Béatrice Keul wirft Trump Vergewaltigung vor: "Die Drohungen sind massiv geworden"
Die Schweizerin Béatrice Keul wirft Donald Trump vor, sie 1993 vergewaltigt zu haben. Seit ein neuer Bericht ihre Vorwürfe aufgreift, steht ihr Telefon kaum still. Im Interview spricht sie über massive Drohungen, ihren Schutz und die Hoffnung, dass Trump sich verantworten muss.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: ZVG Béatrice Keul
Inhaltshinweis: Sexualisierte Gewalt
Kurz vor den US-Zwischenwahlen macht eine Schweizerin international Schlagzeilen: Über Béatrice Keuls Vorwürfe berichten Medien weltweit. Auslöser ist ein am 26. Oktober veröffentlichter Bericht der Demokrat:innen im Justizausschuss des US-Repräsentantenhauses über Donald Trumps Verbindungen zu Jeffrey Epstein.
Der Bericht stützt sich bei Keuls Schilderung auf mehrwöchige Gespräche mit Ausschussmitarbeitenden. Darin heisst es: «Keul described the rape as brutal.» Auf Deutsch: «Keul beschrieb die Vergewaltigung als ‹brutal›.» Laut ihrer im Bericht wiedergegebenen Aussage habe Trump ihr Kleid zerrissen und ihr Blutungen und blaue Flecken an mehreren Körperstellen zugefügt. Anschliessend habe er ihr das Versprechen abgenommen, zu schweigen, und gesagt: «The show must go on.»
Schon 2024 hatte Keul Trump öffentlich einen sexuellen Übergriff vorgeworfen; nun schildert sie ausdrücklich eine Vergewaltigung. Das Weisse Haus weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet den Bericht als politisch motiviert. Annabelle hat mit Béatrice Keul telefoniert. Wo sie wohnt, möchte sie derzeit nicht sagen.
annabelle: Béatrice Keul, Ihre Geschichte macht gerade international Schlagzeilen. Wie geht es Ihnen damit?
Béatrice Keul: Ich habe heute Nacht zwei Stunden geschlafen. Die Anfragen kommen von überall, es ist nonstop. Als die «Daily Mail» 2024 meine Geschichte veröffentlichte und der «Daily Beast» die Audios von Michael Wolff mit Epsteins Stimme brachte, war das für mich ein Tsunami. Was jetzt passiert, ist ein Erdbeben der Stärke zehn. Ich bin selbst überwältigt. Aber ich mache das für die Gerechtigkeit, für die Wahrheit und um Leben zu retten. Deshalb ist es mir das wert.
Zu Beginn unseres Gesprächs haben Sie gesagt, wir Journalist:innen seien Ihre Lebensversicherung. Was meinen Sie damit?
Dass Sie meine Stimme sind. Mein Name und mein Gesicht sind öffentlich. Ich bin darauf angewiesen, dass Menschen zuhören und dass meine Geschichte nicht verschwindet. Dank den Journalistinnen und Journalisten, denen ich begegnet bin, haben wir vieles bewegt. Sie sind ein Teil dieses Puzzles. Für mich ist jedes Interview wichtig, für meine Geschichte, aber auch für mein Leben.
"Ich war nicht suizidal, ich bin nicht suizidal und ich werde nicht suizidal sein"
Sie sprechen von Bedrohungen. Wie konkret sind die?
Die Drohungen sind massiv geworden. Im Sinne von: Wir wissen, wo du bist, und wir werden dich kriegen. Deshalb sage ich immer wieder öffentlich: Ich war nicht suizidal, ich bin nicht suizidal und ich werde nicht suizidal sein. Mir geht es gut und ich bin stark. Ich habe keine solchen Gedanken. Das muss ich überall sagen, damit es klar ist.
Virginia Giuffre, eine der bekanntesten Betroffenen im Fall Jeffrey Epstein, hat das auch immer betont.
Ganz genau.
Und jetzt ist sie tot. Durch Suizid.
Genau. Merci.
Wer beschützt Sie?
Das darf ich nicht sagen.
Wie lebt man mit solchen Drohungen?
Das ist mein tägliches Brot. Ich weiss nicht, von wo die nächste Attacke kommt. Jeden Tag gibt es eine neue Überraschung. Ich habe mich nicht daran gewöhnt, dass ich als kleiner Fisch angegriffen und diffamiert werde. Gleichzeitig muss ich lernen, jeden Tag damit umzugehen. Da sind Menschen mit sehr viel Macht. Und wer bin ich schon?
