Intimpflege-Boom: Was braucht der Intimbereich wirklich?
Intimpflegeprodukte fluten den Markt. Die Gynäkologin Kristina Bolten erklärt, wie viel Pflege eine Vulva braucht.
- Von: Sandra Brun
- Bild: Death to the Stock
annabelle: Kristina Bolten, immer mehr Kosmetikfirmen lancieren Intimpflegeprodukte – vom Naturkosmetikhersteller bis zum Grosskonzern. Wie reinigt man sich denn am besten untenrum?
Kristina Bolten: Eigentlich sind Vulva und Vagina beides Bereiche, die sich selbst gut schützen und reinigen. Man sollte also primär Wasser zum Waschen nutzen. Und sollte man doch einmal auf eine Intimwaschlotion zurückgreifen, muss die dem pH-Wert des Intimbereichs entsprechen. Die Vagina- und die Vulva-Haut sind relativ sauer mit einem Wert von 3.8 bis 4.5.
Was, wenn man es übertreibt mit der Reinigung?
Wer zu viel reinigt, kann die ganzen guten Milchsäurebakterien zerstören und das Mikrobiom verschieben. Dadurch steigt das Risiko für Probleme wie bakterielle Vaginose, eine Störung der Vaginalflora. Darum: Weniger ist mehr.
Warum ist die Intimflora denn so empfindlich?
Empfindlich ist gar nicht die Flora, die Vulvahaut ist einfach anders als Haut an anderen Körperstellen. Sie ist viel durchlässiger für gewisse Fremdstoffe. Ähnliches gilt für die Haut der inneren Labien beim Vaginaleingang, wo sich keine Haarfollikel und Schweissdrüsen befinden und die Haut ganz weich und zart ist. Das macht sie an diesen Stellen empfindlicher. Bei einem chronischen Juckreiz an der Vulva sollte man also zuerst abklären, ob es sich um eine Hauterkrankung handeln könnte.
"Alles, was auf die Vulvahaut kommt – also auch Unterwäsche – soll möglichst aus Naturmaterialien bestehen"
Woher kommt Juckreiz mehrheitlich?
Oft sind es tatsächlich sogenannte Kontaktekzeme, die durch eine allergische Reaktion auf einen Fremdstoff oder durch haptische Reizungen entstehen. Deshalb empfehle ich, dass alles, was auf die Vulvahaut kommt – also auch Unterwäsche – möglichst aus Naturmaterialien bestehen soll und nicht aus synthetischen Stoffen, wegen derer man oft auch mehr schwitzt. Dadurch ist die Haut die ganze Zeit in einem feuchteren Milieu und wird noch aufgeweichter und empfindlicher für Fremdstoffe. Dasselbe gilt für Slipeinlagen, die parfümiert oder mit Plastik und Klebefolie versehen sind; die stauen die Hitze.
Was kann das Milieu sonst noch aus dem Gleichgewicht bringen?
Das variiert von Person zu Person. Bei einigen kann Geschlechtsverkehr kurzfristig für eine andere Zusammensetzung der Vaginalflora sorgen. Bei anderen sorgt die Menstruation für Ungleichgewicht. Manche haben während der Ovulation einen stärkeren, glasigeren Ausfluss oder bemerken nach der Menstruation einen leicht veränderten Geruch. Aber das reguliert sich meist von allein wieder, ohne dass man eingreifen müsste.
Wann muss man denn überhaupt speziell pflegen?
Bei anhaltendem Juckreiz macht es Sinn, sich von einer gynäkologischen Fachperson untersuchen zu lassen, da eine Infektion vorliegen könnte, die spezielle Pflege bedingt. Oder wenn man unter vaginaler Trockenheit oder gereizter Haut leidet. Dann kann eine unparfümierte Fettcrème helfen, die Haut geschmeidiger zu machen – übrigens auch, um kleine Rissverletzungen zu vermeiden, etwa beim Sex. Das kann auch Harnwegsinfektionen vorbeugen. Wobei hierfür als Tipp Nummer eins immer noch das Wasserlassen nach dem Geschlechtsverkehr gilt.
