Kolumne "Sandwich": "Vermutlich wird es mir nicht einmal im Sarg egal sein, wie ich aussehe"
Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal sinniert Claudia Senn über alternde Körper, von Winkfleisch bis Schlepphoden.
- Von: Claudia Senn
- Bild: Joël Hunn
Ein ehemaliger Kollege klärte mich einmal darüber auf, dass Männer mit zunehmendem Alter «Schlepphoden» bekämen. Wie schön, dass auch maskuline Organe nicht immun sind gegen die Zeit, dachte ich, wo es doch sonst eher wir Frauen sind, die die Arschkarte gezogen haben mit unseren Hängebrüsten, Wallungen und Scheidenpilzen.
Okay, Männer kriegen Glatze. Zudem hat sich die Evolution die Impotenz für sie ausgedacht. Doch ganz objektiv betrachtet: Ist es nicht viel mühsamer, eine alternde Frau zu sein als ein alternder Mann?
Allein schon das ständige Befeuchten! Augen, Nasenschleimhäute, seit neuestem beträufle ich sogar meine Vaginalschleimhaut. Das Alter ist kein «Massaker», wie Philipp Roth einmal geschrieben hat, sondern eine erst mit dem allerletzten Atemzug endende Bewässerungsmassnahme.
Wie bei diesen absurden Golfplätzen in der Wüste: Ein Tag ohne Rasensprenger, und alles verdorrt. Männer scheinen aber nicht zu verdorren. Ich kenne jedenfalls keinen, der sich ohne ein Fläschchen künstliche Tränenflüssigkeit nicht aus dem Haus wagen würde, so wie ich.
«Meine Beine sehen aus wie eine Landkarte», sagte meine Freundin Jasmin, als wir kürzlich zu fünft beisammen sassen, um unseren Zerfall zu erörtern. Meine Beine sehen auch aus wie eine Landkarte. Bei den Knöcheln liegt das Okavango-Delta, an den Knien machen sich diverse Nebenströme des Nils breit. Dazwischen gibt es noch unkartographiertes Gebiet, aber ich bin mir sicher, das wird nicht mehr lange so bleiben.
Der Hals ist bei allen eine Problemzone. Noch schlimmer ist nur das «Winkfleisch». Meine Freundin Sophie kann sich bei den Proben ihres Chors kaum auf die Dirigentin konzentrieren, weil deren Oberarme so lustig im Takt schlackern. Wackelpudding zu Mozarts Requiem – nein, das kann man sich nicht mehr schöntrinken!
"Interessanter Gedanke, so ein Leben ganz ohne das Joch der Eitelkeit"
Irgendwann sei man über alle Eitelkeit hinweg, versprach mir einst Paula Fox. Ich besuchte die amerikanische Schriftstellerin kurz vor ihrem Tod in Brooklyn, da war sie schon neunzig Jahre alt. Sie schien mir tatsächlich sehr uneitel zu sein. Ich fand aber nicht heraus, wie sie das hingekriegt hatte.
Ihr Mann Marty, 95, äusserte sich lobend über die spektakulären Beine, die sie mal gehabt hatte, doch Paula Fox wedelte das Kompliment einfach weg wie eine lästige Kopfschuppe.
Interessanter Gedanke, so ein Leben ganz ohne das Joch der Eitelkeit. Ist aber vermutlich unerreichbar – zumindest für mich. Zwar würde ich nicht ganz so weit gehen wie das 88-jährige Ex-Model Ina Balke, eine andere meiner vielen Interviewpartnerinnen, die stets mit frisch aufgelegtem Make-up ins Bett geht, damit sie im Falle ihres nächtlichen Ablebens dem Bestatter am nächsten Morgen eine präsentable Leiche bieten kann.
Aber vermutlich wird es mir nicht einmal im Sarg egal sein, wie ich aussehe. Zieht mir auf keinen Fall etwas Beiges an. Einen Trost gibt es immerhin: Ich bekomme ganz sicher keine Schlepphoden.