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«Es gab Tage, da fand ich schwangere Frauen eine Zumutung»: Rückblick auf ein Leben mit ungewollter Kinderlosigkeit

Kinderwunsch

«Es gab Tage, da fand ich schwangere Frauen eine Zumutung»: Rückblick auf ein Leben mit ungewollter Kinderlosigkeit

Mit Freund:innen zusammen in einem Haus auf dem Land den Nachwuchs grossziehen – das war der Plan unserer Autorin. Doch dann erfuhr sie, dass sie keine Kinder bekommen kann. Wie wird man trotzdem glücklich? Ein Rückblick im Grossmutter-Alter.

Wir sind Anfang sechzig, ich und mein Mann. Und wir sind keine Grosseltern. So wie wir keine Eltern waren. Dabei hatten wir damals, als wir vor dreissig Jahren ein Paar wurden, sehr schnell nicht mehr verhütet. Bei keinem Mann vor ihm war ich so sicher, dass ich Kinder mit ihm haben wollte. Ihm ging es genauso. Wir sind beide die ältesten von fünf Geschwistern und beide erinnern wir uns an das Aufwachsen im Rudel vorwiegend positiv und unbeschwert.

Wir haben gelernt, zu streiten, zu teilen, zu spielen und haben herausgefunden, wo unsere Grenzen liegen, wo unsere Wünsche anfangen. Und damals, Anfang dreissig, waren wir bereit für gemeinsame Kinder.

Die Kinder der Anderen

Meine Nervosität stieg, wenn die monatliche Blutung bevorstand. Kam sie dann, hielten sich Enttäuschung und Erleichterung die Waage. Wir diskutierten häufiger darüber, wo und wie wir als Familie leben wollten. Wir zogen aufs Land zusammen mit Freunden, die auch eine Familie gründen wollten. An langen Abenden und bei viel Wein stellten wir uns vor, wie wir alle vier in Teilzeitpensen weiterarbeiten und jeweils einen Tag die gemeinsamen Kinder betreuen könnten. Die Kinder kamen dann auch – beim anderen Paar.

Das war zunächst schön, weil wir teilhaben konnten an den Neuankömmlingen, sich unser Leben aber nicht tiefgreifend veränderte. Nachts mussten wir nicht aufstehen und wir waren weiterhin völlig unabhängig. Wir realisierten, dass es viel anstrengender und fremdbestimmter ist mit Kindern, als wir es uns alle vorgestellt hatten.

Die Begegnungen mit befreundeten Paaren veränderten sich

Trotzdem: Wir waren weiterhin wild entschlossen, auch unseren Gen-Satz zu reproduzieren. Im Freundeskreis wurde geboren und die Bücher von Remo Largo waren das von uns am meisten übergebene Geschenk. Freund:innen mit Kleinkindern und Augenringen schauten uns verständnislos an, wenn wir von Ausstellungen, Städtetrips und Parties erzählten. Die Begegnungen mit befreundeten Paaren veränderten sich. Weg von Gesprächen über Politik und Kultur, hin zu Stoffwindeln, Stilldauer und der verschämt geäusserten Sehnsucht, mal wieder in Ruhe so lang auf dem WC zu sitzen wie früher.

Ich staunte selbst über mein Interesse an kindlichen Verdauungsbefindlichkeiten und beklatschte erste Gehversuche von Nichten, Neffen und Gottenkindern mit grosser Rührung. So langsam stieg eine Sehnsucht auf, dass es auch bei uns bald mal klappen möge. Ich begann, davon zu träumen, schwanger zu sein. Obwohl meine Schwester am Anfang ihrer Schwangerschaft morgens erbrach und nachmittags liegen musste. Ich dachte, dass es bei mir sicher anders wäre. Monatelang mit einem Wesen in mir verbunden zu sein, stellte ich mir mystisch vor.

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«Drei Kinder, dachten wir. Nun musste ich Abschied nehmen von jedem Einzelnen»

Ana Palatina

Nach mehreren gynäkologischen Untersuchungen platzte dann diese schwerwiegende Tatsache in unser Leben: Wegen Verwachsungen am Eileiter würde ich nie auf natürlichem Wege schwanger werden können. Daran hatten wir zu kauen. Ich vor allem. Es ist ein Unterschied, selbst zu entscheiden oder vor vollendeten Tatsachen zu stehen, realisierte ich plötzlich. Das Angebot einer Invitrofertilisation kam postwendend, fast im gleichen Satz mit der Diagnose. Das kam für uns nicht infrage.

«Kinderlosigkeit muss doch nicht sein»

Auch eine Adoption schlossen wir sofort aus. Ginge es dabei nicht darum, Eltern für ein Kind zu finden – und nicht umgekehrt? Die Antwort des Gynäkologen hat mich damals erschüttert: «Kommen Sie dann aber nicht mit fünfzig und bitten mich, Ihnen doch noch ein Kind zu machen. Kinderlosigkeit muss doch nicht sein, die Medizin kann heute schon sehr viel.»

Ich war damals Mitte dreissig. Und plötzlich sehr traurig. Ich hatte komplett ausgeschlossen, dass ich nicht schwanger werden würde. Drei Kinder, dachten wir, könnten wir bewältigen. Nun musste ich Abschied nehmen, von jedem Einzelnen. Mein Mann hatte schon einen damals zehnjährigen Sohn aus einer früheren Beziehung und sah durchaus Vorteile darin, keine zusätzliche Verantwortung übernehmen zu müssen.