Sie berichten auch von Schwierigkeiten mit Ihren Social-Media-Konten. Was beobachten Sie?
Mein Account auf X wurde gesperrt. Auf Instagram und Facebook verschwinden Follower und Direktnachrichten, in der Suche bin ich zeitweise nicht mehr zu finden. Elon Musk und Mark Zuckerberg werden beide in den Epstein-Akten genannt. Ich habe das Gefühl, dass man mich diffamieren und aus der ganzen Social-Media-Landschaft löschen will. Deshalb sind die Menschen, die mir trotzdem schreiben, so wichtig. Sie unterstützen mich, sie verstehen, worum es geht. Das gibt mir Kraft.
Schon 2024 sind Sie mit Ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen. Haben Sie damals geahnt, was auf Sie zukommt?
Nein. Ich wusste nicht, was für eine Büchse der Pandora ich damit öffne und was für ein Horror herauskommt. Hätte man mir das vorher gesagt, hätte ich vielleicht überlegt: Lieber nicht. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Der Zug fährt, mein Name und mein Gesicht sind bekannt. Also beisse ich durch. Und noch einmal. Und noch einmal.
"Damals wurden wir als Lügnerinnen bezeichnet. Jetzt glaubt man uns"
Was ist heute anders als 2024?
Damals wurden wir als Lügnerinnen bezeichnet. Jetzt glaubt man uns. Ich wollte meine wahre Geschichte erzählen, sie ein Stück weit loswerden und dazu beitragen, dass sich dieser Teufelskreis nicht immer wiederholt. Heute hören Menschen zu. Es gibt andere Betroffene, es gibt Dokumente, es gibt eine Öffentlichkeit, die genauer hinschaut. Ich habe nicht mehr das Gefühl, mich ständig rechtfertigen zu müssen.
Was bedeuten die jüngsten Veröffentlichungen aus dem Umfeld des US-Kongresses für Sie?
Für mich ist das ein historischer Moment. Ich habe das Gefühl, dass das US-Parlament jetzt an unserer Seite steht. Das ist entscheidend. Nicht alle Opfer haben diese Möglichkeit bekommen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir damit in Richtung Gerechtigkeit und Transparenz gehen. Es wird ernst genommen. Und das verändert den Kampf.
"Ich kann es kaum erwarten, unter Eid auszusagen"
Wie kam der neue Bericht zustande? Sind Kongressmitglieder auf Sie zugekommen?
Dazu darf ich nichts sagen. Aber es ist eine sehr ernste Sache.
Wären Sie bereit, Ihre Vorwürfe unter Eid zu schildern?
Tausendprozentig. Ich kann es kaum erwarten.
Sie warten auch auf eine Reaktion von Trumps Anwälten. Warum?
Ich warte nur auf ein «Cease-and-desist»-Schreiben. Auf eine Aufforderung seiner Anwälte, meine Aussagen zu unterlassen. Ich möchte, dass es losgeht. Ich hoffe dass er per «Subpoena» vorgeladen wird. Dass er sich stellen muss. Wir sind bereit. Und mit «wir» meine ich nicht nur mich, sondern auch andere Betroffene. In dem neuen Bericht, der dem Kongress nun vorliegt, kommen elf Frauen zu Wort. Ich bin nur eine davon.
Sind Sie mit anderen Frauen in Kontakt, die Vorwürfe gegen Trump oder Epstein erheben?
Ja, ich bin mit verschiedenen Gruppen in Kontakt. Wir sind sehr solidarisch. Wir haben Schreckliches erlebt, und auch wenn vieles lange her ist, wollen wir jetzt Gerechtigkeit.
Eine Frage, die Betroffenen immer wieder gestellt wird, lautet: Warum sprechen Sie erst Jahrzehnte später darüber?
Ja, natürlich werde ich das gefragt. Ständig. Nach meinem Erlebnis in New York bin ich in die Schweiz zurückgekommen und habe dem Showbusiness den Rücken gekehrt. Ich habe studiert, geheiratet, gearbeitet, bin durch mein Leben gerannt. Ich hatte keine Zeit, mich hinzusetzen und mich mit dem Schmerz auseinanderzusetzen. Aber das Unterbewusstsein schickt einem Signale, es kommt immer wieder hoch. Trotzdem funktioniert man. Als Frau funktioniert man einfach.
