Leitner lamentiert: Es heisst "auf der Wiesn", nicht "auf den Wiesn"
Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: In München ist das Oktoberfest vorbei, hierzulande gehts erst so richtig los. Ist dieses touristische Trachtentragen auf diversen Pseudo-Wiesn nicht eigentlich kulturelle Aneignung?
- Von: Linda Leitner
- ZVG, Unsplash; Collage: annabelle
Ich verehre Bill und Tom Kaulitz, seit es sie öffentlich gibt. Aber als sie in ihrem Podcast neulich davon berichteten, was sie für «einen Gaudi» auf «den Wiesen» hatten, hatte bei mir erstere ein Loch. «DIE Gaudi hod a Loch» heisst in Oberbayern so viel wie «da hört der Spass auf». Die Gaudi ist also ein Girl. Ein freches natürlich, und die Wiesn findet auf der Münchner Theresienwiese statt – es ist also nur eine einzige. The one and only!
Tom schwärmte ausserdem, er sei dieses Jahr dreimal auf dem Oktoberfest gewesen und es sei einfach toll da, vor allem wie gemütlich man da in einer Hütte sässe. Tom, es ist ein Zelt. Man sagt auch nicht «Maaass» mit langem «a». Und es ist «die Mass Bier», nicht «das Mass». Sauber sog i, auch die Mass ist ein Girl.
Ich weiss schon, die Wiesn ist für viele ein exotischer Ort, eine ekstatische, fette Flucht in die gewaltigen Fluten des Bierkrugs. Wo man sich so kurz vor Fasnacht schon mal verkleidet: Als fesche:r Bayer:in mit Bombenlaune. Um zu signalisieren: Ich will mitschunkeln, mitfressen, mitsingen, gelegentlich auch abstürzen.
"Für eine, deren viertes Wort 'Bier' war, ist das manchmal irritierend"
Für eine, deren viertes Wort «Bier» war und die mit fünf an der kirchlichen Hochzeit ihrer Eltern im Dirndl unterm Zwiebelturm stand, ist das manchmal irritierend. Wie soll ich mich fühlen: Geehrt? Verarscht?
Ein Prosit der Ungemütlichkeit
Genderdiskurse, moderne Frauenbilder, Grossstadtalltag – für ein paar Stunden auf der Bierbank ist alles vergessen. Auf der Wiesn darf von mir aus jede Frau die Bäuerin spielen – aber bitte nicht die sexy oder gar slutty Sennerin. Der Sextoy-Anbieter Amorana schickte letztens erst eine Pressemitteilung, in der «Push-up-Essentials fürs Dirndl-Dekolleté» feilgeboten wurden, da, so wörtlich, das sprichwörtliche Holz vor der Hütt’n beim klassischen Dirndl eine zentrale Rolle spiele.
Sagt wer? Ursprünglich war das Dirndl Arbeitskleidung der bayerischen und österreichischen Mägde des 19. Jahrhunderts. Brüste hochschnallen gehörte, soweit ich weiss, nicht zu deren Aufgaben. Der Rock ist auch seither lang, an der Schürze liessen sich die von der Arbeit schmutzigen Hände abwischen.
Apropos dirty: Ein kurzes Dirndl, das ums Knie rum (oder Jesses Maria, darüber) endet, hat die Aura eines knappen Krankenschwesterkostüms – die Wiesn ist oft die Halloweenifizierung eines Brauchtums, wo das Grauen nicht mehr ohne sexy Katzen-Öhrchen auskommt.
Skandal ausserhalb des Sperrbezirks
In meinem oberbayerischen Heimatdorf haben meine Freundinnen in Tracht geheiratet. Man trägt sie sonntags in der Kirche und zu besonderen Anlässen, Tracht ist zeitloses Chicmachen auf Süddeutsch. Zur Oktoberfestzeit kostümiert sich die ganze Welt munter mit etwas, das auf dem bayerischen Land oft die einzig sichere Bank im Kleiderschrank ist – und das, um dann literweise Bier drauf zu verschütten.
Das macht vielleicht nichts, weil die billige Pseudo-Trachten im Discounter gekauft wurden oder man sie eben eh erst im nächsten Jahr wieder braucht. Man tritt die Tradition doch so massiv mit Füssen wie die tanzende Meute die Bierbank?
