"In der Hose war mehr Freiheit": Warum Sandra Hüller Männerrollen neu denkt
Sandra Hüller spielt in "Rose" eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt, um zu überleben – und um frei zu sein. Ein Gespräch über Rollen, Macht und die Frage, warum Freiheit oft dort beginnt, wo man sich verstecken muss.
- Von: Noëmi Leonhardt
- Bild: ZVG / Filmcoopi
An Sandra Hüller (47) kommt derzeit kaum jemand vorbei. Spätestens durch ihre Rollen in «The Zone of Interest» und «Anatomy of a Fall», mit denen sie international Aufmerksamkeit erlangte. Nun überzeugt sie im historischen Drama «Rose» des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer.
Der Film, der am 7. Mai in den Schweizer Kinos anläuft, führt ins 17. Jahrhundert, in die Zeit nach dem Dreissigjährigen Krieg. Rose (Sandra Hüller) gibt sich als männlicher Soldat aus, um Anspruch auf einen Gutshof zu erheben. Um ihre Identität zu sichern, heiratet sie Suzanna (Caro Braun), die Tochter eines Grossbauern, und versucht so, die ihr zugeschriebene Männlichkeit noch glaubhafter zu verkörpern. Roses Schicksal steht stellvertretend für die Lebensgeschichten zahlreicher Frauen, die über Jahrhunderte bestraft wurden, weil sie sich unter einer anderen Geschlechtsidentität mehr Freiheit verschafft hatten.
Am Schluss des Films erklärt Rose vor Gericht ihr Leben in Verkleidung mit einem schlichten Satz: «In der Hose war mehr Freiheit». Gesagt im 17. Jahrhundert und bis heute erstaunlich nachvollziehbar.
annabelle: Sandra Hüller, was bedeutet für Sie persönliche Freiheit?
Sandra Hüller: Freiheit ist ein grosses und ziemlich komplexes Thema. Mein erster Impuls ist, über innere Freiheit zu sprechen – also einen Gedankenraum, der einem zur Verfügung steht. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass äussere Faktoren wie Herkunft, finanzielle Situation oder Aussehen eine grosse Rolle spielen. Deshalb muss man immer auch über Privilegien sprechen, wenn man von Freiheit spricht. Aber wenn ich das alles kurz ausblende, dann ist Freiheit für mich vor allem ein innerer Zustand.
Was hat Sie an der Figur der Rose interessiert? War es der Teil, den Rose verbergen muss oder das, was trotz Tarnung noch übrigbleibt?
Da wir kaum wissen, wer sie ohne ihre Verkleidung ist, fand ich genau das weniger spannend. Mich hat vielmehr interessiert, wie sie mit den Umständen umgeht – mit den Zwängen, der Gefahr, dem Druck. Es geht um etwas sehr Universelles: um einen Menschen, der es schafft, diese Begrenzungen zu überwinden. Ihre Haltung hat mich fasziniert – dieses «Warum eigentlich nicht?».
Wo begann für Sie in Ihrer Darstellung von Rose das Männliche und bleibt dabei auch das Weibliche sichtbar? Falls man das überhaupt trennen kann.
Ganz praktisch habe ich gemerkt, dass schnelle oder hektische Bewegungen einen oft als Frau «verraten». Ich merke das selbst, wenn ich in meinem Haushalt etwas mache, tue ich oft viele Sachen gleichzeitig. Deshalb habe ich für die Rolle viel mit Langsamkeit gearbeitet. Wenn man Männer, die eine gewisse Autorität haben, allgemein beobachtet, dann bewegen sie sich oft ruhiger, kontrollierter. Diese Langsamkeit hat mir geholfen, die Figur von Rose zu entwickeln. Ich denke zum Beispiel an die Figur von Brad Pitt in «Once Upon a Time in Hollywood». Er ist in dem Film eigentlich nur einmal schnell, ganz am Ende, wenn er sich mit dieser Mördertruppe auseinandersetzen muss. Ansonsten ist er einfach immer langsam, er läuft ständig wie in Zeitlupe.»
Wieso dürfen sich Männer erlauben, langsam zu sein? Und Frauen müssen schnell sein?
Es hat viel mit Kontrolle zu tun. In Bezug auf Rose ist es so, dass sie den Raum ständig im Blick haben muss. Sie muss alles um sich herum wahrnehmen, um nicht entdeckt zu werden. Diese Konzentration war interessant für mich. Das Kostüm spielt auch eine Rolle, weil es eine bestimmte Beschränkung mit sich gebracht hat, die wichtig ist. Und ich glaube generell: Beschränkungen sind wichtig, um frei zu werden. Das klingt paradox, ist aber im Spiel oft so. Regeln schaffen Fokus und daraus entsteht Freiheit.
