Interview mit Fotografin Lina Scheynius

«Wie kann eine Frau keine Feministin sein?»

Die schwedische Fotografin Lina Scheynius (36) geht in ihren Arbeiten der Frage nach, was Intimität ist. Mit ihren berührenden Selbstporträts trifft sie den Zeitgeist. Ein Gespräch über das Modebusiness, Likes und Feminismus.

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Lina Scheynius (Selbstporträt 2013): «Menschen sehen halt nackte Körper lieber als Blumen»

«Meine Fotografien sind alles andere als verträumt»: Selbstporträt 2013

Lina Scheynius: Exhibition 04. Christophe-Guye-Galerie, Zürich, bis 15. 4.

annabelle: Lina Scheynius, Sie haben vor einer Weile entschieden, sich ausschliesslich der Kunst zu widmen. Wie kam es dazu?
Lina Scheynius: Ich musste dringend die Notbremse ziehen. Ich hatte vier Jahre lang Vollzeit als Modefotografin gearbeitet und in dieser Periode kaum Kunst gemacht. Es gab Fotoshootings, an denen ich angefangen habe zu weinen, weil ich so unglücklich war. Fotografie ist für mich Freude, aber bei den Fotoshootings in der Werbeindustrie fühlte ich mich wie ein Roboter, und ein Roboter fühlt keine Freude.

Das ist das zweite Mal, dass Sie sich bewusst der Modewelt entziehen. Vor der Modefotografie hängten Sie bereits Ihre Karriere als Model an den Nagel.
Die Modewelt zieht mich immer wieder an, obwohl ich von ihr auch angeekelt bin. Ich habe bereits während meiner Zeit als Model viele Modefotografen beobachtet, die frustriert und traurig waren. Sie waren von einer Idee begeistert, doch dann sagte jemand: «Sorry, aber das Bild funktioniert nicht. Man kann die Schuhe nicht sehen.» So stirbt die Kreativität. Insofern war ich schon immer kritisch der Modewelt gegenüber, weil sie so viele Menschen missbraucht.

Aber Sie haben doch auch jahrelang von ihr profitiert, nicht?
Vielleicht, aber es war traumatisierend. Die ständige Ablehnung, das ständige Beurteiltwerden, die krummen Ideale.

Können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen?
Nun, ich war in meiner Modelzeit sehr schüchtern, noch schüchterner als heute. Ich wurde für ein Shooting auf eine Reise geschickt, was mich sehr unsicher machte. Also habe ich mich fürchterlich betrunken. Alle vom Team haben dann zu mir gesagt: «Lina, du bist viel lustiger, wenn du blau bist. Du solltest immer betrunken sein!» Ich war damals 19. Im gleichen Jahr habe ich eine Zeit lang in Japan gearbeitet, und meine Agentur hat allen erzählt, dass ich viel jünger sei. 19 war zu alt.

Auch was Ihren Körper angeht, hatten Sie Probleme. 
Ich kenne keinen Teenager, der mit seinem Körper zufrieden ist, und die kleinste Kritik hat in diesem Alter eine unglaubliche Wirkung. Models fangen alle als Teenager an. Paris und Mailand waren furchtbar, man sagte mir ständig, dass ich zu dick bin. Im Modelapartment waren ungesunde Wege, um dünn zu bleiben, an der Tagesordnung. Ich hätte da auch mitgemacht, aber ich habe es nicht geschafft, mich zu übergeben. Das Schlimmste war, dass ich ganz viel Essen in mich hineingestopft habe, aber mich dann nicht übergeben konnte. Dann nahm ich zu, und das machte alles noch schlimmer.

Interessant ist, dass Sie in einem solch verletzlichen Moment entschieden haben, Aktbilder von sich zu machen, auf denen Sie Ihren Bauch so weit wie möglich herausstrecken. Genau während Ihrer schwierigen Zeit in Paris, als Sie sich hässlich, missverstanden und einsam fühlten. Warum diese Reaktion?
Ich kann es nicht erklären, aber ich habe schon immer mein Leben direkt reflektiert. Als ich ein kleines Mädchen war und eine Schwester bekam, war ich extrem eifersüchtig und davon besessen, schreiende Babys und Eltern, denen die Haare zu Berge stehen, zu malen. Ich kann nicht anders.

Aber warum nackt? Inwiefern war diese Selbstreflexion wichtig für Ihre Kunst, nicht nur für Sie persönlich? Wo liegt der Unterschied?
Ich hatte keine Ahnung, dass ich Kunst machte.

Das Fotografieren ist das eine, das Posten der Bilder auf solch anonymen Plattformen wie Flickr oder Instagram das andere. 
Ich hatte viele andere Mädchen gesehen, die Nacktbilder gepostet haben, und das kam sehr gut an. Das hat mich inspiriert, und ich habe noch nie so viele Likes bekommen. Aber ich wurde abhängig vom Feedback, es ist schwierig, den Bezug zu seiner eigenen Wahrnehmung nicht zu verlieren, wenn man sich ständig der Bewertung anderer aussetzt. Mir fiel es plötzlich schwer zu wissen, was eigentlich für mich selbst ein gutes Bild ist. In meinen eigenen Augen, nicht in den Augen der Community. Ich hatte meinen inneren Kompass verloren. Oft haben die Bilder, die mir besonders viel bedeuteten, nicht so viele Likes bekommen. Die nackten Selbstporträts aber schon. Menschen sehen halt nackte Körper lieber als Blumen.

