Letzte Hoffnung auf ein Wiedersehen

Auf der Flucht verschollen

Text: Matteo Fagotto, Fotos: Matilde Gattoni

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Emilienne Nana an ihre Enkelin Laura Keutchakeu:

«Meine liebe kleine Laura, mit grosser Freude schreibe ich dir diesen Brief. Sei glücklich, meinen Segen hast du. Ich wünsche dir ein langes Leben und Mut für alles, was du brauchst. Ein gutes und glückliches Jahr wünscht dir deine Grossmutter. Küsschen Küsschen.» (11. 12. 2016)

 

Was bleibt: Das Foto von sich und ihrer Enkelin Laura Keutchakeu ist für Emilienne Nana ein wichtiges Erinnerungsstück

Adonise Tchokonte an ihren Bruder Joseph Kevin Ndeule:

«Lieber Bruder Ndeule Joseph Kevin Ich bins, deine grosse Schwester Adonise. Ich weiss, dass du uns sehr liebst, und auch wir lieben dich. Bitte, du tust uns weh und besonders Mama, die einen Schlaganfall gehabt hat; sie ist sehr krank, weil du weg bist, es geht ihr nicht gut seit deiner Abreise. Komm bitte zurück, egal was passiert ist, wir haben es schon vergessen. Komm bitte zurück, ich bitte dich darum. Wir lieben dich so sehr, mein lieber kleiner Bruder. Adonise.» (Ke Douala, 12. 12. 2016)

Alphonse Fomtse an seine Tochter Joel Kevin Fomtse:

«Meine Liebe, es sind Leute zu uns nachhause gekommen, um mich zu interviewen wegen dir; ich wünsche mir ein Lebenszeichen von dir; deine Mama und wir sind verzweifelt; sei so lieb, gib ein Lebenszeichen, wo immer du bist. Ich liebe dich sehr, dein lieber Vater» (10. 12. 2016)

 

«Mein Geist ist der eines erschöpften Mannes»: Alphonse Fomtse mit seinem jüngsten Sohn

Emilia Ngabi an ihren Bruder Leonge Ngabi:

«Lieber Leonge Leonge, ich glaube immer noch nicht, dass du tot bist; trotz all den Nachrichten von deinen Freunden und in den Social Media warten wir, deine Familie, immer noch und brauchen dich in unserem Leben. Wir lieben dich sehr, weil du für mich wie ein Vater bist. Ich verwende das Wort ‹bist›, weil ich immer noch glaube, dass du am Leben bist. Ich bins, Emilia, deine Schwester, ich bin hier mit Obase und der ganzen Familie, wir lieben dich.»

 

«Du kannst nicht glauben, dass dein Bruder tot ist, wenn du seine Leiche nicht gesehen hast»: Emilia Ngabi im Wohnzimmer ihres Onkels

Nancy Joyce Fanke an ihren Mann David Fongang:

«Fongang David, das ist von deiner Frau in Kamerun. Baby, wenn du diese Nachricht hörst, gib mir ein Zeichen. Baby, du fehlst mir so sehr, und wir alle lieben dich von ganzem Herzen. Komm zurück zu uns ganz schnell.»

 

«Ich allein muss dafür sorgen, dass die Kinder etwas zu essen haben und in die Schule gehen können»: Nancy Joyce Fanke mit Tochter und Sohn

Lady Njoya an ihren Mann Ismael Njoya:

«Guten Tag mein lieber Geliebter, ich schreibe dir, um dir zu sagen, wie sehr du uns fehlst. Die Kinder und ich sind gesund, und wir wohnen jetzt in Douala, weil deine Familie uns im Stich gelassen hat, nachdem du weg warst. Unsere Kinder kommen jetzt in die nächste Klasse und fragen jeden Tag nach Neuigkeiten von dir. Mein Lieber, du fehlst mir enorm. Deine Frau Lady» (Douala, 11.12.2016)

 

«Ich habe immer gewusst, dass er eines Tages fortgehen wird»: Lady Njoya

Töchter, Brüder, Ehemänner: Hunderttausende Afrikanerinnen und Afrikaner verschwinden auf der gefährlichen Flucht nach Europa – oder tauchen unter. Sechs Angehörige erzählen uns von der unerträglichen Ungewissheit. Weil es für sie die letzte Hoffnung ist, ihre Liebsten zu finden.

