Werbung
Warum schauen Frauen über 40 so gern Teenieserien? 

Warum schauen Frauen über 40 so gern Teenieserien? 

Nackte Eishockeyspieler und grosse Gefühle: Serien wie Off Campus begeistern auch Frauen über 40. Das hat mit Nostalgie zu tun – aber längst nicht nur. What the Puck? 

  • Von: Sarah Lau
  • Bild: Liane Hentscher / Prime, Amazon Content Services LLC

«Team Garrett oder Dean?» «Was sagst du zu den ganzen Penis-Close-ups in der Umkleidekabine?» «Schau die Selbstbefriedigungsszene und: Ruf! Mich! An!» 

Die Zeiten sind verwirrend. Und nein, damit sind ausnahmsweise mal nicht die drei verstörenden Ks gemeint (Klima, Krieg und KI), sondern eine ungehemmte Streaming-Lust auf Stoff mit wilden Knutsch- und Sexszenen bei erwachsenen Frauen. Wie Hehlerware werden die Serientipps einander zugeschanzt, nicht selten im Flüsterton, handelt es sich doch um die Lieblingsserien der eigenen Teens: von «Maxton Hall» über «Sterling Point» bis «Off Campus». Geschichten, in deren Mittelpunkt vorzugsweise frisch oder unglücklich verknallte Schüler:innen und Student:innen stehen. 

Peinliche Angelegenheit?

Weiblicher Romance-Konsum hatte schon immer eine ausgeprägte Schamkomponente. Eine soziologische Studie zu Romance-Leserinnen beschrieb bereits 2000, wie Frauen ihre Lektüre versteckten, sich vorsorglich selbst darüber lustig machten oder sich vom Genre distanzierten, um bloss nicht als niveaulos zu gelten. Zwei Jahrzehnte später ist die Verteidigungsstrategie erstaunlich ähnlich: Man schaut natürlich nur aus Neugier, um mit den Kids mitreden zu können, den popkulturellen Hype zu verstehen. 

Geeeenau. Oder auch nicht.

Wie einst auf dem Schulhof bilden sich inzwischen off- wie online Lager, und es wird diskutiert (!), wen man am heissesten findet. Ganz vorn mit dabei: die Eishockeybeaus aus der Bestsellerverfilmung «Off Campus». Laut Amazon Prime Video war sie dort in der Altersgruppe der 18- bis 34-jährigen Frauen der erfolgreichste Serienstart aller Zeiten. Insgesamt erreichte sie binnen der ersten zwölf Tage 36 Millionen Zuschauer:innen. 

Werbung

"Ich bin hier nur die Journalistin und berichte neutral und ohne dass ich damit persönlich etwas zu tun hätte, ist ja klar"

Wie gross der Anteil der 40-plus-Zuschauerinnen tatsächlich ist, wurde nicht veröffentlicht. Verbürgt ist immerhin, dass es Mütter gibt, die die Serie nicht nur zusammen mit den eigenen Teenagerkids schauten, sondern danach ein zweites Mal allein. Und ich bin hier nur die Journalistin und berichte neutral und ohne dass ich damit persönlich etwas zu tun hätte, ist ja klar.  

Flashbackfreuden und Eskapismus

Dass auch Frauen in der Lebensmitte gern in Geschichten über erste grosse Lieben, Wohnheimpartys und endloses Gefummel versinken, lässt sich zumindest teilweise mit ihrem Faible für Nostalgisches erklären. Eine 2026 in «The Journals of Gerontology» veröffentlichte Studie fand altersabhängige Unterschiede darin, worauf sich nostalgische Erinnerungen richten: Nostalgie rund um Freizeit und Medien war bei Menschen mittleren Alters am stärksten ausgeprägt.

Werbung

"Früher hatten Liebe, Sex und Freundschaft weniger Konkurrenz von Wäschebergen und Weltkrisen"

Das beweist zwar nichts in Bezug auf «Off Campus», aber es braucht nur ein Quäntchen Küchenpsychologie, um zu verstehen, dass eine sehnsuchtsvolle Rückbesinnung auf Lebensphasen besteht, in denen Liebe, Sex und Freundschaft noch deutlich weniger Konkurrenz von Wäschebergen, Vertragsverhandlungen und der desaströsen Weltlage bekamen. 

