Reportage

Porträt eines Ladyboys

Text: Andrea Jeska; Fotos: Christian Irrgang

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Zwei Ladyboys unterwegs: Mimi (rechts) mit ihrer besten Freundin Ice auf einem Kanal in Bangkok

Offiziell gibt es sie nicht – vor dem Gesetz ist sie ein Mann: Mimi Tao beim Kleidernähen auf der Veranda ...

... und in der Kosmetikabteilung eines Warenhauses.

Casting für einen TV-Spot: Mimi würde gern öfter als Model arbeiten.

«Transgender steht für Showgeschäft»: TNA ist Chefredaktorin eines thailändischen LGBT-Magazins.

Vom Mönch zum Model: «Wenn man in seinem Herzen ein Mönch ist, dann muss man nicht im Tempel leben»

Phajaranat war ein Kindermönch und lebte im Kloster, als er anfing, heimlich Antibabypillen zu schlucken, damit ihm Brüste wuchsen. Heute ist er Mimi – eine Frau – und einer von geschätzten 600'000 Ladyboys in Thailand.

Die Mutter hat niemals geweint. Nicht, als sie mit ihrem Unternehmen in Konkurs ging. Nicht, als sie erst die Autos, dann Möbel und schliesslich Land verkaufte, um Schulden zu bezahlen. Es war Land, auf dem die Familie seit Generationen Reis anpflanzt. Die Mutter, sagt Mimi, war immer tapfer. Nur an diesem einen Tag nicht, an dem Mimi alle Lügen und alle Heimlichkeit beendete. Mimi glaubt, es war ein Sonntag, und Mimi war noch nicht Mimi, das Fotomodell aus Bangkok, sondern ein junger Mann namens Phajaranat, der seit einigen Monaten die Antibabypille schluckte und dem unter den losen Kleidungsstücken winzige Brüste wuchsen.

Dieser Phajaranat war sieben Jahre lang Kindermönch in einer buddhistischen Klosterschule gewesen, hatte seinen Abschluss gemacht und lebte nun wieder in seinem Dorf Khon Kaen im Osten von Thailand. Dort verbrachte er seine Tage in Seligkeit im Geruch der feinen Öle, die die Mutter benutzte, und zwischen den Stoffen, die die Mutter in ihrer Freizeit webte und die ihn besser kleideten als die rauen Männerstoffe.

Heute glaubt Mimi, die Mutter muss es lange geahnt haben. Die Nähe, die der Sohn zu ihr suchte, die Bewunderung für ihre Schönheit, ihre Kleidung, ihre Art, sich zu bewegen. Die Antwort, die schon der kleine Phajaranat auf die Frage gab, was er denn einmal werden wolle: «Ich möchte eine Mutter sein und in einem Tempel im Wald leben.» War all das nicht Hinweis genug auf das, was Phajaranat ihr an jenem Sonntag sagte? «Ich will kein Mann werden, ich will eine Frau sein. Ich werde Mimi heissen.» Da hat die Mutter gesagt: «Dann wirst du nicht mehr mein Sohn sein.» Sie ging aus dem Zimmer, und Mimi hörte sie weinen. «Ich habe dann mein Zuhause ohne Abschied verlassen.»

So erzählt es Mimi Tao alias Phajaranat Nobantao, wenn sie nach ihrer Geschichte gefragt wird. Was daran wahr ist und was erfunden, was eigener und was Anteil anderer Geschichten, muss ohne Antwort bleiben, denn der Lebensweg der Mimi Tao, gerade mal 23 Jahre, ist schon jetzt verworren, voller Brüche und Risse. «Vielleicht kann ein Geist, der rein maskulin ist, ebenso wenig schöpferisch sein wie ein Geist, der rein feminin ist», schrieb einst die Schriftstellerin Virginia Woolf mit Blick auf ihr eigenes homoerotisches Befindlichkeits-Wirrwarr. Fünf Jahre ist es nun her, dass Mimi aussprach, was sie selber seit den Klostertagen wusste, in denen sie sich mit anderen Kindermönchen heimlich verkleidete und schminkte: dass in ihrem männlichen Körper ein weiblicher Geist wohnt, sie einer von geschätzten 600'000 Ladyboys in Thailand ist. Ladyboys, so nennt man junge Männer, die sich wie Frauen anziehen. Die lange Haare und Brüste haben, aber auch einen Penis. Manchmal wird aus einem Ladyboy nach einer Geschlechtsumwandlung eine richtige Lady, manchmal wird das Spiel mit der Rolle zum Lebensinhalt, Lebensunterhalt, so wie bei den Dragqueens und Dragkings der Transvestitenszene, deren Erfolg und Unterhaltungswert in der Nicht-Eindeutigkeit liegt.