Vom Vorwurf kultureller Aneignung sind wir natürlich weit entfernt, das muss ich zugeben. Schliesslich ist die bayerische Tracht mitnichten unterdrücktes Minderheiten- oder Kolonialgut. Und vielleicht bescheissen wir uns da auch ein bisschen selbst.
Denn streng genommen war das Dirndl schon immer eine Verkleidung. Im späten 19. Jahrhundert flüchteten Adel und gehobenes Bürgertum während der Sommermonate aufs Land. Dort entdeckten die reichen Wienerinnen und Münchnerinnen die Arbeitskleider der Mägde für sich und erkoren sie blitzschnell zum Hype.
Sie standen für Alm-Idylle und Landromantik, für Naturverbundenheit und das Glück des einfachen Lebens – etwas, das doch aber wiederum gerade Schweizer:innen selbst kennen und uns nicht klauen müssten.
Oans, zwoa, drei, auf Schwiizerdütsch gsuffa
Das Oktoberfest in München ist seit letztem Wochenende vorbei. Zürich und seinen Vororten ist das egal, da spannt sich der bayerische Himmel erst und auch im Oktober über der Biergarnitur auf. Ist denn eine Original-Experience überhaupt möglich? Säumen auch in Zürich stinkende Bierpfützen den Weg, schmatzen die klebrigen Schuhe bei jedem Schritt über den pappigen Holzboden – in einem Land, in dem sonst ständig geputzt wird?
"Ich verstehe bei all der Skepsis natürlich, warum man das bayerische Lebensgefühl ganz nah bei sich haben will"
Damals in München quälte ich mich in meinen Zwanzigern um sieben Uhr morgens aus dem Haus, um als eine der Ersten im Bierzelt zu sein. Spätestens in der Schlange vor dem Zelt gab es das erste Bier (wenn nicht schon in der U-Bahn) und um neun Uhr, bei Türöffnung, rannte man mit Hunderten anderen Wilden zu den besten Tischen. Wers gemütlich angeht, startet den Tag in der Landeshauptstadt mit einem zünftigen Weisswurstfrühstück. Hierzulande geht man nur abends ins Bierzelt.
Vielleicht traue ich mich dieses Jahr mal auf eine Züri-Wiesn. Weil ich das Oktoberfest vermisse. Und weil ich bei all der Skepsis natürlich verstehe, warum man das bayerische Lebensgefühl ganz nah bei sich haben will. Wir Bayer:innen wissen schliesslich, wie man die grösste Gaudi hat. Uns hat man im Hopfen geboren, wir lieben und schätzen das ausschweifende Leben.
Selbst wer im ersten Moment fremdelt, sich verhalten oder gar angeekelt zuprostet, schunkelt im Festzelt irgendwann an einer anderen Schulter, liegt sich vielleicht in den Armen und schmust sogar selig vorm Klo mit jemandem, der zu «Atemlos» ebenfalls aus der Kabine gestürmt kam.
Mia san mia, aber mia san gnervt
Das Vereinsmotto des FC Bayern «Mia san mia» bringts wohl auf den Punkt: Wir Bayer:innen sind stolz und vielleicht auch etwas überheblich. Ja, mia san gnervt von all den «Zuagroastn», aber gerade auf der Wiesn sind alle ein bisschen «mia» – egal woher und wer sie sind. Denn die Tracht uniformiert und eint, da gelten keine Trends. Alle sind auf der selben Spassmission. «Basst scho», wie man so schön sagt.
Die Schweizer Event-Legende Reto Hanselmann wird seine eigene Wiesn Mitte Oktober auf dem Zürcher Bauschänzli ausrichten. Sogar eine Trachtenkollektion hat er rausgebracht und ist dafür selbstredend nach Bayern gereist. Das hat sich gelohnt, die hübschen Dirndl sind tannengrün und traditionell schlicht.
Laut 2o Minuten wünscht sich Hanselmann aber vor allem, mal eine Wiesn-Kollektion mit Bill Kaulitz zu entwerfen – mit viel Glitzer und Glamour. Bei aller Liebe: Ich glaube, das geht mir wiederum zu weit.