Gibt es Lebensphasen, in denen mehr oder andere Pflege notwendig ist? Nach einer Geburt etwa?
Nach der Geburt kommt es zu einem Östrogenmangel und da kann sich die Vagina sehr trocken anfühlen, auch weil der pH-Wert während dieser Zeit erhöht ist; vor allem wenn man noch stillt. Stört das Trockenheitsgefühl, eignen sich auch hier Fettsalben oder für den Sex Gleitmittel – aber in der Phase ist Zweiteres meist sowieso weniger ein Thema. Und das Ungleichgewicht pendelt sich nach einiger Zeit von allein wieder ein.
Wie sieht es in den Wechseljahren aus?
Durch den Wegfall des Östrogens reduzieren sich im Intimbereich die Laktobazillen, die für den Säureschutzmantel der Haut zuständig sind. Diese produzieren Milchsäure, welche jetzt fehlt, was zu einer Entzündung der Vaginalhaut führen kann. Sie fühlt sich brennend an und juckt. Und gerade beim Sex sorgt der Hormonmangel für ein Trockenheitsgefühl und mehr Reibung. Meist bieten lokale Hormonsalben rasch Abhilfe. Und Gleitmittel sind auch hier eine gute Unterstützung.
"Die Varianz normaler Vulven ist riesig"
Worauf muss man bei Gleitmitteln achten?
Sie sollten frei von Duft- und Farbstoffen und möglichst körpergleich sein, sprich: mit einem physiologischen, leicht sauren pH-Wert, der dem der Vulvahaut entspricht, damit diese nicht austrocknet – angeschrieben sind diese meist mit «pH-hautneutral». Will man Sextoys verwenden, empfiehlt sich ein Gleitgel auf Wasserbasis, denn silikonbasierte Gleitgele können die Oberfläche der Sextoys porös machen.
Wenn wir schon beim Thema Sex sind: Wie stark beeinflussen Pornos unser Ideal von Vulven?
Die erzeugen schon Optimierungsdruck, nicht nur was die Pflege, sondern auch was die Optik angeht: Ich habe Patientinnen, die sich eine Labienreduktion wünschen, also eine Verkleinerung der Vulvalippen. Da spielen die Bilder in der Pornografie sicher eine grosse Rolle; sie gaukeln uns vor, das Ideal sei eine Vulva, die der eines pubertären Mädchens entspricht. Dabei ist die Varianz normaler Vulven riesig. Und diese Bilder suggerieren eben auch, dass Vulven immer makellos und frisch sein müssen. Aber auch weibliche Familienmitglieder und der Freund:innenkreis spielen eine grosse Rolle dabei, wie man denkt, sich intim pflegen zu müssen. Auch was Rasur und Waxing angeht.
Welche Auswirkungen hat die Haarentfernung auf die Haut im Intimbereich?
Zunächst einmal besteht die Gefahr von kleinen Verletzungen durch die Klinge, denn die Rasur ist immer noch die häufigste Form der Haarentfernung hierzulande. Aber auch eingewachsene Härchen können ein Problem sein – auch bei Waxing oder Sugaring. Vorbeugend sollte man die Haut vor der Haarentfernung gut reinigen. Und wenn sie sich danach gereizt anfühlt, empfehle ich kaltes Wasser oder allenfalls eine milde, fettende Crème. Und möglichst keine enganliegende, synthetische Unterwäsche, da diese durch Reibung und Hitze noch mehr reizen kann.
Also geht es bei all den Intimpflegeprodukten zusammenfassend eher um Geldmacherei als Pflege?
Ich will nicht alle Produkte auf dem Markt über einen Kamm scheren, aber mit allem, was in den Bereich Kosmetik fällt – also Produkte, welche den Intimbereich optimieren sollen und medizinisch nicht notwendig sind –, wäre ich sehr zurückhaltend. Man muss wirklich aufpassen, dass diese sogenannten Pf legeprodukte nicht noch zusätzlich reizen und Schaden anrichten, anstatt uns zu helfen.