Wohnung

Wohnen in einem Showroom in Bern

Redaktion: Line Numme; Fotos: Rita Palanikumar

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Altehrwürdiger Raum, temporär eingerichtet: Der Living Showroom in der Wohnung von Aline Mata und Daniel Woodtli

Köpfe voller Ideen: Die Bewohner Daniel Woodtli und Aline Mata mit Innen- architekt Marco Dionisio (r.)

Passend zu den exklusiven Fotografien an der Wand: Beim Fayence-Kachelofen liegt der Bildband «Celebrity Pets» von Edward Quinn auf. Auf dem Ofen: Antike chinesische Porzellanteekrüge aus Marco Dionisios Sammlung

Wohnausstellung und Kunstvernissage in einem: Die Bilder von Edward Quinn, die Filmstars der Sixties an der Côte d’Azur zeigen, beleben den Raum zusätzlich

Geben den Ton an: Nick Perrin an der Gitarre (www.nickperrin.ch), Gastgeber Daniel Woodtli an der Trompete (www.danielwoodtli.ch)

Der Showroom ist auch eine Jazzlounge: Willkommensgruss am barocken Hauseingang

Die Caterer Fred Bodmer und Annette Weber von Disch Fooddesign (www.disch.co) bereiten die kunstvolle Verköstigung der Gäste vor

Den Gästen gefällts: Hauskonzert – ganz wie früher

Vom Essen zweifellos angefressen: Annette Webers Tattoo bezeugt das deutlich

Marco Dionisio im Gespräch mit Wolfgang Frei und dessen Ehefrau Ursula. Frei ist Edward Quinns Neffe und Archivar von dessen Nachlass

Berner Patrizierhaus

Berner Patrizierhaus

Berner Patrizierhaus
 

Berner Patrizierhaus

Berner Patrizierhaus

Berner Patrizierhaus

Berner Patrizierhaus

Dieser Salon in einem Berner Patrizierhaus ist kein gewöhnlicher. Er wird nicht nur bewohnt, sondern ist auch eine Plattform für Interior-Ideen und Events. Wir haben die drei Erfinder dieses Konzepts besucht.

Wir mögen Geschichten. Nicht nur in Büchern und Filmen erzählte, sondern auch – oder erst recht – erlebbare. Die Figuren werden uns nahegebracht, in eine Handlung verpackt und passend in Szene gesetzt. Warum also nicht auch Möbel und Accessoires in einem lebendigen Kontext inszenieren? Das sagte sich der Innenarchitekt und Visual Merchandiser Marco Dionisio, als er mit seinen Freunden Aline Mata und Daniel Woodtli deren zukünftige Wohnung in der Berner Altstadt besichtigte und diese meinten: «Wunderschön, aber viel zu gross für uns!» Es entstand die spontane Idee, ihnen etwas Raum abzunehmen und die fantastische Lage und Atmosphäre dieser geschichtsträchtigen Herrenhauswohnung als inspirierende Plattform für Einrichtungsideen zu nutzen und halb öffentlich zugänglich zu machen. Der Vorschlag kam bei den neuen Bewohnern im Wissen um die Geschichte des Von-Wattenwyl-Hauses an der Herrengasse 23 gut an. Die künstlerische Kreativität hatte hier durch die Jahrhunderte ihren Platz, zahlreiche Künstler gingen in diesem Haus ein und aus – darunter berühmte Musiker, Maler und Schriftsteller.

annabelle: Marco Dionisio, können Sie erklären, was Sie genau machen und wozu Sie eigentlich einen solchen Showroom brauchen? Üblicherweise denkt man ja dabei an ein Ladenlokal oder Ähnliches.
Marco Dionisio: Wir erstellen primär Inneneinrichtungskonzepte für Läden. Das können Geschäfte von fünfzig bis zu mehreren Tausend Quadratmetern sein. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist die Warenpräsentation: Wie macht man den Leuten Lust aufs Kaufen. Es geht letztlich darum, die Räume und Objekte zu emotionalisieren. Als Daniel Woodtli und Aline Mata mir sagten, dass die Räumlichkeiten für sie einfach zu gross seien, kam mir spontan die Idee, einen Raum zu übernehmen, ihn einzurichten und als Living Showroom für meine Firma zu nutzen.

