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Umstrittener Netflix-Film über Marilyn Monroe: Warum ihr euch «Blonde» nicht ansehen solltet

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Umstrittener Netflix-Film über Marilyn Monroe: Warum ihr euch «Blonde» nicht ansehen solltet

Der neue Netflix-Biopic über Marilyn Monroe sei voyeuristisch, respektlos, grausam: «Blonde» wird hart kritisiert. Zu Recht, findet unsere Autorin Vanja Kadic.

Inhaltshinweis: körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt, Abtreibung

 

Nachdem auf dem Bildschirm endlich der Abspann von «Blonde» läuft, überkommt mich kurz der Wunsch, meine Wohnung mit Salbei auszuräuchern. Der Film lässt mich mit einem düsteren Schleier zurück, der irgendwie noch lange in der Luft hängen bleibt. Zugegeben, schon zu Beginn des Films bin ich nicht ganz unvoreingenommen: In den Medien wurde der Biopic über Marilyn Monroe seit seinem Erscheinen auf Netflix Ende September weltweit verrissen.

Der Spielfilm des australischen Regisseurs Andrew Dominik beute sie über den Tod hinaus aus, heisst es. «Blonde» sei unnötig explizit, voyeuristisch, ja grausam. Model Emily Ratajkowski nannte den Film eine «Fetischisierung von weiblichem Schmerz». Und da wären wir schon beim Problem.

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@emrata

So done with the fetishization of female pain and suffering. Bitch Era 2022

♬ original sound - Emrata
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Keine Facetten, nur Trauma

Andrew Dominik reduziert Marilyn Monroe in seinem knapp dreistündigen Drama empathielos auf ihre Traumata, die sie seit ihrer Kindheit erlebte. Andere Facetten hat die Ikone, die 1926 als Norma Jeane Baker in Los Angeles zur Welt kam, keine.

Gezeigt wird, wie Marilyn als Kind von ihrer psychisch kranken Mutter schwer missbraucht wird, ins Waisenhaus kommt und dann mit einer Vergewaltigung für den Eintritt nach Hollywood «zahlt». Später, wie sie einen schlagenden Ehemann, den Baseball-Spieler Joe DiMaggio, eine erzwungene Abtreibung und eine Fehlgeburt überlebt. Und schliesslich als Wrack an einer Überdosis von Schlafmitteln zugrunde geht. Es ist ein Sumpf aus Trauer und Schmerz.

Das naive Dummerchen mit Vaterkomplex

Ihr wird ein Vaterkomplex unterstellt, der unerträglich viel Platz einnimmt und als roter Faden durch den Film führt. So meldet sich immer wieder die Stimme ihres Vaters aus dem Off zu Wort, sie nennt jeden ihrer Liebhaber «Daddy» und sich selbst «a good girl». Wirklich einfallslos sind auch Szenen, in denen sie wie ein naives Dummerchen dargestellt wird, das beispielsweise nicht weiss, was man mit einem Ei macht. Selbst Ana de Armas, die Marilyn so grossartig wie eben möglich spielt, schafft es nicht, diesen Film zu retten.

Während Andrew Dominik angibt, dass es sich bei «Blonde» um ein fiktionales Porträt – basierend auf dem gleichnamigen kontroversen Roman von Joyce Carol Oates – handelt, verschwimmen im Film die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion. Das, ohne wirklich zu benennen, was der Realität entspricht und was nicht. Vielmehr wirkt Marilyn in «Blonde» wie eine Karikatur, eine Figur ohne Intellekt, ohne Hobbys, ohne Leidenschaften, ohne Tiefe.

Brutale und geschmacklose Szenen

Monroes Leiden, das in Fülle gezeigt wird, dient lediglich zur Schockwirkung. So sind die Szenen in «Blonde» teilweise so brutal und geschmacklos, dass sie kaum auszuhalten sind. Etwa die, in der die Zwangsabtreibung von Marilyn aus dem Blickwinkel ihrer Vagina gezeigt wird. Die, in der ihr ungeborener Fötus mit ihr spricht und sie bittet, ihn nicht abzutreiben. Oder aber die bizarr lange Nahaufnahme von Marilyn, die sie beim Blowjob mit John F. Kennedy zeigt.