Und manchmal gibt es Boys, die sind eigentlich Girls, die wollen ihre Brüste und ihre Vagina nicht. Tomboys werden sie genannt. Alle diese sind nicht Mann, nicht Frau, auch nichts dazwischen, auch nicht beides zusammen, man nennt sie das 3. Geschlecht oder Transgender – jede Definition ist bestenfalls irgendwie unzutreffend, schlimmstenfalls diskriminierend.

Mimi. Sie hat den Namen einfach so gewählt. Weil er weich klingt und sanft. Mimi Tao. Unter diesem Namen machte sie sich auf, damals, als ihre Mutter sie nicht mehr ihr Kind nennen wollte, um Cabarettänzerin im Touristenort Pattaya und später in der beliebten Bangkoker Calypso-Cabaretshow zu werden. «Eines Tages werde ich dich stolz machen», hatte sie noch zu ihrer Mutter gesagt und begann, kaum dass sie eigenes Geld verdiente, dieses nachhause zu schicken, um nicht nur die Schulden der Eltern abzubezahlen, sondern auch das Medizinstudium des Bruders zu finanzieren. Mimi, der gefallene Sohn, wurde die rettende Tochter. Dass die Enttäuschung, die sie der Mutter bereitet, sich in Stolz wandeln solle, wurde ihr Motor.

Die Einstellung der thailändischen Gesellschaft gegenüber den Vertretern des 3. Geschlechts ist nicht eindeutig. Einerseits gehören diese, zumindest in Bangkok und in den Touristenorten, irgendwie zur Szene, zum Gesamtambiente. Thailand, das steht eben nicht nur für Strände und gutes Essen, sondern auch für Sex aller Spielarten. Wieso in den Fünfzigern gerade dort eine starke Bewegung von Menschen entstand, die sich keiner Geschlechterrolle fügen wollen oder ihr Geschlecht wechseln, darauf findet man, wenn man die Thai fragt, keine oder zu viele Antworten. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass es im Buddhismus, dem die meisten Bewohner anhängen, keine Verurteilung von Homosexualität gibt, Buddhismus eine Philosophie der Nachgiebigkeit ist. Vielleicht deshalb gibt es in Thailand wenig Machomänner, haben Männer es leichter, ihre femininen Anteile auszuleben. Der moderne thailändische Mann, zumindest in der Werbung, ist ein Schönling, der sich eher einem ästhetischen Ideal denn einem Bild von Stärke verpflichtet fühlt.

Doch die Akzeptanz hat Grenzen. Sie reicht nicht in alle Bereiche der Gesellschaft. Sie gilt dort, wo die Ladyboys in den ihnen zugestandenen Nischen der Unterhaltungs-, Mode-, Prostitutionsbranche bleiben. Ladyboys als Verkäufer, als Bedienung im Restaurant, das sieht man, zumindest in Bangkok, doch Ladyboys als Bankangestellte, Krankenschwestern, Verwaltungsratspräsidenten trifft man nicht.