Wellness- statt Familien-Ferien

Sein Sohn wuchs bei dessen Mutter auf. Ich durfte an den Wochenenden ab und zu Stiefmutter sein. Das war ein Geschenk. Aber eben: Der Wunsch nach einem grossen Familientisch blieb. Es gab Tage, da fand ich schwangere Frauen eine Zumutung. Wie sie ihre Bäuche zeigten, impertinent! Und später, wenn ich allein war, kamen die Tränen, verschämte. Ich füllte Tagebücher mit Briefen an meine ungeborenen Kinder. Das tat irgendwie gut.

Meiner langjährigen, schon etwas älteren Freundin ging es wie mir. Die vielen Gespräche mit ihr, einem verbundenen Menschen, der Ähnliches empfand, waren sehr wichtig. Wir fingen an, zusammen in Wellness-Ferien zu fahren, wenn befreundete Familien Reka-Familienwohnungen buchten. Mein Lieblingsmann litt, weil ich traurig wurde, wenn wieder eine Geburtsanzeige ins Haus flatterte oder uns Fotos von Neugeborenen aufgedrängt wurden, manchmal empfand ich es plötzlich so.

Nie das Gefühl, keine vollwertige Frau zu sein

Er hatte unseren Plan, mit der anderen Familie auf dem Land Kinder aufzuziehen, genial gefunden und war enttäuscht, dass es nicht aufging. Gleichzeitig wurde er nicht müde, immer wieder die Vorteile eines Alltags ohne Kinder zu erwähnen. Manchmal keimte auch Erleichterung in mir. Und nie hatte ich das Gefühl wegen meiner Kinderlosigkeit keine vollwertige Frau zu sein. Da war einfach eine kleine Ecke in meinem Herzen, gefüllt mit einer schmerzlichen Sehnsucht. Aber sie schrumpfte nach ein, zwei Jahren. Erstaunlicherweise wurde sie auch nach jeder Begegnung mit Kindern kleiner.

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«Nie hatte ich das Gefühl wegen meiner Kinderlosigkeit keine vollwertige Frau zu sein»

Stück für Stück wurde mir klar, dass es für mich gar nicht so drauf ankommt, ob es eigene Kinder sind. Aber Kinder um mich zu haben, das war wichtig. Es gab genug, deren Eltern froh waren, wenn wir ein paar Stunden Betreuung übernehmen konnten. Kamen Kinder zu Besuch, genossen sie unsere vollste Aufmerksamkeit, gingen sie wieder, lagen wir erschöpft auf dem neuen schönen Sofa, erfüllt, aber auch erleichtert, dass keine Schokoladenflecken auf dem guten Stück zurückgeblieben waren. Und erleichtert auch darüber, dass sie wieder weg waren. Kein: «Erzählst du mir die Geschichte noch einmal?»

Mitfreuen bei Geburtsanzeigen gelang immer besser

Kinder sind anstrengend. Nicht nur. Aber auch. Mitfreuen bei Geburtsanzeigen gelang immer besser. Das Zeitungslesen im Bett und spontane Reisen bekamen einen noch grösseren Stellenwert. Wir schauten uns oft an, wenn wir erschöpften Eltern begegneten. Und in mir kamen plötzlich auch neue Gedanken auf; Kinder zu zeugen ist im Grunde ein egoistischer Entscheid. Als ich diese Überlegung im Geschwisterkreis äusserte, sprang mich eine meiner Schwestern – Mutter von vier Kindern – fast an. Ich kann das schon verstehen. Aber den eigenen Wunsch nach Nachkommen zu prüfen, bevor man sich Kinder zulegt, ist sicher nicht verkehrt.

Nichtsdestotrotz waren – und sind – wir uns einig: Alle Menschen sollten immer wieder mit Kindern zu tun haben. Weil einen das jung und geschmeidig hält. Geistig und körperlich. Aber, auch da sind wir uns einig, den eigenen Gen-Satz muss man dafür nicht zwingend reproduzieren. Es freut uns, wenn die zwei- und fünfjährigen Nachbarskinder tagsüber bei uns reinspazieren, verweilen – und dann auch irgendwann wieder gehen. Ihre Erzählungen und ihr Spiel katapultieren mich sofort in die Gegenwart. Weg von komplizierten Gedanken über die Zukunft, das Gewesene oder zu lösende Probleme. Das ist sehr beglückend.

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«Stück für Stück wurde mir klar, dass es für mich gar nicht so drauf ankommt, ob es eigene Kinder sind»

Keine biologischen Kinder zu haben, ist gut. Auch wenn wir es nicht selbst entschieden haben, sondern die Natur – beziehungsweise mein Körper es bestimmte. Die Eileiterverwachsungen waren Fakt. Und damit auch der Stempel «kinderlos» auf meinem Bauch. Aber jetzt schon lang nicht mehr. Wir sind als Paar bald dreissig Jahre zusammen unterwegs. Unser Weg war sehr anders als geplant. Aber deswegen nicht schlechter. Vielleicht auch des – halb, weil wir uns lösen konnten von der Idee, dass es eigene Kinder sein müssen.

Wir sind längst versöhnt, da gibt es keinen Schmerz, nur Dankbarkeit. Und wenn ich Lust habe, dann stricke ich trotz allem ein Babyjäckli oder kaufe Malsachen. Es gibt immer irgendwo ein Kind, das sich darüber freut. Und ich mich eben auch. Nur einen Trigger gibt es noch. Durch die Abteilung Kinderzimmer im schwedischen Möbelhaus gehe ich noch immer mit grossen Schritten, ohne nach links und rechts zu schauen. Da kommen mir noch heute die Tränen. Beim Restaurant dann lasse ich meinen Blick über die Mütter und wenigen Väter, schreienden Kinder und ausgeleerten Pappbecher schweifen – und bin sofort wieder im Lot.

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