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Island - eine Liebeserklärung

Text: Helene Aecherli; Foto: Getty Images

Island hat 77000 Pferde, 470000 Schafe, 332000 Einwohner und jetzt auch eine Mannschaft an der Fussball EM. Möge die Kraft der Vulkane und der Zauber der Elfen bei ihnen sein. Ich bin es bestimmt.

Es war Islands Premiere gestern auf dem Rasen der Europameisterschaften, und abgebrühte Fussballkenner mögen nun sagen: «Ach, was für ein langweiliges Spiel. Die Portugiesen rannten sich die Beine aus dem Leib, erspielten sich Torchancen, scheiterten aber am isländischen Bollwerk, an der Trutzburg, die sich hinten aufbaute, kaum was anderes tat, als sich den Portugiesen entgegenzustemmen, und dann erst noch ein Goal schoss (der Match endete 1:1). Wo blieb die Phantasie? Der Spielwitz? Der Zauber? Ein bisschen Bällellen, ein bisschen Hintenreinstehen – kann das eine Strategie sein? Wenn das nun die ganze Vorrunde, sogar die ganze EM so weitergeht? Mon Dieu!»

Doch egal ob Vorspiel oder weiterreichende Strategie: Für mich waren folgende Punkte zentral:

- Ronaldos Grinsen – das so faszinierend wie enigmatisch ist, weil nie wirklich ersichtlich wird, ob er grinst, weil er sich ärgert, sich freut oder ihm was wehtut. Die Frisur kann es nicht sein. Denn die sitzt wie in Beton gegossen.

- Das isländische Fangebrüll: Dieses fast schon unheimlich perfekt orchestrierte zweisilbige «Huaaa», das mich immer wieder erschreckt zusammenzucken und etwas hilflos zurück liess. Vor allem auch deshalb, weil nach dem einzelnen «Huaaa» jeweils nichts mehr kam. Kein Gesang. Kein Applaus. Bloss bedeutungsvolle Leere, ein Atemholen vor dem nächsten Eroberungs-Anfeuerungs-Schrei. Ein Schrei aus tiefster Kehle, archaisch, inbrünstig, konsequent. Da brauchts keine Welle mehr. Bleibt nur die Frage: Wie übt man so was?

- Die isländischen Spieler selbst. Sehr ernst, sehr kämpferisch, aber immer sehr nett, fast schon galant, gesittete Buben mit einer Aura von Selbstironie. Weisses T-Shirt auf blasser Haut, am Ende jeden Namens ein –son, was zwar in der isländischen Namensgebung die Norm ist (bei Frauen heissts –dottir), aber suggeriert, dass von den 332000 Einwohnern der Insel, die gut vier Flugstunden von Kopenhagen entfernt liegt und weder Autobahnen, McDonalds, noch eine reguläre Armee hat, gar manche miteinander verwandt sein müssen. Insofern könnte man das Spiel gestern als Auftakt eines erweiterten Familienfests betrachten, was wiederum die spontane Synchronität des oben genannten «Huaaa» erklären würde: Eine Familie. Eine DNA. Ein Chor.

- Meine Unwissenheit. Bis vor wenigen Wochen habe ich nicht einmal gewusst, dass Isländer Fussball (Isländisch: fotbolti) spielen, geschweige denn, eine Nationalmannschaft (knattspyrnusamband) haben. Das mag an meiner Fussball-Ignoranz liegen, aber auch daran, dass Island eher mit Vulkanen, deren Aschewolken den internationalen Flugverkehr sabotieren, und speienden Geysiren, als mit Fussball assoziiert wird. Diese Haltung, kann man nun zu Recht einwenden, ist im Prinzip ziemlich unbedarft, denn auf jedem erdenklichen Flecken Erde, ja selbst auf Sand, Schlamm und Beton, wird auf diesem Globus Fussball gespielt. Warum also nicht auch auf Island? Eben. Trotzdem: Als ich hörte, Island mischt in der EM mit, fragte ich mich überrascht: «Und wo trainierten die denn? In Sturm- und Regenböen, auf Ebenen bezackt mit vulkanischen Felsen, angespornt von übermotivierten Elfen?» Inzwischen weiss ich: Auf Island gibt es sieben grosse Fussballhallen mit Kunstrasen. Goalie Hannes Halldorsson (31) soll noch in einer Reithalle tschutten gelernt haben.

