Verrückte Kindheit

Aufgewachsen im legendären Chelsea Hotel

Nicolaia Rips ist im legendären New Yorker Chelsea Hotel aufgewachsen. Cool? Nicht immer, sagt die 18-Jährige. Aber aussergewöhnlich auf jeden Fall. 

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Das legendäre Chelsea Hotel in New York

Der Hotelmanager Stanley Bard (l.), hier mit AP Cole, verstarb dieses Jahr im Februar. 

Die Autorin Nicolaia Rips

«Alles ausser gewöhnlich» von Nicolaia Rips ist für rund 28 Franken im Fachhandel erhältlich

Ihren 18. Geburtstag verbrachte Nicolaia Rips auf einem Gletscher in Island. Das war im vergangenen August. Die Reise hatte sie sich gewissermassen als Ersatz gewünscht. Langsam ist sie nämlich zu akzeptieren bereit, dass ihr eigentlicher und innigster Wunsch – Unsterblichkeit – ihr in diesem Leben wohl nicht erfüllt wird. Doch zumindest ist sie der Ewigkeit gerade näher gerückt als die meisten ihrer Altersgenossen: Sie hat nämlich ihre Autobiografie veröffentlicht und damit ein bleibendes Vermächtnis.

In «Alles ausser gewöhnlich» erzählt Nicolaia Rips von ihrer Kindheit im legendären New Yorker Chelsea Hotel. Dieses Hotel hat neben den üblichen Touristen immer auch Kulturprominenz beherbergt, von den Beatpoeten bis zu Popgrössen wie Madonna. Der nobelpreisgekrönte Bob Dylan übte hier auf seiner Mundharmonika, und der Sciencefiction-Autor Arthur C. Clarke verfasste in Suite 1008 seinen Roman «2001: A Space Odyssey», den ein anderer Stammgast, der Starregisseur Stanley Kubrick, epochal verfilmte. Manche dieser Leute nannten das 12-stöckige rote Backsteingebäude an der 23. Strasse jahrelang ihr Zuhause. Als Nicolaia Rips’ Eltern – die Künstlerin Sheila Berger, ein ehemaliges Fotomodell, und Michael Rips, Anwalt und Schriftsteller – in den Neunzigerjahren einzogen, hatte das Hotel seine Glanzzeit zwar bereits hinter sich. Exzentriker gab es aber noch immer genug.

Nun sitzt Nicolaia Rips in Apartment 602, ihrem Zimmer. Es ist winzig, eher ein besserer Wandschrank. Stünde auf dem Teppich mit dem Leopardenmuster noch das Bett, so wären Besucherin und Gastgeberin quasi gezwungen, gemeinsam darauf zu kuscheln. Das Bett befindet sich aber wie das meiste übrige Mobiliar in einer Wohnung an der Upper East Side. Denn das Chelsea Hotel wird zurzeit totalrenoviert. Dauermieter wie Nicolaia Rips und ihre Familie hatten die Wahl, entweder auf einer Baustelle zu hausen oder vorübergehend anderswo unterzukommen. Sie entschieden sich für Letzteres, als sie merkten, dass die Alternative Frühstückseier mit Mörtelstaub und Nickerchen mit Pressluftbohrerbegleitung bedeuten würde. «Meine Mutter benutzt die Räume hier im Augenblick als Atelier», sagt Nicolaia Rips und deutet auf pflanzenähnliche Stahlskulpturen, die von der Decke baumeln. Hinter ihr chauffiert ein Baulift zwei Arbeiter in die Höhe, die einen gelangweilten Blick durchs Fenster werfen.

«Alles ausser gewöhnlich» handelt vom Anderssein. Dabei umfasst der Begriff «anders» das gesamte Spektrum zwischen «originell» und «komplett verrückt». Im Chelsea Hotel gehörte der junge Mann, der ausschliesslich mit Engelsflügeln auf dem nackten Rücken und einem weissen Tuch um die Lenden herumlief, ebenso zur gewohnten Kulisse wie Smiley, eine verblühte Schönheit mit multipler Persönlichkeit, die knurrend in ihrem Rollstuhl durch die Gänge flitzte, das Gesicht ins Licht einer Taschenlampe getaucht.

