Werden die Stars fürs ZFF eigentlich bezahlt? Festival-Direktorin Reta Guetg im Interview
Reta Guetg hat jahrelang hinter den Kulissen gearbeitet und ist jetzt nicht nur Direktorin des Zurich Film Festivals, sondern auch Mitinhaberin. Wie holt sie die Stars nach Zürich? Was sind die Tücken männlicher Führungsgremien und warum braucht ein Festival voller Stars öffentliche Gelder?
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Gabriel Hill / ZFF
annabelle: Reta Guetg, Sie sind nun nicht nur Mitinhaberin, sondern auch Direktorin des Zurich Film Festivals. Bleibt der Teppich grün?
Reta Guetg: Oh ja, der bleibt grün! Inzwischen ist unser grüner Teppich ein grosses Markenzeichen. Wobei es offenbar Gründe für einen roten Teppich gibt, angeblich lässt er die Stars besonders schön strahlen. Aber ich finde, die Leute sehen auch bei uns fantastisch aus.
"Vielleicht kommen die Leute wegen eines Stars ans Festival – und landen am Schluss in einem Schweizer Dokumentarfilm"
Wie wichtig sind die Stars für das ZFF?
Sehr wichtig. Wir stehen für Hollywoodkino und Glamour, das wollen wir überhaupt nicht wegreden. Natürlich sind die Stars Zugpferde für ein Filmfestival. Es ist toll, wenn Russell Crowe aus einem Mercedes steigt oder Julianne Moore in einer schönen Robe auftritt. Aber wir schaffen es auch immer wieder, die Aufmerksamkeit auf die Filme zu lenken. Vielleicht kommen die Leute wegen eines grossen Stars ans Festival – und landen am Schluss in einem Schweizer Dokumentarfilm.
Besteht nicht die Gefahr, dass die Stars die Filme überstrahlen?
Wir gehen bei der Kuration immer vom Film aus. Gefällt er uns, versuchen wir, den entsprechenden Gast nach Zürich zu holen. Der Ursprung ist niemals der Star, sondern das filmische Handwerk. Das gibt dem Besuch eine inhaltliche Motivation, die auch den Stars gefällt. Ausserdem bekommen auch die Nachwuchsfilmschaffenden unserer Wettbewerbe einen Auftritt auf dem Teppich und einen Fotocall. Wir feiern die kleinen Filme genauso wie die grossen.
Wie holt man Hollywood nach Zürich? Schreiben Sie schnell Julianne Moore eine WhatsApp?
Es ist ein People Business. Über die Jahre hinweg haben wir viele Kontakte aufgebaut: zu Verleihfirmen, Agenturen und vor allem auch zu Produzentinnen und Produzenten. Oft reden wir schon darüber, ob Zürich eine Option wäre, bevor ein Film überhaupt gedreht ist. Manchmal geht es aber auch direkt: Dieses Jahr schrieb uns Casey Affleck eine E-Mail. Er habe einen neuen Film und fände es cool, nach Zürich zu kommen. Daraus entstand ein Austausch zwischen unserem CEO und Casey während des Schweiz-Argentinien-Spiels, wir haben den Film gesehen – und jetzt kommt er tatsächlich mit «Company» nach Zürich.
"Zürich hat eine tolle Hotellerie. Das hat sich in Hollywood herumgesprochen"
Was muss man den Stars bieten? Bezahlen Sie Gagen?
Nein, wir bezahlen keine Gagen. Wir haben auch keine Verträge, vieles basiert auf Vertrauen. Was überzeugt, ist ein exzellenter Gästeservice. Alle haben eine Betreuung vor Ort, Zürich hat eine tolle Hotellerie und ist eine attraktive Destination. Das hat sich in Hollywood herumgesprochen. (lacht) Und viele Künstler:innen arbeiten sieben oder acht Jahre an einem Film. Wenn er endlich fertig ist, dann freuen sie sich, ihn mit dem Publikum zu teilen und lassen sich bei einem Festival auch gerne ein wenig feiern. Wir haben volle Kinosäle in Zürich. Dieses Erlebnis sorgt dafür, dass die Leute gern wiederkommen.
In Cannes laufen manche nur über den Teppich und schauen sich nicht einmal den Film an. Sie arbeiten in diesem Jahr mit TikTok zusammen. Wie verhindern Sie, dass das Festival zum Influencer-Event wird?