Fiese Sideinfo dabei: Weiblich konnotierte Nostalgie wird kulturell oft strenger bewertet als männliche, man denke nur an den Legohype bei Männern (cute) versus eine mit Sylvanian Families spielende Frau (creepy). 

Dass Erwachsene Young-Adult-Stoffe konsumieren, ist kein neues Phänomen. Streamingdienste setzen entsprechend gern auf Geschichten, die über Social Media und BookTok bereits ein junges Publikum mitbringen – und neben Teens und Twens eben auch Mütter, Tanten und Gottis vor den Screens versammeln. 

Mehr als Sehnsucht nach Jugend

Was mit der Teen-Romanze «The Summer I Turned Pretty» so gepflegt harmlos startete, wie die Hortensienbeete der dortigen Hamptons-Familien versprachen, entwickelt sich in «Off Campus» weiter: Immer noch sind es die jungen Männer und Frauen, mit denen man den eigenen Nachwuchs bedenkenlos nachts um die Häuser ziehen lassen würde, nur dass hier ungenierter kopuliert wird. 

Selbst die «New York Times», deren Hauptleserschaft in der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen zu finden ist, widmete der Serie und den beiden Hauptdarstellern Belmont Cameli und Stephen Kalyn einen Bericht und befragte sie zu «Smut», also den expliziten Sexszenen, und ihrer neuen Rolle als «Internet Boyfriends». 

Und auch jenseits der Romanzen, etwa im Thriller «The Shards», setzt man auf einen auffallend schönen und jungen Cast, der selten lange angezogen bleibt. 

Also doch einfach nur eine Frage von Schaulust, ganz in der Tradition kreischender Junggesellinnen bei den Chippendales? 

What the Puck?

Wer als Gen-Xerin oder ältere Millennial mit dem Kino und Fernsehen der Achtziger, Neunziger und frühen Nullerjahre gross geworden ist, kennt einen sehr anderen Kamerablick auf Sexualität und Körper. Ob Bondgirls oder Baywatchbabes, die Rollenverteilung war eindeutig und war vor allem für den männlichen Blick gemacht. 

"Die weibliche Lust bekommt erfreulich viel Aufmerksamkeit"

In «Off Campus» aber sind es nicht mehr die verführerischen, oft rein dekorativ eingesetzten Darstellerinnen, deren Nacktheit im Vordergrund steht. Stattdessen wimmelt es von textilbefreiten Studenten, die Handtücher fliegen lassen, ständig in Slow Motion ihre Shirts ausziehen und in Umkleidekabinen Full Frontal Nudity zelebrieren (immer noch ein Schocker: Penisse in Nahaufnahme), während die weibliche Hauptfigur Hannah selbst beim Sex den BH anbehält und auch ihre Mitbewohnerin rein quantitativ sehr viel seltener Haut zeigt.

Obendrein wird Sex nicht nur als Penetration erzählt. Vielmehr geht es hier um Vertrauen, Verhütung, Masturbation und Cunnilingus. Die weibliche Lust bekommt dabei erfreulich viel Aufmerksamkeit. 

Eine 2024 im Fachjournal «Sex Roles» veröffentlichte Analyse von 271 heterosexuellen Sexszenen aus sieben populären Netflix-Serien weist darauf hin, dass sich zumindest teilweise etwas hinsichtlich sexueller Rollenbilder im Streaming tut: Cunnilingus wurde häufiger gezeigt als Fellatio, Frauen initiierten Sex nicht seltener als Männer, und in 72 Prozent der untersuchten Szenen wurde die Kontrolle über Tempo und sexuelle Handlungen als gleichberechtigt bewertet.

Halleluja! Der Fairness halber sei zugegeben, dass traditionelle Muster allerdings nicht ganz verschwunden sind: Weibliche Orgasmen wurden weiterhin deutlich seltener gezeigt als männliche. 

Eine zweite Studie desselben Forschungsteams untersuchte 2024, wer in den Sexszenen populärer Netflix-Serien überhaupt als sexuelles Wesen gezeigt wird. Unter 45 weiblichen Figuren waren weniger als zehn Prozent älter als 40 Jahre. Ältere Frauen waren damit deutlich unterrepräsentiert; bei Männern fiel der Effekt schwächer aus. Als zahlende Zuschauerinnen erotischer Serien sind Frauen über 40 ein willkommenes Publikum. Als begehrende und begehrte Figuren kommen sie darin hingegen kaum vor. Finde den Fehler. 