«Du weisst, wie sehr ich dich geliebt habe, meine Tochter. Warum tust du mir das an? Wir vermissen dich wahnsinnig. Gib uns ein Lebenszeichen!»

Jedes Jahr machen sich Hunderttausende Afrikanerinnen und Afrikaner auf die gefährliche Reise nach Europa, um dem Elend in ihren Ländern zu entkommen und das vermeintliche Eldorado ihrer Träume zu finden. Wir bezeichnen sie als Migranten oder als Wirtschaftsflüchtlinge und vergessen dabei oft, dass sie in erster Linie Geschwister, Ehemänner oder Kinder von jemandem sind. Tausende von ihnen sterben während der Reise. Andere verschwinden unterwegs oder tauchen unter und verdammen ihre Liebsten zu einem Schwebezustand zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Dies sind die Geschichten von sechs Angehörigen aus Kamerun, deren Leben durch solche Tragödien zerrüttet worden ist. Erschöpft und demoralisiert nach jahrelangem Warten, haben sie dem italienischen Reporter Matteo Fagotto und der Fotografin Matilde Gattoni ihre Qualen anvertraut und versuchen nun auf diesem Weg, ihre Lieben wiederzufinden. Es ist ihre letzte Hoffnung.

 

Angehörige: Emilienne Nana, 73 Jahre alt
Verschollen: Laura Keutchakeu (Enkelin)
Seit: Dezember 2015
Gegenwärtiges Alter: 23
Herkunft: New Bell, Douala

«Wir Afrikaner glauben, in Europa gibt es so viel Geld, dass man sich nur danach zu bücken braucht. Wir sind uns nicht bewusst, dass man auch dort sein Essen im Schweisse seines Angesichts verdienen muss.» Als ihre Enkelin Laura Keutchakeu vor zwölf Jahren mit einem Verwandten Kamerun verliess, um in Frankreich zu leben und in die Schule zu gehen, war Emilienne Nana zwar traurig, freute sich aber auch für ihren «kleinen Liebling». Sie hatte Laura aufgezogen, seit diese ein Kleinkind war. «Frankreich ist nicht jedermanns Sache», sagt sie immer wieder – so also wolle sie den Wagemut ihrer Enkelin betonen.

«Zuerst ging alles gut. Sie schloss das Gymnasium ab und hatte ein Kind mit einem Franzosen. Aber vor drei Jahren hat der ihr das Kind weggenommen.» Seither, erzählt Nana, sei das Leben ihrer Enkelin so kaputt, dass der Kontakt zwischen ihnen abgebrochen sei. «Soweit ich weiss, vegetiert sie in einem Abbruchhaus. Sie kann nie länger als zwei, drei Wochen hintereinander arbeiten», sagt die alte Frau, und ihre Stimme verdüstert sich, je detaillierter sie vom Elend ihrer Enkelin erzählt. «Das letzte Mal hat sie mich vor einem Jahr angerufen. Sie sagte: ‹Oma, ich rufe dich deswegen nicht an, weil das Leben hier nicht gut ist.»

Freude zeigt Nana einzig, als sie alte Fotos von Laura hervorkramt. Ihr bescheidenes Haus in einem Arbeiterviertel Doualas ist voller Erinnerungsstücke: von Fotos ihres Sohns bis zu Bildern, die Laura als Kind gemalt hat. Seit dem Tod von Nanas Sohn, Lauras Vater, vor einigen Jahren ist ihre Enkelin das einzige Familienmitglied, das der 73-Jährigen nahesteht. «In diesem Haus hat sie laufen gelernt», sagt sie stolz. «Deswegen tut es mir auch so weh zu wissen, dass es ihr dort drüben nicht gut geht.»

