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Frauenstreik: Warum ich dieses Jahr fast nicht hingegangen wäre

Frauenstreik: Warum ich dieses Jahr fast nicht hingegangen wäre

Dieses Jahr hätte unsere Autorin den Frauenstreik beinahe vergessen. Nicht, weil Gleichstellung erreicht wäre. Sondern weil sich die Kämpfe, die Debatten und die Enttäuschungen seit Jahren wiederholen. Weshalb sie trotzdem hingeht.

Dieses Jahr hätte ich ihn fast vergessen. Vielleicht weil er an einem Sonntag stattfindet. Ohne den Kalender richtig zu checken hatte ich einer Freundin und ihrer Familie vorgeschlagen, dass ich sie am 14. Juni besuche. Vielleicht aber vergass ich ihn auch, weil ich eine grosse Ermüdung spüre.  

Nicht, weil alles erreicht ist, wofür der feministische Streik einsteht, natürlich nicht. Ich bin eigentlich auch nicht grunderschöpft von den vielen alltäglichen Kämpfen (zumindest nicht durchwegs). Vielmehr bin ich ermattet vom immer gleichen Ablauf, der sich seit MeToo – und natürlich schon viel länger in jeder Protestbewegung – wiederholt: Dem Aufwallen der Empörung und der kämpferischen Forderungen – die dann, wenn überhaupt, nur tröpfchenweise in die Institutionen gelangen und dort nicht selten still verdampfen.  

Sicher, es wurden durchaus Dinge erreicht in den letzten Jahren. Bei den Wahlen nach dem ersten Streik 2019 kamen so viele Politikerinnen ins Parlament wie nie zuvor. 2021 wurde der Vaterschaftsurlaub eingeführt. Es gibt in der Gesamtgesellschaft, so scheint es mir, heute ein grösseres Bewusstsein für die Vorteile eines ausgeglichenens Geschlechterverhältnisses, sowohl in Führungsetagen als auch in Expert:innenrunden. Care-Arbeit ist medial viel sichtbarer geworden. 

Es fühlt sich irgendwie immer schlimm an

Gleichzeitig aber sind Männer wie Donald Trump und Wladimir Putin an der Macht, greift sich die Manosphere die jungen Männer, die sich doch an neuen Männlichkeiten versuchen sollten, und in der Schweiz harzt die Umsetzung der Istanbul-Konvention, des europäischen Abkommens gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt.

An der Redaktionskonferenz antwortete unsere Online-Chefin, als ich von meiner feministischen Müdigkeit spreche: «Aber es ist doch so schlimm wie nie!» Das Problem ist: Es fühlt sich irgendwie immer schlimm an. Kaum verschiebt man den Blick, springt einem ein weiterer Gleichstellungsmissstand entgegen, wenn nicht in der Schweiz, dann in jedem beliebigen anderen Land.

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"Die Verbundenheit, die ich sehr oft in Frauengruppen fühle, potenziert sich an den Streikveranstaltungen ins Unermessliche"

Es gibt nicht viel, was man diesem Gefühl der Ermattung und der Aussichtslosigkeit entgegenhalten kann. Auf der Suche nach Antworten stosse ich aber schliesslich auf die Motivationstheorie der US-amerikanischen Psychologen Edward Deci und Richard Ryan. Nachhaltige Motivation, so sagen sie, speise sich nicht nur aus Überzeugungen, sondern auch aus dem Gefühl von Zugehörigkeit. Wer sich als Teil einer Gemeinschaft erlebt, hält Rückschläge eher aus und bleibt langfristig engagiert. 

Dieses grosse, starke Gefühl

Wie ich mir das so überlege, erkenne ich, dass es genau das ist, was ich an diesem Streik immer wieder finde: Gemeinschaft. Diese Verbundenheit, die ich – wider all der Erzählungen von Neid und Stutenbissigkeit – sehr oft in Frauengruppen fühle, potenziert sich an den Streikveranstaltungen ins Unermessliche. Was dabei entsteht, ist kein in erster Linie kämpferisches oder politisches Gefühl. Sondern schlicht: Wärme.  

Natürlich denken nicht alle am Streik gleich. Natürlich gibt es unterschiedliche Ideen, welche Wege zum Ziel führen – und auch immer wieder unterschiedliche Ziele. Aber dieses grosse, starke Gefühl schwappt über alle, die da sind. Alle können sich ein Stück abschneiden, mit nach Hause nehmen und in dunklen Stunden davon zehren.  

Mir wurde klar: Meine Ermattung darf nicht zu einem Rückzug aus solchen Räumen führen. Im Gegenteil, sie sollte mich umso mehr dorthin treiben.  

Ich habe also den Besuch bei meiner Freundin mit schlechtem Gewissen verschoben, weil ich am Streik teilnehmen würde. Sie meinte: «Gute Idee, ich komme auch» 

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