Dabei wäre es durchaus möglich gewesen, ein ausgewogeneres Porträt von Marilyn Monroe zu schaffen, das über ihre Probleme, ihre Verletzungen und ihren Ruf als Sexsymbol hinausgeht. Die Künstlerin hat schliesslich weitaus Spannenderes geleistet, als einen Schlafzimmerblick aufzusetzen: 1953, mehr als 60 Jahre vor der #MeToo-Bewegung, schrieb sie im Artikel «Wolves I Have Known» über sexuell übergriffige Situationen in Hollywood, die sie als junge Schauspielerin erlebte.

1955 gründete sie mit ihrem Freund Milton Greene ihre eigene Produktionsfirma «Marilyn Monroe Productions», um sich vom «Fox»-Studio, bei dem sie unter Vertrag war, zu emanzipieren und sich eine faire Entlöhnung und kreative Freiheiten zu sichern. Sie galt als grosszügig und setzte sich für verschiedene wohltätige Zwecke ein, unter anderem für ein sicheres Zuhause von Kindern im Pflegesystem oder für Betroffene von Muskeldystrophie.

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«Bitte lass mich nicht wie ein Witz aussehen»

Monroe habe sich selbst übrigens auch nicht als tragische Figur gesehen, wie die «New York Times» in einem Porträt von 1986 schreibt. «Sie flehte darum, ernst genommen zu werden und als jemand mit Ideen und Meinungen angesehen zu werden, die es wert sind, gehört zu werden», heisst es im Artikel über die Schauspielerin. In ihrem letzten Interview, das sie Richard Meryman kurz vor ihrem Tod für «LIFE Magazine» gab, bat Monroe am Schluss des Gesprächs: «Bitte lass mich nicht wie ein Witz aussehen.»

Andrew Dominik macht mit «Blonde» aber genau das. Und lässt Kritik an seinem Werk übrigens nicht gelten: «Es ist ein anspruchsvoller Film. Wenn das Publikum ihn nicht mag, ist das sein fucking Problem», sagte er zu «Screen Daily». «Der Film kandidiert nicht für ein öffentliches Amt.»

Marilyn Monroes Geist am Set

Der Höhepunkt an Respektlosigkeit ist für mich die Tatsache, dass die Macher:innen des Films ihre Marilyn an der exakt gleichen Stelle sterben liessen, an der auch Norma Jeane 1962 im Alter von 36 Jahren nach einer Überdosis tot aufgefunden wurde.

Über die Dreharbeiten in Monroes Haus im kalifornischen Brentwood sagte Ana de Armas Anfang September an der Filmpremiere in Venedig übrigens: «Sie war bei uns. Ich glaube, sie stimmte dem, was wir taten, zu. Sie warf auch manchmal Dinge von der Wand und wurde wütend, wenn ihr etwas nicht gefiel. Das klingt vielleicht mystisch, aber wir haben es alle gespürt.» Dass sich Marilyn Monroes Geist am Set aus Wut bemerkbar machte, kann man glauben oder nicht. Aber der Gedanke daran lässt mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

Rein visuell überzeugt «Blonde» mit hochwertigen Bildern im Retro-Look, abwechselnd in Farbe und Schwarz-Weiss. Insgesamt ist der Film aber eine verpasste Chance, hinter den Mythos Marilyn Monroe zu blicken. Ich finde es faul und falsch, sich ausschliesslich auf ihre Sexualität, auf ihren Schmerz und ihre traurige Kindheit zu fokussieren. Spannender – und fairer – wäre es gewesen, ein vielschichtigeres und feinfühliges Bild der Schauspielerin zu zeichnen. Und vor allem eines mit Respekt, Einfühlungsvermögen und Tiefgang.

Unsere Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin ist genervt von der Empörung: Warum sie die Kritik am Netflix-Film übertrieben findet, lest ihr hier

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Vera

Ich habe es gestern bis zur Hälfte geschafft, danach habe abgestellt. Der ganze Film ist komplett respektlos und zeichnet Marilyn so, wie ich sie nicht sehen möchte; ein naives Dummchen ohne Power über irgend was, nicht mal über sich selbst. Da hat wohl der Filmemacher Marilyn Monroe mit einer ihrer Figuren verwechselt, die sie gespielt hat. Irgendwann hat mich auch aufgeregt, dass die Schauspielerin den ganzen Film über nur geflüstert hat. Die Bilder waren aber schön und Kostüme, Hair & Make Up grossartig. Das macht aber leider auch nichts wett. 1/10 would not recommend.