Auf diese Umgebung führt Nicolaia Rips zurück, dass sie keine gleichaltrigen Freunde hatte, bis sie mit 15 in eine Kunstschule kam. «Ich kannte nur merkwürdige Erwachsene und benahm mich selber wie eine merkwürdige Erwachsene», sagt sie. «Das kam bei den anderen Kids natürlich nicht gut an.» Dagegen wirkt die Nicolaia Rips von heute wie ein ziemlich normaler Teenager: Die Pudelmütze behält sie stilbewusst während des ganzen Gesprächs auf. Sie klammert sich an ihr Smartphone, als sei es angewachsen, und ihre Sätze lässt sie oft träge in der Luft hängen, in der Erwartung, man werde ihren Gedanken schon zu Ende denken. In ihrer Autobiografie ist sie hingegen noch das unsichere Kind, das gehänselt wird und das niemand bei Spielen dabeihaben will.

Da war zum Beispiel das vermasselte Prinzessinnenbankett. In der Hoffnung, Sympathien zu gewinnen, hatte Nicolaia einige ihrer Klassenkameradinnen zu einem Dornröschen-Rapunzel-Cinderella-Gipfel eingeladen. Dummerweise wurde die Festivität noch vor dem Anschneiden des Kuchens von einem Nachbarn unterbrochen. El Capitan war soeben von seiner Madame aus dem gemeinsamen Heim eine Etage weiter oben geprügelt worden und machte der versammelten Kinderschar in Unterhose und mit gesprungenem Monokel seine Aufwartung. Die Party war damit natürlich vorbei. Nicolaia Rips erinnert sich: «Wir konnten von Glück sagen, dass uns die Eltern der Mädchen nicht wegen Gefährdung Minderjähriger verklagten.» Was damals tragisch war, ist heute eine von vielen amüsanten Anekdoten. Nicolaia Rips litt unter ihrer Einsamkeit. Das wird in ihrem Buch immer wieder deutlich. Aber Wehleidigkeit versucht sie geradezu krampfhaft zu vermeiden. Groucho Marx, der witzigste der witzigen Marx Brothers, ist ihr grosses Idol. Sie holt drei dicke Alben aus dem Wohnzimmer nebenan. «Meine erste Autobiografie habe ich als Neunjährige verfasst und meinen Eltern gewidmet.» Sie schlägt einen der Bände an einer Stelle auf, wo ein Foto Klein Nicolaia an Halloween zeigt – als Groucho Marx mit riesigem Schnauz und Zigarre. Ihr Traum: quasi in den Fussstapfen des grossen Groucho Scriptschreiberin für die Comedyshow «Saturday Night Live» zu werden.

Die junge Autorin verfügt zweifellos über jede Menge Selbstironie. Das beweisen die unzähligen Episoden, in denen sie sich als Stehaufmädchen schildert, das zwischen massloser Selbstüberschätzung und abgrundtiefem Pessimismus schwankt und so von einer Peinlichkeit in die nächste schlittert. Aber am besten sind die Passagen, in denen sie nicht auf Lacher aus ist. So beschreibt sie, wie sie am Abend des Prinzessinnenfiaskos erstmals etwas realisierte, was ihr ohnehin schon konfuses Gefühlsleben von da an zusätzlich komplizierte: «Das Chelsea Hotel war kein strahlendes Schloss mehr, sondern ein verfallender Hort der Aussenseiter, der Ausbrüche, des Scheiterns. Die Menschen, die ich liebte, waren keine Kapitäne, Ritter und Damen, sie waren Süchtige, Krüppel und Prostituierte. An diesem Tag lernte ich, dass ich mein Chelsea Hotel für mich behalten musste. Ich schämte mich.»

Den Alltag in Nicolaia Rips’ Chelsea Hotel muss man sich so vorstellen: Kein Zimmerservice. Bedenkliche Infrastruktur (prähistorische Küchen und Bäder, lecke Leitungen). Die Lobby, je nach Interpretation und Uhrzeit, ein Irrenhaus oder der Salon der New Yorker Bohème. Auf die Frage, weshalb ihre Eltern sich überhaupt für ein Zuhause in einer Bruchbude voller Spinner entschieden und diese Umgebung dann auch ihrem Kind zumuteten, meint Nicolaia Rips vage: «Mein Vater hat schon immer gern in Hotels gewohnt. Meine Mutter reist leidenschaftlich gern. Ein Hotel gibt ihr das Gefühl, sie könne jederzeit aufbrechen.» Inzwischen ist sie den beiden dafür dankbar. Genauso wie für ihre Erziehungsmethoden, die hauptsächlich aus jeder Menge Liebe bestanden. In «Alles ausser gewöhnlich» heisst es: «Sie waren wie Luftballons, die sich aus der Hand eines Kindes losgerissen hatten – sie schwebten ziellos umher.»