Es ist Samstagnachmittag, Smog und feuchte Hitze liegen über Bangkok. Mimi klappert ihre Termine ab. Das Casting Studio 50 irgendwo in einer stillen Seitenstrasse sucht eine junge Frau, die im Fernsehen Werbung für Papayasalat macht, eines der beliebtesten Gerichte des Landes. Mimi, wie immer ungeschminkt und mit ihrem stolzen Gang, schreitet ins Studio wie eine Königin. Weil es günstiger ist als westliche Kleidung, aber auch, weil sie bleiben will, was sie ist – ein Mädchen vom Land –, trägt sie stets die traditionellen langen Wickelröcke, in denen ihre Beine endlos erscheinen und unter denen hervorschaut, was von Phajaranat übrig blieb: riesige Füsse. Mimi setzt sich zwischen die anderen Kandidatinnen, jede von ihnen mindestens einen Kopf kleiner als sie, jede von ihnen eindeutig weiblich.

Und was ist Mimi? Einmal muss man sie stellen, diese Frage: Wer bist du? Nach den Tagen, an denen man mit ihr im Tempel beten und nach Mädchenart einkaufen war, sich zusammen die Wimpern tuschte, an denen sie sich leicht wie ein Schmetterling einem an den Arm hängte. Man ihr schnelles, bereitwilliges Lachen ansteckend fand und auch die Würde, die sie ausstrahlt und die jede Anrüchigkeit, die an den Ladyboys hängt, verschwinden lässt. Tage, an denen man ihre Souveränität bewunderte, mit der sie alle kritischen Blicke erträgt, und auch ihre Zähigkeit, mit der sie sich weiterkämpft. Tage, an denen man merkt, wie sehr man selber in geschlechtlichen Zuordnungen gefangen ist, sich dieses Freischwebende nicht vorstellen kann. «Mimi, als was siehst du dich?» «Ich bin», sagt Mimi, «eine Frau.»

Die Maskenbildnerin in der Agentur für Papayasalat-Werbung sieht das anders. Sie zetert ein wenig über Mimis herbe Züge und trägt so lange Make-up auf, bis Mimis Gesicht eine Maske ist, die Augen verführerisch glänzen, die hohen Wangenknochen leuchten und die Augenbrauen wie dunkle Monde über den Lidern stehen. Man bindet ihr eine Schürze um die knochigen Hüften, Mimi hält strahlend einen Fertigsalat in die Kamera. «Wir rufen an», sagt die Agentin, «die Nächste bitte.»

Noch zwei weitere Agenturen, Mappe vorzeigen, erklären, wer sie ist, auf ihre Erfolge verweisen, plaudern, lachen. Mimi ist gut darin, Herzen zu gewinnen, ihre Art ist warm, freundlich, fröhlich. Wäre sie ganz und gar das, was sie zu sein fühlt – eine schöne, charismatische Frau mit einem beneidenswerten Körper –, sie wäre wohl längst ihre Zukunftssorgen los. Das männliche Geschlechtsteil aber, gut verborgen unter dem Rock, ist der Makel, den alle Schönheit nicht wettmachen kann.

Es ist schon später Nachmittag, als Mimi in ein Taxi steigt und zu einem Freund fährt, dem Schweizer Fotografen Valentino Lugger, der sich bereit erklärt hat, umsonst Porträts von Mimi zu schiessen. In der Wohnung von Valentino wartet bereits Ice, Mimis beste Freundin, ein Ladyboy wie sie, doch weit von Mimis Schönheit entfernt. Ice ist Maskenbildnerin und Schneiderin, kürzlich hat sie ihr eigenes Label kreiert, und Mimi hilft ihr, die Kleider dafür zu nähen. Ice hat Mimi aufgenommen, als sie kürzlich aus ihrer Wohnung flog, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Nun wohnt Mimi im Haus von Ices Freund, zwei Stunden Fahrt von Bangkoks Zentrum entfernt, schläft dort auf dem Fussboden und wartet auf den Tag, an dem sie genügend Geld verdient, um wieder ins Zentrum von Bangkok zu ziehen.

