Musikerin Lykke Li: "Die Welt hasst wütende Frauen!"
Lykke Li ist verantwortlich für Welthits wie "I Follow Rivers" und veröffentlicht morgen ihr neues Album "Afterparty". Wir sprachen mit ihr über Weltschmerz, den Spagat zwischen Muttersein und Kunst und ihre Besessenheit von grossen Popsongs.
- Von: Annett Scheffel
- Bild: Chloé Le Drezen
Seit fast zwei Jahrzehnten macht Lykke Li Musik unter den Augen der Öffentlichkeit. Bekannt wurde sie 2008 mit ihrem Debütalbum «Youth Novels». Drei Jahre später wurde «I Follow Rivers» überraschend zum Superhit. Lange galt die Schwedin als Popstar der Heartbreak-Songs.
Jetzt ist sie in ihrer «existenziellen Phase» angekommen. Entstanden ist ihr sechstes Studioalbum «The Afterparty» nach der Geburt ihres zweiten Sohnes und während einer Zeit privater Krisen. In neun bittersüssen, atmosphärischen Elektro-Popsongs geht es um Vergänglichkeit, Verlustängste und Sinnsuche.
Nach dem eher introspektiven, ruhigeren Vorgänger «EYEYE» von 2024, klingt das neue Album extrovertierter, impulsiver, dunkler und fügt sich mit einer unterschwelligen Katerstimmung in das kollektive Erschöpfungsgefühl der Gegenwart ein.
Geschrieben hat Lykke Li das neue Album grösstenteils in Los Angeles, wo sie seit zwölf Jahren wohnt. An einem warmen Morgen im März hat sich die 40-Jährige Zeit für ein ehrliches Interview genommen. Lykke Li ist pünktlich – neben ihrer Leidenschaft für Interior Design das «vielleicht schwedischste» an ihr, wie sie sagt. Sie trägt einen bequemen Jogginganzug und kein Make-up.
Leider ist das Clark Street Diner, ein beliebtes Retro-Restaurant in Hollywood, wo wir verabredet sind, an diesem Tag wegen Dreharbeiten geschlossen. Und weil in LA nichts um die Ecke, fahren wir zunächst in ihrem SUV auf der Suche nach einem Café in der Gegend herum, bis wir in einem Coffeeshop landen, der als Treffpunkt für all die Autor:innen und Schauspieler:innen gilt, die es noch nicht geschafft haben. Die Tische stehen auf einem Parkplatz. Die Sonne blendet, und Lykke Li zieht sich die Kapuze über den Kopf.
annabelle: Im Vorfeld der Veröffentlichung haben Sie angedeutet, dass «The Afterparty» vielleicht Ihr letztes Album sein könnte. Was hat es damit auf sich, und wo stehen Sie mit dieser Entscheidung gerade?
Lykke Li: Ich mache das jetzt schon so lange. Ich habe in den letzten Jahren viel darüber nachgedacht, warum ich das überhaupt mache. Und ich versuche zu ergründen, was genau dieser Teil von mir ist, der immer weitermachen will: Es ist wie eine Art Bestie, die niemals zufrieden ist. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, der Musikindustrie entwachsen zu sein. Mich langweilen die begrenzten Möglichkeiten. Und es ist eine so erniedrigende Branche. Musiker:innen schaffen Kunstwerke, und dann wird daraus ein kleines Kästchen auf Spotify, das jede:r kostenlos anklicken kann. Es kann also gut sein, dass das mein letztes Album in dieser Form ist – nennen wir es meine Reinkarnation als hungrige Künstlerin. Aber ich werde definitiv weiterhin Kunst machen. Ich weiss nur noch nicht, wie sie aussehen wird.
"Ich würde sagen, das ist mein Gott-Album"
Sie haben den Schreibprozess für das Album als Ihre «existenzielle Phase» beschrieben. Was bedeutet das?
Alle meine Alben waren bisher sehr introspektiv, fast wie Tagebucheinträge, mit einem fast naiven Blick auf die romantische Liebe. Das neue ist dunkler und chaotischer. Es ist meine Trennung vom Trennungsalbum! Ich hatte es einfach satt. Stattdessen wollte ich herauszoomen, in die Vogelperspektive. Was ist das sonst noch? Ich würde sagen, das ist mein Gott-Album.
Inwiefern?
Es geht eher um die grossen Kämpfe, die uns als Menschen ausmachen, das Älterwerden und die Frage, ob es einen Gott gibt und wer oder was das ist?
Und, haben Sie eine vorläufige Antwort für sich gefunden?
Ich glaube, die Antwort liegt irgendwo an dem Ort, an den wir uns begeben, wenn wir kreativ sind, wenn wir Musik machen oder etwas anderes erschaffen. Diese Inspiration ist wie eine Lebenskraft, die Schmerz in Schönheit und Dunkelheit in Licht verwandelt. Das anzuzapfen, bedeutet mir mehr als alles andere.
Statt den üblichen Popthemen befassen Sie sich diesmal stärker mit den dunkleren Seiten der menschlichen Psyche. Woher kommt das?
