Kolumne "Sandwich": "Meine Gym Bros begrüssen mich mit respektvollem Nicken"
Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal stellt Claudia Senn fest, dass das Fitnesscenter einer der letzten wirklich demokratischen Orte in der Stadt ist.
- Von: Claudia Senn
- Bild: Joël Hunn
Auch ich gehe ins Gym, genauso wie meine Kolumnenpartnerin Michèle. Allerdings halte ich mich hier nicht mit Spass-Disziplinen wie Disco-Spinning oder Bauch-Beine-Po auf. Ich mache Krafttraining. An den Maschinen. Ja, das ist genauso öde, wie man es sich immer vorstellt. Der Trick besteht darin, die Langeweile ebenso stoisch zu ertragen wie damals die obligatorischen Sonntagsgottesdienste während des Konfunterrichts. Immer schön auf das Geschenk fokussieren, das zur Belohnung winkt.
Das Geschenk heisst in meinem Fall: Schmerzfreiheit. Spätestens ab Mitte fünfzig tut einem nämlich andauernd irgendwas weh. Mein Personal Trainer ist der Schmerz, der mich in den Arsch tritt und anbrüllt wie einer dieser Pseudosoldaten in den Fitness-Bootcamps für die ganz Harten. GI Pain. Man tut besser, was er sagt, sonst kommt es nur noch dicker.
Jetzt, wo ich hier bin, stelle ich fest, dass das Fitnesscenter einer der letzten wirklich demokratischen Orte in der Stadt ist. Wo sonst treffe ich die tätowierten Kleingangster aus der nahen Hochhaussiedlung genauso wie den Geophysiker aus San Diego und die Influencerinnen mit ihren angebauten Po-Fortsätzen?
Schwule Adonisse trainieren neben Eierköpfen in der Midlife-Crisis, Hochschul-Dozentinnen neben Nagelstudio-Tussis, die mit ihren Glitzerkrallen kaum die Hanteln greifen können.
Und dann ist da noch «der Schwätzer», ein arabischer Möchtegern-Hengst, der alle mit seinem Sexgeprotze nervt. Neulich empfahl ihm eine junge Russin mit starkem Akzent, sein Frauenbild doch bei Gelegenheit mal einer Generalüberholung zu unterziehen. «Kann sein, dass du es noch nicht geschnallt hast, aber wirrr läben im 21. Jahrrrhundert.» Ein grosser Moment.
Meine Gym Bros begrüssen mich mittlerweile mit respektvollem Nicken, weil sie gemerkt haben, dass mein Elan länger anhält als das Strohfeuer eines Neujahrsvorsatzes. Ich bin gekommen, um zu bleiben. Ich werde hier gegen die Osteoporose trainieren, gegen das Klapprig-Werden und den platten Hintern, den ältere Leute bekommen, wenn sie sich kaum noch bewegen.
Und eines Tages bin ich dann wie Gloria. Die Achtzigjährige muss sich zwar beim Einfädeln ihrer Gliedmassen in die Kraftmaschinen helfen lassen, doch stets ist sie dabei perfekt onduliert und trägt ihr Handy in einem crèmefarbenen, mit einem Fellpompon verzierten Designertäschchen mit sich herum. Ach Gloria, du Heldin der Hantelbank!
Noch cooler war bloss die verstorbene US-Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg. Im Dokumentarfilm «RBG» konnte man die damals 85-Jährige, die dreimal den Krebs überlebt hatte, auch im Gym sehen.
Minutenlang hielt sich die zähe alte Dame in der Unterarm-Plank, während ihr junger Trainer die Sekunden herunterzählte und ausrief: «Sie ist eine Maschine! Eine verdammte Maschine!» Eine Maschine muss aus mir nicht werden, doch Bader Ginsburgs Tapferkeit, die hätte ich schon gern.