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Wahlkrampf: Wie ich zu entscheiden lernte

Wahlkrampf: Wie ich zu entscheiden lernte

Erst hatte unsere Autorin zu wenig Chancen, selbst zu bestimmen. Dann plötzlich viel zu viele. Doch so langsam kommt sie dem Geheimnis des guten Entscheidens auf die Spur.

Das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, eine Entscheidung wirklich selbst zu treffen, lag ein Stück blutiges Roastbeef vor mir auf dem Teller. Es schwamm in gelber Sauce, daneben ein paar Erbsen, halbierte Kartoffeln. Ich weiss nicht mehr, wessen runder Geburtstag wir in dem gehobenen Restaurant feierten, aber ich erinnere mich an fast jede Einzelheit.

Ich war zwölf Jahre alt und hatte kurz zuvor beschlossen, kein Fleisch mehr zu essen. Zuhause wurde das belächelt, als neumodische Marotte abgetan, zeitweise sogar als Essstörung.

An diesem Abend aber ereignete sich etwas für mich Ungewohntes. Der Kellner ging nicht über meinen Kopf hinweg, sondern fragte, was ich stattdessen essen wolle, und verschwand anschliessend in Richtung Küche. Mehr noch: Er tat dies, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt.

Kindheit voller Fremdbestimmung

Denn bisher war es immer so gewesen, dass für mich entschieden wurde. Welchen Sport ich ausübte – Leistungsfechten mit mässigem Erfolg, was uns aber in eine Gesellschaft führte, in der wir uns kraft unserer finanziellen Mittel wohl kaum bewegt hätten.

Es wurde entschieden, welche Kleidung ich tragen sollte – vorzugsweise Blusen mit weiten Krägen und kratzige Wollpullover. Oder wie oft wir umzogen – beim Nachzählen verliere ich regelmässig den Faden. Wirklich frei war ich eigentlich nur in der Wahl der Bücher, die ich nachts im roten Tarnlicht einer Militärtaschenlampe las.

So gesehen war die Roastbeef-Geschichte ein erster Triumph, auch wenn ich später wegen eines beharrlichen Eisenmangels wieder begann, gelegentlich etwas Fleisch zu essen.

Plötzlich masslos viele Möglichkeiten

Dennoch war nach einer Kindheit voller Fremdbestimmung die Fallhöhe umso grösser, als ich mit siebzehn auszog. In ein eigenes, winziges Studio, in dem es kein Möbelstück gab, das nicht multifunktional genutzt wurde.

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"Es fühlte sich an, als wäre jede mir zuvor verwehrte Entscheidung mit hundert neuen aufgewogen worden"

Ein Jahr später bekam ich von meinem damaligen Freund mein erstes Handy geschenkt, und das Millennium brachte noch mehr Möglichkeiten mit sich, die auf mich einstürmten. Es fühlte sich an, als wäre jede mir zuvor verwehrte Entscheidung mit hundert neuen aufgewogen worden.

Manchmal stand ich wie ein geblendetes Reh eine halbe Stunde lang vor dem Kühlregal und konnte mich nicht entscheiden, ob ich nun ein Joghurt mit Erdbeere, einen Fruchtzwerg, Naturjoghurt oder doch einen Quark wollte, bunt verpackte Einzeldosen oder besser einen Eimer, fettreduziert oder mit Knusperecke.

So ging das am Brotregal, so ging es bei den Pflegeprodukten. Seidenweich-Duschgel oder besser doch Duschseife mit Kokosnuss? Jede Entscheidung, sei sie auch noch so klein, verlangte plötzlich nach einem Abgleich meines Inneren mit den in verschwenderischer Anzahl vorhandenen Möglichkeiten.

Am liebsten wäre ich für immer geblieben

Etwa zu der Zeit fand ich meinen leiblichen Vater wieder. Ich hatte bis dahin nur verschwommene Erinnerungen, an den Geruch in seiner Lederwerkstatt, den Berner Sennenhund, neben dem ich auf einer Fotografie sass.

