Die Sprache der Zukunft

Müssen Kinder programmieren können?

Redaktion: Helene Aecherli; Text: Barbara Achermann; Illustration: Lisa Rock

Die Zukunft ist digital, in Schweizer Klassenzimmern wird aber kaum programmiert. Wäre das denn wichtig?

Es reicht nicht, wenn Schüler am Computer eine Excel-Tabelle erstellen oder ein Bild bearbeiten können. Sie sollten den Rechner auch verstehen und ihm Befehle erteilen können. Das fordern Wissenschafter und IT-Stars wie Mark Zuckerberg seit Jahren. In Ländern wie Frankreich, Grossbritannien oder den USA hat man deshalb Informatik als Schulfach eingeführt. Die Schweiz hingegen tut sich schwer damit. Derzeit lernt hierzulande kaum ein Schulkind das Programmieren. Das sollte sich in den kommenden Jahren mit der Einführung des Lehrplans 21 ändern. Aber wie das Fach «Medien und Informatik» in den einzelnen Kantonen konkret unterrichtet wird und welchen Stellenwert dabei das Programmieren hat, ist noch unklar.

Einer, der diese Entwicklung kritisch beobachtet, ist Informatikprofessor Juraj Hromkovic, Verantwortlicher für die Ausbildung von Informatiklehrern an der ETH Zürich. Er und sein Team haben in den vergangenen 13 Jahren über 4000 Kinder in Informatik unterrichtet, vor allem an Schulen in Graubünden und Uri. Es sei höchste Zeit, sagt Hromkovic, dass sich etwas bewegt: «Jedes Kind, das nicht Programmieren lernt, verpasst etwas. Denn Programmieren wird künftig ebenso wichtig sein wie Lesen und Schreiben.» Damit Kinder die digitale Welt mitgestalten können, braucht es guten Informatikunterricht. «Nur so erziehen wir sie zu kreativen Produzenten statt zu passiven Konsumenten.»

Doch um Informatiklehrerinnen und -lehrer auszubilden und Lehrmittel zu erarbeiten, braucht es Zeit und Geld. Juraj Hromkovic fürchtet, dass in einzelnen Kantonen falsche Weichen gestellt werden, weil man Informatik mit Medienkunde verwechsle. «Basel zum Beispiel ist ein vorbildlicher Kanton, dort wird bereits in einigen Klassen Informatik gelehrt, für Zürich hingegen sehe ich schwarz.» Hromkovic kritisiert, dass es an der Pädagogischen Hochschule Zürich keine Informatikprofessur gibt, hingegen zwei Professuren für Medienwissenschaft. Auch habe man sich zu sehr damit aufgehalten, den Schülerinnen und Schülern die neuen Soft- und Hardware-Produkte zu erklären. Ein Fehler, findet Hromkovic: «Die Programme sind nach kürzester Zeit überholt.» Diese Art von Computerkunde habe nichts mit Informatik zu tun.

Tatsächlich geht es in der Informatik um etwas viel Grundsätzlicheres: um eine eigenständige Denkschule. Wer etwas programmieren möchte, kann nicht einfach eine Formel auswendig lernen. Bevor man den Computer ein Problem lösen lässt, muss man es verstehen. Man zerlegt das Problem in kleinere Teile, versucht ein Muster zu erkennen und entwickelt mittels Programmiersprache Schritt für Schritt einen Lösungsweg. Diesen gibt man in den Computer ein, um zu testen, ob er funktioniert.

Das klingt kompliziert, muss es aber nicht sein. Marloes Caduff macht so was bereits mit Kindergärtlern. «Je jünger, desto unvoreingenommener sind sie.» Die Ingenieurin leitet eine Schule, die in verschiedenen Kantonen Programmierkurse für Kinder anbietet. Programmieren, glaubt sie, sei wichtig für deren künftige Berufsaussichten, denn: «Es wird bald keinen Job mehr geben, der ohne digitale Geräte auskommt.» Ihr Unterricht sei nicht Drill, sondern Spass, so Caduff. «Selbst einen Algorithmus kann man anhand eines Spiels erklären, ebenso das Binärsystem.» So schraubt sie mit ihren Schülern auch mal einen alten Desktop-Computer auf, um zu sehen, was für Hardware drin ist, oder sie programmieren gemeinsam einen Roboter, der einen Parcours abfährt. Die älteren Kinder entwerfen mit dem Programm Scratch eigene Geschichten oder Geburtstagseinladungen. Caduffs Ziel ist dasselbe wie das von Hromkovic: die digitale Welt mitgestalten, statt sie nur zu konsumieren. «Gerade bei Mädchen würde ich empfehlen, dass sie das Programmieren bereits vor der Pubertät ausprobieren, damit sie keine Berührungsängste entwickeln.» Sie hat selber zwei Töchter, fünf und sieben Jahre alt, die beide ein Tablet besitzen, aber unterschiedlich darauf ansprechen. «Die Ältere interessiert sich überhaupt nicht dafür, sie geht lieber raus in den Garten, und das soll sie auch. Die Fünfjährige hingegen ist fasziniert von ihrem Gerät. Wir haben zusammen lustige Sachen darauf programmiert.» Filme schauen oder gamen dürfen ihre Mädchen hingegen nur ausnahmsweise. «Sie sollen ihren Kopf einschalten, nicht aus.

Mit Scratch können Kinder ab acht Jahren ihre eigenen interaktiven Geschichten, Spiele und Animationen programmieren. Scratch Junior ist eine App für Kinder, die noch nicht lesen können. Anfänglich empfiehlt sich die Unterstützung eines Erwachsenen.

Marloes Caduff bietet verschiedene Programmierkurse für Kinder von fünf bis zwölf Jahren an. codillion.org

Informatiktage 2017

Die Informatiktage in Zürich (16. und 17. Juni) geben Einblicke in die digitalen Entwicklungen, ermöglichen Begegnungen mit Berufsleuten, Forschern und Entwicklern und bieten Workshops, Rundgänge, Vorführungen und Referate für Eltern, Grosseltern, Kinder, Jugendliche, Hochschulabsolventen und alle anderen Neugierigen. Einige Veranstaltungen für Kinder: Wie Schildkröten mit Programmieren laufen lernen. Einfach programmieren mit Swift Playgrounds.Der Computer aus dem Baukasten; Bienen und Bananen programmieren.

Organisiert werden die Informatiktage 2017 von E-Zürich, einem Kooperationsnetzwerk, dem Vertreter aus Wissenschaft, Politik und mehr als hundert Unternehmen angehören. Infos: informatiktage.ch

Barbara Achermann

Barbara Achermann ist Redaktorin und Reporterin im Ressort Reportagen. Sie möchte Geschichten erzählen, die in die Tiefe gehen und die man auch noch Wochen später gern liest.

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