Brustverkleinerung mit 45: Warum 700 Gramm weniger mein Leben verändert haben
Unsere Autorin wollte kleinere Brüste, wartete 20 Jahre auf die Operation und bekam danach nicht mal einen Traumbusen. Über eine Entscheidung, die trotzdem alles veränderte.
- Von: Anja Knabenhans
- Bild: Stocksy
Der Schreck zerstampfte die letzten Zweifel. Viele kennen diesen Moment, in dem man ein Foto von sich anschaut und erschrickt. In meinem Fall: mein Busen, nackt, von vorne.
Einen Monat vor der geplanten Brustverkleinerung wollte ich das Vorher dokumentieren und das Unumkehrbare noch einmal hinterfragen. Dann sah ich das Foto, meine Brust aus einer anderen Perspektive als beim Blick in den Spiegel und war sicher: Ich werde das nicht bereuen.
Me, myself und der Male Gaze
Bis zuletzt fand ich meine Brust schön, einfach irgendwann viel zu gross. Als junge Erwachsene zeigte ich sie selbstbewusst, war sogar Aktmodell. Wie fest meine Zufriedenheit mit der Bestätigung von aussen zusammenhing? Sicher mehr als mir heute lieb ist.
"Mein Busen erhielt viel Aufmerksamkeit und Komplimente – retrospektiv wird mir übel"
Rund ums Y2K mit der krassen visuellen Sexualisierung von Frauenkörpern erhielt mein Busen viel Aufmerksamkeit und Komplimente – retrospektiv wird mir übel.
Ab Grösse DD mit zirka 25 dachte ich erstmals an eine Brustverkleinerung. Doch ich spürte einen Kinderwunsch und wusste, dass eine OP das Stillen erschweren kann. Was ich auch zu wissen glaubte: Grosse Brüste geben viel Milch; das stand vermutlich in einem Klatschblatt, gleich neben der Ananasdiät.
Ich fand es Grund genug, zu warten, war sowieso schon an den dauerverspannten Rücken gewöhnt und hatte akzeptiert, dass ich teure BHs und super-extra-maxi-starke Sport-BHs brauchte.
Zum Glück Niagarafälle
Dann kamen mit 35 und 38 zwei Kinder, zweimal heftiger Milcheinschuss und entspannte Stillmonate, in denen es niagarafallig aus mir raussprudelte. Ich war froh, hatte ich die OP nicht vergebens aufgeschoben – denn dass Riesenbrüste kein unkompliziertes Stillen garantieren, war mittlerweile zu mir durchgedrungen.
Nun war ich 40, hatte Grösse F und hoffte, dass es nach dem Stillen von selbst wieder weniger wird. Vergeblich. Ich verlor durch mehr Bewegung und weniger Binge-Eating 10 Kilo Körperfett, aber kein Gramm Brust.
Mich schreckten vor allem die Kosten einer Brustreduktion von circa 12'000 – 17'000 Franken. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nur, wenn ein Krankheitswert nachgewiesen ist. Eine körperliche oder psychische Belastung allein reicht also nicht, die Brüste müssen krank machen.
Also überlegte ich jahrelang: Muss das wirklich sein? Aber eines Tages sah ich meine Grossmutter an, über 90 Jahre alt, mit stark gebeugtem Rücken wegen der schweren Brust. Und wusste: Das will ich nicht; und jetzt vertrage ich eine Vollnarkose sicher besser. Also, los!
Das Mysterium Heidi Klum
Ich liess mich in zwei Kliniken beraten, hochprofessionelle Menschen, nette Beratungen, aber immer die Frage nach einer konkreten Wunschgrösse. Ich wusste es nicht, fragte nach einer Einschätzung, erhielt nur vage Antworten und den Satz: «Machen Sie sich in Ruhe Gedanken, das ist ja ein wichtiger Entscheid.»
"Ich starrte wochenlang allen Frauen auf die Brust, fragte Freundinnen nach ihrer Grösse"
Also dachte ich nach, aber nicht ruhig, eher im Flipperkugel-Style, starrte wochenlang allen Frauen auf die Brust, fragte Freundinnen nach ihrer Grösse. Ich googelte wild herum, belohnte übelstes Clickbaiting von Promiportalen; über Heidi Klum kursiert übrigens so ziemlich jede Brustgrösse. Am Ende blieb ich ratlos und ohne OP-Termin.
Dann kam ich über Empfehlungen zu Alessia Lardi, Fachärztin FMH für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie und spezialisiert auf rekonstruktive und ästhetische Brustchirurgie.
Sie machte bei unserem ersten Treffen genau das, was ich brauchte: eine klare Ansage. Lardi erklärte mir, wie sie Schulterbreite, Brustansatz, Brustform und Körpersilhouette betrachtet und dann eine individuell passende Brust gestaltet. Sie schob die Verantwortung mit der Grösse nicht auf mich ab.
Warum ihre Beratung so abläuft? «Mein Ziel ist ein stimmiges Ergebnis für die Patientin. Aber diese weiss ja nichts über die technischen Grenzen», so die Ärztin. Die Basis der Brust kann nicht verändert werden. Mein Brustansatz zum Beispiel ist breit; unmöglich, hier eine feine Brust zu modellieren. Mehr als zwei Cupgrössen runter würde sie mir nicht empfehlen, machte mir die Ärztin klar.