Unterdessen wartet die alte Frau geduldig auf ein Lebenszeichen ihrer Enkelin. «Ich weiss nicht, wie sie dort lebt und ob sie auch jeden Tag etwas zu essen hat», fährt sie fort. «Ich habe ihr gesagt, sie soll zurückkommen, wenn das Leben dort so schlecht ist. Aber sie wollte nicht. ‹Was soll ich denn da machen in Kamerun?›, hat sie mich gefragt.» Nana wusste keine gute Antwort darauf.

 

Angehörige: Adonise Tchokonte, 31 Jahre alt
Verschollen: Joseph Kevin Ndeule (Bruder)
Seit: November 2015
Gegenwärtiges Alter: 24
Herkunft: New Bell, Douala

«Es war ein Abend im November 2015. Meine Mutter war gerade nachhause gekommen und stellte fest, dass ihr ganzes Erspartes von 400 000 Francs (ca. 650 Franken) verschwunden war. Wir suchten nach dem Dieb, beschuldigten sogar unsere Nachbarn. Zwei Tage später verschwand mein Bruder, ohne ein Wort zu sagen.» Weitere zwei Tage später erfuhr Adonise Tchokonte von einem Freund ihres Bruders, dass er sich auf den Weg nach Europa gemacht habe. Seither ist über ein Jahr vergangen, ohne dass sie je etwas gehört hätte, und Adonises Hoffnung, ihren Bruder Joseph Kevin Ndeule wiederzufinden, ist dahingeschmolzen. «Meine Mutter ist am Boden zerstört. Ihr Gesundheitszustand hat sich sehr verschlechtert. Die ganze Nacht lang weint und betet sie, bittet um ein Lebenszeichen von ihm. Doch es kommt ihr vor, als sei er tot.»

Joseph Kevin war ein begabter Schüler. Jeden Morgen stand er früher auf, um das Gemüse seiner Mutter zum Markt zu tragen, bevor er in die Schule ging. Er stand seiner Mutter immer besonders nah, doch der Traum von Europa obsiegte. Das Geld, das er seiner Mutter stahl, hatte sie ihr Leben lang zusammengespart, um eines Tages einen Laden kaufen und ein eigenes kleines Geschäft eröffnen zu können. Obwohl Adonise sich um ihren Bruder sorgt, kann sie ihm diese Tat nur schwer verzeihen. «Meine Mutter hat immer alles gemacht für ihn, und vielleicht ist das mit ein Grund für das, was passiert ist. Hätte sie ihn strenger erzogen, sähen die Dinge heute vielleicht anders aus.»

Sie hofft, ihr Bruder sei noch am Leben, doch allzu oft hört auch sie die Geschichten von Migranten, die beim Versuch, nach Europa zu gelangen, im Mittelmeer ertrunken sind. «Ich habe darüber mit meinen Schwestern gesprochen, aber nicht mit meiner Mutter. Ich weiss nicht, wie sie reagieren würde.» Die Habseligkeiten ihres Bruders sind noch alle im Haus. Nichts nahm er mit, nicht einmal ein Paar Socken, um vor seiner Abreise ja keinen Verdacht zu erregen. Zuweilen nimmt die Mutter eines seiner Kleidungsstücke und bricht in Tränen aus, während sie es an sich drückt.

 

Angehöriger: Alphonse Fomtse, 53 Jahre alt
Verschollen: Joel Kevin Fomtse (Tochter)
Seit: 2012
Gegenwärtiges Alter: 21
Herkunft: New Bell, Douala

«Wir haben oft darüber geredet. ‹Papa, wir sind arm. Hier kann ich nicht leben›, sagte sie. ‹Manche Leute sterben unterwegs, aber ich werde zu denjenigen gehören, die es schaffen.›» Tränen rinnen über die Wangen des beleibten Mannes, der dieses Gespräch mit seiner Tochter so heftig durchlebt, als sässe sie neben ihm. «Mein Geist ist der eines erschöpften Mannes, eines Vaters, dessen Tochter nicht auf ihn gehört hat.»

Laut ihrem Vater Alphonse hatte Joel Kevin Fomtse beste Chancen, es im Leben zu schaffen. Seit sie zehn Jahre alt war, träumte sie davon, nach Europa zu reisen, sich in Frankreich niederzulassen und Model zu werden. Sie war immer elegant gekleidet und trug Highheels. Jung, schön, sexy und intelligent sei sie gewesen, aber auch schrecklich halsstarrig.