War die Arbeit auch eine Möglichkeit, das Erlebte wegzuschieben?
Ich war sehr beschäftigt und hatte in dieser Hinsicht auch Glück. Ich habe bei einer Bank gearbeitet, auf hohem Niveau, mit vielen Aufgaben. Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken. Zum Glück. Aber dann war da plötzlich seine Omnipräsenz.
Sie meinen als Donald Trump zum ersten Mal Präsident wurde?
Ja. Als er Präsident wurde und darüber sprach, wie sehr er Frauen liebe und wie er sie beschütze, ging es für mich nicht mehr. Ich konnte das nicht mehr hören und nicht mehr akzeptieren. Ich dachte: Ich muss etwas tun. Aber das ist ein Prozess. Man entscheidet nicht einfach von einer Sekunde auf die andere, darüber zu sprechen.
Wie haben Sie angefangen?
Ich habe begonnen, Dinge aufzuschreiben, sie aus mir herauszuholen, damit mir das Leben leichter fällt. Langsam, Schritt für Schritt. Die Emotionen sind sehr stark und sitzen sehr tief.
Wie ging es Ihnen unmittelbar nach Ihrer Rückkehr aus New York?
Ich war wütend, verletzt, krank. Ich war zusammengebrochen. Ich habe meine Gefühle weggeschlossen und wollte mit dieser Welt nie mehr etwas zu tun haben. Weg, weg, weg.
Konnten Sie damals mit jemandem über das Erlebte sprechen?
Das war unmöglich. Meine Eltern waren sehr konservativ, solche Dinge waren bei uns zu Hause kein Thema. Es gab so viele Tabus. Also blieb alles versteckt. Und dann hätte einem ja auch noch jemand glauben müssen.
Welche Rolle spielte Ivana Trump? Sie haben sie ebenfalls getroffen.
Ja, ich habe sie mehrmals getroffen. Für mich sah es so aus, als ob sie das Pendant zu Ghislaine Maxwell war für tschechische Mädchen.
Ivana Trump starb nach einem Treppensturz. Sie kann zu dieser Anschuldigung nicht mehr Stellung nehmen.
Ja, was für ein Zufall.
"Nicht jeder Mensch bekommt die Gelegenheit, etwas zu bewegen"
Sie werden bis heute vor allem als ehemalige Schönheitskönigin beschrieben. Stört Sie das?
Einmal Beautyqueen, immer Beautyqueen. Ich habe bei einer Bank gearbeitet, hatte mit Leuten auf höchster Ebene zu tun. Für die Bank war ich auch rund um das World Economic Forum in Davos organisatorisch tätig. Ich kenne diese Kreise. Epstein war am WEF eine Art Concierge für die oberste Liga. Solche kritischen Aussagen erwartet man offenbar nicht von einer ehemaligen Beautyqueen. Sobald dieses Etikett auf einem klebt, wird vieles andere nicht mehr gesehen.
Gibt es angesichts der Bedrohungen Momente, in denen Sie bereuen, öffentlich gesprochen zu haben?
Nein. Trotz des Stresses, trotz aller Schwierigkeiten: keine Sekunde. Ich habe eine Stimme, ich habe eine Botschaft, ich würde alles noch einmal genauso machen. Nicht jeder Mensch bekommt die Gelegenheit, etwas zu bewegen. Die Umstände haben sich ergeben, die Zeiten haben sich verändert, die Menschen sind aufmerksam geworden. Für mich ist das viel wert.
Was hilft Ihnen, wenn Ihnen alles zu viel wird?
Mein enger Kreis. Die Unterstützung ist sensationell, auch in der Schweiz. Das hat mich selbst überrascht. Dazu kommen die Nachrichten von Leuten auf der ganzen Welt, die froh sind, dass die Sache eine neue Richtung genommen hat. Es gibt Hoffnung. Und Hoffnung kann man nicht kaufen.
Was würde Gerechtigkeit für Sie bedeuten?
Dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Dass wir nicht einfach akzeptieren, was passiert ist und weiterhin passiert. Dass das Verhalten mächtiger Männer nicht einfach schulterzuckend hingenommen wird. Dass sich dieser Kreislauf nicht endlos wiederholt. Wir müssen irgendwann sagen: So geht es nicht weiter. So wollen wir nicht leben.