- Meine Liebe zu Island: Ich weiss, dies hört sich an, als wäre ich den allergängigsten Klischees über Island erlegen. Aber seit ich in den 90er Jahren als Nordistik-Nebenfachstudentin zum ersten Mal auf der Insel war, habe ich Spass daran, den Klischees Islands zu erliegen – Klischees, notabene, die nicht einfach billige Tourismuspropaganda sind, sondern Tatsachen (abgesehen, vielleicht von den Elfen, aber da scheiden sich die Geister) und die von den Isländern selbst rege hochgehalten werden. Denn ja, die Sturm- und Regenböen dort sind oft so wuchtig, dass sich jeder lächerlich macht, der mit einem Schirm auf die Insel kommt. Von den gut 130 Vulkanen sind 30 potentiell aktiv. Unter der Erde der Insel scheint es also nicht nur zu blubbern und brodeln, sondern es blubbert und brodelt tatsächlich. Und dies erzeugt eine Magie – vorausgesetzt, natürlich, man ist offen dafür – die einem nie mehr loslässt, und an die man sich beim Stichwort Island reflexartig erinnert:
Als ich nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island und auf entlegenen Pisten im Südwesten des Landes unterwegs war, schien es, als sei ich in der Unwirklichkeit angekommen: Pechschwarze Lavafelder ziehen sich um einen eisblauen See dem Horizont entgegen. Felsen ragen in den grauen Himmel, klagend, als wären sie in ihrer Bewegung erstarrt. An manchen Stellen steigt Dampf aus unterirdischen Heisswasserquellen, die Luft riecht nach Schwefel. Und ich weiss noch, wie mir in jenen Minuten Bilder des Films «Apocalypse Now» durch den Kopf gingen, gleichzeitig aber auch Musikfragmente aus Haydns «Schöpfung». Dass ich damit nicht vollkommen falsch lag, bestätigte mir Olafur Ragnar Grimsson, Präsident der Inselrepublik (der sich Ende dieses Monats trotz der Wirren um die Panama Papers zur Wiederwahl stellt), später an einer Audienz. «In Island ist die Schöpfung der Welt noch in vollem Gang», sagte er. «Das ist hier immer so gewesen und wird auch immer so sein. Wir Isländer haben gelernt, in diesem Spannungsfeld zu leben; daraus schöpfen wir die Kraft, uns neu zu erfinden.»

Und das tun die Isländer auch: Kaum irgendwo wird so viel Literatur erzeugt (es gibt auf Island etwa siebzig Autoren, die von ihrem Beruf allein leben können), kaum irgendwo so eigenwillige Musik gemacht (okay, ich habe Björks Geschrei nie begriffen), kaum irgendwo so eigensinnig mit Sprache umgegangen (Isländisch hat fast keine Fremdwörter, sondern erfindet neue isländische Wörter, siehe «Sex»), und kaum irgendwo so freizügig Sex (kynlif) zelebriert, wie auf Island – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Letzteres wird auch durch die Existenz des Isländischen Phallus-Museum bezeugt (www.phallus.is), die wohl weltweit einzige Institution, die die Phallen fast aller Säugetiere eines Landes gesammelt hat, jenes eines lokalen Homo Sapiens inklusive. Nun sind die Isländer auch daran, sich fussballerisch neu zu erfinden und sich ein Denkmal zu schaffen. Wohin dies wohl führen wird? Die nächsten Matches (leikur) werden's zeigen. Der Ball ist rund.

Möge die Kraftt der Vulkane und der schöpferische Zauber der Elfen bei der Knattspyrnusamband Íslands sein. Ich bin es auf jeden Fall.

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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