Eines Morgens ging Joel aus dem Haus, um eine Freundin zu treffen, wie sie sagte. Sie war erst 17. Als ihre Eltern feststellten, dass sie verschwunden war, und in ihr Zimmer gingen, war es leer geräumt. «Sie hatte alles mitgenommen. Nicht einmal ein Foto von sich hat sie dagelassen», sagt der Vater, als habe sie der Familie bewusst kein Erinnerungsstück hinterlassen wollen. Sie ging über die Grenze in den Tschad und rief ihre Familie von der Hauptstadt N’Djaména aus an. «Sie erzählte uns, sie wolle durch die Wüste nach Libyen», erinnert sich der Vater. «Wir hier waren alle am Weinen, aber sie versuchte, uns Mut zu machen, und sagte, sie habe sich vorbereitet.» Tatsächlich gelangte Joel nach Libyen, wo sie mehrere Monate irgendwo zwischen Bengasi und Tripolis verbrachte und versuchte, das Geld für eine Überfahrt aufzutreiben. «Sie erzählte mir jeweils, das Meer sei aufgewühlt», sagt er mit kummervoller Stimme, als habe er eine Tragödie kommen sehen. «Ich fragte sie immer wieder: ‹Schaffst du das?›, und sie sagte: ‹Ja, das schaffe ich.›» Also gut, habe er gemeint, und: «Möge Gott dich behüten.»

Das war das letzte Mal, dass Alphonse Fomtse mit seiner Tochter sprach. «Am meisten schmerzt mich, nicht zu wissen, ob sie tot oder am Leben ist. Falls sie von Haifischen gefressen wurde, werde ich das nie erfahren.» Trotz des Schmerzes versucht ihr Vater, positiv zu bleiben. Der jovial und ironisch wirkende Mann hofft im tiefsten Innern, seine Tochter sei noch am Leben. «Sie ist stark, sehr entschlossen. Wenn sie etwas will, dann bekommt sie das auch», fährt er fort, und seine Stimme klingt stolz. «Sie hat das Leben immer geliebt, aber die Armut, in der sie lebte, die hat sie gehasst. ‹Armut ist ein Teufel›, hat sie immer gesagt.»

 

Angehörige: Emilia Ngabi, 21 Jahre alt
Verschollen: Leonge Ngabi (Bruder)
Seit: Mai 2016
Gegenwärtiges Alter: 25
Herkunft: Etoug-Ebe, Yaoundé

«Ich habe keine Eltern mehr. Leonge war für mich wie ein Vater. Wenn er nur zurückkäme: Ich wäre so glücklich. So, so glücklich …» Eine halbe Stunde nach Beginn unseres Gesprächs bricht Emilia Ngabi in Tränen aus. Emilia war eine vielversprechende junge Schülerin, als sich ihr damals 23-jähriger Bruder wenige Tage nach Silvester 2015 auf den Weg nach Europa machte. Sie erinnert sich ans Neujahrsfest – es war das letzte Mal, dass sie ihn sah: «Irgendetwas stimmte nicht an jenem Abend. Einerseits freuten wir uns alle, dass ein neues Jahr begann. Andererseits versuchte Leonge, alle zu umarmen und Fotos von ihnen zu machen, so als wisse er, dass er uns vielleicht nie mehr sehen würde.» Leonge durchquerte Nigeria, dann Niger und Algerien und blieb dabei ständig in Kontakt mit seiner Schwester. «Ich habe ihn so oft beschworen zurückzukommen, aber er sagte, er könne nicht. Sein Entschluss stand fest», sagt Emilia, als wollte sie die Unausweichlichkeit seines Schicksals betonen.

