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Vier Frauen verändern die Fotostiftung Schweiz – und schreiben Geschichte neu

Vier Frauen verändern die Fotostiftung Schweiz – und schreiben Geschichte neu

Vier Kuratorinnen stellen die Fotostiftung Schweiz auf den Kopf – und holen jene Fotografinnen ins Licht, die lange im Schatten standen. Ihre Ausstellung zeigt: Es fehlt nicht an Bildern von Frauen, sondern an Sichtbarkeit.

Sie fotografierten Flüchtlingskrisen, Bergwelten und Menschen – und verschwanden trotzdem aus der Geschichte. In den Archiven der Fotostiftung Schweiz stammen von 160 Beständen gerade einmal 26 von Frauen. Der Blick zurück ist also vor allem eines: männlich.

Die Ausstellung «Frauen. Fragen. Fotoarchive» setzt genau hier an. Kuratiert von Madleina Deplazes, Michèle Dick, Teresa Gruber und Katharina Rippstein, rekonstruiert sie die Lebensläufe von sieben Fotografinnen aus der Zeit zwischen 1900 und 1970 – und macht sichtbar, was lange übersehen wurde.

Denn die Lücken in diesen Biografien wirken erstaunlich aktuell. Wer verfolgt die Karriere? Wer arbeitet im Hintergrund? Wer übernimmt die Care-Arbeit? Und warum fällt es Frauen oft schwerer, sich selbst sichtbar zu machen? Die Antworten sind keine historischen Randnotizen, sondern strukturelle Konstanten.

Die Ausstellung zeigt unterschiedliche Lebensrealitäten: privilegierte Amateurinnen wie Anny Wild-Siber, die um 1900 mit technischen Verfahren experimentierte und zwischen Villa und Weltreise fotografierte. Oder Gertrud Dübi-Müller, die als Mäzenin Künstler wie Ferdinand Hodler porträtierte – nicht aus wirtschaftlichem Zwang, sondern als Teil eines kulturellen Lebensstils.

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Ganz anders die Geschichten von Margrit Aschwanden oder Marie Ottomann-Rothacher. Für sie war Fotografie Arbeit – und zugleich etwas, das immer wieder zurücktreten musste. Familienpflichten, Ehen und ökonomische Zwänge drängten ihr eigenes Schaffen in den Hintergrund.

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Auch die nächste Generation, ausgebildet an Kunstgewerbeschulen, entkam diesen Strukturen nicht. Leni Willimann-Thöni und Anita Niesz arbeiteten professionell und mit klarem gestalterischem Anspruch – doch während Willimann-Thöni ihre Erwerbsarbeit der Familienrolle unterordnete, blieb von Niesz’ engagiertem Werk trotz ihres Erfolgs kaum Schriftliches erhalten – beides zeugt von der systematischen Geringschätzung weiblicher Biografien.

Besonders eindrücklich ist das Schicksal von Hedy Bumbacher. Ihre Sozialreportagen über Bergbauernfamilien sind von grosser Intensität – und lagen nach Veröffentlichung jahrzehntelang unbeachtet in der Schublade. Sie wandte sich später von der Fotografie ab und starb im Glauben, erfolglos gewesen zu sein.

Was diese Biografien verbindet, ist nicht mangelndes Talent, sondern mangelnde Sichtbarkeit.

Parallel zur Auseinandersetzung mit diesen Geschichten vollzieht sich in der Fotostiftung ein grundlegender Wandel: Künftig übernehmen vier Frauen gemeinsam die Leitung – ein Novum in der Schweizer Kulturlandschaft. Seit der Gründung 1971 wurde das Haus ausschliesslich von männlichen Einzeldirektoren geführt.

Mit diesem Wechsel verschiebt sich auch der Fokus: Digitalisierung, Erschliessung und die Sichtbarmachung der Archive rücken ins Zentrum. Der grosse Ausstellungssaal wird aufgegeben – zugunsten einer langfristigen, strukturellen Veränderung.

"Es ist der Versuch, ein System zu korrigieren, das lange bestimmt hat, an wen sich erinnert wird – und an wen nicht"

Das ist mehr als ein kuratorisches Projekt. Es ist der Versuch, ein System zu korrigieren, das lange bestimmt hat, an wen sich erinnert wird – und an wen nicht.

Die Ausstellung in Winterthur ist damit auch eine Momentaufnahme: Sie zeigt nicht nur vergessene Geschichten, sondern markiert den Beginn einer neuen Praxis. Einer, die nicht mehr nur die sichtbarsten Namen verwaltet, sondern aktiv nach den übersehenen sucht.

Oder anders gesagt: Die Geschichte der Fotografie wird nicht neu geschrieben. Sie wird endlich vollständiger erzählt.

Die Ausstellung «Frauen. Fragen. Fotoarchive.» ist noch bis 14. Juni 2026 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

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