Lustvoller Monat

Der beste Weg zum O

annabelle-Redaktorin Helene Aecherli fragt sich: Warum dreht sich beim Sex alles um den Akt? In Zeiten der Pussyhat-Proteste eigentlich viel zu phallozentrisch. Zeit also, das Vorspiel zum Hauptspiel zu erklären. Ist zudem sehr viel orgasmusfreundlicher.

Der weibliche Orgasmus ist eine enigmatische Sache. Er kommt längst nicht so zuverlässig wie der männliche, oft kommt er überhaupt nicht. Frauen hätten halt eine unterschiedliche Erregungskurve beim Sex, heisst es, sie seien verkrampft, verschämt, sorgten sich bloss um den Höhepunkt ihres Partners, vernachlässigten sich selbst, mehr noch, seien mit ihrem eigenen Körper nicht ausreichend vertraut. Und dann? Beckenbodentraining, Bauchatmen, Yoni-Power-Workshops, Orgasmus-Seminare, Verzweiflungs-Cüpli, G-Punkt-Aufspritzen. Ach!

Nichts gegen Bauchatmen oder Beckenbodentraining (das tut auch Männern gut), ja nichts gegen Orgasmus-Seminare (dabei können Welten aufgehen), und über alles andere lässt sich streiten. Doch so erfinderisch diese Dienstleistungen auch sein mögen, sie zielen am eigentlichen Problem vorbei. Der sichere Punkt in der Verhinderung des Höhepunkts ist - die Fokussierung auf «den Akt». Denn der Akt ist Sex und Sex ist der Akt, und der ist gleich Geschlechtsverkehr, Penetration, Vereinigung, Zusammenschlafen, Beischlaf, Begattung, Koitus, Bumsen, Vögeln, Rammeln, Ficken, darum dreht sich alles, darauf läuft alles hinaus.

Dass sehr viele Frauen dabei gar nicht zum Orgasmus kommen, entweder, weil «der Akt» oft nicht viel mehr ist als ein simples Reinraus oder weil während des Akts schlicht keine erogenen Zonen getroffen werden, kann dem Status des Koitus nichts anhaben. «Der Akt» ist und bleibt das Synonym für Sex schlechthin.

Praktiken aber, die Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Orgasmus bringen (Zungen- und Handarbeit und unbedingt der Einsatz von Sextoys), gelten weniger als Sex, sondern als Vor- und Nachspiel, im besten Fall als Warm-up. Es sind erotische Nebenschauplätze. Sex ist phallo-zentriert. Aber das ist im Prinzip nichts Neues.

Was also tun? Die Dinge umkehren, neu gewichten. Das Vorspiel zum Hauptspiel, das Hauptspiel zum Nachspiel erklären, «den Akt» zum zweiten Akt umschichten. Das wird ein bisschen kulturelles Umdenken benötigen, vielleicht ein neu erwachtes Beharren, aber gewinnen tun am Schluss alle. Und die Jungs, die werden Spass daran haben und neue Fähigkeiten entwickeln.

Dass dies zumindest so sein könnte, zeigt folgender kleiner Dialog zwischen einem Kollegen und mir, der sich fast wortwörtlich so abgespielt hat, wie er hier steht. 

Der Kollege: «Das Vorspiel zum Hauptspiel und das Hauptspiel zu Nachspiel erklären? Verstehe ich nicht. Für mich gibt es im Sex weder ein Vorspiel noch einen Hauptakt, sondern nur das Spiel. Ist doch normal.» 

Ich: «Hast du eine Ahnung. Ein bisschen Rubbeln hier und dort, und nach zehn Minuten heisst es: Schatz, können wir jetzt mit dem Vorspiel aufhören? Oder: Schatz, ich kann jetzt nicht länger warten. Darf ich?» 

«Bullshit.» 

«Nein, rede doch mal mit den Frauen.» 

«Warum sagt ihr den Typen nicht einfach, was ihr wollt? Ihr Frauen seid ja manchmal schon verklemmt.» 

«Kann sein. Aber als ich einen Mann mal gebeten hatte, sich mit seiner Hand doch bitte erst mal für längere Zeit einen Zentimeter weiter rechts zu betätigen, hat er nur zu mir hochgestarrt und gesagt: Sei still, ich weiss schon, was ich tue.» 

«Pech.» 

«Ja.» 

«Für mich beginnt der Sex halt bereits beim Einkaufen am Nachmittag.» 

«Rammeln in der Umkleidekabine?» 

«Nein, das wäre zu plump. Aber ich knabbere meine Liebhaberin schon mal an, fummle ein bisschen an ihr rum, das turnt sie jeweils ganz schön an, und später…» 

«Na ja, ich weiss nicht. Typ fummelt in der Öffentlichkeit herum…» 

«…. darf ich bitte weiterfahren?» 

«Unbedingt.» 

«… und später mache ich ihr dann das Alphabet.» 

«Das was?» 

«Das Alphabet.» 

«Buchstabensuppe?» 

«Ach, noch nie was vom Alphabet im Sex gehört?» 

«Nein.» 

«Eine besondere Form des Cunnilingus. Ich beginne sie mit der Zunge zu liebkosen und lecke dabei das Alphabet – von Aaaaaa, Beeeee, Ceeeee bis Zetttt.» 

«Ach ja? Und das kommt an?» 

«Und wie. Die Frauen sind erst überrascht – hach, was machst du da? –, dann sind sie begeistert.» 

«Ich stelle mir das eher nervig vor. Dieses gestresste Herumeiern von A bis Z.» 

«Kein Herumeiern, sondern gezieltes und blitzschnelles Vorgehen.» 

«Aber eigentlich will die Frau doch ab einem gewissen Moment nur noch das I und das O. Aber bitte kein M, N oder X!» 

«Glaub mir, die Frauen sind süchtig danach.» 

«Ach, ich weiss nicht. Ich würde mir wohl die ganze Zeit überlegen: Welcher Buchstabe war denn das jetzt bloss? Was war das für ein Schlenker? Und welcher kommt als Nächstes? Und würde vor lauter Buchstabenraten vergessen, dass ich gerade Sex habe.» 

«Spätestens beim Deee hören die Frauen auf zu denken.» 

«Und schreien dann: Bitte, mach mir doch jetzt schon das Oooo, Schatz! Überspring dieses verdammte Kaaa.» 

«Nichts da. Die Reihenfolge wird eingehalten.» 

«Machst du die Umlaute jeweils auch? Das Ä, Ö, Ü?» 

«Natürlich.» 

«Sind aber Zungenbrecher. Da hätte ich wohl ein schlechtes Gewissen.» 

«Keine Sorge, ich bin trainiert.» 

«Was ist, wenn jemand das griechische oder russische Alphabet will?» 

«Müsste ein bisschen üben, wäre aber kein Problem!» 

«Oder das Arabische?»

«Jetzt sei nicht pingelig.» 

«Oder chinesische Schriftzeichen?» 

«Weisst du was?»

«Was?» 

«Du redest zu viel.»

Text: Helene Aecherli; Foto: Pexel 

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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