Sterbehilfe: "Donnerstag wäre mir recht", sagte mein Vater
Ihr unheilbar kranker Vater wollte mit Exit sterben. Yvonne Hartmann-Hirt stand ihm bei und schrieb ein Buch darüber. Sie erzählt, was dieser Abschied ihr abverlangte und was Angehörige wissen sollten, wenn ein geliebter Mensch sich für einen begleiteten Suizid entscheidet.
- Von: Kristina Reiss
- Bild: Stocksy
annabelle: Frau Hartmann-Hirt, Ihr Vater erkrankte an aggressivem, unheilbarem Blasenkrebs und entschied sich für einen begleiteten Freitod mit Exit. Was war für Sie als Tochter dabei der schwierigste Moment?
Yvonne Hartmann-Hirt: Einerseits der Tag, an dem er beschloss, sein Leben mit Sterbehilfe zu beenden. Aber auch der Tag – Monate später –, an dem er uns sagte, wann dies konkret passieren sollte. Es war ein Montag, als er meinte: «Donnerstag wäre mir recht.» Damit hatte zu diesem Zeitpunkt niemand von uns gerechnet.
"Ich bin selbst schon lange Mitglied bei Exit. Trotzdem brachte mich der Wunsch meines Vaters in einen Konflikt"
Gehen wir nochmal kurz zurück: Anfang 2021 erhielt Ihr damals 79-jähriger Vater die Diagnose.
Genau. Und ziemlich schnell war klar, dass der Krebs nicht behandelbar war. Im Gegenteil: Die Krankheit schritt rasch voran, sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Er war ans Bett gefesselt, konnte nicht mehr gut atmen. Irgendwann bat er mich abzuklären, ob Sterbehilfe möglich wäre. Was mich in ein grosses Dilemma versetzte.
Weshalb?
Ich bin selbst schon lange Mitglied bei Exit. Trotzdem brachte mich der Wunsch meines Vaters in einen Konflikt. Denn mir war klar: Ich an seiner Stelle würde mit Exit gehen wollen. Doch wenn es um meinen geliebten Vater geht, ist das etwas ganz anderes. Dieses Dilemma zwischen einerseits ihn und seinen Wunsch unterstützen und andererseits nicht loslassen wollen wurde ich auch die darauffolgenden Monate nicht los. Aber diese emotionale Achterbahnfahrt gehört irgendwie dazu.
Ihr Buch verbindet Ihre persönliche Geschichte mit konkreten Orientierungen für Angehörige – wie etwa die Beschreibung des genauen Ablaufs einer Sterbebegleitung mit Exit sowie detaillierte Checklisten.
Ja, das war mir sehr wichtig. Nach der Entscheidung meines Vaters damals hatte ich selbst viele Fragen, Ängste und sah mich mit ganz praktischen Herausforderungen konfrontiert. Doch auf die meisten fand ich aus Sicht einer Angehörigen keine Antwort. Deshalb wollte ich ein Buch schreiben, das ich selbst gerne zur Hand gehabt hätte. In dem beispielsweise erklärt wird, welche ärztlichen Gutachten es braucht. Oder dass Neumitglieder, wie mein Vater, zunächst drei Monate warten müssen, bis sie eine Sterbebegleitung in Anspruch nehmen können.
"Wir wollten nochmal Schnitzel Pommes essen oder einen Glacé-Coupe"
Diese Monate vom Entschluss bis zu seinem Tod – wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Das war eine Zeit der grossen Anspannung für mich und meinen Bruder, weil wir natürlich unserem Vater noch möglichst viele Wünsche erfüllen wollten – wie etwa nochmal Schnitzel Pommes essen oder einen Glacé-Coupe. Wir führten auch sehr viele Gespräche – jeder alleine mit ihm, aber auch gemeinsam. Und wir versuchten, Leuten, die ihm nahe waren, ebenfalls die Gelegenheit zu geben, sich von ihm zu verabschieden. Das alles war oft sehr emotional.
Haben Sie in Ihrem Umfeld offen kommuniziert, dass Ihr Vater sich für einen begleiteten Freitod entschieden hat?