Ich habe alle meine Alben immer ausgehend von meinem jeweiligen emotionalen Gemütszustand geschrieben. Diesmal hatte ich keinen Liebeskummer. Dafür kamen all diese anderen Gefühle hoch: Scham, Wut, Rache, Frust, Schuldgefühle, die Angst vor der Sinnlosigkeit. Diese Gefühle sind erstaunlich aufgeladen. Sie sind das Gegenteil der Instagram-Welt, wo alle versuchen, sich perfekt darzustellen. Immer sein bestes Selbst zu sein, das ist so verdammt uninteressant. Ehrlich gesagt, habe ich auch erst gezögert. Ich wusste nicht, ob sich daraus etwas machen lässt. Aber dann dachte ich: Wut ist Punk! Wut ist Hip-Hop! Wut ist Louise Bourgeois! Eine Bildhauerin, die ich sehr bewundere.
Wut ist besonders interessant, weil sie bei Frauen ganz anders bewertet wird als bei Männern…
Oh ja! Die Welt hasst wütende Frauen! Was ironisch ist, weil es so verdammt viele Gründe dafür gibt. Gerade jetzt, wo man ständig das Gefühl hat, dass die Welt von ein paar alten Männern an die Wand gefahren wird. Ich bin stinksauer!
Sie haben auch Schuldgefühle erwähnt. Inwiefern haben die den Kreativprozess beeinflusst?
Das hat so viele Facetten. Es geht schon mit den alltäglichen Dingen los: Ich fühle mich schuldig, wenn ich im Auto sitze und einen Matcha aus einem Plastikbecher trinke. Und dann sind da natürlich die permanenten Schuldgefühle als Mutter. Das ist der Preis, den man als Frau zahlt. Die Schuldgefühle können aber auch schnell in Wut überschlagen: Wenn man sich Männer in künstlerischen Berufen anschaut, die Väter werden und sich zurück in die Arbeit stürzen können, als wäre nichts gewesen. Ich glaube aber, dass wir alle auf die eine oder andere Art in solchen Gefühlen gefangen sind.
"Wenn ich Nachrichten lese, denke ich: Oh Gott, wir befinden uns auf der Afterparty der Welt! "
Lassen Sie uns über den Albumtitel sprechen: «The Afterparty». Wie fügt sich das ins Albumkonzept ein?
Auf den Titel bin ich gekommen, als ich mit dem Auto durch Los Angeles gefahren bin. Das Licht hier hat etwas ganz Besonders an sich: eine grelle, fast brutale Art, alles ausleuchten, auch die unschönen Ecken. Es ist, wie wenn man im Sommer in Europa die Nacht durchfeiert, und dann ist es draussen zu hell und man kann nicht schlafen. Und vielleicht geht man noch zur Afterparty – weil man nicht will, dass es vorbei ist. Es ist zu schön, um aufzuhören. Aber man spürt den Kater schon. Den baldigen Aufprall. Man weiss, dass er kommt. Wenn ich Nachrichten lese, denke ich: Oh Gott, wir befinden uns auf der Afterparty der Welt! Es ist fünf Uhr morgens, und vielleicht macht es gerade noch Spass, und wir drehen noch mal voll auf, als gäbe es kein Morgen. Aber die Abrechnung wird kommen.
Sie sind im März 40 geworden. Ist die Afterparty auch eine Referenz ans Älterwerden?
Ja, auf jeden Fall. Auf der Afterparty hat man nicht mehr das Gefühl, dass heute Nacht alles passieren könnte und man alles noch vor sich hat. Von hier aus beginnt man das Ende zu sehen. Es geht darum, etwas gehabt zu haben und es zu verlieren, zu erkennen, wie kostbar es war, und zu hoffen, dass man es wiederfindet. Ein Gefühl, das ich eng mit Los Angeles verbinde.
Das müssen Sie erklären.
Wenn man im Chateau Marmont oder anderswo diese alten Stars trifft – und davon gibt es viele in LA – dann hat das etwas Tragisches. Wenn man mal alles hatte – Ruhm, Geld und Schönheit –, und es dann verliert, landet man in so einer Art Wartezimmer, in dem man nicht weiss, was man mit sich anfangen soll. Überhaupt ist das Älterwerden als Frau ein so heikles Thema, das wirklich niemand anfassen will.
Oh, ich würde wirklich gerne! Sollen wir?
Ich will eigentlich auch. Es fasziniert mich wirklich. Ich würde ja auch gerne so tun, als ob es nicht passiert. Aber wir werden alle älter. Ich frage mich ständig, ob das verinnerlichte Frauenfeindlichkeit ist oder die von aussen.
"Die inspirierenden Biografien gehören zu Frauen, die eine ganz klare Entscheidung getroffen haben, keine Kinder zu bekommen"
Gerade das Popgeschäft ist so elementar auf den Erfahrungen und Symbolen des Jungseins aufgebaut. Wie empfinden Sie das? Fehlen Ihnen Popsongs, in denen es um Themen geht, die einen ab 40 beschäftigen?