Sie posten jetzt nur noch einmal pro Woche ein Bild, wurden sehr selektiv.
Ja, ich hatte das Gefühl, zur Performancekünstlerin zu werden, die ständig ihre Follower unterhalten muss, das wollte ich nicht. Ich hatte Probleme, mich abzugrenzen, und litt an Panikattacken. Dann habe ich einen radikalen Schnitt gemacht und fünf Monate lang alle Social-Media-Profile deaktiviert, keine E-Mails beantwortet und niemandem gesagt, was los ist. Nach einer Weile ist man vergessen, wenn man nichts mehr zur digitalen Welt beiträgt. Für mich fühlte sich das sehr friedlich an. Heute nehme ich mir Zeit für ein Bild und behalte es für eine Weile ganz für mich. Es dauert manchmal Jahre, bis ich es poste. Nach dem Posten lösche ich sofort die App, weil ich sonst wieder abhängig von den Kommentaren werde. Für eine Weile habe ich sogar die App Self Control benutzt. Sie sperrt gewisse Apps für eine Zeit, man hat dann keine Chance reinzukommen. Selbstkontrolle – aber nicht von sich selbst kontrolliert.

Der Blick von aussen spielt in Ihrem Werk eine grosse Rolle. Gibt es für Sie einen weiblichen Blick auf die Welt?
Fragen Sie mich, ob ich eine Feministin bin? Alle fragen mich, ob ich eine Feministin bin, und natürlich bin ich das. Wie kann eine Frau keine Feministin sein? Trotzdem ist das nicht der Grund, warum ich mit meinen Selbstporträts angefangen habe. Oder jedenfalls glaube ich das.

Wenn nackte Frauen das Sujet sind, wird schnell der Vorwurf laut, die Frau zum Objekt zu machen. Wurde Ihnen das auch vorgeworfen?
Oh ja, sogar wenn ich es selbst bin, die nackt ist. Vor einigen Jahren wurde ich stark für die Nacktheit auf meinen Bildern kritisiert, aber dann hat die Stimmung umgeschlagen. Heute versteht man es offenbar automatisch als feministischen Akt, sich auszuziehen und nackt zu fotografieren.

Ist es denn ein feministischer Akt?
Schwer zu sagen, da ich vor allem meinem Instinkt folge, wenn ich arbeite. Aber vielleicht bin ich instinktiv feministisch. Das Interessante an der Sache ist, dass ich in einer Serie über meinen Ex-Freund viel explizitere Bilder gemacht habe, auf denen ein Mann nackt ist. Damit hatte aber niemand ein Problem. Ich denke schon länger darüber nach, einen realistischen Pornofilm zu drehen. Ich will nicht, dass kleine Jungs Pornos anschauen und denken, dass das die Art ist, wie Frauen Sex haben möchten. Ich bin sehr an der Frage interessiert, was Intimität heute überhaupt bedeutet.

Ist das Posten von nackten Selbstporträts Ausdruck absoluter Freiheit?
Nein! (lacht) Nun, am Anfang war es ein Versuch auszubrechen, und der hat sich sehr frei angefühlt. Es war sogar rebellisch von mir. Nach einer Weile, als die Leute nach mehr verlangten, hat es sich aber wie das Gegenteil von Freiheit angefühlt. Wenn ich das jetzt noch jahrelang mache, wird es wohl irgendwann wieder rebellisch werden. Weil ich dann älter bin. Will mich dann noch jemand nackt sehen?

Wollten Sie mit Ihrer Arbeit die Modewelt verändern?
Ja, aber ich habe aufgegeben. Ich habe entschieden, dass es das für mich nicht wert ist. Bei diesem Kampf steht man ziemlich allein da. Ich habe kürzlich einen sehr etablierten Fotografen gefragt, ob ihm dieser Kampf Spass macht. Er hat das bejaht. Aber ich bin keine solch starke Person. Mich macht es unglücklich. Die Modewelt soll ein Zelebrieren der Schönheit sein, aber wenn man mittendrin ist, merkt man, dass es das Gegenteil davon ist. Nicht nur die Industrie ist jedoch schuld, die Leute reagieren ja darauf und kaufen.

Kaufen die Konsumenten nicht einfach, was ihnen vorgesetzt wird?
Das glaube ich nicht. Man beschwert sich immer über das kranke Schönheitsideal, aber am Ende wollen dann doch alle dem entsprechen. Es ist ein bösartiger Teufelskreis.

Obwohl einige Ihrer Arbeiten recht explizit sind, werden Ihre Werke gern als verträumt bezeichnet. Wie sehen Sie das?
Für mich sind meine Fotografien alles andere als verträumt. Man bezeichnet meine Arbeit gern so, weil es sich um die Arbeit einer Frau handelt. Weibliche Kunst wird gern romantisiert.

Was ist für Sie weiblich?
Wolken.

Lina Scheynius: Exhibition 04. Christophe-Guye-Galerie, Zürich, bis 15. 4.

Interview: Jacqueline Krause-Blouin; Fotos: Lina Scheynius

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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