Nein, nur die allerengsten Freunde und die Familie wussten davon. Ich bin, wie gesagt, selbst schon lange bei Exit und weiss deshalb, dass darüber häufig sehr kontrovers diskutiert wird und man als Mitglied oft auf Ablehnung stösst. Damit habe ich in der Regel kein Problem. Doch wenn man selbst in einer sehr vulnerablen Situation steckt, weil ein geliebter Mensch sich entschieden hat, sein Leben mit Sterbehilfe zu beenden, muss man sich dieser Diskussion nicht noch zusätzlich aussetzen. Mir ist aber auch ganz wichtig zu betonen, dass ich hier keine Position beziehen möchte.
Wie meinen Sie das?
Ich möchte mit dem Buch keine Werbung machen für Sterbehilfe. Dies ist jeweils ein ganz persönlicher und sehr individueller Entscheid. Als Angehörige kam ich erst dazu, als dieser Entscheid bereits gefallen war. Deshalb geht es mir in dem Buch lediglich darum aufzuzeigen, wie sich als Angehörige mit dem Wunsch umgehen lässt.
"Wir haben in seinen letzten Monaten vermutlich so viel und so intensiv miteinander gesprochen wie kaum zuvor"
Wann begann für Sie der Abschied von Ihrem Vater? An seinem letzten Tag oder bereits mit dem Entscheid für den begleiteten Freitod?
Wenn es einen positiven Aspekt gibt an dieser ganzen Sache, dann dass man sehr bewusst alles gemeinsam klären und sich ausgiebig verabschieden kann. Wir haben in seinen letzten Monaten vermutlich so viel und so intensiv miteinander gesprochen wie kaum zuvor. Und alles besprochen: Welche Kleider mein Vater an seinem letzten Tag anziehen möchte, wen wir benachrichtigen sollen – wen nicht. Wer die Abdankung macht. So konnten wir wirklich alles in seinem Sinne ausrichten.
Gibt es so etwas wie den richtigen Zeitpunkt, um aus dem Leben zu gehen?
Es ist wohl nie der richtige Zeitpunkt, seine Eltern gehen zu lassen. Für meinen Vater lautete das Kriterium wiederum: Er geht, solange er seine Hand noch bewegen kann. Denn eine der Voraussetzungen für einen begleiteten Freitod mit Exit ist, dass die sterbewillige Person die letzte, lebensbeendende Handlung selbst ausführen kann. Während all dieser Zeit wurden wir – mein Vater, aber auch mein Bruder und ich – von einer sehr einfühlsamen Sterbebegleiterin des Vereins wirklich gut betreut. Diese hat viel mit meinem Vater, aber auch mit uns Kindern gesprochen. Sie hatte lange Zeit den Eindruck, dass mein Vater noch zu sehr am Leben hängt und noch nicht für das Ende bereit ist. Was mich einerseits erleichtert hat. Andererseits wusste ich aber auch, wie sehr er das Ganze wollte.
Das müssen Sie genauer erklären.
Auch wenn sich dies paradox anhört: Ich hoffte, dass mein Vater den Zeitpunkt für den begleiteten Freitod nicht verpassen würde. Neben den medizinischen Gutachten – so muss eine ärztlich attestierte schwere Krankheit vorliegen – ist eine weitere zentrale Voraussetzung nämlich die Urteilsfähigkeit des Patienten. Dieser muss also in der Lage sein, seinen Sterbewunsch klar und bewusst zu äussern. Ist dies bei fortgeschrittener Krankheit nicht mehr möglich, kann kein begleiteter Freitod stattfinden. Das kann beispielsweise auch bei einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung der Fall sein.
Dann ging jedoch alles recht schnell.
Genau. Es war, wie gesagt, ein Montag, an dem mein Vater sagte: «Donnerstag wäre mir recht.» Was mich wirklich überraschte, war diese Klarheit, die er dabei an den Tag legte. Es folgten natürlich nochmals viele Gespräche – mit der Leitung des Pflegeheims, in dem er damals lebte, mit dem Hausarzt. Doch mein Vater war dabei jeweils so klar, gut gelaunt und mit sich im Reinen, dass er es auch für mich ein wenig leichter machte, loszulassen.
Was hat Ihnen in diesen letzten Tagen geholfen?