Wie nutzen Sie den Raum denn nun genau?
Dionisio: Wir richten ihn immer wieder neu ein, etwa alle zwei Monate, und nutzen ihn vor allem, um mit unseren Kunden herzukommen und die Produkte der Hersteller, mit denen wir zusammenarbeiten, in einem passenden Kontext zu zeigen. Er bietet auch die Möglichkeit, Events mit oder für unsere Kunden zu veranstalten. Gleichzeitig ist und bleibt es ein Wohnraum für Daniel und Aline, den sie ohne Einschränkung samt Möbeln nutzen sollen und dürfen. Wobei ihnen natürlich nicht jedes Konzept gleich gut gefällt. Ich richte mich da nicht nach ihnen, sondern mehr nach Trends und meinem Gefühl, was passt, und fokussiere natürlich auch auf Objekte, die ich für meine Projekte nutzen kann. Nächste Woche findet hier drin zum Beispiel ein Meeting mit einem grossen Modehaus statt, das wir einrichten werden.

Ihre Kunden sind also vor allem grössere Firmen, nicht Privatkunden?
Dionisio: Genau. Aber es kommt auch vor, dass wir für private Haushalte konzipieren. So zum Beispiel für ein kleines Schloss in Wengen. Wenn es also um grössere Einrichtungsprojekte im privaten Rahmen geht, machen wir das auch gern, aber wenn jemand einfach ein Sofa oder ein Regal kaufen möchte, dann ist eher ein Interiorgeschäft das Richtige. Der Showroom ist also nicht als eine Art Laden zu verstehen, sondern als Arbeits- und Eventraum.

Was sind die Vorteile, Kunden so zu empfangen?
Dionisio: Man muss Menschen für etwas begeistern können, das sie kaufen sollen, indem man die Geschichte hinter den Objekten und Produkten erzählt. Es geht dabei letztlich um Authentizität: Wenn ich selbst von etwas überzeugt bin und das in einem solchen Rahmen auch veranschaulichen kann, dann ist es für den Kunden ein gutes Argument für eine Zusammenarbeit.

Sind sich Ihre Kunden eigentlich sofort bewusst, dass es sich hier um eine private Wohnung handelt?
Dionisio: Im ersten Moment nicht, weil es ja schon recht ungewöhnlich ist. Wenn ich erzähle, dass es sich um eine Privatwohnung handelt, sind sie zunächst erstaunt, schätzen dann aber die Exklusivität und die Möglichkeit, einen solchen Einblick zu bekommen.

Daniel Woodtli und Aline Mata, wie sehen Sie denn Ihre Rolle im Ganzen? Inwiefern wollen Sie involviert sein? Gibt es konkrete Vereinbarungen?
Daniel Woodtli: Das ganze Projekt kam natürlich nur zustande, weil wir sehr gut befreundet sind. Wir sind noch ganz am Anfang, heute findet der erste grössere Anlass statt. Es wird also spannend zu sehen, wie sich das Ganze entwickelt. Ich glaube nicht, dass es im Alltag ein allzu grosses Gläuf geben wird. Es gilt im Moment einfach die Abmachung, dass wir eine halbe Stunde im Voraus telefonisch vorgewarnt werden, bevor Marco mit Besuch vor der Tür steht.

Es drängt sich natürlich die Frage auf, wie stark Geschäftliches hier mit Ihrer Privatsphäre kollidiert. Sind Sie schon mal im Pyjama überrascht worden?
Aline Mata: Ja, ich kam tatsächlich mal gerade aus der Dusche, aber das war kein Problem. Die Wohnung ist ja sehr gross, und man kann sich sehr gut aus dem Weg gehen oder zurückziehen. Klar, ein bisschen Privatsphäre geht schon verloren, aber bisher hat mich das überhaupt nicht gestört. Wir haben ja letztendlich auch etwas davon. Kürzlich habe ich den Showroom zum Beispiel für eine private Feier genutzt. Wir haben keine Hemmungen, den Raum samt Möbeln auch als unseren Wohnraum anzusehen.
Dionisio: Ich glaube, es ist für alle noch ein Herantasten und Ausprobieren, was möglich ist und was nicht.

