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Wie ist es eigentlich, einen Amoklauf zu planen?

Leben

Wie ist es eigentlich, einen Amoklauf zu planen?

  • Aufgezeichnet von: Reto HunzikerFoto: SXU

Hans J. Bolzhauser (70), Basel

All die harten Schläge: Da hat es mir abgelöscht, zehn Jahre ist es her. Mein Ausraster hat eine lange Vorgeschichte, die ich sauber auf meinem PC dokumentiert habe. Anhand der Notizen und Akten kann ich alles, was ich erlebt habe, genaustens rekonstruieren und belegen. Aber natürlich haben sich die Ereignisse, die mich zum Ausflippen brachten, auch tief in mein Unbewusstes gebrannt.

Ein Schlüsselerlebnis war meine erste Ehe. Ich musste heiraten, weil meine damalige Verlobte schwanger war. Zweifel, dass das Kind nicht von mir sein könnte, hatte ich nie. Zwanzig Jahre nachdem Diana zur Welt kam, stellte sich heraus, dass sie ein Kuckuckskind ist. Aufgewühlt kam sie von einem Arztbesuch zurück und sagte: «Papa, wir haben inkompatible Blutgruppen, wie kann das sein?»
Das muss man erst mal verdauen.

Doch es kam schlimmer

Ich hatte gerade eine halbe Million in ein Haus in Basel investiert und war dabei, meine Werbeagentur mit zwölf Angestellten von Birsfelden in die Stadt zu verlegen, als wegen der Baukrise unzählige Werbebudgets gestrichen wurden. Mit einem Mal war meine Existenz finanziell bedroht. Dafür hatte ich ein Kuckuckskind, einen Sohn mit einem Drogenproblem und eine untreue Ehefrau.

Da überkam mich die grosse Depression. Mich plagten Selbstmordgedanken, und ich beschloss, mich selbst einzuliefern. Vier oder fünf Wochen war ich in der Psychi. Diagnose: manisch-depressiv.

Gut zwanzig Jahre lang stand ich in der Folge unter dem Einfluss von Psychopharmaka und Alkohol, hatte also immer eine Art Schalldämpfer im Kopf. Gleichzeitig half mir die Pharmaindustrie als lukrativer Auftraggeber. So ging es jahrelang wieder aufwärts.

1988 beschloss ich, den Personalbestand meiner Agentur zu reduzieren. Mit meiner zweiten Frau und den Kindern zog ich auf einen Bauernhof im Elsass. Ich hatte einen Kredit für 100 000 Franken aufgenommen – weil ich mein Haus in Basel noch nicht hatte verkaufen können.

Dann geschah wieder Unglaubliches: Der notariell zugesicherte Kredit wurde gestrichen. Meine Firma klappte zusammen, ich konnte meine Aufträge nicht mehr erfüllen. In der Schweiz wurde mein Haus für einen Schundpreis von der Bank ersteigert. Und ich hockte im Elsass auf Rechnungen und Mahnungen. Meine Frau fiel zurück in die Drogensucht und verschwand mit den Kindern.

Maschinenpistole, Munition und eine Liste von 13 Leuten

Da legte ich mir eine Maschinenpistole und Munition zu und erstellte eine Liste von 13 Leuten, die ich aus dem Weg räumen wollte. Menschen aus dem Verwandtenkreis, meine erste Frau, Banker, den Leiter des Sozialamts und weitere, die an meinem wirtschaftlichen Niedergang beteiligt waren. Ich war in einem Wahn. Und hatte dennoch alles bis ins Detail durchgedacht. Einigen Personen habe ich nachgestellt und habe protokolliert, wie sie leben, was für Angewohnheiten sie haben, wann sie sich wo befinden. Ich hatte vor, mir einen nach dem anderen vorzuknöpfen, wegzupusten. Ich war beherrscht von einem grauenvollen Hass, gepaart mit Verzweiflung und Ohnmacht. Nachdem ich die verhassten 13 umgelegt hätte, so nahm ich mir vor, würde ich mich selbst umbringen. Faktisch hatte man mich ja bereits ausgelöscht, mir alles weggenommen, meine Firma, meine Liegenschaften, meine Familie.

Heute kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wie ich so etwas auch nur denken konnte.
Die entscheidende Wende löste ein schwerer Selbstunfall aus. Es passierte auf einer Rückfahrt ins Elsass. Bei Altkirch kam ich mit 140 von der Strasse ab und knallte in einen Steinbrocken. Der Wagen überschlug sich fünfmal. Aus Sturköpfigkeit trug ich damals nie einen Sicherheitsgurt. An diesem Tag schon! Warum? Keine Ahnung. Unverletzt stieg ich aus dem Wrack und dachte mir: Jetzt ist fertig, keine Psychopharmaka mehr! Es hatte in meinem Kopf einfach klick gemacht. Auch mein Rachefeldzug war auf einmal aus meinem Bewusstsein gelöscht. Seitdem nehme ich nicht einmal mehr eine Kopfwehtablette.

Wer wirklich Amok läuft, muss meiner Ansicht nach schon recht krank sein oder zumindest irgendeinen Stoff intus haben, der die Birne weichmacht. Mit einem klaren Kopf kommt kein Mensch auf solche Wahnideen.

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