Weder mein Vater noch ich sind religiös. Doch eine Pfarrerin hat meinen Vater während seiner letzten Monate immer wieder besucht. Sie hatte einen richtig guten Draht zu ihm und viel mit ihm geredet. Und auch mir haben die Gespräche mit ihr wirklich sehr geholfen. In den letzten Tagen ist es, glaube ich, wichtig, sich nicht selbst unter Druck zu setzen. Oft reicht es, einfach da zu sein. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt mit unserem Vater schon sehr viel besprochen. Sassen dann einfach gemeinsam im Garten, schauten zusammen fern. Man muss nicht immer sprechen.
"Vor dem Akt selbst hatte ich wirklich sehr grosse Angst"
Ihr Vater hat Sie und Ihren Bruder gefragt, ob Sie beide bei seinem Freitod dabei sein möchten.
Ja. Und ich wusste bis zur letzten Minute nicht, ob ich es schaffen würde. Das habe ich meinem Vater auch so gesagt. Am Abend zuvor liess ich mir noch ein Beruhigungsmittel geben, so nervös und aufgewühlt war ich. Vor dem Akt selbst hatte ich wirklich sehr grosse Angst.
Hat sich Ihre Angst vor dem Ablauf bestätigt?
Nein, überhaupt nicht. Und ich bin wirklich sehr, sehr froh, dass ich dabei war. Der Tag selbst war natürlich ein Balanceakt zwischen Loslassen und Festhalten. Was mir dabei sehr geholfen hat, war das Wissen, dass unser Vater so klar gehen will. An seinem Todestag waren wir morgens früh in seinem Zimmer, und er hat noch ganz ruhig geschlafen. Später bei Kaffee und Gipfeli war er auch ganz ruhig, hat Witze gemacht, man hat kein Zögern gespürt. Im Gegenteil: Er war so froh, dass seine Hand noch funktioniert hat, dass er unterschreiben konnte. Zu fühlen, dass er sich hundertprozentig sicher ist, hat mir sehr geholfen.
In Ihrem Buch findet sich ein minutiöses Protokoll der letzten Minuten Ihres Vaters: 08:45 Eintreffen der Exit-Begleiterin, 08:50 Letzte Abklärung der Stabilität des Freitodwunsches durch die Begleiterin, 08:55 Ausfüllen der Freitoderklärung, 08:58 Einnahme des Antibrechmittels, 09:11 Einnahme von 15 g Natrium-Pentobarbital (oral), 09:15 Einschlafen, 09:23 Feststellung der fehlenden Lebenszeichen (Atmung, Puls), 09:30 Telefon an Polizei durch die Begleiterin, 09:48 Eintreffen der Polizei, 10:23 Eintreffen des Amtsarztes.
Mir war wichtig, dies so aufzulisten; so etwas finden Sie als Angehörige nirgends. Im Gegenteil: Wenn man googelt, liest man nur lauter Horrorszenarien. Und ich hatte wirklich grosse Angst vor dem Ablauf. Die grösste Überraschung war für mich der sanfte Übergang: Unser Vater hat noch seine Witzchen gemacht, das Barbiturat getrunken, ein Rivella hinterher und ist dann mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen. Ein grosses Glück war auch, dass wir von allen Beteiligten so unterstützend und empathisch begleitet wurden: von der Sterbebegleiterin von Exit, der Heimleitung sowie den beiden Polizisten.
Hat sich Ihr Blick auf den begleiteten Suizid, auf den Tod verändert?
Ja, ich habe jetzt keine Angst mehr vor dem Tod. Auch für den Beruf der Sterbebegleiterin, die es ermöglicht, dass ein Mensch würdig und selbstbestimmt aus dem Leben scheidet, habe ich grosse Hochachtung.
Haben Sie jemals daran gezweifelt, ob dies der richtige Schritt war?
Nein. Ich frage mich zwar manchmal: «Würde er heute noch da sein?» Und: «Wenn ja – in welchem Zustand?» Aber mir hilft folgender Gedanke: Selbstbestimmung am Lebensende – begleiteter Suizid – ist kein Aufgeben. Es ist ein Aufrichten.
Yvonne Hartmann-Hirt: «Paps letzter Weg – Was Angehörige wissen sollten, wenn ein Mensch Sterbehilfe wählt». 2026: Edition Zisar. 143 Seiten, ca. 29.90 Fr.