Im Herbst hat Nicolaia Rips ihr Studium an der renommierten Brown University in Rhode Island begonnen. Nach Musik und Gesang an der Highschool besucht sie nun Vorlesungen über Theater und Literatur. Der Wegzug aus New York in die neuenglische Provinz scheint ihr leichtgefallen zu sein. «Ich weiss, dass das Chelsea Hotel nach der Renovation nicht mehr dasselbe sein wird», sagt sie ganz ohne Wehmut. Im Gegensatz zu ihren Eltern planen die meisten ihrer kauzigen Nachbarn keine Rückkehr ins Stammhaus. Das sei gut so, findet Nicolaia Rips: «Sie werden den Geist des Chelsea Hotel in die Welt hinaustragen.»

Auch sie selber will hinaus in die Welt. Der isländische Gletscher war bloss ein Anfang. Ein Schreibstübchen in Paris mit Sicht über die Dächer wäre eine prima Fortsetzung. Oder etwas Ähnliches in Rom. Irgendwann werde sie vermutlich wieder nach New York zurückkommen. Diese Stadt mit dem Zauberpalast ihrer Kindheit ist ein Teil von ihr. Aber: «Ich habe meinen Namen in eine Wand des Chelsea Hotel gekratzt und gedacht, er würde da für immer stehen. Inzwischen weiss ich, dass nichts sicher und nichts für immer ist.» Nicht einmal sie selber. Mit ihrem Leben noch vor sich und ihrem ersten Buch bereits hinter sich ist das okay.

Hinweis: Das Buch «Alles ausser gewöhnlich» von Nicolaia Rips ist für rund 28 Franken im Fachhandel erhältlich

annabelle Photo Director Monica Pozzi lebte zehn Jahre im Hotel

annabelle Photo Director at Large Monica Pozzi lebte zehn Jahre im legendären Chelsea Hotel. «Alles halb so wild», ihr Kommentar zum Buch von Nicolaia Rips.

Das verstaubte Chelsea Hotel wurde in den Neunzigerjahren mein Zuhause. Am Anfang wohnte ich im ersten Stock mit Aussicht auf die 23. Strasse. Einen Wecker brauchte ich damals nicht. Die Sattelschlepper, die frühmorgens Manhattan durchquerten, schüttelten das Bett gründlich durch. Wie überall stieg man auch im Chelsea unten ein und arbeitete sich langsam nach oben. Mein Aufstieg gipfelte in Suite 502 auf der ruhigen Südseite. David Bowie soll einmal dort gewohnt haben. Edward Norton und Woody Allen sassen tatsächlich während Dreharbeiten auf meinem Bett. Mariah Carey sang für ein Musikvideo auf dem Dachgarten, Debbie Harry trällerte nachts im Treppenhaus und eine genervte Cindy Crawford beklagte sich über meine laute Musik. Meine betagte Nachbarin Bettina sass täglich in ihrem Korbstuhl für Schönheitsköniginnen im Gang vor der Wohnung. Die Türe ihrer bis zur Decke vollgestopften, abgedunkelten Wohnung war einen Spalt weit offen, damit die schwarze Katze durchschlüpfen konnte. Mäuse hatte es im Chelsea genug. Bettina beschuldigte mich immer wieder, ihre Kunstwerke in meinem Computer versteckt zu haben. Es wurde gelebt und auch viel gestorben im Hotel. Ein letztes, warmes Bad im Chelsea war ein Wunsch vieler Wochenend-Selbstmörder. Die tropfenden Leichensäcke wurden am Montagmorgen schnell vorbei an staunenden Touristen durch die mit Kunstwerken vollgestopfte Marmor-Lobby getragen. Das Chelsea Hotel hatte keinen Hintereingang. Nur der legendäre Interview Cover-Illustrator Richard Bernstein stab leise und unbemerkt in seinem Apartment, dem ehemaligen Ballsaal des Hotels. Der «Bitte Ruhe»-Aufkleber an seiner roten Türe hatte alle davon abgehalten nach ihm zu sehen. Am 14. Februar dieses Jahres verstarb auch Hotelmanager Stanley Bard im Alter von 82 Jahren. Bard führte vierzig Jahre lang Regie im Theater des Chelsea Hotels. Nun ist der Vorhang endgültig gefallen.
 

Text: Sacha Verna; Fotos: Getty

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