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Ganz wie in Amerika: Ein Plädoyer für mehr Komplimente

Ganz wie in Amerika: Ein Plädoyer für mehr Komplimente

Während wir Schweizer:innen mit Nettigkeiten überfordert sind, streuen Amerikaner:innen profimässig Komplimente in ihren Alltag. Warum unsere Autorin sich auch hierzulande mehr verbale Streicheleinheiten wünscht.

In meiner Jugend war Amerika das Grösste. Alles, was von dort kam, war cooler als das, was wir hier hatten: Musik. Mode. Filme. Essen. Ich fühlte mich unendlich gesegnet, eine Tante zu haben, die dort lebte. Die uns CDs und himmlisch riechende Cabbage-Patch-Kids-Puppen mitbrachte. Und Pullis mit integrierten Lämpchen (mind: blown), Baseballshirts und MC-Hammer-Hosen.

Heute ist es schwierig, die USA noch ernst zu nehmen. US-Amerikaner:innen haben einen rund fünfzig Prozent grösseren ökologischen Fussabdruck als Menschen in Europa – vor allem durch den American Way of Life mit Auto, übertrieben grossem Wohnraum, Wegwerfkultur und massivem Fleischkonsum.

Das Bildungs- und Gesundheitssystem ist im Eimer, die Waffengewalt wohl ein ewiges Problem. Vor allem aber haben die Menschen dort einen Mann mit der Farbe und Intelligenz einer Süsskartoffel zum Präsidenten gewählt. Zwei Mal. Nuff said. Eigentlich.

Während es natürlich eh absurd ist, ein ganzes Volk zu canceln, sollten wir uns aber auch daran erinnern, dass es Dinge gibt, die die Amis richtig gut machen. Als ich neulich mit ein paar Leuten draussen sass, ging eine Gruppe junger Frauen vorbei.

Eine von ihnen drehte sich um, kam zurück und sagte zu meiner Freundin: «Du bist eine unglaublich schöne Frau», und ging wieder. Die Komplimentierte sass schockstarr da, eine andere sagte: «Argh, das ist ja wie in Amerika.» Sie finde die ständigen Nettigkeiten total unangenehm, weil man dann ja das Kompliment erwidern müsse.

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"Ein Kompliment ist kein Tauschhandel, sondern ein kleines Geschenk"

Was für eine zwinglianische Haltung! Wenn man etwas genauer hinschaut ännet dem grossen Teich, lernt man nämlich, dass Amerikaner:innen nicht nur Meister:innen darin sind, Komplimente zu verteilen, sondern auch, sie anzunehmen: Ein freudiges «Thank you!» reicht völlig aus.

Ein Kompliment ist bei ihnen ganz einfach das: ein Kompliment. Es ist kein Tauschhandel, sondern ein kleines Geschenk. Ein Blümchen, das einem hingestreckt wird. Man sollte es nehmen und sich daran erfreuen, anstatt ihm ein paar Blütenblätter auszurupfen, die man dann der schenkenden Person zurückgibt.

Es gibt noch etwas, was wir von US-Amerikaner:innen lernen könnten: Kosenamen für Fremde. Ich habe in New York mal in einem Restaurant beobachtet, wie eine alte Frau mit ihrem Rollator nicht über eine Schwelle kam. Eine Frau stand auf, ging zu ihr hin und sagte: «Let me help you, honey.»

Es ist völlig egal, ob das Honey, Darling oder Love ehrlich gemeint ist oder nicht: Es ist zumindest nett gemeint. Ich stellte mir diese alte Frau in einem Schweizer Altersheim vor. «Lönd si sich doch hälfe, Frau Meier.» Wann haben alte Menschen in der Schweiz das letzte Mal ein liebes Wort gehört, eine kleine, verbale Streicheleinheit?

Das Problem: Uns fehlt nicht nur die Liebenswürdigkeit, sondern auch das Vokabular. Wir haben eigentlich nur Schatz als allgemeines Kosewort – und Schatz ist zu privat, zu intim. Weil wir es nur im Privaten, Intimen brauchen. Ich befürchte, unser innerer Zwingli lässt uns das nicht demokratisieren. Aber an der Sache mit den Komplimenten, daran können wir definitiv arbeiten.

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