Brendan Fraser: "Sie wissen schon, mit wem Sie sprechen, oder?"
Brendan Fraser gilt als einer der nettesten Stars Hollywoods. Doch bei Fragen nach seinem Karriereknick wird das Gespräch frostig. Viel lieber spricht er über seinen neuen Film "Pressure".
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Rebecca Cabage/Invision/AP/Keystone
Wir haben Brendan Fraser offenbar auf dem falschen Fuss erwischt. Schliesslich gilt er als einer der nettesten Kerle Hollywoods. Marke: trotz Weltruhm total am Boden gebliebener Kumpeltyp. Kaum ein Porträt über ihn kommt ohne die Wörter «nett», «sympathisch» oder «bodenständig» aus.
Aber der 57-Jährige findet es inzwischen offensichtlich unzumutbar, über jene Jahre seiner Karriere zu sprechen, in denen Hollywood plötzlich kaum noch etwas von ihm wissen wollte und das Telefon immer seltener klingelte. Unsere Fragen danach blockt er ab – mit dem nicht gerade netten Vorschlag, doch «zu Wikipedia oder so zu gehen».
Stattdessen nimmt er sich schrecklich viel Zeit, minutenlang über militärhistorische Details zu referieren – ein Albtraum für die Journalistin, die versucht, aus einem der notorisch knapp berechneten Interviews mit Hollywoodstars das Maximum herauszuholen.
Anlass ist sein neuer Film «Pressure», in dem Fraser Dwight D. Eisenhower spielt. Der spätere US-Präsident musste 1944 entscheiden, wann die Alliierten in der Normandie landen sollten – der D-Day, der den Anfang vom Ende von Nazi-Deutschland einleitete. Das Wetter war dabei entscheidend: Sturm, hohe Wellen und schlechte Sicht hätten die Invasion scheitern lassen und Tausende Soldaten das Leben kosten können.
Es geht also um Druck, Risiko und Entscheidungen mit gewaltigen Konsequenzen. Themen, die durchaus auch zu Frasers eigener Biografie passen. Denn seine Hollywoodkarriere lässt sich im Rückblick fast zu perfekt erzählen: Weltstar, Absturz, jahrelange Stille, Comeback, Oscar für «The Whale».
Dabei war dieser Absturz weit mehr als ein Karriereknick. Nach Jahren als Actionstar war Fraser körperlich schwer angeschlagen, musste sich mehrfach operieren lassen, liess sich scheiden und litt unter Depressionen. Gleichzeitig kühlte Hollywoods Interesse an seinem einst allgegenwärtigen Leading Man merklich ab: Die grossen Rollen wurden weniger, erfolgreiche Franchises wurden ohne ihn weitergeführt.
Zu dieser Geschichte gehört auch ein Erlebnis, über das Fraser selbst erst 2018 öffentlich sprach: 2003 soll Philip Berk, ein ehemaliger Präsident der Hollywood Foreign Press Association (HFPA), die damals die Golden Globes vergab, ihn sexuell bedrängt haben. Fraser sagte später, der Vorfall habe ihn depressiv gemacht und dazu gebracht, sich zurückzuziehen. Er fragte sich auch, ob er danach bei der Organisation in Ungnade gefallen sei. Belegen lässt sich eine gezielte Blacklist nicht.
Für «The Whale» wurde Fraser 2023 für einen Golden Globe nominiert, der Verleihung blieb er jedoch aus Protest fern. Er gewann nicht.
Es ist nicht diese persönliche Erfahrung, über die Fraser im Interview noch einmal sprechen soll. Interessant wäre vielmehr gewesen, wie es sich anfühlt, wenn man erst zu den grössten Stars Hollywoods gehört und plötzlich kaum noch jemand anruft – und was diese Jahre mit seinem Blick auf Ruhm, Erfolg und das eigene Comeback gemacht haben.
Doch auch darüber möchte Fraser nicht mehr viel sagen. Sehr viel lieber spricht er über Strategie, Risiko, Vatersein, schwierige Entscheidungen und darüber, weshalb man manchmal genau dorthin gehen muss, wo es wehtut. Ausser offenbar, es betrifft Fragen in einem Interview.
annabelle: Brendan Fraser, lassen Sie uns über das Wetter reden!
Brendan Fraser: Grossartig. Meine Mutter hat immer gesagt: «Wenn du das Wetter nicht magst, warte eine Minute.»
Warum sprechen Menschen eigentlich so gern übers Wetter?