Als Leonge aufbrach, ahnte er wohl nicht, welche Folgen sein Entschluss für das Leben seiner Schwester haben würde. Nachdem er in Niger als illegaler Einwanderer verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurde, brauchte seine Familie Emilias Schulgeld als Kaution, um ihn herauszuholen. «Seinetwegen konnte ich ein Jahr lang nicht zur Schule», sagt sie und klingt zum ersten Mal während des Gesprächs verbittert. Im Mai 2015 starb der Vater, und Emilia war gezwungen, bei einem Onkel zu leben. Es begannen die schwierigsten Jahre ihres Lebens.

Der Nachricht vom Tod seines Vaters zum Trotz beschloss Leonge weiterzureisen. Fast ein Jahr später, im Mai 2016, rief er seine Schwester an, um ihr zu sagen, er versuche, nach Libyen zu kommen, um von dort aus nach Europa zu gelangen. Da Emilia wusste, wie gefährlich die Strecke war, versuchte sie, ihren Bruder davon abzubringen. «Ich sagte ihm, er solle zurückkommen, dann könnten wir herausfinden, wie er legal nach Europa reisen könnte; aber er wollte nicht», erzählt sie. «Er hatte schon so viele Male vergeblich versucht, ein Visum zu bekommen …» Leonge rief seine Schwester ein letztes Mal aus Libyen an und sagte, er mache in ein paar Tagen die Überfahrt und rufe sie an, sobald er in Italien sei. Das war das letzte Mal, dass sie seine Stimme hörte. «Ich habe eine Woche lang, zwei Wochen lang gewartet. Ich versuchte, ihn unter der Nummer zu erreichen, von der aus er mich angerufen hatte, aber die war abgestellt», sagt sie, und ihre Stimme erstickt, während Tränen über ihre Wangen rinnen. «Immer wieder habe ich Freunde nach ihm gefragt und bin online gegangen, um zu sehen, ob er in den Social Media etwas gepostet hat. Aber da war nichts.»

Am 24. Mai 2016 sah Emilia auf der Facebook-Seite ihres Bruders die Nachricht eines seiner Freunde: «Ruhe in Frieden», stand da. Als sie den Mann anrief, sagte er, Leonge sei beim Überqueren des Mittelmeers umgekommen. Sein Boot sei gekentert, und er habe nicht schwimmen können. «Es war entsetzlich. Manche Leute sagten mir, er sei an der italienischen Küste begraben, andere sagten, er sei in Libyen begraben …» Emilia sucht bis heute nach ihrem Bruder. Obschon die Chance, dass er noch am Leben ist, winzig ist, will sie nicht aufgeben: «Du kannst nicht glauben, dass dein Bruder tot ist, wenn du seine Leiche nicht gesehen hast.»

 

Angehörige: Nancy Joyce Fanke, 27 Jahre alt
Verschollen: David Fongang (Ehemann)
Seit: Oktober 2016
Gegenwärtiges Alter: 32
Herkunft: Etoudi, Yaoundé

«Seit ich ihn kenne, hat er immer schon nach Europa gewollt. Von ihm aus sollte die ganze Familie dorthin.» Nancy Joyce Fanke, eine rundliche, joviale junge Frau, spricht nicht ohne Ironie über ihren Mann. «Als er mir sagte, er wolle weg, haben wir eine Woche lang gestritten. Eines Tages sagte er schliesslich: ‹Wenn ich hierbleibe, verpasse ich mein Leben und lasse meine Ent- täuschung an dir aus.› Da habe ich begriffen, dass ich ihn ziehen lassen muss.»

Fanke arbeitet als Kellnerin nachts in einer Bar und hat zwei Kinder, die sie jetzt allein erzieht. Nachdem ihr Mann fast drei Jahre in Marokko und Libyen verbracht hatte, verlor Fanke den Kontakt zu ihm. Letztmals hörte sie seine Stimme vor mittlerweile sechs Monaten. Seither erhält sie von einer libyschen Nummer aus zwar immer wieder eine Nachricht, sie solle ihrem Mann Geld schicken. Aber sie hat den Verdacht, da sei etwas faul. «Ich kann nie mit ihm reden. Jedes Mal, wenn ich anrufe, heisst es, er sei gerade unter der Dusche.»