Das ist ein schmaler Grat. Wir diskutieren das immer wieder. Wir sind ein junges Festival, das Trends setzt – dafür sind wir auch bekannt. Wir haben ein junges Publikum, und es ist aktuell die Gen Z, die zum Wiederaufleben des Kino-Booms geführt hat. Das wollen wir aufnehmen und sind deshalb eine strategische Partnerschaft mit TikTok eingegangen. Die Plattform kann sehr kreativ sein: Creators besprechen Filme und kreieren damit eine neue Art von Cinephilie. Natürlich verstehe ich auch die Medienbranche, die leidet und sich sagt: Jetzt kommen auch noch die Influencer:innen. Aber das finde ich zu vereinfacht. Sie machen alte Filme wieder gross, indem sie Ausschnitte verbreiten. Sie betreiben auf ihre Art Kultur, und am Ende braucht es beide – die klassischen und die neuen Medien. Unsere TikTok-Creators führen unter anderem Interviews und machen Livestreams vom Teppich. Das kann der Verbreitung helfen. Ich fände es aber sehr seltsam, wenn es bei einem Event nur noch um die Oberfläche ginge. Bei uns steht und fällt alles mit den Filmen.
Wie einigen Sie sich im Team darauf, was ins Programm kommt?
Wir streiten und debattieren. Das macht die Kuration spannend. Manchmal brennen ein oder zwei Leute so sehr für einen Film, dass wir sagen: Da muss etwas dran sein. Solche Filme haben manchmal mehr Gewicht als jene, die alle einfach ganz okay finden.
Für welchen Film haben Sie sich dieses Jahr besonders eingesetzt?
Für den Dokumentarfilm über Gardi Hutter. Sie ist für mich ein Vorbild als Frau in dieser Domäne. Da hat das Team sicher weniger gebrannt als ich.
Sie wollten selbst einmal Clownin werden.
Ja! Mit zwanzig war ich zwei Wochen in einer Clownschule, um es auszuprobieren. Ich merkte aber schnell: Ich bin nicht so gern auf einer Bühne. Und das ist natürlich schlecht. (lacht) Bei einer Übung mussten wir alle zum Lachen bringen und durften vorher nicht von der Bühne. Horror! Der Lehrer sagte zu mir: «Man kann nicht alles mit Charme lösen.» Das ist mir geblieben.
Nun stehen Sie als Direktorin selbst stärker im Fokus. Wie geht das zusammen?
Ich bin mutig und habe viel Energie, suche aber nicht zwingend das Rampenlicht. Ich muss darum kämpfen, mir den Raum zu nehmen. Inzwischen macht es mir aber auch Freude: Man darf für etwas einstehen, an das man glaubt.
"Man muss sich als Frau den Raum dreimal mehr nehmen als Männer"
Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: Ich könnte dieses Festival auch leiten?
Nicht bewusst. Ich bin eher immer in alles reingestolpert. Im Nachhinein merke ich dann: Doch, das kann ich eigentlich schon. Aber ich hätte mich wahrscheinlich nicht getraut, mir das vorher selbst einzugestehen.
Sie sitzen mit vier Männern im Gremium. Wie behaupten Sie sich?
Das ist herausfordernd. Man muss sich als Frau den Raum dreimal mehr nehmen als Männer. Wenn ich das sage, verstehen Männer es nicht – und alle Frauen nicken. Das fasziniert mich. Man muss sich durchsetzen, damit man nicht untergeht oder in bestimmte Rollen kippt. Plötzlich ist man diejenige, die automatisch die Kalendereinträge macht. Man stolpert schnell in die Frauenrolle des Organisatorischen, obwohl andere darin vielleicht sogar talentierter wären.
"Man muss als Chefin delegieren, Vertrauen schenken und an das Team glauben. Und klare Ansagen machen"
Was für eine Chefin sind Sie?
Ich bin alles andere als ein Kontrollfreak. Das geht in so einem Job auch gar nicht. Man muss delegieren, Vertrauen schenken und an das Team glauben. Was ich lernen musste: klare Ansagen machen und klare Erwartungen formulieren. Das ist ein stetiger Prozess.
Sie haben sich am Management-Buyout beteiligt. Warum wollten Sie nicht nur Angestellte bleiben, sondern eigenes Geld einsetzen?
Unsere amerikanischen Kontakte fanden sofort: «Yes, skin in the game. It’s yours now!» Mich haben am Filmgeschäft immer beide Seiten fasziniert: die freie Kunst und das Business. Ich hatte in Bern selbst ein kleines Festival gegründet und erlebt, was diese Verantwortung bedeutet. Als Christian Jungen auf mich zukam, fühlte sich der Schritt deshalb erstaunlich natürlich an. Der Job war ohnehin schon mit Druck und Unsicherheit verbunden. Die Vorstellung, dass es jetzt wirklich an uns liegt, hat mich eher befreit. Sie hat neue Lust und Energie ausgelöst.