Weil es uns alle betrifft. Es ist unverfänglich. Heute nehmen wir es als selbstverständlich hin, dass wir jederzeit wissen, wie das Wetter wird. Vor etwas mehr als achtzig Jahren konnte diese Information jedoch über Leben und Tod entscheiden.
"Was sollen wir tun? Die Faust gen Himmel recken und mit Mutter Natur streiten?"
In Ihrem neuen Film «Pressure» geht es um mächtige Männer – und um das Wetter, das selbst sie nicht kontrollieren können. Macht das demütig?
Natürlich. Was sollen wir tun? Die Faust gen Himmel recken und mit Mutter Natur streiten? In dieser Gleichung sind wir völlig unbedeutend.
Sie spielen Dwight D. Eisenhower in den 72 Stunden vor dem D-Day. Haben Sie sich bei der Vorbereitung jemals gedacht: Diesen Job möchte ich nicht einmal fünf Minuten lang machen?
Oh ja. Warum sollte irgendjemand diesen Job wollen? Ich bin Pazifist. Ich bin kein militärisch denkender Mensch, ich habe sogar Mühe mit Dialogen voller Militärjargon. Aber ich bin Schauspieler, also lerne ich sie, so gut ich kann. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, Entscheidungen treffen zu müssen, bei denen es in diesem Ausmass um Leben und Tod geht.
Was hat Sie an Eisenhower interessiert?
Wenn man sich Fotos anschaut, auf denen er kurz vor dem D-Day mit jungen Soldaten spricht, sieht man, dass sie ihm vertrauen. Ihr Wohlergehen war ihm wichtig, gleichzeitig kannte er die brutalen Statistiken über ihre Überlebenschancen. Und trotzdem redete er mit ihnen über Fliegenfischen, Kartenspiele oder schlechtes Essen. Er stellte sich nicht über sie. Den Respekt als Leader hat er sich verdient, er hat ihn nicht eingefordert.
Was macht für Sie heute eine gute Führungsperson aus?
Das ist jemand, der zuhört und nicht bloss hört. Jemand, der den Mut hat, eine Entscheidung auf Grundlage von Expertise zu treffen – egal, von wem diese Expertise kommt. Man hört sich die relevanten Meinungen an, entscheidet, steht dazu und übernimmt die Verantwortung für das Ergebnis.
Eisenhower soll für den Fall des Scheiterns der Invasion bereits eine Erklärung geschrieben haben.
Ja, es gab zwei Reden. Im Fall eines Sieges gab er den Soldaten die Anerkennung. Im Fall einer Niederlage nahm er die Verantwortung auf sich. Das ist Führung.
"Wir sollten uns überhaupt fragen, was ein Genie eigentlich sein soll"
Im Film fällt der schöne Satz: «Men are too fond of the word genius.» Sind Männer wirklich verliebt in das Wort Genie?
Ich glaube, der Satz erzählt viel über die Arroganz von Männlichkeit und Patriarchat. Wir sollten uns überhaupt fragen, was ein Genie eigentlich sein soll. James Stagg, der Meteorologe, der Eisenhower beraten hat, könnte tatsächlich eines gewesen sein. Vor allem aber hatte er den Mut, mächtigen Männern zu widersprechen und ihnen Dinge zu sagen, die sie nicht hören wollten. Heute ist so etwas eine Seltenheit.
Sie haben drei Söhne. Was haben Ihre Kinder Ihnen über Führung beigebracht? Eltern sind schliesslich auch Führungspersonen.
Meine Kinder sagen mir sehr gern direkt, was funktioniert und was nicht. Ich habe das Glück, dass sie intelligent, emotional reflektiert und talentiert sind. Sie wissen auch, dass sie privilegiert sind. Und sie haben für sich verstanden, dass sie sich selbst treu sein wollen, gleichzeitig aber an der Gesellschaft teilnehmen und etwas zurückgeben sollten – gerade, weil sie Möglichkeiten haben, die nicht allen offenstehen.
Haben Sie mit ihnen schon früh über Privilegien gesprochen?
Ja. Es gab immer Gespräche wie: Schau dich um, du hast mehr Spielzeug als andere Kinder. Von dort aus baut man weiter.
Was würden Ihre Söhne sagen, was für ein Vater Sie sind?
Wahrscheinlich einfach ein riesiger Trottel.
Gab es in Ihrem eigenen Leben eine Entscheidung, bei der Sie im Nachhinein dachten: Gott sei Dank habe ich damals richtig entschieden?
