Schweizer Nati erstmals an Fussball-EM

«Frauen spielen oft brutaler»

Interview: Stephanie Hess; Fotos: Getty Images (1)

  • «Fussballerinnen weichen Zweikämpfen nicht aus»

Am 16. Juli beginnt die Fussball-EM der Frauen. Zum ersten Mal dabei: Unsere Nati. André Meier, Trainer von Männer- und Frauenteams, über Härte, Leidenschaft und Fairness im Frauenfussball.

annabelle: André «Bigi» Meier, Sie haben über dreissig Jahre Erfahrung als Trainer. Sind Fussballerinnen einfacher zu trainieren als Fussballer?
André Meier: Ich finde es schöner, Frauen zu trainieren. Die Fussballerinnen, die ich kennen lernte, haben die Haltung: «Wir haben uns entschlossen, Fussball zu spielen, also sind wir voll dabei.» Sie haben Eigenverantwortung, sind pünktlich, suchen keine faulen Ausreden.

Okay, es ist schöner, Frauen zu trainieren, aber ist es auch einfacher?
Es ist komplexer. Man kann das Training nicht auf Kraft oder Technik fokussieren, sondern muss ganzheitlich arbeiten. Denn es gibt noch viel aufzuholen.

Was denn?
Frauen fehlt im Vergleich zu Männern die Erfahrung aus all den Tausenden von Ballkontakten, die sie als Buben auf dem Tschuttiplatz sammelten. Mädchen fangen meist viel später an. Darum fehlt ihnen nebst der Technik auch die Intuition, das periphere Sehen, das heisst das Wahrnehmen, was um sie herum geschieht. Ich plädiere dafür, dass Mädchen viel früher gefördert werden, am besten ab fünf Jahren. Wichtig ist, dass sie anfangs nur untereinander spielen und ältere Fussballerinnen dabei sind, die sie motivieren können.

Welches sind denn die grössten Schwächen der Männer auf dem Fussballplatz?
Die Selbstüberschätzung.

Welche fussballerischen Stärken zeigen Frauen?
Sie bringen sich ins Spiel ein, gehen für jeden Ball, versuchen Spielzüge zu entwickeln – selbst wenn sie nicht sicher sind, ob die zu einem guten Resultat führen. Ein Mann versteckt sich eher, wenn er sich seiner Sache nicht sicher ist. Der grosse Einsatz der Frauen ist aber auch unglaublich hart.

Es gibt viele Verletzungen?
Ja, auch gravierende. Frauen weichen Zweikämpfen nicht aus, können dabei aber ihre Wucht nicht so gut einschätzen. Sie sind noch zu wenig flink, um rechtzeitig den Fuss wegzuziehen oder auszuweichen.

Frauenfussball ist also härter als Männerfussball?
Absolut, Frauen spielen oft brutaler als Männer.

Wie verhalten sich Fussballerinnen in der Kabine?
Als männlicher Trainer habe ich nur beschränkt Zugang zur Kabine, klopfe immer erst an. Ich kann aber sagen, dass die Stimmung ausgelassener ist und mehr geredet wird als bei Männern.

Wie reagieren Fussballerinnen auf Siege und Niederlagen?
Wenn sie wissen, dass das gegnerische Team schlechter ist, gehen viele Männer nicht an ihre Grenzen. Bei den Frauen ist das anders: Sie geben immer alles, egal wer auf der anderen Seite steht. Natürlich ist dann bei einer Niederlage der Frust gross. Ab und zu fliessen Tränen, aber das ist bei Männern nicht anders. Aggressiv werden die Frauen kaum, vielleicht lassen sie mal ein Fluchwort fallen. Aber sie schmeissen nicht die Tschuttischuhe an die Wand, wie es manche Männer tun.

Die Spielerfrauen bedienen jegliche Klischees: Sie sind vollbusig und sehen in der Regel aus wie Models. Wie sind die Spielerinnenmänner?
Das kann ich nicht sagen. Mich interessieren die Fussballerinnen als Sportlerinnen. Ihre Männer spielen keine grosse Rolle, sie hocken im besten Fall auf der Tribüne und feuern sie an.

Apropos: Wie unterscheidet sich die Stimmung an den Matchs auf den Tribünen?
Bei Frauenmatchs geschieht fast nichts. Da sitzen eben nur die Angehörigen und nicht mal alle. Wenn der Schiedsrichter falsch pfeift, reagiert kaum jemand. Flucht jemand, hören es alle.

Warum sollten sich mehr Leute für Frauenfussball interessieren?
Weil die Leidenschaft und der Teamzusammenhalt unvergleichlich sind. Wie diese Frauen einander unterstützen, füreinander rennen, ist grossartig! Wenn man als Frau gern den Fussball der Männer schaut, sollte man auch jenen der Frauen schauen, sie unterstützen.

Sie appellieren an die Frauensolidarität?
Ja, denn die Ticketgelder der weiblichen Fans des Männerfussballs nehmen die Vereine je gern. Doch die Ambitionen der fussballspielenden Frauen unterstützen sie kaum.

Die Vereine denken immer noch, Fussball sei Männersache?
Vielleicht. Sonst würden mehr Vereine ihre Frauenteams fördern und sie als Marken aufbauen.

Ist Frauenfussball denn genügend attraktiv?
Schauen Sie mal das Tennis an. Früher hiess es immer: Frauentennis, das kannst du nicht schauen! Aber heute hat Frauentennis ein tolles Niveau, die Spielerinnen erhalten zumindest bei Grand-Slam-Turnieren die gleichen Preisgelder wie Männer, haben Anerkennung, ziehen viel Publikum an. Das kann man auch im Frauenfussball schaffen.

André «Bigi» Meier (67) war von 1972 bis 1976 Spieler der Nationalmannschaft, mehrfacher Schweizer Meister mit GC Zürich. Heute ist er Trainer. Bis vor kurzem coachte er das Nationalliga-A-Frauenteam des FC Luzern

Stephanie Hess

Die Redaktorin im Ressort Reportagen interessiert sich für die kleinen Leute und die leisen Abenteuer des Alltags. In ihrer Freizeit liest sie – gern auch Fantasy-Bücher für Kinder.

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