Nie gedacht: Das ist mir eine Nummer zu gross?
Beim Kauf selbst fühlte es sich gut an. Ich war auch nicht allein. Anspruchsvoll war die Erkenntnis, dass wir im Hintergrund alles neu aufsetzen mussten. Gäste nach Zürich bringen, Filme programmieren, ein Team führen: Das hatte ich schon gemacht. Aber sicherzustellen, dass am Monatsende alle ihren Lohn bekommen, das Personalwesen und die Finanzen neu aufzustellen – das hat mich beschäftigt. Anfang dieses Jahres war die Mehrfachbelastung hoch.
"Wenn nie eine Frau am Tisch sitzt und mitentscheidet, kommt auch keine andere dazu"
Hinter den Kulissen arbeiten im Kulturbetrieb oft viele Frauen, an der Spitze stehen jedoch noch immer oft Männer. Wie ist das beim ZFF?
Etwa zwei Drittel unseres Teams sind Frauen. Hinter den Kulissen war das schon immer so. Je höher man kommt, desto stärker merkt man aber: Es ist noch immer eine Männerwelt. Gleichzeitig geben mir die jüngeren Männer Hoffnung. Sie machen viel selbstverständlicher darauf aufmerksam, wenn etwa eine Frau auf einem Panel fehlt.
Sie haben sich für Frauenquoten in der Wirtschaft ausgesprochen. Braucht es die auch bei der Filmauswahl?
Ich bin da zwiegespalten. Manchmal braucht es einen Anstoss. Wenn nie eine Frau am Tisch sitzt und mitentscheidet, kommt auch keine andere dazu. Mehr Frauen in der Kuration beeinflussen den Blick auf die Welt. Trotzdem hatten wir einmal plötzlich sehr wenige Regisseurinnen im Wettbewerb, obwohl mehr Frauen als Männer über die Filme entschieden. Wir fragten uns: Wie kann das passieren? Das hat unseren Blick geschärft. Eine Quote haben wir aber nicht eingeführt.
Der Bund kürzt seinen Beitrag ab 2027 um 20’000 Franken. Bei Ihrem Festival klingt das nach einer überschaubaren Summe.
Auch bei einem überwiegend privat finanzierten Festival sind 20’000 Franken wichtig. Es geht uns aber auch um das Signal und wir wollen verstehen, warum nur bei uns gekürzt wurde. Deshalb haben wir einen anfechtbaren Entscheid mit Begründung verlangt.
Wie politisch soll das ZFF sein?
Wir sind eine Plattform für eine Vielfalt an Stimmen, Perspektiven und Themen. Wichtig ist mir aber, dass die Themen von den Regisseur:innen eingebracht werden – nicht von uns als Festival. Wir machen die Debatte möglich.
Wenn wir uns in fünf Jahren wiedertreffen: Woran soll man Ihre Handschrift erkennen?
Hoffentlich daran, dass noch mehr tolle Frauen als Gästinnen da sind. Frauen sollen in diesen Berufen sichtbar sein. Vor allem wünsche ich mir, dass wir vielfältig bleiben und mit ungewöhnlichen Entscheidungen überraschen. Dass wir Neues entdecken und uns immer wieder wandeln. Und vielleicht haben wir irgendwann ein Openair auf dem Sechseläutenplatz.
Wie viele Filme schauen Sie eigentlich, um das Programm zusammenzustellen?
Als Team verfolgen wir mehrere Tausend. Ein grosser Teil der Arbeit besteht aber darin, herauszufinden, welche Filme wir überhaupt schauen wollen – und dann dafür zu kämpfen, dass wir sie sehen können. Manchmal dauert das Monate. Wir verfolgen viele Filme schon ab Drehstart.
Und wann schauen Sie die alle?
Der Job ist vielseitig – ich reise etwa viel an andere Festivals – aber er ist auch sehr administrativ. Man schreibt stundenlang E-Mails und sitzt in Meetings mit verschiedensten Leuten. Im Sommer, wenn die Programmation läuft, wird das Filmeschauen sehr zentral. Dann kommt man nach einem Arbeitstag, an dem man den ganzen Tag busy war, nach Hause und schaut noch die Filme, die man auf dem Stapel hat. In diesen Phasen ist die Bildschirmzeit extrem hoch. (lacht)
Können Sie Filme überhaupt noch einfach als Zuschauerin geniessen?
Es gibt diese schönen Momente, wenn wir die grossen Filme im Kino schauen dürfen. Dann sitzt man morgens um neun im Kino und denkt: Wow, das ist mein Beruf!