Mimi möchte, dass Valentino sie als Schwarze fotografiert, ein Protest gegen Rassismus sei das, sagt sie. Ice und noch ein Maskenbildner schmieren Mimis Gesicht und gesamten Oberkörper mit einer schwarzen Masse ein, Ice zerschneidet eine Lockenperücke und stopft die Locken in Mimis Haarknoten, dann werden noch rote Blüten im Haar drapiert, und nun sieht Mimi aus wie eine mystische afrikanische Prinzessin. Vielleicht wäre Mimi Tao damit zufrieden gewesen, im Cabaret die Beine zu schwingen und in jener Nische zu bleiben, die man ihr zugesteht. Hätte sich damit nur Geld machen lassen. Doch was sie verdiente, reichte kaum zum eigenen Leben. Also beschloss sie, Fotomodell zu werden und sich gegen alle Hindernisse zu stellen. Sie hungerte, lief von Agentur zu Agentur. Erfolglos zunächst. «Man sagte mir, ich sei hässlich. Zu gross, zu knochig, zu männlich», erzählt Mimi.

Dann flog sie, mit allem Geld, das sie besass, nach Singapur, schlief dort auf der Strasse, stellte sich bei internationalen Agenturen vor und erhielt schliesslich Aufträge, auch gut bezahlte. Vor der Kamera nämlich verwandelt sich jene Mimi, die im Alltag unprätentiös und natürlich ist, in ein verruchtes Wesen, unnahbar und rätselhaft. Damals, vor zwei Jahren in Singapur, hoffte Mimi, ihr Weg ginge weiter nach New York oder Mailand, dorthin, wo die Modebranche nicht nur zierliche kleine Asiatinnen haben möchte, sondern experimentierfreudig ist. Dorthin, wo sie, wie sie glaubt, sich nicht erklären muss.

Sie schickte ihre Fotos an Agenturen in den USA, in Europa. «Wunderbar», schrieb man ihr, «kommen Sie, und stellen Sie sich vor.» Doch nie reichte ihr Verdienst für die Schulden der Eltern und ein Flugticket, und so kehrte Mimi schliesslich nach Bangkok zurück.

Längst hat sie sich mit ihrer Mutter versöhnt, hat sich die Mutter damit abgefunden, den einstigen Sohn nun als ihre Tochter vorzustellen. Doch offiziell gibt es Mimi Tao nicht. Mimi Tao, das steht zwar unter allen Verträgen, die Mimi abschliesst, steht auf ihrer Instagram-Seite, auf Facebook. Doch in ihrem Pass steht es nicht. Vor dem Gesetz ist Mimi Tao ein Mann. Nur eine Geschlechtsumwandlung gäbe ihr das Recht, ihren Namen offiziell zu ändern. Dass sie äusserlich und emotional das eine, auf dem Papier aber das andere sind, ist für Ladyboys problematisch, wenn es um die Wahl der richtigen öffentlichen Toilette geht, es wird jedoch gefährlich, wenn sie ins Gefängnis oder ins Spital müssen. In beiden Fällen landen sie in der Männerabteilung.

Mimi war schon eine Weile Mimi, ihre Haare reichten bereits bis zum Po, da bekam sie ihr Aufgebot für den Militärdienst. Adressiert an Mr. Phajaranat Nobantao. Mimi wäre nicht Mimi, wenn sie sich davon hätte abschrecken lassen. In einem hautengen roten Kleid und mit Killerabsätzen ging sie zur Rekrutierung. Sehr zur Freude der anderen Rekruten. In Mimis Fotoalbum gibt es ein Bild von diesem Tag. Im Hintergrund eine Reihe grinsender Männer, im Vordergrund eine bildschöne Mimi, die kokett in die Kamera lacht. Weil sie zu dünn ist, wurde sie ausgemustert.