Was wäre für Sie denn ein absolutes No-Go?
Mata: Hm, gibt es das überhaupt? Vielleicht, wenn Marco morgens um 7 Uhr vor der Tür stehen würde. Also für dich Dani, denk ich. Ich bin ja schon früh aus dem Haus.
Woodtli: Ja, vielleicht. Nicht unbedingt wegen des frühen Aufstehens, aber der Morgen ist für mich heilig. Morgens brauche ich einfach mindestens eine Stunde für mich. Da ist mir meine Privatsphäre schon sehr wichtig. Aber sonst, nein. Im Gegenteil, ich wäre auch offen dafür, mal etwas ganz Ausgefallenes, Freakiges zu veranstalten.
Dionisio: Ich hätte vielleicht ein Problem damit, wenn Dani mit seinen Musikerkollegen im Raum ein Riesengelage veranstalten würde, wie man sich das bei Rockstars so vorstellt – mit Brandlöchern in den Polstern und Rotweinflecken überall. Wobei, man könnte das dann auch wieder als Kunst verkaufen, je nachdem, wer daran beteiligt war!
Woodtli: Wichtig ist, glaube ich, dass wir keinen Druck haben, etwas machen zu müssen. Es ist für uns vielmehr eine Herzensangelegenheit.
Dionisio: Anders geht es auch nicht. Es ist schön, wenn alles so zusammenfliesst und man merkt, dass alle vom Gleichen sprechen. Daniel schlug zum Beispiel vor, die Musik mit ins Spiel zu bringen. So konnte er den Pianisten Stewy von Wattenwyl dafür begeistern, heute Abend hier zu spielen. Ich freue mich wahnsinnig, dass eine solche Jazzgrösse zu Gast sein wird. Musik wird sicher immer ein wichtiger Bestandteil unserer Anlässe sein.

Das klingt spannend. Früher gab es ja auch Hauskonzerte. Es steckt also mehr Motivation dahinter als einfach der Gedanke, etwas Raum abzutreten …
Woodtli: Absolut. Ich empfinde es zuerst mal als ein Privileg, so wohnen zu dürfen. Darum finde ich, man darf die Türen ruhig etwas öffnen. Gerade der Gedanke, die Leute an meiner Musik teilhaben zu lassen, finde ich schön. Dionisio: Nach der Erbauung im 17. Jahrhundert waren die Türen hier mehr oder weniger fest verschlossen. Kaum jemand wusste, was hinter den Mauern der Herrenhäuser vor sich ging. Erst viel später begann sich das zu wandeln.
Woodtli: Genau, und ganz besonders dieses Haus galt unter Künstlern als begehrter Begegnungsort, an dem Maler wie Pablo Picasso oder Marc Chagall verkehrten, weil über mehrere Jahrzehnte der Galerist Eberhard W. Kornfeld hier lebte. Man spürt diesen Geist noch immer. Damals kamen kreative Menschen zum Austausch in Privathäusern zusammen. Tranken, assen, diskutierten und geschäfteten auch ausgiebig miteinander. Im Lauf der Zeit geriet diese Art des Zusammenkommens mehr und mehr in Vergessenheit. Es wäre schön, das in einer moderneren Form wieder ein Stück weit aufleben lassen zu können.
www.dioma.ch

Das Haus erscheint heute als spätbarocker Bau, wobei die innere Bausubstanz teils noch älter ist. Erbaut wurde es im 17. Jahrhundert. 1756 gelangte das Haus in den Besitz der Familie von Wattenwyl aus der Herrschaft Belp. In dieser Zeit erlebte es eine ausgeprägte Umgestaltung durch den Meisterarchitekten Erasmus Ritter. Nach Napoleons Eroberung 1798 wurden sämtliche Patrizierfamilien enteignet. Einige der Herrenhäuser gingen später aber wieder an die Familien über. So auch dieses; zuletzt gehörte es Erich von Wattenwyl, dem Onkel des berühmten Grosswildjägers Bernhard. Er blieb kinderlos und verkaufte das Haus 1954 letztlich der Berner Burgergemeinde, welche die Wohnungen nun vermietet. Ihr Anliegen ist es, das kulturelle und soziale Leben in der Stadt Bern zu fördern.

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