Der bewegte Mann

Der Affe in uns

Text: Sven Broder; Foto: iStock / Thomas Vogel

Reportage-Chef Sven Broder über archetypisches Verhalten – nicht nur bei Männern.

Typisch Frau. Wer in solch vermeintlich archaischen Mustern denkt, steht schnell auf verlorenem Posten. Ist die Versuchsanordnung jedoch mal umgekehrt, liegt keine biologistische Gender-Schublade zu tief, um Männlein darin zu versorgen. Nehmen wir Fussballtrainer Jogi Löw und das mustergültigste Beispiel der letzten Monate einer vermeintlich archetypisch- maskulinen Verhaltensweise: das Kraulen der Eier und anschliessende Beschnuppern der Finger. Alle Kommentatoren waren sich einig: typisch Mann. «Eine alte Angewohnheit aus Primatenzeiten», schrieb «Vice»-Redaktorin Christine Kewitz unter dem Titel «Darum riechen so viele Männer gern an ihren Genitalien».

Nun möchte ich Frau Kewitz gar nicht widersprechen und auch nicht Lukas Podolski, der des Bundestrainers Griff ins Juwelenabteil beim EM-Spiel gegen Polen rechtfertigte mit dem Hinweis, achtzig Prozent der Männer täten dies – und zwar immer wieder. Im Grunde werden sie vermutlich sogar recht haben. Mein vorpubertärer Sohn ist jedenfalls nicht der Erste in der männlichen Erbfolge der Familie Broder – und auch nicht der Letzte –, der sich schon einen «Spass» daraus machte, sich an die Finger zu furzen, bevor er diese sich und anderen unter die Nase hielt. Aber – und hier kommt das grosse Aber: Ich habe das Glück, auch eine kleine Tochter zu haben – und der oft ein wenig strenge Duft an ihren Fingern stammt garantiert nicht von den Fischstäbchen.

Der Unterschied zwischen Mann und Frau dürfte also auch hier kein zoologischer, sondern, wenn überhaupt, ein anerzogener sein: Dem Buben wird sein affiges Getue jahrelang verziehen, ja, oft sogar für urlustig befunden, während man Mädchen dafür ausnahmslos rügt, weil Frauen so was eben nicht tun. Nie. Als wäre das triebgesteuert Grauslige dem Männlichen vorbehalten, weil ihm evolutionsbedingt eben noch ein Stück Urfarn im Brustfell hängt. Gerecht wird man damit beiden Geschlechtern nicht.

In letzter Konsequenz führt das dann dazu, dass ein Mann wie Jogi Löw – wahrlich kein ungehobelter Kerl – sich mal kurz vergisst und dann zur Strafe öffentlich grilliert wird auf dem Rost der Unkultiviertheit. Im Gegenzug ist Frau in ihrem Bestreben, alles vermeintlich Primatenhafte in ihrem Leben zu verleugnen, unterdessen an einem Punkt angelangt, wo sie auf Toiletten aus Scham vor der Toilettennachbarin die Schüssel mit WC-Papier auslegt, damit es nicht so peinlich plumps macht, wenns runterfällt.

Okay, schön und gut, werden Sie sich nun sagen, aber was heisst das jetzt; dass sich nun einfach alle, Mann und Frau, aufführen sollen, wie ihnen die Primatengene stehen? Nö, lieber nicht. Aber muss einem die Welt der vermeintlich ach so Zivilisierten immer gleich jegliche Kultiviertheit absprechen, wenn mal die Natur mit einem durchgeht – und wir reden da von Eierkratzen, Nasenbohren und, ja, auch von Bluttropfen auf dem Slip, wofür Frau ja nun wirklich nichts kann. Was affig ist und was nicht, ist nämlich gar nicht immer so eindeutig. Man kann sich zum Beispiel fragen, was denn bitteschön grausliger ist, einen Nasenböögg zu essen oder sich von einem süssen Hundchen das Gesicht ablecken zu lassen. Letzteres stellen Männchen und Frauchen heute auf Instagram – und kriegen dafür Likes im Dutzend – obwohl sich jeder leicht ausmalen kann, woran des Hundchens Zunge zuvor gerade geleckt hat. 

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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