«Transgender, das steht in Thailand für Unterhaltung und Showgeschäft. Wir wollen, dass die Leute uns ernst nehmen, uns nicht nur als Komödianten sehen, als Clowns, überkandidelte Witzfiguren, das ist nämlich die einzige Art, in der man uns darstellt.» Das sagt eine Frau, der man, anders als Mimi, den Ladyboy sofort ansieht – und die das auch so will. TNA, ausgesprochen Tina, ist Chefredaktorin des ersten und bislang einzigen thailändischen LGBT-Magazins. Was sich aus TNAs Mund wie Ähljibitie anhört, ist die gängige Abkürzung für die Gruppe all jener Menschen, die in keines der gängigen Geschlechtermuster passen oder passen wollen. L für Lesben, G für Gays, B für Bisexuelle und T für Transgender. Und TNA steht für die Frau, die mit diesem Magazin Thailands Gesellschaft verändern, die Massen dazu bewegen will, das Thema sexuelle und geschlechtliche Orientierung jenseits der Schwarz-weiss-Zuordnungen wahrzunehmen. «Die Leute wollen, dass wir niedlich sind», sagt sie. «Sie wollen uns lieben, wie man ein Kuscheltier liebt.»

TNA wollte nie niedlich sein. Wie Mimi ist TNA grösser als die Durchschnittsthai, dabei aber kräftig, ihre Stimme klingt wie die eines Countrysängers, ihr Lachen ist tief und rau, doch ihre Kleidung ist weiblich, die Haare lang, das Make-up schwer. Dass sie mehr Mädchen als Bub ist, war ihr und ihren Eltern schon früh bewusst, die Eltern gingen entspannt damit um, wenn der Sohn sich wie ein Mädchen kleidete und benahm. «Ich hatte nie das Gefühl, mit mir stimmt etwas nicht. Genau deshalb will ich, dass andere das auch so sehen. Wir sind normale Menschen, wir sind keine Ausserirdischen. Wir werden in Thailand zwar nicht diskriminiert, aber auch nicht wirklich akzeptiert. Es ist Zeit, einen Schritt weiterzugehen. Die Leute sollen aufhören, uns exotisch zu finden.»

«Prism», so der Name des Magazins, wurde vor gut einem Jahr gegründet, erscheint nur digital, drei Redaktoren arbeiten dort. Noch steckt TNA tief in den roten Zahlen. «Die Anzeigenkunden kommen erst nach und nach. Viele haben Berührungsängste.» Zuvor hatte sie bei einem Lesbenmagazin gearbeitet, bis sie die Kategorisierung leid war und lieber Geschichten machen wollte, die alle Gruppen erreichen: auch die Heteros. «LGBT», sagt TNA, «ist die Zukunft.»

Mimis Durchbruch in Thailand kam, als vor gut einem Jahr die Medien auf sie aufmerksam wurden. Die «Bangkok Post», «Daily Mail» und andere publizierten Artikel, in denen Mimis Werdegang als Cinderella-Story beschrieben wurde. Vom Klosterschüler zum Model, vom unscheinbaren Knaben zum schönen Schwan. Dann brachte die Auslandssparte der BBC ein Telefoninterview mit ihr, zeigte dabei Bilder von Mimi. Danach erkannten die Menschen sie auf der Strasse, und eine Gönnerin bezahlte ihr eine Brustvergrösserung. Seither wird Mimi auch als Unterwäschemodel gebucht. Doch es sind immer zu wenig Aufträge, um für die Zukunft zu sparen, die Mimi sich wünscht. «Wenn ich nur einmal nach Europa, wenn ich nur einmal für Versace oder Gaultier laufen könnte …», seufzt Mimi.

Es ist Freitagabend, und Mimi will ausgehen. Die Stimmung im Haus von Ices Freund ist schlecht, die Mädchen fühlen sich eingeengt, es gibt keine Privatsphäre, ihre Näharbeiten erledigen die beiden Frauen auf der Veranda. Im Taxi von Ices Wohnung nach Downtown tippelt Mimi auf ihren beiden Handys herum, verteilt Herzen und Likes, beantwortet Kommentare bei Instagram und Facebook. Vor allem junge Mädchen, die von den Laufstegen dieser Welt träumen, haben in Mimi ihr Vorbild gefunden. «Ich will so sein wie du», schreiben sie – und meinen es ganz unschuldig. Weniger unschuldig sind die Mails, die Mimi aus Europa und den USA erhält von Männern, die unverhohlen nach Sex fragen. «Wenn sie freundlich schreiben, dann schreibe ich freundlich zurück, dass ich so was nicht mache», sagt Mimi. «Aber manche dieser Mails sind ekelhaft.»