Im Lauf der Jahre versuchte Fongang mehrmals, nach Europa zu gelangen: zuerst über den Grenzzaun zwischen Marokko und den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, dann von Libyen aus übers Mittelmeer. «Als er fortging, hatte ich auf meinem Konto 400 000 Francs (ca. 650 Franken). Jetzt habe ich nur noch 50 000», sagt Fanke. Nach den zahllosen Fehlschlägen ist sie mittlerweile zermürbt. «Ja, ich bin wütend auf ihn, weil ich so viel Geld für ihn ausgegeben habe und er so viele Male versagt hat», gesteht sie, während sie den Kopf ihrer Tochter streichelt. «Ich allein muss dafür sorgen, dass die Kinder etwas zu essen haben und in die Schule gehen können.»

Fongangs Misserfolge haben sich aber nicht nur auf die Finanzen der Familie ausgewirkt, sondern offenbar auch auf seine Psyche: «Es war sehr schlimm für ihn, mit ansehen zu müssen, wie seine Freunde es schafften, während er immer wieder zurückgewiesen wurde.» Er habe aber auch erleben müssen, fährt Fanke fort, dass Freunde im Mittelmeer ertrunken sind. «Seit er unterwegs ist, ist er abgemagert. Ich mache mir Sorgen wegen seiner Gesundheit», sagt seine Frau.

Und dennoch hat sie beschlossen, ihm kein Geld mehr zu schicken, eine schwierige, aber nötige Entscheidung. «Ich habe sogar Schulden gemacht, um ihm Geld schicken zu können. Jetzt muss er selbst schauen, wie er da rauskommt», sagt sie resigniert und erschöpft davon, gegen ein Schicksal zu kämpfen, das ihren Ehemann für sie zu einer Art Gespenst gemacht hat.

 

Angehörige: Lady Njoya, 31 Jahre alt
Verschollen: Ismael Njoya (Ehemann)
Seit: Dezember 2015
Gegenwärtiges Alter: 47
Herkunft: Commando X, Douala

«Seit wir uns kennen, hat er immer fortgehen wollen. Neun Jahre haben wir zusammengelebt, aber ich habe immer gewusst, dass er mich eines Tages verlassen wird.» Lady Njoya spricht leise und unterwürfig, sie hat ihr Leben lang Entbehrung, Ungewissheit und nur wenige Freuden gekannt. Bis vor anderthalb Jahren erzog diese winzige Frau ihre drei Kinder in Yaoundé gemeinsam mit ihrem Mann Ismael. Nachdem er fort- gegangen war, zog sie nach Douala, wo sie in einem Arbeiterviertel ein winziges Haus gemietet hat und jeden Franc, den sie mit dem Verkauf von Schnickschnack verdient, für ihre Kinder ausgibt. «Wenn sie was zu essen und zum Anziehen haben, bleibt nicht mehr viel übrig», sagt sie niedergeschlagen. Trotzdem ist aus ihrem Mund keine Verbitterung zu hören über einen Ehemann, der es nicht nötig fand, ihr mitzuteilen, wo er hinwolle. «Ich weiss nur, dass er immer von Amerika geträumt hat», sagt sie. «Er liebt unsere Kinder und ist immer ein verantwortungsvoller Vater gewesen. Sie fragen immer wieder nach ihm, und dann sage ich ihnen, er komme bald zurück.»

 

Suchaktion

Letztes Jahr flüchteten 5145 Menschen aus Kamerun nach Europa, davon 254 in die Schweiz. Im Dezember 2016 reisten der Reporter Matteo Fagotto und die Fotografin Matilde Gattoni nach Kamerun, um die Familien von Migranten zu treffen, die auf ihrem Weg nach Europa spurlos verschwunden sind. Die abgebildeten Fotos und Briefe sind Teil der weltweiten Suchaktion A Sign of Life, die Angehörigen helfen soll, mit ihren verschollenen Liebsten in Kontakt zu treten. Matteo Fagotto und Matilde Gattoni haben dafür eine eigene Facebook-Seite aufgeschaltet, mit Namen, Geschichten, Bildern, Briefen und Tondokumenten, auf der man Nachrichten über die Verschollenen hinterlassen oder abrufen kann. facebook.com/ASignOfLifeCameroon

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