Auch wichtig: «Manche Frauen haben ihrer Brust gegenüber eine richtige Abneigung entwickelt und wollen so viel wie möglich weghaben. Ich zeige ihnen auf, was dies bei ihrer spezifischen Statur bedeuten kann.» Wenn eine Frau zum Beispiel ein Bäuchlein hat, kann eine stark verkleinerte Brust das Gesamtbild verändern und plötzlich stört sie dieser Bauch übermässig.
Endlich loslegen
Diese Beratung war so erlösend für mich, dass ab da alles schnell ging. Wir vereinbarten einen Operationstermin, ich erhielt die Rechnung und verspürte zwar nicht grad Euphorie beim Bezahlen der 14'000 Franken, aber Freude, dass es mit 45 Jahren endlich so weit war.
Beim nächsten Treffen wurden mir Striche auf die Brust gezeichnet, ich sah staunend zu, fotografierte danach die riesigen Hautpartien, die entfernt werden würden. Dann tauchte ich ab in die Vollnarkose und erwachte mit 700 Gramm weniger Brust.
Der mühsamste Teil kam danach: Die Heilungsphase. Bezüglich Schmerzen problemlos, aber wegen der mehrwöchigen Schonzeit happig. Man darf länger nur wenig Gewicht tragen und die Arme nicht zu hoch heben; mit kleinen Kindern oder wenn man allein wohnt, erscheint mir das sehr schwierig.
Neben der Unterstützung daheim half mir das Chatten mit einer Frau, die den Eingriff auch gerade gemacht hatte. Wir kannten uns vorher nicht, aber waren einige Wochen lang Busenfreundinnen, sehr empfehlenswert!
Jüngere bereuen eher
Von all den Frauen, die so eine Verkleinerung machen, gibt es zwei Hauptaltersgruppen: Sehr jung, so ab 20 Jahren und dann wieder ab 50 Jahren. Studien zeigen, dass eine Brustverkleinerung das Wohlbefinden von Frauen steigert, doch bei jungen oder sehr hochgewichtigen Frauen ist der Effekt weniger ausgeprägt. Lardi sagt, dass nur wenige Frauen eine Brustreduktion bereuen – aber wenn, dann eher diejenigen, die den Eingriff in sehr jungen Jahren machen.
Das passt zu den Gesprächen mit Frauen, die ich geführt habe: Frauen in ungefähr meinem Alter sprachen eher von einer «riesigen Erleichterung», von einem «neuen Lebensgefühl». Sie freuten sich darüber, endlich mal ohne BH herumzulaufen, schmerzfrei Sport zu treiben oder im Tram nicht mehr so explizit angegafft zu werden.
Bei Frauen, die es zu Beginn ihrer 20er machten, schwang in den Erzählungen teilweise ein Bedauern mit. «Ich habe es mit 19 so schnell durchgezogen, dass ich unsicher bin, ob ich einfach in ein Normbild passen wollte», sagt beispielsweise Emma, die heute 35 ist und eigentlich anders heisst.
Sie mag ihre jetzige Brust, «aber vielleicht wäre es für mich auch wertvoll gewesen, meinen Körper erst mal anzunehmen, wie er ist. Obwohl: Im Nachhinein sagt sich das leicht. Wenn ich meine alten Tagebücher lese, erkenne ich schon einen Leidensdruck.»
"Ich bin ich froh, habe ich gewartet. Ich kenne meinen Körper in verschiedensten Formen, habe einen milderen Blick auf ihn"
Drum bin ich froh, habe ich 20 Jahre gewartet. Ich kenne meinen Körper in verschiedensten Formen, habe einen milderen Blick auf ihn und weniger starre Vorstellungen, kann recht gut annehmen, was gerade ist. In den ersten Wochen nach der Operation zum Beispiel war die Brust seltsam eckig und geschwollen, die Silhouette ungewohnt.
Sechs Monate kann es dauern, bis die neue Brust ihre Endform erreicht. Und die Narben sind halt auch da, rund um die Warzenhöfe, von dort runter zum Brustansatz und dann unter der gesamten Brust durch. Ich kenne mehrere Frauen, die mehr Mühe hatten mit dem Annehmen des Neuen, als sie dachten. Trotzdem sagen alle, sie würden es wieder tun.
Kleine Krümelfreuden
Meine Brust ist wieder kleiner, leichter, hat Grösse D. Kein straffer Katalogbusen – wer davon träumt, ist mit einer reinen Brustreduktion falsch bedient –, sondern eine praktische, schöne Brust, die zu mir passt. Ich bereue nichts, im Gegenteil.
Die Operation ist zehn Monate her, ich habe mich an den neuen Anblick gewöhnt und geniesse die kleinen und grossen Veränderungen: weniger Wippen beim Rennen, ein entspannter Nacken, Blusen ohne abspickende Knöpfe, Bikini-Tragen ohne Schmerzen, BH-Kauf ohne Frust.
Und die Momente, wo mich die Freude hinterrücks überfällt, zum Beispiel frühmorgens beim Gipfeli-Essen an der Bushaltestelle. Früher blieben die Krümel am Busenbalkon hängen, jetzt rieseln sie ungehindert – eine beglückende beige Pfütze auf dem Asphalt.