Ja, davon hätte ich gern mehr. Nicht nur Musik, sondern auch Romane und Filme. Wenn man jung ist, gibt es so viele Anleitungen und Blaupausen, eine Frau zu sein. Und dann kommt man an diesen Punkt und denkt: Okay, und jetzt? Wo sind die Geschichten, die Orientierung geben? Stattdessen ist da oft nur Leere – ein schwarzes Loch. Und die älteren Frauen, zu denen ich aufschaue und bei denen ich auf Antworten gehofft habe, schreien vor Angst, Scham und Vermeidung zurück.
Haben Sie ein paar Beispiele?
Ich habe so viel gelesen: Doris Lessing, Alice Neel, Louise Bourgeois, Joan Didion. Es gibt so viel, aber für mich war es wirklich keine inspirierende Lektüre, sondern verdammt erschütternd. Das Buch von Miranda July (Anm. d. Red.: «Auf allen vieren») ist einfach nur ein riesiger Abgrund. Die einzigen inspirierenden Biografien gehören zu Frauen, die eine ganz klare Entscheidung getroffen haben, keine Kinder zu bekommen. Das macht es besonders schmerzhaft. Marina Abramović zum Beispiel! Ich habe ihre Memoiren gelesen: «Durch Mauern gehen». Ihre Hingabe an ihre Kunst ist eine riesige Inspiration für mich. Aber sie hatte eben keine Kinder. Oder ein anderes Beispiel: Joni Mitchell, die ihre Tochter zur Adoption freigab.
Sie hingegen sind vor drei Jahren zum zweiten Mal Mutter geworden. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit als Musikerin ausgewirkt?
Ich hatte Angst, mich vollkommen in der Mutterrolle und den Schuldgefühlen aufzulösen. Es ist wie in Jacqueline Rose‘ Buch «Mothers: An Essay on Love and Cruelty». Als Mutter kann man nicht gewinnen. Die Welt gibt dir immer die Schuld. Gleichzeitig bin ich natürlich unfassbar dankbar für die Erfahrung. Ich glaube, bevor ich Kinder hatte, war ich ein total verrückter Mensch. Mutter zu sein hat mich auf den Boden geholt. Aber ich wusste nicht, wie ich das zusammenbringen soll: Künstlerin und Mutter von zwei Kindern sein.
Irgendwie haben Sie aber einen Weg gefunden?
Am Anfang habe ich versucht, eine klare Antwort zu finden. Schwarz oder weiss. Aber mittlerweile gebe ich mich einfach dem Chaos und der Brutalität der Situation hin. Auf der Suche nach Archetypen dafür musste ich an die hinduistische Göttin Kali denken, die Zerstörerin und Schöpferin. Wenn ich mir sie so anschaue, mit ihren vielen Armen und der wilden Grimasse, dann wird mir klar, dass wir als Frauen so viele Dinge tragen können. Im Grunde halten wir Frauen die ganze Welt zusammen. Aber es ist nicht perfekt. Es ist ein Kampf.
Was hilft Ihnen beim Songschreiben? Was sind die grössten Inspirationsquellen?
Ich schaue unglaublich viele Filme. Die Idee zum Song «Knife in the Heart» zum Beispiel stammt aus «Die Klavierspielerin» von Michael Haneke. Ausserdem meditiere ich jeden Tag und vieles in meinen Songs ist von professionell begleiteten psychedelischen Trips inspiriert. Es ist so interessant, sich durch die ganzen Symbole und Archetypen im eigenen Unterbewusstsein zu arbeiten. Das ist etwas, das mir David Lynch beigebracht hat: Als Künstler:in hat man immer Angst, dass einem irgendwann nichts mehr einfällt. David hat immer gesagt: «Es ist immer noch mehr da. Aber wenn du einen grossen Fisch fangen willst, musst du tief tauchen.»
Was macht für Sie den Reiz an Popmusik aus? Und ist es heute noch dasselbe wie damals, als Sie angefangen haben?
Ja, ich habe immer noch die gleiche extreme Leidenschaft. Popmusik ist wie eine Wissenschaft: Ein guter Song ist eine bestimmte Form, eine Struktur, fast wie eine mathematische Formel. Ich werde nie müde sein, zu versuchen, diese Gleichung zu lösen. Ich bin immer noch besessen von der Idee, einen wirklich großen Popsong zu schreiben.
Sie haben nicht das Gefühl, dass Ihnen das schon gelungen ist?
Es macht mich sehr glücklich zu sehen, was für ein Eigenleben einige meiner Songs entwickelt haben. «I Follow Rivers» gehört schon lange nicht mehr mir, sondern den Menschen, die es hören und mitsingen und neu interpretieren. Es hat eigene Flügel. Aber ist es ein «Knocking On Heaven’s Door»? Nein. Auch kein «Hallelujah» von Leonard Cohen, kein «Creep» von Radiohead, kein Song von Frank Ocean. Ich werde, solange ich lebe, versuchen, so einen Song zu schreiben.
Lykke Lis neues Album «The Afterparty» erscheint am 8. Mai