Leitner lamentiert: Celebrity Crushes ruinieren meine Beziehungen
Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: Sie ist regelmässig heftigst in diverse Stars verknallt und denkt dann im echten Leben an Trennung. Ist das versteckte Bindungsangst? Oder ist sie schlicht verrückt geworden?
- Von: Linda Leitner
- Collage: annabelle
Harry Styles sieht immer so aus, als bereite es ihm enorme Freude, der Welt den Zugang zu seinen frechen Gedanken zu verwehren. Davon zeugt ein unverschämt verschmitztes Lächeln, über das ich mir – ganz offensichtlich – schon diverse Gedanken gemacht habe.
Bevor ich anlässlich des Auftakts seiner «Together, Together»-Tour in der Amsterdamer Johan Cruijff Arena sass, musste ich mir noch eine stabile Rüge seitens meiner Freundinnen abholen, weil ich es zuzugeben wagte, dass mir Justin Biebers Werk musikalisch mehr liegt. Ich bin also nicht mal Styles-Ultra. Dennoch glotzte ich nach dem Konzert tagelang debil schmachtend Konzert-Reels, in denen er so zauberhaft wie verschmitzt lächelt. Fantastisch in seinem Celine-Look aussieht. Wie der junge Gott Hermes über die Bühne flitzt. Ihm der Rhythmus in die Hüfte schiesst. Dabei seufzte ich viel. Denn das Herz war schwer. Das Leben irgendwie zäh.
Als ich kurz nach der Show herumposaunte, wir sollten eigentlich alle mit unseren Boyfriends, Verlobten und Ehemännern Schluss machen, weil «warum sich mit weniger zufriedengeben – jetzt, wo einem wieder deutlich bewusst wurde, was man wirklich will und braucht», lachte man noch herzlich. Aber dann setzte der Liebeskummer ein. Und es wurde ernst.
Und anstrengend. Plötzlich war ich ausserdem eifersüchtig auf Zoë Kravitz, die mich im Leben vorher nie sonderlich interessiert hatte. Die Verlobung mit Harry Styles, die kurz vor der Tour öffentlich wurde, betrachtete ich als kleinen Downer, aber nichts weiter. Dann sah ich sie demselben Konzert wie ich beiwohnen – in einer Lounge neben Harrys Mutter, mit riesigem Ring am Finger. Ich stand da als Fan zwischen 60'000 anderen Dummen auf den (gar nicht mal so) billigen Plätzen. Ich fand das deprimierend. Und mich zunehmend verrückt.
Fan sein – allein das ärgert mich
Manchmal bekomme ich schon während eines Konzerts schlechte Laune, weil ich mir plötzlich meines erbärmlichen Daseins und meines demütigenden Zustands bewusst werde. Man dealt frenetisch klatschend mit unerwiderter Sehnsucht, die sich zäh wie pechschwarzer Teer um die Organe legt. Bei mir ist es nicht nur wegen meines Hobby-Gerauches die Lunge – nein, ich kann dann oft nicht richtig einatmen vor Schmach. Der Gedanke, dass man den besten Menschen der Welt niemals haben wird, ist ein ergreifender Akt der Selbstgeisselung – zumal ich Harry Styles gar niemals treffen wollen würde. Zu viel Respekt vor so viel Aura. Dabei ist vermutlich das das Allertollste an Harry Styles: Dass ich ihn nicht kenne.
Es ist das Bittersüsse des Surrealen, das mich so intensiv fühlen lässt. Ein Celebrity konkurriert nicht mit realen Menschen, die ja schnell mal nerven, sobald sie den falschen Schuh tragen, einen schlechten Witz machen oder zu laut essen. In die spiegelglatte Oberfläche eines Celebrities kann man sich ganz ohne Fallhöhe richtig heftig reinverlieben. Das ist um einiges einfacher, als an schmerzenden Dornen wie Icks hängen zu bleiben, die zu tolerieren und echte Nähe zuzulassen. Wer trauert da nicht gern verpassten Chancen nach, die man nie hatte?