Dass es auch anders geht, zeigt «Younger»: Dort darf eine Frau mit 40 selbst im Zentrum des Begehrens stehen – und sich mit dem deutlich jüngeren, selten bekleideten Josh vergnügen. Das Publikum war dabei keineswegs so jung wie der Titel: Beim US-Fernsehsender TV Land, wo die Serie lief, lange bevor sie auf Netflix neuen Hype erlangte, war die Hälfte der Zuschauer:innen oder älter.

Offenbar gehört zur neuen Freiheit der Frau über 40 auch, ganz ungeniert für jüngere Männer zu schwärmen. Wobei es doch einen kleinen Schönheitsfehler gab: Die Protagonistin musste sich für ihren beruflichen Neustart als 26-Jährige ausgeben. Ganz ohne Verjüngung geht es also doch noch nicht.

Voyeurismus en vogue

Ohne die XXL-Spassbremse anzuziehen: Was hiesse es eigentlich, wenn es Männer vor dem Screen wären, die unverhohlen die nächste Szene herbeijuchzen, in der ein Handtuch fällt und die Kamera ausgiebig den ansehnlichen Leib einer jungen Studentin in Szene setzt? Schwierig. Riecht nach einem Flashback in die sexistische Baywatch-Ära.

"Ohne uns die Freude an durchtrainierten Eishockeyspielerkörpern wegreden zu wollen, erschöpft sich die Attraktivität der Herren nicht in ihren Äusserlichkeiten"

Klar, männlicher und weiblicher Blick haben nicht dieselbe Machtgeschichte. Weibliche Körper wurden ungleich systematischer sexualisiert und kommerzialisiert. Aber: Ein Penis im Close-up ist nicht automatisch Female Gaze. Wenn ein Männerkörper bloss appetitlich konsumierbar inszeniert wird, ist auch das eine Form der Objektifizierung. Von dem übersteigert perfekten Körperideal, das hier generiert wird, mal ganz zu schweigen. 

Bevor Scham, Selbstreflexion und tradierte Muster Zuschauerinnen vorschnell im Boden versinken lassen, sei auf den grossen Unterschied zu «Baywatch» & Co. hingewiesen: Ohne uns die Freude an durchtrainierten Eishockeyspielerkörpern wegreden zu wollen, erschöpft sich die Attraktivität der Herren (übrigens beide Ende 20 und damit deutlich älter als ihre Rollen) nicht in ihren Äusserlichkeiten. 

Begehrenswert werden sie gerade durch die Kombination: körperlich maximal männlich codiert – hey, es ist Eishockey, sozusagen die Personifizierung brunftender Büffel im Nahkampf, Schweiss, Blut, Tränen, Neandertalersex – und zugleich emotional erreichbar, aufmerksam und verletzlich. 

Diese Kombination macht auch «Heated Rivalry» reizvoll: Die rivalisierenden Eishockeyprofis Shane und Ilya verlieben sich ineinander. Die demonstrativ harte Sportwelt trifft auf eine heimliche Liebe, in der die beiden ihre Verletzlichkeit zeigen. Das Begehren braucht hier keine weibliche Hauptfigur, um auch Zuschauerinnen anzusprechen. 

Vielleicht schauen erwachsene Frauen auch deshalb so gern Geschichten über Zwanzigjährige: Sie sehen darin Männer, die nicht nur gut aussehen, sondern zuhören, Grenzen respektieren und Gefühle zeigen. Eine Serie kann schöne Körper zur Schau stellen und zugleich Beziehungen zeigen, in denen Einvernehmlichkeit und weibliche Lust selbstverständlich dazugehören. Für Zuschauerinnen, die mit ganz anderen Rollenbildern gross geworden sind, kann gerade diese Kombination reizvoll sein.  

In «Off Campus» geht es ausdrücklich darum, dass Hannah nach einem sexuellen Trauma Schwierigkeiten mit Sexualität hat. Garrett nimmt ihre Grenzen ernst, stellt ihre Bedürfnisse an erste Stelle – und sorgt dafür, dass nicht nur er auf seine Kosten kommt. Und das ist schliesslich mindestens so bemerkenswert wie sein wohldefinierter Trizeps. 

Abonniere
Benachrichtigung über
guest
0 Comments
Älteste
Neuste Meistgewählt