"Beschränkungen sind wichtig, um frei zu sein"
Die Rollenbilder von Männern und Frauen werden zunehmend wieder radikalisiert. Ich denke an die Manosphere oder auch die ganze Tradwife-Ästhetik. Wo stecken wir zurzeit im Verständnis von Geschlechterrollen?
Ich weiss nicht, ob es mir gelingt, das ausreichend einzuordnen. Ich habe aber die letzten Jahre als eine Phase der Öffnung empfunden – als würden Menschen, die nicht in das von Kirche, Politik oder von Menschen vorgegebene konservativen Raster passen, etwas mehr Raum bekommen. Das fühlte sich sehr richtig an. Umso schwieriger ist es, dass sich das gerade wieder verändert. Das empfinde ich als eine sehr tragische Entwicklung. Es wirkt fast so, als wären diese Fortschritte umsonst gewesen, aber das stimmt nicht.
Weshalb gilt es als kraftvoll, wenn Frauen in Männerrollen schlüpfen, während Männer in Frauenrollen noch immer häufig zur Karikatur werden?
Das frage ich mich auch. Es wird häufig ins Lächerliche gezogen, als könnte es gar nichts Ernsthaftes sein. Man sieht es viel zu selten und ich finde das ehrlich gesagt erschreckend. Im Theater tauschen wir oft aus Not die Rollen, sodass Frauen auch Männer spielen. Aber umgekehrt passiert es tatsächlich selten. Ich habe selten eine männliche Ophelia gesehen. Jens Harzer spielt gerade die Antigone am Berliner Ensemble. Das möchte ich mir anschauen.
War es eher die äussere Kleidung oder eine innere Haltung, die Ihre Rolle als Rose geprägt hat?
Ich habe mich nie «männlich» gefühlt. Eher so, als würde ich mich verstecken. Das Kostüm und die Maske waren eine Art Panzer und genau dieser Panzer hat es mir ermöglicht, innen weicher zu sein. Die äussere Hülle hat also etwas Inneres freigesetzt.
Sie haben die Frühjahr/Sommer 2026 Kollektion von Miuccia Pradas Miu Miu eröffnet. Auch da wurden die Themen Weiblichkeit, Arbeit und Unsichtbarkeit verhandelt. Empfinden Sie Mode als eine Form von Rüstung, die Frauen schützen kann?
Ich verstehe Mode weniger als Schutz, sondern eher als ein System von Codes. Kleidung sendet Signale: wie viel jemand zeigt oder verbirgt, wie jemand gelesen wird. Das finde ich spannend.
Wann hat Ihr Interesse an Mode begonnen und warum fühlen Sie sich gerade zu Designerinnen wie Miuccia Prada oder Phoebe Philo hingezogen?
Ich bin kein Mode-Crack. Der Eindruck soll nicht entstehen, für das kenne ich mich viel zu wenig aus. Mein Interesse an der Mode ist aber durch meine Arbeit entstanden, dadurch dass ich für Veranstaltungen eingekleidet wurde. Und somit auch das Interesse an den Personen, die dahinterstecken. Designerinnen wie Miuccia Prada oder Phoebe Philo beeindrucken mich sehr auf Grund ihrer Haltung und ihrer Arbeit als Unternehmerinnen. Gerade Frau Prada, die so kunstinteressiert und politisch ist.
"Überall, wo es Macht gibt, gibt es auch die Möglichkeit von Machtmissbrauch"
Wie real sind die Machtgefälle in der Filmbranche aus Ihrer Sicht und wie frei können Sie sich darin als Schauspielerin bewegen?
Überall, wo es Macht gibt, gibt es auch die Möglichkeit von Machtmissbrauch. Ich denke sofort an die Künstlerin Jenny Holzer, die den Satz «abuse of power comes as no surprise» geprägt hat – Machtmissbrauch kommt nicht überraschend. Das ist leider so. Es gibt Arbeitskontexte, in denen auf Augenhöhe gearbeitet wird, aber eben auch viele, in denen das nicht der Fall ist. Oft sind diese Strukturen über Jahrzehnte gewachsen und den Beteiligten gar nicht bewusst. Deswegen ist darauf zu achten, dass diese Gefälle möglichst niedrig sind und dass wir auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Und wenn man nicht gefestigt ist oder keinen Plan B hat, also keine Alternative für sich sieht, kann eine solche Situation schnell belastend oder sogar bedrohlich werden. Leider. Vor allem dann, wenn man das Gefühl hat, sich anpassen oder unterordnen zu müssen.
Haben Sie denn immer einen Plan B?
Ich versuche immer so zu denken, dass ich auch etwas anderes machen könnte. Dass ich nicht gezwungen bin, Kompromisse einzugehen, die ich nicht vertreten kann. Diese Haltung gibt mir eine gewisse Freiheit.
«Rose»: Ab 7. Mai 2026 im Kino