Oh Gott, ich hoffe, ich muss nie eine Entscheidung treffen, die mit Eisenhowers vergleichbar wäre. Ich kann Ihnen kein persönliches Beispiel nennen, das auch nur annähernd an diese Dimension herankommt. Aber wir alle treffen Entscheidungen, die völlig anders ausgehen können, als wir es uns wünschen. In solchen Momenten hoffe ich, dass ich alle Informationen berücksichtigt habe, die mir zur Verfügung standen. Und dann bleibt einem manchmal nur, auf das Beste zu hoffen und sich auf das Schlimmste vorzubereiten.
Treffen Sie Entscheidungen eher mit dem Kopf oder aus dem Bauch heraus?
Mit allen dreien: Herz, Kopf, Bauch.
Und die sind sich immer einig?
Nein! Überhaupt nicht. Ich höre sie einzeln an.
Hollywood kann mindestens so unberechenbar sein wie das Wetter.
Finden Sie?
"Gehen Sie zu Wikipedia oder so. Ich werde das nicht alles noch einmal durchgehen"
Durchaus. Sie waren einer der grössten Stars Hollywoods, dann wurde es plötzlich still. Gab es damals Momente, in denen Sie aufhören wollten? Und was haben diese Jahre Ihnen über Hollywood und über sich selbst beigebracht?
Sie wissen schon, mit wem Sie sprechen, oder?
Ja.
Okay. Dann kennen Sie die Antwort darauf.
Ich kenne die Geschichte. Mich interessiert aber weniger, was passiert ist, als was diese Stille mit Ihnen gemacht hat.
Gehen Sie zu Wikipedia oder so.
Ich sitze ja gerade vor der Primärquelle.
Ich werde das nicht alles noch einmal durchgehen. Aber ja, ich hatte Momente, in denen ich über diese Industrie, über mich selbst und über all das nachgedacht habe.
Was hat diese Stille Sie gelehrt?
(atmet lange aus) Den Mund aufzumachen. Für mich einzustehen.
Nach «The Whale» und dem Oscar hätten Sie vermutlich sehr vieles machen können. Warum ausgerechnet Eisenhower?
Regisseur Anthony Maras rief mich an und sagte: «Ich möchte, dass du Eisenhower spielst.» Meine erste Reaktion war: Ich? Warum?
Was hat er gesagt?
«Weil er so ist wie du. Er ist ein ganz normaler Typ. Er ist bescheiden und ihm liegen Menschen am Herzen.» Er schickte mir Fotos von Eisenhower und mir nebeneinander. Und ich musste ihm irgendwie recht geben, auch äusserlich gibt es da Parallelen. Wenn ich mich ein bisschen zusammenreisse, mich rasiere und ein paar Dinge verändere, könnte eine gewisse Ähnlichkeit entstehen. Aber ich hatte grossen Respekt davor.
"Wenn die Vergangenheit ein Prolog ist, dann sollten wir sehr genau darauf achten, weshalb Kriege überhaupt geführt werden"
Suchen Sie heute bewusst nach Rollen, die Ihnen ein wenig Angst machen?
Ich habe offenbar ein seltsames Bedürfnis, mich in meinem Beruf in Richtung Gefahr zu bewegen. Entscheidungen zu treffen, die ausserhalb meiner Komfortzone liegen. Ich weiss inzwischen, dass Wachstum oft daraus entsteht, Risiken einzugehen. «Pressure» war so eine Gelegenheit.
Also haben Sie zugesagt. Und haben Sie dann Panik bekommen?
Ich sagte Ja und merkte danach: Okay, jetzt habe ich einiges zu tun. Ich musste sehr viel über Eisenhower lernen. Ich habe Bücher gelesen, Podcasts gehört, Filme gesehen. Aber irgendwann muss man all dieses Wissen auch wieder vergessen. Für mich war letztlich nur entscheidend, wer dieser Mensch in den besagten 72 Stunden war.
Der Film handelt nicht nur von Krieg und Wetter, sondern auch davon, ob wir wissenschaftlichen Fakten vertrauen. Heute werden selbst Fakten zunehmend zur Ansichtssache.
Ja, wenn man nicht aufpasst, übersieht man genau diesen Punkt des Films. Neben dem Luftdruck und dem enormen Entscheidungsdruck auf Eisenhower geht es in «Pressure» noch um eine andere Form von Druck: Darum, was passiert, wenn Fakten plötzlich zu Optionen oder Alternativen werden. Wenn die Vergangenheit ein Prolog ist, dann sollten wir sehr genau darauf achten, weshalb Kriege überhaupt geführt werden. Das finde ich erschreckend. Unsere Welt ist gerade ein eigenartiger Ort.
Was können wir dagegen tun?
Uns selbst treu bleiben. Und den Mächtigen die Wahrheit sagen.
«Pressure», jetzt im Kino