Im Grunde bin ich vielleicht der emotional unreife Fuckboy, den kein Mensch braucht: Schliesslich tue ich mich in der Regel furchtbar schwer mit echtem Verlieben. So richtig Bock hab ich oft nur dann, wenn der andere nicht will. Die alte Leier. So bescheuert die Sache mit Harry Styles auch sein mag, er hält mir höhnisch den Spiegel vor, in dessen Reflexion ich mich lediglich von Scham und Bindungsangst umhüllt stehen sehe. Oder aber noch schlimmer: gebeutelt von Limerenz. Dabei handelt es sich um einen gefährlichen psychologischen Zustand, wie ich las!
Einen Zustand extremer, oft zwanghafter Verliebtheit nämlich, der in eine emotionale Obsession umschlagen kann. Der Begriff wurde in den 1970er-Jahren von der Psychologin Dorothy Tennov geprägt und basiert im Gegensatz zu echter Liebe oder normaler Verliebtheit auf Kopfkino und ist oft einseitig. Hobby-Therapeut ChatGPT aber gibt Entwarnung: Nein, sagt die Gratisversion der KI zuverlässig, es handle sich bei mir vermutlich nur um eine kurze Episode. Mein Empfinden habe einige der psychologischen Zutaten von Limerenz, aber nicht unbedingt deren Dauer oder Ausmass.
Erleichterung?
Ich war nach Konzerten allerdings auch schon schlimm in den deutschen Rapper Cro verliebt. Tagelang hing ich in den Seilen. Dieser trägt statt Celine, Valentino und J.W. Anderson eine Maske vorm Gesicht – da lässt es sich natürlich optimalst ins Blaue hinein schwärmen. Eines Tages landete ich auf einer After-Show-Party und nachts mit Cro im selben Dönerladen. Mein damaliger Boyfriend klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter, nannte ihn gönnerhaft bei seinem echten Namen «Carlo» und bat ihn, mal mit mir und meinen zwei Freundinnen zu sprechen – wir würden uns ja so freuen darüber. Die Situation war für alle Beteiligten unangenehm. Unser Carlo machte jeder höflich ein Kompliment und ich bewarf meinen Freund im Nachgang aufgrund des Vorwurfs der mutmasslichen Erniedrigung und Degradierung zum Fan mit Kebab. Mein eigener Partner hatte mich schliesslich vor meinem Traummann blamiert.
Unter Umständen drängt sich erneut die Frage auf: Bin ich verrückt? Na ja, was soll ich machen, ich falle seit meinem vierzehnten Lebensjahr auf so ziemlich jede Boyband rein, träumte letztes Jahr nach einem Openair ewig davon, das Tanktop von Sänger Shawn Mendes zu sein und landete erst kürzlich in diversen «Heated Rivalry»-Rabbit-Holes. Ich bin anfällig. Nun ist an echtem, gesundem Verliebtsein nicht unbedingt die orkanartige Obsession das Magische, mit der man sich manisch durch Instagram tippt – sondern diese unbeschwerte Energie, die einen so nonchalant durch den Alltag trägt, dass man es nicht mal merkt.
Das hat Harry Styles trotz seines ultrahotten Covers auf dem Magazin Runner’s World nicht geschafft, obwohl ich es schon hunderte Male betrachtet habe. Aber hey, eine knackige Obsession hat noch niemandem geschadet und passiert den Besten: Pablo Picasso hat ganze 58 Mal das Gemälde «Las Meninas» von Diego Velázquez gemalt, Claude Monet über 250 Mal seine Seerosen und Dante Alighieri soll von seiner Beatrice Portinari – in der «Göttlichen Komödie» sein überirdisches Love Interest – nur ein einziges Mal im Leben gegrüsst worden sein. Ähnlich lief es übrigens auch bei mir und Cro, der den Fake-Fur-Mantel, den ich damals trug, nach eigener Aussage sehr schön fand.
Auch dieses würdelose Aufeinandertreffen wurde nun begleitet von den vier Tagen Harry-Kummer zum Werk. Die besten Geschichten entstehen schliesslich selten aus Zufriedenheit.