Meine Meinung

Ich muss jetzt gehen, Mama

Für Online-Redaktorin Silvia Princigalli ist es Zeit, das mütterliche Nest endgültig zu verlassen.

Der Frontsänger der deutschen Rockband Annen May Kantereit wendet sich mit einem Lied an seine Mutter, um Danke zu sagen. Aber auch, um sich von ihr zu lösen: «Du hast mich angezogen, ausgezogen, grossgezogen. Und wir sind umgezogen, ich hab dich angelogen!» Er trifft mit diesem Abschiedslied den Nerv einer Generation. Und damit auch meinen.

Ich habe bereits mit 17 Jahren meine Siebensachen oder besser gesagt meine Hauptgarderobe gepackt und bin gegangen. Doch so richtig ausgezogen bin ich nicht. Bei Mama stehen noch immer Schulbücher, ein Kleiderschrank sowie andere Überbleibsel aus Teenagerjahren. Zwischen 17 und 27 habe ich in drei verschiedenen Städten studiert, war im Ausland und habe mich ins Arbeitsleben gestürzt. Zuhause Nummer eins war aber bei Mama. Mein Headquarter sozusagen, in das ich jederzeit zurückkehren durfte. Mama hat meine Post verwaltet und war Bürgin für Wohnungsverträge. Kurz gesagt: Ich bin wohl ein typisches Bumerangkind. Denn in Zeiten, in denen die Mieten zu hoch sind, der Arbeitsmarkt schnelllebig ist und die Welt unsicher erscheint, sind Helikopter-Eltern und Muttersöhnchen oder -töchterchen keine Seltenheit. Das Kind fürchtet sich, seine Rolle im Erwachsenenleben anzutreten, und flüchtet in das heimelige Nest. Mutter und Vater hingegen klammern, aus Angst, sie könnten am Ende ihrer Karriere als fürsorgende Eltern in eine Lebenskrise stürzen. Weil die Grenzen zwischen Kind und Eltern heute fliessend sind und zu Freundschaften verschmelzen, fällt die Abnabelung später, beim definitiven Auszug aus der Kinderstube, umso schwerer.

Bei mir ist es nun so weit. Die Besuche zurück im ländlichen Heimatkanton wurden in letzter Zeit weniger. An den Wochenenden Freundschaften zu pflegen, die eigene Wohnung umzugestalten oder einfach mal Zeit allein zu verbringen, wurde wichtiger als der Besuch bei Mama. Sie beklagte sich: «Wann kommst du wieder?» und «Kommst du nicht mehr gern nachhause? Vermisst du uns denn nicht?» Häufig kamen solche Anrufe oder SMS am Sonntagabend, wenn mein Platz beim Familienessen mal wieder leer blieb. Ich plagte mich mit schlechtem Gewissen. Immerhin hatte sie sich alleinerziehend um mich gesorgt. Und nun lasse ich sie allein?

Mama hat nicht aufgegeben. Mein Schlafzimmer wurde mit neuer Bettwäsche und Dekoartikeln aufgepimpt, damit es mich nicht mehr an mein altes Kinderzimmer erinnern sollte. Der Lockversuch scheiterte. Ich liess meine Post an meine richtige Wohnadresse umleiten.

Es ist nicht allein die ausstehende Rückkehr, die heute einen feinen Riss durch unsere Beziehung zieht. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man ganz selbstständig sein möchte. Bei früheren Entscheidungen war im Hinterkopf immer Mama. Die Anrufe, um am Schluss doch noch ihre Meinung zu hören, sie sind nun vorbei. Ich informiere erst hinterher. Stehe ich an einer Karrieregabelung, entscheide ich mich ohne ihren Rat, und bei der Partnerwahl brauche ich keine Bestätigung mehr.

Der Abnabelungsprozess ist nicht leicht. Aber vielleicht kann nur ein definitiver Cut die überstrapazierte Nabelschnur zerschneiden und den Grundstein für ein neues, gleichberechtigtes Verhältnis legen. Deshalb lasst uns fliegen, liebe Eltern! Umso lieber kommen wir für einen Besuch zurückgeflattert.

Online-Redaktorin Silvia Princigalli (27) nimmt sich die Freiheit, zukünftig ohne mütterlichen Rat Fehler zu machen

Redaktion: Silvia Princigalli; Foto: Unsplash.com / Josh Adamski

Silvia Princigalli

Die Online-Redaktorin sucht gern nach Trends auf Instagram und schwärmt für Woody-Allen-Filme. Auf annabelle.ch schreibt sie bevorzugt über Mode, Wohnen und Kultur.

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