In Bangkoks Vergnügungsviertel Sukhumvit herrscht auch nach Mitternacht noch reges Treiben. In den einschlägigen Strassen wird Unterhaltung für jeden Geschmack geboten: von billigen Puffs und Tanzbars bis zu teuren Clubs, in denen sich Bangkoks Geldelite und betuchte Touristen treffen. Mimi steuert den Sing Sing Club an, der für seine Kleinkunst-Performances und seine reichen Kunden bekannt ist. Draussen verhindern Türsteher den Eintritt schlecht gekleideter Menschen. Drinnen ist es auf drei Etagen rappelvoll. Schöne Frauen, teure Kleider, viel Schmuck, die meisten Männer sind Ausländer. Ein Getränk hat den Preis eines durchschnittlichen thailändischen Wochenlohns. In Käfigen tanzen Mädchen, eine spielt mit einer gigantischen Anakonda, auf den Treppen vom einen zum anderen Stock wachen Typen mit breiten Schultern über das Benehmen der Gäste. Nichts sieht nach billigem Sex aus, doch das Spiel der Blicke und Gesten ist eindeutig. Bald wird Mimi von einigen Frauen erkannt, geschmeichelt lässt sie sich fotografieren, umringen. «Mimi, Mimi Tao», rufen einige. Die Aufmerksamkeit zieht einen dänischen Geschäftsmann an, der bald heftig mit Mimi flirtet. Sie bleibt distanziert, nippt an ihrem Apfelsaft und freut sich über den Rummel, den sie verursacht. Und verlässt den Club nach zwei Stunden. Allein.

«Ein Mann fürs Leben», sagt Mimi am nächsten Tag bei Nudelsuppe in einem der billigen Suppenshops entlang der Strasse, «das wäre schön. Aber ich glaube nicht so recht dran. Ich bin zu unabhängig für eine Beziehung.» Wenn sie an ihre Zukunft denke, dann sähe sie sich eher als Vorbild dafür, dass Frauen autark und stark sein können. «Sobald ich die Schulden meiner Mutter bezahlt und genügend gespart habe, werde ich Land kaufen und Reisbäuerin werden. Die Modewelt, das ist nicht die Wirklichkeit. Das ist nicht das Leben.» Einige Wochen nach der Recherche zu diesem Artikel schickt sie Fotos von sich in ihrem Heimatdorf. Fotos, auf denen sie am Feuer Essen kocht oder unter einem Baum sitzt. «Glückliche Tage», schreibt sie dazu.

Damals, als sie die behütete Welt des Klosters verliess und nach Pattaya ging, als sie lernen musste, dass in der Realität wenig Raum für buddhistische Güte und Ethik bleibt, wünschte sie sich noch, nach einigen Jahren ins Klosterleben zurückzukehren. Doch die Zeit in Bangkok hat ihre Pläne geändert. Der Blick auf die sozialen Unterschiede, die Armut, die Chancenlosigkeit der Randgruppen, vor allem der Frauen. Lieber will Mimi Tao nun neben der Bewirtschaftung eigener Felder eine Weberei aufmachen, in der die thailändischen Stoffe nach traditioneller Art gewebt werden. Sie will damit den Frauen in ihrem Dorf helfen, ihnen Arbeit und Lohn verschaffen. «Wenn man in seinem Herzen ein Mönch ist, dann muss man nicht im Tempel leben und eine gelbe Robe tragen. Jeder, der ein gutes Herz hat und etwas für andere tut, ist ein Mönch.»

Den Job für den Papayasalat wird Mimi nicht bekommen. Sie böte, wird man ihr sagen, zu wenig Identifizierungsfläche für die zierliche thailändische Hausfrau. Auch für eine Modeschau, auf die sie gehofft hatte, wird sie nicht gebucht. Schon beim Casting wirft man sie raus: Man arbeite nur mit Models, die entweder Mann oder Frau seien.

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