Es gelang mir, ihn über einige Umwege in Frankreich ausfindig zu machen. Er schickte mir umgehend eine Zugfahrkarte und so begegnete ich ihm zum ersten Mal wieder an einem frühen Morgen auf dem Bahnsteig in Montpellier.

Verstohlen schaute ich ihn an, als wir mit seinem Jugendtraum, einem klapprigen Döschwo, in das hügelige Hinterland fuhren. Waren das auch meine dicken, festen Haare, die sich auf seinem Kopf lockten? Hatte ich tatsächlich dasselbe Grün in den Augen, nur etwas heller und mit gelben Einsprengseln?

Ich verbrachte Wochen in diesem Dorf, mit seiner historischen Brücke, den alten Häusern, eine Welt wie aus «Chocolat», diesem Film, in dem eine junge Mutter in die Provinz zieht und dort mit ihren Schokoladenkreationen die dörfliche Gesellschaft durcheinanderbringt.

Man stand mit der Sonne auf und ging mit ihr ins Bett. Das war so gewiss, wie die Alten, die im Schatten einer Platane auf dem Dorfplatz sassen, zu denen sich ab Nachmittag die Boulespieler gesellten, ein Gläschen Apéritif, manchmal wurde Paella in einer riesigen Pfanne gekocht.

Und im Dorfladen gab es nur eine Seife, Savon de Marseille. Es brauchte nicht fünfzig Sorten zur Auswahl, sondern nur die eine, nämlich die beste. Am liebsten wäre ich für immer geblieben. Doch meine Belle-mère sollte recht behalten, als sie sagte: Du bist jung, geh in die Stadt. Das hier, das ist für später. Es tat weh, aber insgeheim wusste ich, dass sie recht hatte.

Ein Kompass mit konkreten Handlungsanweisungen

Dann kamen die ersten beiden Schwangerschaften, das Studium, der Berufseinstieg. Statt in Möglichkeiten zu versinken, gab es nun konkrete Handlungsanweisungen für beinahe jede Entscheidung in meinem Leben.

Einen Kompass, und das Wohl der Kinder war der Norden. Egal, wie weit die Nadel auch ausschlug, es zog sie immer wieder dorthin zurück. Ich musste im Supermarkt nicht mehr überlegen, es war klar, dass die Kost gesund sein sollte, Joghurt und Brot machte ich nun selbst.

Auch grössere Entscheidungen liessen sich plötzlich unter diese Schablone legen. Und die Welt da draussen, die ging mich plötzlich anders an. Ich wollte etwas zu ihr beitragen, schliesslich war sie die Zukunft meiner Kinder.

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"Vielleicht hatte ich meine Entscheidungsgrundlage zu starr gesetzt"

Und da zeigte sich die Schwachstelle des Kompasses, denn je genauer ich mich nach ihm ausrichtete, umso mehr brannte ich aus. Es waren schöne Jahre, aber auch Jahre der Überanstrengung, mit kaum dreissig die erste Erschöpfung, Drehschwindel, diffuse Angstzustände.

Vielleicht hatte ich meine Entscheidungsgrundlage zu starr gesetzt. Niemand bedankt sich bei einem, wenn man der einzige Mensch seiner Kohorte ist, der nie ein Flugzeug betreten hat.

Mit den Jahren wurde ich grosszügiger, löste mich von der Vorstellung, dass ich für jede Lebenslage immer sofort die richtige Antwort bereithalten musste. Mir graute es davor, einer jener Menschen zu werden, die erst eine Bedienungsanleitung für ihr Leben schreiben und dann nur noch dieses Regelwerk im Kopf haben.

Das eigene Denken sprengen

Ich wollte das eigene Denken immer wieder sprengen, gerade dort, wo ich in Gefahr geraten war, meiner Sache sehr sicher zu sein.

Je länger, je mehr scheint mir die hohe Kunst darin zu liegen, nicht gleich zu reagieren. Inzwischen kann ich sogar die mit Entscheidungen einhergehenden Ambivalenzen aushalten. Es gelingt mir immer öfter, eine Möglichkeit auch mal liegen zu lassen, nicht sofort eine Antwort oder Handlung zu erwarten.

