten Tiere schiessen dürfen. Seidl lässt sie über Preise reden, der Abschuss eines Wasserbüffels kostet 1400 Euro. Er hört ihnen zu, wie sie über ihr Lieblingsgewehr räsonieren. Seidl ist direkt hinter ihnen, wenn sie auf die Pirsch gehen, auf der die einheimischen Jagdführer das Wild für die Jagdtouristen aufspüren. Wir sehen sie nacheinander ein Gnu, ein Zebra und eine Giraffe schiessen – der Tod der Giraffe ist ein besonders herzzerreissender Moment. Dann folgt jeweils die Stille nach dem Schuss. Sie füllt sich mit seltsamen, hochgradig libidinösen Szenen.

Für Jagdbefürworter wie Jagdgegner ist «Safari» ein gefundenes Fressen. Die einen schäumen, hier würden Jäger vorgeführt. Die anderen möchten nicht nur die Jagd am liebsten verbieten – sondern auch alle Filme, die sie nicht eindeutig verteufeln. In den Social Media geht es hoch her, der österreichische Verleih des Films musste auf Facebook an die «gute Kinderstube» aller Beteiligten gemahnen.

Ulrich Seidl ficht das nicht an. Er bleibt bei seinem Stil, der so hervorragend geeignet ist, etwas zu lehren, das uns allmählich abhandenzukommen droht – diskursive Toleranz. Unser Interview findet während des Zurich Film Festival statt, für das der Regisseur in die Stadt gekommen ist. Seidl setzt sich, trinkt einen Schluck Wasser und antwortet bedächtig in hübschester Wiener Sprachmelodie.

annabelle: Ulrich Seidl, Sie haben einmal gesagt, Sie arbeiten nur mit Menschen, die Sie auch interessieren. Wenn man sich Ihre Filme so anschaut: Gibt es überhaupt Menschen, die Sie nicht interessieren?
ULRICH SEIDL: Ja, schon. Nämlich all jene, zu denen ich kein Spannungsverhältnis spüre, die mich nicht reizen, die mich nicht zu Fragen verführen. Menschen, zu denen ich schon eine Meinung habe, will ich nicht vor meine Kamera stellen.

Sie suchen bewusst die Diskrepanz?
Genau. Ich bin selbst kein Jäger, ich würde nie auf die Idee kommen zu jagen. Aber wenn ich einen Film wie «Safari» mache, will ich wissen: Was treibt diese Leute zum Töten? Was geht in ihnen vor? Darauf lasse ich mich dann ein.

Das tun nicht alle. Jagdgegner zum Beispiel nicht.
Ich weiss natürlich, dass die Jagd ein Reizthema ist. Ich finde es aber falsch zu sagen, ich bin ein Jagdgegner, also mache ich einen Film gegen die Jagd. Das ist billig, das kann man vielleicht als Fernsehbeitrag machen, aber doch nicht im Kino. Ich versuche, nicht zu beurteilen und nicht zu verurteilen. Der Zuschauer soll seine Haltung selbst entwickeln. Ich bin da Optimist, ich glaube an den mündigen Zuschauer.

Die Grosswildjäger, die Sie porträtieren, rechtfertigen ihr Tun: Kontrollierter Abschuss nützt dem Artenschutz, weil er dem unkontrollierten Wildern Einhalt gebietet. Nur alte Tiere werden geschossen. Die Jagd bringt jede Menge Geld ins Land und schafft Arbeitsplätze. Stimmen die Argumente?
In den Ohren derjenigen, die sich rechtfertigen, stimmen sie. Deswegen waren ja auch alle meine Protagonisten sehr zufrieden, als sie den fertigen Film gesehen haben. Weil sie sich so dargestellt sehen, wie sie sich selbst sehen.

Und in den Ohren desjenigen, der sie gefilmt hat?
Also, wenn man sich den Film genau anschaut, merkt man ja schon, dass ich nicht unbedingt auf der Seite der Jagd stehe. Ich formuliere das aber nicht verbal, sondern indirekt, über die Gestaltung.

Einmal zeigen Sie eine Angestellte auf einer Ranch, auf die die Jagdtouristen kommen, sie arbeitet als Zimmermädchen. Sie bitten die schwarze Frau, sich mitten in eine Wand voller ausgestopfter Tierköpfe zu stellen. Sie wirkt dort selbst wie eine Trophäe, ein Mitbringsel aus den Kolonien.
Genau.

Mich wundert, dass die Jagdtouristen da nicht zusammenzucken. Sie sehen dieses Bild ja auch.
Sie sehen offenbar etwas anderes. Sie sehen ihr eigenes Tun, und das halten sie für richtig. Sie hören ihre eigenen Worte, und die halten sie für richtig.

Dreimal werden wir im Film Zeuge einer erfolgreichen Jagd. Wenn der tödliche Schuss gefallen ist, werden die Männer jeweils völlig irre. Was geschieht da?
Das ist offenbar dieser Kitzel, das, was man die Jagdlust nennt. Erst diese Spannung auf der Pirsch, ob da ein Tier ist. Dann die Aufgabe, es zu treffen. Und schliesslich die Erleichterung, der Spannungsabfall – das ist dann wie ein Orgasmus. Nach dem Schuss kommt es häufig zu Intimitäten zwischen den Jägern, Umarmungen, Schulterklopfen, Tränen der Freude, des Glücks. Es ist absurd, dass man sich menschlich näherkommt, weil man ein Tier schiesst.

Aber keiner sagt: Am lebendigsten fühle ich mich, wenn ich ein Leben genommen habe.
Weil jeder weiss, dass man das nicht sagen darf. Töten ist stark tabuisiert. Deswegen heisst das Tier in der Jägersprache Stück. Sein Blut heisst nicht Blut, sondern Schweiss. Und der Schweiss, also das Blut, wird nach dem Schuss sorgfältig entfernt, wenn das Trophäenfoto gemacht wird, das man dann mit nachhause nimmt.

In vielen Ihrer Filme geht es um seltsame sexuelle Spielarten. War Ihnen von Anfang an klar, dass Ihnen dieses Thema hier wieder begegnen würde?
Bei der Konzeption noch nicht. Aber als ich das erste Mal bei einer Jagd dabei war, habe ich es sofort bemerkt.

Empfinden Sie es nicht als anstrengend, dass Ihre Arbeit so stark polarisiert?
Es treibt mich eher an. Früher war die Ablehnung ja viel vehementer. Heute ist meine Stellung eine ganz andere. Die Anfeindungen im Internet schaue ich mir gar nicht an. Wär schad um meine Zeit.

Hätten Sie nicht Lust, mal zurückzuschlagen, so richtig in die Vollen zu gehen?
Was macht das denn für einen Sinn? Ich möchte ja den Dingen auf den Grund gehen, gewisse Wahrheiten herausfinden, von denen ich natürlich weiss, dass sie nie absolut sind. Wenn Sie mich jetzt fragen, was meine Erkenntnis bei «Safari» ist: Ich habe wieder viel gesehen. Von den Menschen und vom Leben.

Und? Macht Sie das zugewandter gegenüber unserer Spezies?
Eigentlich eher nicht.

Ab 8.12. in den Schweizer Kinos: «Safari» von Ulrich Seidl – mit deutschen und österreichischen Jagdtouristen, die in Namibia auf Grosswildjagd gehen.

Empfehlungen der Redaktion

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox