Übergewicht

Nicole Jäger: Die Fettlöserin

Interview: Claudia Senn; Foto: Rowohlt-Verlag

Nicole Jäger war so dick, dass sie sich beinah totgefressen hätte. Heute wiegt sie nur noch die Hälfte – und weiss, was beim Abnehmen wirklich hilft: schonungslose Ehrlichkeit.

«Schön, dass ihr so zahlreich und hüftbreit erschienen seid!» Viel mehr als diesen einen Satz braucht es nicht, um das Publikum in Ekstase zu versetzen. 300 Frauen johlen und klatschen, trampeln und pfeifen. Fast alle sind dick. Aber keine bringt so viel auf die Waage wie die Frau auf der Bühne: Nicole Jäger, die Schutzpatronin der Übergewichtigen, eine 170 Kilo schwere Wuchtbrumme in hautengem Rot, mit dem Selbstbewusstsein von drei Supermodels und der Schlagfertigkeit eines Sturmgewehrs. Ein Unikum. Ein Phänomen.

Vor sieben Jahren wog Jäger noch 340 Kilogramm, «so viel wie ein Steinway-Flügel oder zwei Elefantenbabys und ein kleiner Russe». Mittlerweile hat sie ihr Gewicht halbiert. Deshalb nennt sie sich nun «Die Fettlöserin», das Terminatorhafte dieses Ausdrucks ist gewollt. Nicole Jäger hat aus ihrer eigenen Leidens- und Erfolgsgeschichte ein Multimediaprogramm gemacht: «Die Fettlöserin» war erst ein Blog, dann ein Buch, dann eine Cabaretshow, mit der sie die Kleinkunstbühnen in ganz Deutschland rockt. Hauptamtlich betreibt die 33-Jährige eine florierende Praxis für Menschen mit Essstörungen aller Art.

Wenige Minuten nach Beginn der Show ist klar: Nicole Jäger ist ein Bühnentier. Ihr Humor ist respektlos und unwiderstehlich. Doch wer glaubt, sich hier bloss schenkelklopfend über Dicke amüsieren zu können, dem bleibt schon bald das Lachen im Hals stecken. Denn Jägers wirkliche Stärke liegt in ihrer schonungslosen Ehrlichkeit. Sie spricht von Schmerz, von Selbstbetrug, von Ausgrenzung «in einer Gesellschaft von Körpernazis, in der Glücklichsein nicht zählt, solange der Arsch zu breit ist». Wie Nicole Jäger übers Dicksein und Abnehmen redet, hat man so noch nirgends gehört.

Am Tag darauf treffen wir sie zum Interview in ihrer Praxis. Jäger sitzt am Schreibtisch in ihrem extra- breiten Bürostuhl. Wie immer trägt sie figurbetonte Kleidung, denn «was soll das bei mir denn bitteschön bringen, irgendwas zu kaschieren». Sie ist eine beeindruckende Erscheinung, nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Gewichts. Das finden wohl auch ihre Klienten. «Wäre ich schlank», sagt Nicole Jäger, «dann wäre ich bloss eine von vielen.»

annabelle: Nicole Jäger, Mitte zwanzig wogen Sie 340 Kilo. Wie fühlt es sich an, so dick zu sein?
NICOLE JÄGER: Mein vorherrschendes Gefühl war Schmerz. Egal in welcher Position, es tat immer weh. Bei jedem noch so kleinen Schritt musste ich mich an der Wand festhalten. Schon die paar Meter zum Klo waren ein riesiger Kraftakt. Oft konnte ich das Wasser nicht halten, weil das ganze Fett so auf die Blase drückte. Ich konnte auch nicht mehr im Liegen schlafen, sonst wäre ich an meinem eigenen Gewicht erstickt. Ich hatte überhaupt kein Gefühl für meinen Körper, spürte nicht, wo er anfängt und wo er aufhört.

Kann man das überhaupt noch leben nennen?
Nein, leben ist mehr, als am Leben zu sein. Bei mir war da aber nicht viel mehr. Ich konnte die Wohnung nicht mehr verlassen, war total abhängig von meinem damaligen Lebensgefährten, der mich versorgen musste wie ein kleines Kind. Ich litt unter Ängsten, war depressiv und voller Wut. Ich war überzeugt, ich werde sterben, bevor ich dreissig bin.

Das wäre dann ja auch beinahe passiert.
Ja, eines Morgens hatte ich einen Herzinfarkt – dachte ich. In Wirklichkeit war es bloss Herzrasen, ausgelöst durch eine Unterfunktion der Schilddrüse. Als Folge davon bekam ich eine Panikattacke, die über Stunden anhielt. Schwindel, Übelkeit, Todesangst. Ich stellte mir vor, wie die Feuerwehr das Fensterkreuz aushebeln müsste, um mich mit einem Kran aus dem Fenster zu hieven, weil ich nicht mehr durchs Treppenhaus passte. Die Abscheu vor mir selbst traf mich wie ein Kinnhaken.

Sie wussten: Wenn Sie jetzt nichts unternehmen, werden Sie sich zu Tode fressen.
Ich habe noch immer einen Kloss im Hals, wenn ich darüber spreche. Aber ja, so wars. Das war mein Weckruf.

Wie konnten Sie es nur so weit kommen lassen?
Das fragen mich die Leute immer, als hätte ich bloss tatenlos zugesehen, wie aus mir dieser formlose Pudding wurde. Aber ich tat ja ganz viel, es war bloss das Falsche. Seit meiner Kindheit war ich auf Diät. Pausenlos.

Wann begannen denn die Gewichtsprobleme?
Mit fünf Jahren wurde ich das erste Mal zur Kur geschickt. Dort lernte ich vor allem eins: dass ich dick, faul, unnütz und ein schlechtes Beispiel bin. Es war die erste von insgesamt fünf solcher Kuren bis zur Volljährigkeit. Gebracht haben sie alle nichts.

Haben Ihre Eltern es versäumt, Ihnen ein gesundes Essverhalten beizubringen?
Tja, schwieriges Thema. Ich lernte zuhause: Du kannst zwar essen, so viel du willst, aber wenn du zu dick bist, kriegst du dafür Ärger. Leider wusste ich nie, wo das richtige Mass ist, diese Grenze, wo sich die anderen dann über mein Gewicht aufregen. Immer hiess es, ich sei schuld, ich müsse es ändern. Dabei war ich doch noch ein Kind.

Sind Sie die einzige Übergewichtige in der Familie?
Nein, bis auf meine kleine Schwester sind wir alle dick. Das ist natürlich kein Zufall. Es gab bei uns nicht immer nur Kohlrabisuppe. Aber ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf. Sie haben es auch nicht besser gelernt.

Sie waren also nonstop auf Diät. Warum haben all diese Anstrengungen nichts gebracht?
Durch das dauernde Hungern kam mein Stoffwechsel durcheinander. Tagsüber ass ich meist nichts, abends vor Heisshunger umso exzessiver. Natürlich habe ich auch viel Mist gegessen. Vor lauter Schmerzen konnte ich nicht mehr in der Küche stehen und kochen. Also gabs Mikrowellengerichte oder Brot mit irgendwas. Wenn man bedenkt, dass eine Bestellpizza 3500 Kalorien hat – das ist ein halbes Kilo menschliches Körperfett.

Wenn der Lieferservice mit zwei Pizzas, drei Burgern und einem Auflauf kam, taten Sie so, als sei noch jemand in der Wohnung, und riefen: «Holst du schon mal das Besteck?»
Ja, schlimm, nicht? Ich verhielt mich wie ein Junkie. Ich war die Königin des Selbstbeschisses. Ich wollte nicht hören, dass ich abnehmen muss, um meine Rückenschmerzen zu lindern. Ich glaubte auch nicht, dass ich zu dick sei, um mich im Auto anzuschnallen. Dass es nicht ging, lag bloss an den verdammten Gurtfaschisten, die die Autoindustrie beschäftigt. Man möchte sich nur ungern eingestehen, dass man leider ein Vollidiot war. Das ist keine schöne Erkenntnis. Doch bei mir stand viel auf dem Spiel, nicht weniger als das Leben.

Warum ist Essen für Sie zur Sucht geworden?
Ich habe auf jede Art von Gefühlen mit Essen reagiert. Wenn es mir gut ging, belohnte ich mich mit Essen. Wenn es mir schlecht ging, bestrafte ich mich mit Nahrungsentzug – oder ass erst recht. Essen stellt keine dummen Fragen, Essen tröstet. Ich ass meine Einsamkeit weg, das Gefühl, unnütz zu sein, alles, was mir fehlte. Es fühlte sich wie Hunger an, doch in Wirklichkeit war es Leere, die ich mit Essen zu füllen versuchte. Das weiss ich erst heute, nach vielen Jahren Arbeit.

Hatte Ihnen denn nie jemand gesagt, dass Sie Hilfe brauchen?
Natürlich. Bloss: Wenn ich gut darin wäre, Hilfe anzunehmen, wäre es niemals so weit gekommen. Kommt dazu, dass Übergewichtige von den Ärzten, bei denen sie Hilfe suchen, oft wie Abschaum behandelt werden. Wir gelten als undiszipliniert, faul und antriebslos, unser Image ist wirklich miserabel. Bei mir helfe nur noch die Notschlachtung, hat mir mal eine Medizinerin gesagt, sie wünschte mir «einen baldigen, hoffentlich nicht allzu schlimmen Tod».

Nach Ihrem vermeintlichen Herzinfarkt beschlossen Sie, dass es so nicht mehr weitergehen könne. Die Ärzte rieten zu einer Magen-Bypass-Operation. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?
Weil ich ahnte, dass nicht der Magen das Problem ist, sondern die Psyche. Ich fühlte mich ungeliebt. Ich hatte niemals gelernt, dass ich mehr bin als die Zahl auf der Waage. Wie sollte eine Operation, bei der mir zwei vollkommen intakte Organe zerschnitten werden, aus einer unglücklichen Dicken eine glückliche Schlanke machen? Da liegen doch noch ein paar Canyons dazwischen. Es ist ja kein Zufall, dass manche Patienten nach einer Adipositas-Operation anfangen zu trinken.

Verlagern sie ihre Esssucht auf den Alkohol?
Ja, das passiert relativ oft. Auch die Suizidrate bei den Operierten ist erschreckend hoch.

Wie haben Sie es denn schliesslich geschafft, so viel abzunehmen?
Die Lösung lag darin, mit den Diäten aufzuhören, ein für alle Mal. Ich musste mir endlich wieder erlauben, satt sein zu dürfen.

Das klingt paradox.
Ist es aber nicht. Mit Hungern nimmt man zwar kurzfristig ab. Doch sobald man damit aufhört, kommen die Kilos zurück. Diäten helfen nicht, keine einzige. Es gibt wirklich nichts, was ich nicht ausprobiert hätte: Ananas- oder Kohlsuppendiät, nur Eier essen oder Knäckebrot mit Gemüsebouillon oder Shakes oder gar nichts mehr. Ich habe sogar kleine Kapseln mit Schwämmchen drin geschluckt, die im Magen aufquellen und ein Sättigungsgefühl simulieren sollen, was übrigens genauso eklig ist, wie es klingt. Bei jeder Diät sollte man sich fragen, ob man bereit ist, sie für den Rest seines Lebens zu machen. Wenn die Antwort Nein ist: am besten gar nicht erst damit anfangen.

Übergewichtige müssen also lernen, wieder richtig zu essen?
Ja, man darf essen. Man muss essen. Im Grunde genommen ist abnehmen schlichte Physik: Man nimmt ein bisschen weniger Kalorien zu sich, als man verbraucht. Aber hungern ist kontraproduktiv, denn unser Körper ist ein Meister der metabolischen Anpassung. Natürlich geht es auch darum, gute Kompromisse mit sich selbst zu schliessen: mehr Bewegung, mehr frische Sachen statt Zucker und Weissmehl. Aber es gibt keine guten und bösen Lebensmittel, es gibt nur ein Zuviel. Mit diesen einfachen Regeln habe ich mein Gewicht von damals halbiert. Jedes Jahr werden es 15 bis 20 Kilo weniger.

Was ist das für ein Gefühl?
Ein grossartiges. Ich lebe heute ein selbstbestimmtes Leben, bekomme Sonnenlicht, liebe meinen Beruf. Kurz zur Post zu gehen, ist kein Halbtagesausflug mehr. Ich bin gesund, fit und fühle mich attraktiv, obwohl ich weiss, dass ich noch immer eine dicke Frau bin. Aber wie alle Frauen habe auch ich manchmal Tage, an denen ich mich fürchterlich hässlich finde.

Sie arbeiten heute als Abnehm-Coach. Wissen Ihre Klienten, wie dick Sie sind, bevor sie das erste Mal in Ihre Praxis kommen?
Ja, und die meisten kommen gerade deshalb. Die sagen, sie fühlen sich das erste Mal in ihrem Leben verstanden. Denn ich bin selbst eine dicke Frau, ich bin sogar dicker als die meisten meiner Klienten. Ich bin sozusagen das Mutterschiff des Scheissebauens: Alles, was man falsch machen kann, habe ich falsch gemacht, ich wäre sogar beinahe daran gestorben. Schlechter als ich können es meine Klienten gar nicht machen, deshalb fühlen sie sich nicht bedroht von mir.

Wo setzen Sie an, um ihnen zu helfen?
Ich versuche zu vermitteln, dass die Wertigkeit ihrer Person nicht von einer Zahl auf der Waage abhängt. Ich sage: Wenn du nicht zufrieden bist mit deinem Gewicht, dann müssen wir was dagegen tun, aber du als Persönlichkeit bist in Ordnung, so, wie du bist. Du bist einfach perfekt. Ausnahmslos alle fangen dann an zu weinen, weil sie das in ihrem ganzen Leben noch nie gehört haben.

In welchem Alter hören Frauen auf, sich Sorgen um ihr Gewicht zu machen?
Ich dachte immer, man kommt irgendwann in eine Lebensphase, wo das Thema nicht mehr so wichtig ist. Aber Pustekuchen – meine älteste Klientin ist 72. Männer leiden weniger. Für sie wird Übergewicht erst zu einem Problem, wenn sie Beschwerden bekommen. Ich kenne etliche, die 120, 130, 150 Kilo schwer sind. Die stehen vor dem Spiegel und sagen: Ich bin der Geilste hier.

Welche Situationen im Alltag sind für Sie noch immer eine Herausforderung?
Ich setze mich nicht auf Klappstühle und in keinen Smart. Wenn ich ein Drehkreuz sehe, kriege ich für ein paar Sekunden Schnappatmung. Ganz schlimm sind auch Flugreisen. Alle meine Mitpassagiere scheinen zu befürchten, dass sie erdrückt werden, falls die Fette neben ihnen sitzt, oder dass eine Tragfläche abbricht.

Passen Sie denn in einen Flugzeugsitz?
Ja, aber ich muss mir von den Flugbegleitern jedes Mal eine Gurtverlängerung geben lassen, das ist sehr demütigend. Natürlich kann ich auch den Tisch nicht herunterklappen, und die absurd winzigen Toiletten werde ich vermutlich nie von innen sehen.

Trotz Ihrer noch immer fast 170 Kilo gehen Sie regelmässig ins Hallenbad.
Im Badeanzug sehe ich wirklich unglaublich scheisse aus. Ich bestehe ja zu 99 Prozent aus Problemzone. Natürlich gucken alle. Doch wenn ich meinen Erfolg davon abhängig mache, wie andere mich finden, ändert sich nichts in meinem Leben. Im Wasser fühle ich mich so wundervoll leicht, also gehe ich ohne Brille schwimmen, damit ich die Blicke der anderen nicht sehe. Und ich nehme einen wasserdichten MP3-Player mit, um die Sprüche zu überhören. Mein Rückgrat ist auch nicht immer aus Stahlbeton.

Kürzlich haben wir den ebenfalls sehr dicken Bertram Eisenhauer porträtiert. «Andere Leute haben Beziehungen, du bist ein Zuschauer. Ein Schaufensterbummler, dem nur bleibt, die Nase an die Scheibe zu drücken», sagte er über sich. Gilt das auch für Sie?
Nein, ich halte es für ein Gerücht, dass dicke Frauen keinen Mann abkriegen. Einer der lukrativsten Zweige der Pornoindustrie beschäftigt sich ja mit übergewichtigen Frauen. Wenn ein Mann mich allerdings nur aufgrund meines Gewichts geil findet, lernt er mich garantiert nicht kennen. Das ist doch unerotisch ohne Ende. Was ist denn, wenn ich abnehme? Ist der dann weg? Ich möchte für das Komplettpaket gewollt werden.

Wie muss der Mann sein, der Ihnen gefällt?
Gross. Männlich. Ich möchte hochgucken und ihn anhimmeln können. Er muss viel von sich halten, damit ich auch viel von ihm halten kann.

Darf er auch dick sein?
Ich hatte schon dicke Männer. Ich hatte auch schon sportlich-athletische. Wenn einer glaubhaft rüberbringen kann, er sei hier die geilste Sau weit und breit, dann spielt das Gewicht keine grosse Rolle.

Machen Sie beim Sex das Licht aus?
Warum sollte ich? Sieht der Mann etwa nicht, wie ich aussehe, wenn ich angezogen bin? Frauen mit Gewichtsproblemen neigen dazu, dem Urteilsvermögen des Lebenspartners zu misstrauen. Wenn der sagt: Ich finde dich schön, sagen die: Kann es sein, dass du irgendwie pervers bist? Doch dahinter steht die eigene Scham. Man denkt, der andere sieht einen ebenso kritisch wie man selbst. Aber so ist es nicht. Deshalb sage ich meinen Klienten immer: Du musst nicht am Umfang deines Hinterns arbeiten, sondern an deinem Selbstbewusstsein.

«Die Fettlöserin» von Nicole Jäger, ca. 18 Franken, 256 Seiten, Rowolth-Verlag

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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