Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich in Untersuchungshaft zu sitzen?

Aufgezeichnet von Jelena Keller, Bild: Freeimages

Wie ist es eigentlich in Untersuchungshaft zu sitzen?
  • Marco Bucher (Name von der Redaktion geändert), 35,  Betriebswirtschafter, Zürich

Marco Bucher* erzählt wie es ist, in Untersuchungshaft zu sitzen.

Morgens um sechs klingelt es an meiner Haustür. Als ich die fünf Polizisten hereinbitte, bleibe ich ruhig. Noch bin ich davon überzeugt, dass sie mir nicht allzu viel anhängen können. Etwas, das so lange gut gegangen war, kann nicht so einfach auffliegen, denke ich. Aber ich liege falsch.

Die zweite Durchsuchung findet an meinem Arbeitsplatz statt. Erst jetzt überkommt mich eine unerträgliche Scham. Mir wird das Ausmass meiner Taten bewusst, dass nun mein ganzes Umfeld erfahren wird, dass ich ein Betrüger bin.

Ich habe mit sechs Komplizen über mehrere Jahre Geld von meinem Arbeitgeber unterschlagen, mich monatlich mit grösseren Beträgen bereichert, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Ich habe im Exzess gelebt: Kokain, Prostituierte, Partys in St-Tropez, Champagnerduschen. Irgendwann bin ich zu gierig geworden.

Auf dem Weg ins Untersuchungsgefängnis fühle ich mich unendlich leer und doch erleichtert. Befreit von der immensen Last, die ich so lange mit Alkohol und Drogen zu vergessen versucht habe. Im Gefängnis werden Fingerabdrücke genommen, ich werde befragt, dann in eine winzige, stickige Zelle im Keller gebracht: ein Kajütenbett, ein Tischlein mit zwei Stühlen und ein eingebautes Radio mit einem Feueranzünder. Am schrecklichsten ist das Warten, die Ungewissheit darüber, wie lange ich in diesem Kerker bleiben muss und was danach mit mir geschieht. Ich esse nichts, rauche nur. Dann werde ich emotional, denke an meine siebenjährige Tochter, an mein vergeudetes Leben. In der ersten Nacht weine ich nur.

Am zweiten Tag kommt ein Italienisch sprechender Haftgenosse zu mir in die Zelle, der mir eine lange Liste in deutscher Sprache hinhält. Ob schlimm sei, was da stehe, fragt er. Es ist eine Auflistung seiner Taten: versuchter Mord, Totschlag, Vergewaltigung. Erst jetzt wird mir klar, wie tief ich gesunken bin, eingesperrt mit Schwerverbrechern, Psychopathen, Pädophilen und Mördern. Die folgenden Tage werden die schlimmsten meines Lebens. Die Ruhe, die Dunkelheit, die Einsamkeit und die Schuld, der ich mir erst langsam so richtig bewusst werde.

Am vierten Tag komme ich in ein anderes Untersuchungsgefängnis. Mein Zellengenosse ist ein Student, der mit Heroin gedealt hat. Wir können uns unterhalten. Zweimal die Woche dürfen wir zehn Minuten lang duschen, uns eine Stunde am Tag, von 9 bis 10 Uhr, im Hof frei bewegen. Die restlichen 23 Stunden sind wir eingesperrt – es bleibt uns nichts als unsere Gedanken und ein Stück Papier mit Bleistift. Ich schreibe jedem in meinem Umfeld einen Brief, auch der Geschäftsleitung, beichte meine Taten und hoffe auf Vergebung.

Ich arrangiere mich mit dem Drogenentzug, meinem Schicksal und den Schuldgefühlen. Dann suche ich nach Zielen, an denen ich mich festhalten kann. Meine Freundin motiviert mich in ihren Briefen, gibt mir Mut und Hoffnung. Ohne sie hätte ich das nicht durchgestanden. Ich beginne in der Zelle zu trainieren, lese sieben Bücher über Selbstfindung, positives Denken und Buddhismus. Andere Insassen sind weniger optimistisch: Zwei erhängen sich, einer zündet sich an, erzählen mir die Gefängniswärter.

Im Nachhinein bin ich dankbar für die Erfahrung in der Untersuchungshaft. Durch sie wurde ich bescheidener, zufriedener. Heute liebe ich es, auf einer Wiese zu sitzen, die Freiheit zu geniessen, mit meiner Tochter zu spielen, die Geborgenheit einer Beziehung zu erfahren, mir ein gutes Essen zu gönnen. Ein halbes Jahr nach der Entlassung habe ich noch immer keinen Tropfen Alkohol getrunken.

Zu einer Anklage wegen Betrugs und Veruntreuung kam es schliesslich nicht, es gab eine aussergerichtliche Einigung. Ich musste Privatinsolvenz anmelden und lebe jetzt in einer Einzimmerwohnung statt im Penthouse. Obwohl ich nun verschuldet und mittellos dastehe und auf meine Bewerbungen nur Absagen bekomme, blicke ich hoffnungsvoll in die Zukunft. Ich fange klein an und werde mir geduldig ein neues Leben aufbauen – diesmal von Grund auf ehrlich.

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