"Ich habe die Beobachtung gemacht, dass sich Entscheidungen – getroffene wie aufgeschobene – im Leben niederlassen"

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass sich Entscheidungen – getroffene wie aufgeschobene – im Leben niederlassen. Sie werden zum roten Faden in der Erzählung einer Existenz. Sie untermalen, wer man ist, oder zumindest, wer man zu sein glaubt.

Wie sich Erinnerungen jedes Mal, wenn du sie abrufst, ein klein wenig verändern und dann beim erneuten Aufrufen nicht mehr ganz dieselben sind. Man setzt Anfänge, bestimmt Wendepunkte, lässt Dinge weg oder macht Zufälle zu Schicksal.

Und vielleicht funktionieren wir in Bezug auf unsere Entscheidungen ähnlich. Wir kramen sie als Beweismaterial hervor, erkennen darin im Nachhinein vielleicht die eine oder andere Sehnsucht, unbewusste Ziele, Dinge, auf die wir offenbar schon lange zugesteuert sind.

So hat sich schon die eine oder andere vermeintliche Fehlentscheidung in eine passende verwandelt.

Aktive Entscheidung, einfach passiert

Ich frage mich mittlerweile öfters, wie viel in meinem Leben ich tatsächlich aktiv entschieden habe, und was mir einfach passiert ist. Ein Nachtzugticket nach Südfrankreich, geliebte Menschen, die auftauchten, andere, die von einem Tag auf den nächsten verschwunden sind, all die Absagen, die hinter jeder Zusage stehen.

Im Nachhinein entsteht eine Verbindung zwischen diesen Wegmarken, als wäre sie schon immer da gewesen.

So wie damals vor drei Jahren am Bahnhof Olten. Ein verpasster Zug, dazu ein Gewitter wie der Weltuntergang, mit Regen, der von der Seite kam und der seine eigenen Wellen im Wind schlug.

Menschen standen zusammen unter, die Zeit dehnte sich, legte sich wie eine Membran um uns. Zuvor hatten ich und mein Freund monatelang die Frage verhandelt, ob wir noch einmal ein Kind bekommen sollten.

Wir hatten es mit Vernunft versucht, hatten Excel- Tabellen gefüllt, abgewogen, einen Zeitstrahl bis 2035 gezeichnet. Ich wusste: Es gibt Menschen, die Entscheidungen so treffen. Ich merkte aber auch: Ich kann das nicht. Wie soll mein Kopf wissen, ob ich ein Leben will, das ich noch gar nicht kenne?

Die Antwort kam zu mir, während sich nebenan die Züge aus der Westschweiz, wo mein Freund herkommt, und die aus Zürich kreuzten. Plötzlich schien nochmals alles möglich.

So gar nicht voraussehbar

Ich spürte mit all meinen Sinnen in diesem Regen stehend, wie wenig es sich voraussehen lässt, dieses Leben mit all seinen Angeboten. Damit öffnete sich ein Raum, kein gedachter, sondern einer im Körper, an dieser Stelle hinter dem Solarplexus, wo man früher den Sitz der Seele vermutete.

Vielleicht gibt es neben richtig und falsch noch etwas anderes, dachte ich. Einen Zeitpunkt, an dem eine Entscheidung reif geworden ist. Man kann auf gewisse Dinge hinarbeiten, nach anderen muss man greifen, wenn sie aufleuchten.

Ein bisschen kommt meine jüngste Tochter für mich deshalb immer auch vom Bahnhof Olten. Ich denke jedes Mal daran, wenn ich dort vorbeifahre.

«Die Kunst der guten Entscheidung» ist das Thema der nächsten annabelle Soirée am 11. November in Bern mit Seraina Kobler (Schriftstellerin und Autorin), Gregor Hasler (Professor für Psychiatrie und Psychotherapie), Sandra Christen (Alpinistin und Pflegefachfrau Chirurgie) und Michael Elsener (Satiriker und Politwissenschafter); moderiert von annabelle-Redaktorin Helene Aecherli.

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