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Keine Lust auf Sex mit euren Männern? Dann schlaft auch nicht mit ihnen

Liebe & Sex 

Keine Lust auf Sex mit euren Männern? Dann schlaft auch nicht mit ihnen

Wir reden von einer «weiblichen Luststörung», statt unser Augenmerk auf die Anspruchshaltung von Männern auf weibliche Körper und auf Sex zu richten: Das kritisiert Autor:in Jessica Sigerist in diesem Kommentar. Und fordert ein radikales Umdenken.

Ich rede und schreibe beruflich über Sex und Beziehungen. Dementsprechend höre und lese ich auch gerne, was andere dazu sagen und schreiben. Dabei gibt es ein Thema, das ziemlich omnipräsent ist: Frauen in Langzeitbeziehungen haben wenig Lust auf Sex. Oder, um es zu präzisieren: Frauen in cis-heterosexuellen, monogamen Langzeitbeziehungen haben wenig Lust auf Sex.

Zahlreiche Artikel drehen sich um die lustlosen Frauen und gefühlt jede zweite Frage in Beziehungs- und Sex-Ratgeber-Kolumnen lautet: «Wie bekomme ich wieder mehr Lust auf Sex?» Eine ganze Reihe von Sexolog:innen und Sexualtherapeut:innen steht bereit, um sich der Sache anzunehmen: Mit praktischen Tipps von Beckenbodenübungen bis hin zu romantischen Date-Nights mit Duftkerzen versuchen sie, die Lust wieder an den Mann beziehungsweise an die Frau zu bringen.

Gemeinsam haben alle, dass sie das Problem zweifelsfrei identifiziert haben: die Lustlosigkeit der Frauen. Diese Frauen also gilt es zu beraten und zu unterstützen, damit sie wieder mehr Lust auf Sex haben.

Die Bedürfnisse der Männer stehen im Zentrum

Da steckt bestimmt viel guter Wille dahinter und doch schmecken mir diese Tipps im Abgang schal. Ich frage mich: Warum ist die Lustlosigkeit der Frauen überhaupt ein Problem? Und für wen?

Mit beängstigender Häufigkeit scheinen in Fragen rund um lustlose Frauen nicht die Bedürfnisse der Frauen im Zentrum zu stehen. Sondern diejenigen der Männer.

Oft geht es nicht darum, dass sich Frauen mit ihrer sexuellen Lust auseinandersetzen wollen, weil sie selber gerade total Bock darauf haben. Sondern da ist häufig dieses «Und»: «Ich habe keine Lust auf Sex und mein Mann leidet darunter» oder: «Ich habe keine Lust auf Sex und meine Beziehung leidet darunter».

Mein Eindruck ist: Worunter diese Frauen leiden, ist oftmals gar nicht unbedingt die eigene Lustlosigkeit – sondern es sind die daraus resultierenden Beziehungsprobleme. Und doch wird nicht das Verhalten von Männern problematisiert, sondern die fehlende Lust der Frauen.

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«Es ist nicht weiter verwunderlich, dass sich die Lust aus dem Staub macht, wenn Männer mit einer derart angestaubten Haltung daherkommen»

Wenn wir die Ausgangslage «Frau hat keine Lust auf Sex, Mann leidet darunter» haben, dann tönt das doch eigentlich sehr fest nach seinem Problem und nicht nach ihrem. Umso erstaunlicher ist es, dass sich fast alle Lösungsstrategien um Frauen drehen. Offensichtlich sind sie es, welche die zur Problemlösung notwendige Arbeit leisten. Frauen suchen Rat und Hilfe, bei Therapeut:innen, Freund:innen und Zeitschriften, um ihre Lustlosigkeit kurieren zu lassen.

Doch wo sind die Männer, die fragen: «Wie kann ich damit umgehen, wenn in meinem Leben weniger Paarsexualität stattfindet, als ich gerne hätte?» Und – ganz wichtig: «Wie kann ich damit umgehen, ohne meine Partnerin unter Druck zu setzen und sie für meine Bedürfnisse verantwortlich zu machen?» Trotz jahrelangem Konsum von Beziehungs- und Sex-Ratgeber-Kolumnen: Solche Fragen lese ich selten.

Die eheliche Pflichterfüllung

Wir reden von einer «weiblichen Luststörung», statt unser Augenmerk auf die Anspruchshaltung von Männern auf weibliche Körper und auf Sex zu richten. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass sich die Lust aus dem Staub macht, wenn Männer mit einer derart angestaubten Haltung daherkommen.

Ich plädiere für eine Umbenennung von «weiblicher Luststörung» in «männliche Konsensstörung». Doch statt uns mit der strukturellen Ebene auseinanderzusetzen, mit Mechanismen der Unterdrückung, mit Kontrolle von Körpern und von reproduktiver Arbeit und mit Konzepten wie Rape Culture, verbleiben wir auf einer individualisierten Ebene und versuchen, Frauen zu «therapieren», damit sie auch weiterhin schön brav wieder Sex mit ihren Männern haben.

«Zehn Tipps, wie ich mehr Lust auf Sex habe» als die 21.-Jahrhundert-Variante des Narrativs um eheliche Pflichterfüllung. Ein paar Duftkerzen aufstellen beim Sex macht halt leider das Patriarchat nicht weg. Schön wärs. «Patriarchat brennt in Jojoba-Öl» – ich jedenfalls würde sofort zugreifen.

Es braucht ein radikales Umdenken

Bevor wir mit allen Mitteln Frauen dazu zu bringen versuchen, öfter mit ihren Männern zu schlafen, was könnten wir stattdessen tun? Wenn Frauen in cis-heterosexuellen, monogamen Langzeitbeziehungen regelmässig die Lust auf Sex verlieren, ist es vielleicht an der Zeit, das Setting zu überdenken. Vorstellungen über Beziehungen, Sex und Intimität sind in einem stetigen Wandel. Und doch fussen sie nach wie vor auf patriarchalen Ideen von Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und sexueller Monogamie.

Ich fordere ein radikales Umdenken dieser Konzepte. Für mehr Möglichkeiten im menschlichen Zusammenleben, für neue Beziehungs- und Familienformen, für Solidarität und Community, das Teilen von Ressourcen und Sorgearbeit und für vielfältigere Formen sexueller und nicht sexueller Intimität.

Und für Frauen, die keine Lust haben, mit ihren Männer zu schlafen, habe ich genau einen Tipp: Schlaft nicht mit euren Männern. Denn vielleicht sind die lustlosen Frauen gar nicht das Problem. Vielleicht sind sie Teil der Lösung.

Jessica Sigerist (keine Pronomen oder they/them) ist queere:r Sex Educator, nicht-binärers Elternteil und polyamouröse:r Aktivist:in. Jessica hat den queer-feministischen Sex Shop untamed.love gegründet und schreibt eine Kolumne bei tsüri.ch.

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